Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Juli 2003
Andere Planeten – andere Sitten
von Silvia Both


Der Erste Botschafter der Erdregierung, Exellenz Michael Rooter und seine persönliche Assistentin Jenna Kurawa schritten über einen üppig mit hellgrünen Ornamenten verzierten orangefarbenen Teppich. Am anderen Ende erwartete sie ein silbrig glänzender Thron, auf dem der König der Salusianer saß und sie erwartete. Links und rechts davon standen die Mitglieder des Ersten Rates, würdige ältere Herren und Damen in prachtvollen Roben. Die Farbe Orange dominierte. Neugierig schaute sich Jenna um. Die Fremden wirkten erstaunlich menschlich, einmal abgesehen von ihren ausgeprägten Kopfformen mit den sehr hohen Stirnen. Ihr König winkte ihnen huldvoll mit einer Hand. Jennas automatischer Übersetzer sprang mit einem Knacken an. „Ich, König Strania IV., grüße die Erdwesen und heiße sie willkommen.“ Michael antwortete ebenso feierlich: „Wir, die Abgesandten des Planeten Erde, grüßen Eure Hoheit, Strania IV. und seine ehrwürdigen Ratsmitglieder.“ Das Gerät übertrug seine Ansprache in einen melodischen Singsang, der von den Anwesenden zweifellos verstanden wurde, denn sie verneigten sich.
Jetzt näherte sich ihnen ein grüngekleideter Diener mit einem Tablett und reichte ihnen goldschimmernde Pokale mit einer smaragdgrünen Flüssigkeit. Der Vierte Strania schritt langsam die Thronstufen herab und ergriff einen dritten Pokal. Es folgte ein feierlicher Trinkspruch auf die künftige gute Zusammenarbeit. Michael antwortete ähnlich, dann tranken sie. Das Getränk schmeckte gut und erinnerte Jenna entfernt an Kiwiwein. Womit sie nicht gerechnet hatte, war das überwältigende Glücksgefühl, das sie nun erfüllte. Ihre Beine knickten ein, doch nichts war mehr wichtig. Sie wurde von einigen Ratsmitgliedern vorsichtig aufgefangen und auf eine Trage gelegt. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass es ihrem Chef ähnlich erging. Es machte ihr nichts aus. Die fremde Welt entglitt ihr, versank in einem orangefarbenen Nebel, während sie aus dem Thronsaal getragen wurde.
Sie erwachte von einer kühlen Hand auf ihrer Stirn. Michael schaute sie besorgt an. „Geht´s dir gut?“ fragte er. Erschrocken fuhr sie auf. Sie lag auf einer schmalen Holzpritsche, die mit nicht sehr frischem Stroh bedeckt war. Von irgendwoher weit über ihr drang ein schwacher Lichtschein in das Halbdunkel. „Wo sind wir?“ Michael stand auf und zuckte unwillig mit den Schultern. „In einer Art Kerker, vermute ich. Ich weiß es nicht. Ich bin gerade erst aufgewacht. Hast du auch Kopfschmerzen?“ Jenna nickte. „Wieso haben sie uns gefangengenommen?“ Statt einer Antwort schlug ihr Chef gegen die massive Holztür.
Als hätte man nur darauf gewartet, öffnete sie sich und zwei kräftige Wachen traten ein. „Mitkommen“, brummte es aus dem Übersetzer, den man ihnen gelassen hatte. Die beiden Menschen sahen sich an. „Bringen wir´s hinter uns“, murmelte Michael.
Man brachte die beiden Gefangenen in eine riesige offene Arena, die von einem grellen künstlichen Licht erfüllt war. Tausende von Salusianern in ihren exotischen orange-grünen Trachten füllten die Ränge. „Wie in Rom, im Kollosseum!“ zischte Michael. Tausendfach verstärkt hallten seine Worte mit der prompten Übersetzung durch das Oval. Applaus brandete auf. Festliche Musik erklang. Jetzt näherte sich ihnen ein Salusianer in einer goldfädenverzierten Robe. Er verneigte sich erst vor ihnen, dann vor den vielen Zuschauern. Schlagartig wurde es still.
„Herzlich willkommen, liebe Erdwesen, herzlich willkommen, liebes Publikum, zu einer neuen Ausgabe unserer Diplomaten-Schau! Mein Name ist Frigo III.“ Applaus, der schnell wieder erstarb. Jenna und Michael schauten sich verblüfft an.
„Zuvor einige Worte der Erklärung an Sie, liebe Erdwesen, und an unsere neuen Zuschauer, die sich jetzt zugeschaltet haben und die die Spielregeln vielleicht noch nicht kennen.“ Zugeschaltet? Mit einer großen Geste zeigte Frigo auf sie. „Sie beide haben sich bei König Strania IV. und seinem Ersten Rat um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen beworben. Daraufhin wurde das übliche Aufnahmeverfahren eingeleitet.“ „Wir wurden betäubt und gefangengesetzt“, warf Michael empört ein, „ich ...“ „So ist es!“ unterbrach ihn Frigo ungerührt, „das ist das bei uns übliche Verfahren. Wir werden Sie nun hier in einer Live-Übertragung einer Prüfung unterziehen. Am Ende wird der gesamte Planet Salus über ihren Aufnahmeantrag entscheiden.“
Jenna schluckte. Verstohlen schaute sie sich nach Kameras um. Nichts. Anscheinend hatten sie Salus in technischer Hinsicht unterschätzt. „ ... abwechselnd antworten. Zweimal vier Fragen werden gestellt. Ist die Antwort richtig, kommen Sie weiter. Ist sie falsch, wird bei Ihrem Partner etwas entfernt.“ „Entfernt?“ entfuhr es Jenna. „Ja“, nickte Frigo kalt, „wir beginnen bei der Bekleidung, dann folgen die Haare, darauf die Füße und Hände und schließlich der Kopf.“ Stille. Sie war zu schockiert um etwas zu sagen.
Michaels heisere Stimme: „Und wenn wir uns weigern und nach Hause zurückkehren möchten?“ „Abgelehnt!“ krähte Frigo. „Bei einer Weigerung wird der Antragsteller sofort geköpft.“ Die Menge applaudierte. Das übliche Verfahren, hatte er gesagt ... „Hat es denn schon jemand geschafft?“ flüsterte Jenna mühsam. „Darauf darf ich Ihnen nicht antworten“, freute sich Frigo, „um Sie nicht zu beeinflussen. Können wir jetzt beginnen?“
„Moment!“ Michael streifte den Übersetzer ab und näherte sich seiner Assistentin. „Ich muss mich erst mit ihr beraten.“ Frigo nickte, das Publikum murrte. Jenna gab ihren Übersetzer ab und entfernte sich mit Michael ein paar Schritte. Ganz Salus schaute ihnen zu. Wenigstens konnten sie sie nicht hören. Oder? Jenna traute ihnen nicht mehr.
„Und jetzt?“ „Was bleibt uns anderes übrig? Wenn wir nicht mitspielen, werden wir sofort hingerichtet. So haben wir eine winzige Chance.“ Michaels Stimme klang unendlich müde und resigniert. Jenna fasste nach seinen Händen. „Michael, du warst ein guter Chef. Danke für alles.“ „Ich habe zu danken, Jenna. Und wenn es schief geht ... Ich meine, weder dich noch mich trifft eine Schuld. Tun wir´s einfach.“ Jenna nickte. Sie nahm sich vor in Würde zu sterben. Oder vielleicht doch dieser Hölle zu entkommen?
Frigo näherte sich wieder. „Sind Sie soweit? Gut, dann beginnen wir mit der ersten Frage, gestellt an die Dame: Wieviele Talsperren gibt es auf Salus, fünf, zehn oder fünfzehn?“
Jenna überlegte, was sie über Salus gelesen hatte. Wenig. Es gab kaum Informationen über diesen weit entfernten Planeten. Sie musste raten. „Zehn.“
„Falsch. Fünfzehn.“
Die beiden Wächter näherten sich Michael, forderten seine Kleidung. Mit verkniffenem Gesicht zog er sich aus bis er nackt im Sand stand. Gemurmel im Publikum. Jennas Gesicht glühte.
„Jetzt sind Sie dran, Michael. Wie hoch ist der höchste Berg von Salus, 4500 m, 5000 m oder 5500 m?“ Niemand von der Erde konnte das wissen. Er riet: „5500 m?“
„Falsch, es sind genau 5000 m.“
Jetzt war Jenna an der Reihe sich auszuziehen. Was kam danach? Ach ja, die Haare.
„Welches von den dreien ist ein Lufttier?“
„Ein Lufttier?“
„Es kann fliegen.“
„Ach so, ja, war dumm von mir.“ Jenna fuhr sich nervös über ihre langen blonden Haare. Sie versuchte, ihre Brüste damit zu bedecken. „Welche Tiere?“
„Asuot, Benga, Chirido.“
Jenna nahm ihre Umgebung so intensiv wie noch nie wahr. Die Salusianer in der Ferne, die sie anstarrten. Frigo, der stoisch wartete. Michael. Sein weißer Haarschopf im Kunstlicht.
„Wie hießen die Tiere noch mal?“ Zeit gewinnen.
„Asuot, Benga, Chirido.“
Ach, was soll`s! „Benga.“
„Falsch. Asuot ist ein Lufttier. Schauen Sie!“ Frigo deutete nach oben. Über der Arena kreisten Tiere, die wie Geier aussahen, nur hatten sie hier vier Flügel.
Ein hässliches Geräusch ertönte. Michaels Kopf wurde geschoren. Gleich bin ich dran, dachte Jenna.
„Nun, Michael, welchen Beruf erlernte Strania I. bevor er zum König gewählt wurde? War er ein Bauer, ein Bäcker oder ein Besenbinder?“
Michael zuckte mit den nackten Schultern. „Besenbinder?“
„Richtig!“
Das Publikum klatschte. Jenna konnte ihr Glück nicht fassen. Sie durfte ihre Haare behalten! Doch ihr Lächeln erstarb, als sie den Richtblock erblickte und den maskierten Mann mit dem Schwert, der sich daneben aufgebaut hatte.
„Jenna, wie lang ist ein salusianisches Jahr, 467 Ihrer Erdentage, 588 oder 601?
Jenna blickte zu Michael hinüber, der im Sand hockte. Er hatte seine Hände gefaltet. Sein spiegelglatt geschorener Kopf glänzte. Sie atmete tief ein und aus.
„Frigo, bitte wiederholen Sie die Zahlen noch einmal!“
Jenna konzentrierte sich auf die Stimme.
„467, 588 oder 601.“
Hatte sie sich getäuscht oder schwankte seine Stimme bei der mittleren Zahl?
„Noch einmal!“ verlangte sie. Das Publikum hielt den Atem an.
„467, 588, 601.“
„Meine Antwort ist 588.“
„Die Antwort ist ... f ... richtig!“
Jenna hätte ihn ohrfeigen können. Michael zitterte.
„Michael, wieviele Jahreszeiten gibt es auf Salus? 4, 5 oder 7?“
Jenna hörte deutlich, wie Frigos Stimme bei der letzten salusianischen Zahl vibrierte, bevor sie von dem Apparat übersetzt wurde. Hörte Michael es auch?
Nein, denn er sagte: „5.“
„Falsch.“ Michael stöhnte.
Der Rasierapparat brummte dröhnend über ihren Kopf. Das Publikum kommentierte die Antwort. Jenna nahm nichts davon wahr. Wenn ihre Wahrnehmung sie nicht täuschte, hielt sie den Schlüssel zu ihrer Rettung in ihrer Hand. Wie hieß die nächste Frage?
„Jenna, Sie haben einmal richtig geantwortet. Schaffen Sie auch die folgende Frage, dürfen Michaels Schultern weiterhin seinen Kopf tragen.“ Lautes Gelächter von den Rängen. Jenna hasste sie.
„Wieviel Monde besitzt Salus, zwei oder drei?“
Nur zwei Möglichkeiten diesmal. 50 Prozent, dass es stimmte.
„Bitte wiederholen Sie die Frage!“
„Gibt es zwei oder drei Monde, die um Salus kreisen?“
Jenna war sich jetzt sicher. Sie schaute nach oben. Am Himmel standen zwei Monde. Aber das Oval zeigte nur einen kleinen Ausschnitt.
„Drei!“
Frigo schwieg, aber das Publikum klatschte.
Michael starrte sie verblüfft an. Sie blickte ihm fest in die Augen und blinzelte ihm zu.
„Michael, die letzte Frage. Es geht um Jennas Hände und Füße. Gewinnen Sie, behält sie ihre Glieder, verlieren sie ... Wie fühlen Sie sich, Michael?“
Michael schnaubte verächtlich. Aber er ließ Jenna nicht aus den Augen, die ihn weiterhin beschwörend anstarrte.
„Wie heißt der Beiname unseres verehrten Königs Strania IV.? Ist es Der Erlauchte, Der Heilige oder Der Verehrte?“
Beim letzten Titel hatte Frigos Stimme nachgegeben, fühlte Jenna. Sie blinzelte Michael dreimal zu.
Totenstille in der Arena. Michael zögerte die Antwort hinaus. Er schaute sie an, als würde er sie zum erstenmal wirklich sehen.
„Der Verehrte ist die richtige Antwort.“
Begeistertes rhythmisches Klatschen. Jenna und Michael umarmten sich. Ein ekstatischer Augenblick.
Frigo räusperte sich.
„Ähem, meinen Glückwunsch, Sie haben die Prüfung bestanden. Es folgt jetzt die Abstimmung der gesamten Bevölkerung des Planeten Salus, ob mit Ihrem Planeten Erde diplomatische Beziehungen aufgenommen werden sollen. Sie haben Ihren Planeten Erde würdig vertreten und ich verneige mich vor Ihnen.“
Ein Mann ganz in Grün gekleidet näherte sich ihnen mit einem Dokument.
Frigo übersetzte es: „Die Abstimmung ergab: Die Bevölkerung unseres Planeten Salus hat zu 85 Prozent um die Aufnahme des Kontaktes zum Planeten Erde gebeten. König Strania IV., der Verehrte, ersucht Sie als Vertreter der Erdenregierung diese Bitte weiterzugeben. Leben Sie wohl.“
Man brachte leuchtend orangene Gewänder. Dankbar verhüllten sich die beiden Menschen. Unter dem Applaus der Menge verließen sie die Arena.
„Sagen Sie, Frigo“, wandte sich Jenna an den Showmaster, „hat es vor uns schon jemand geschafft?“
Frigo öffnete seinen steifen Goldkragen: „Ich habe sieben Diplomaten-Schauen geleitet. Sie sind die ersten, die es geschafft haben. Meinen Glückwunsch.“


© Silvia Both

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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