Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Juli 2003
Heimkehr nach Kalipay
von Ines Haberkorn


Ein paar Steinchen in Grün und Blau, die meisten nicht größer als die Kuppe seines kleinen Fingers, das war die Ausbeute eines ganzen Tages. Und sie fiel noch magerer aus als jene der Vortage. Sicher, die Händler würden die Steine kaufen. Sie kauften jeden Stein. Doch wie viele Punkte bekam er für dieses armselige Häufchen? Für die wertlosen Grünen nicht einmal einen ganzen. Für die Blauen zwei oder drei. Mit reichlich Glück vielleicht auch vier. Auf alle Fälle zu wenige, viel zu wenige, um endlich den Preis für die Heimkehr nach Kalipay, dem glücklichen Land, zahlen zu können.
Niedergeschlagen ließ Gashia die Steine zurück in den Beutel kullern. Langsam begann er daran zu zweifeln, es überhaupt jemals zu schaffen. Zu lange schuftete er schon für dieses Ziel. Wie alle männlichen Kinder, war er nach Ablauf von zwölf Zyklen aus Kalipay verbannt worden und hackte nun seit 27 Zyklen Löcher in den krustigen Boden von Uktar, dem toten Land, buhlte die begehrten Steine aus dem Dreck und sammelte damit Punkte. Doch erst wenn die Zahl der Punkte für die Summe Münzen reichte, mit der man sich am Tor von Kalipay den Eintritt erkaufen konnte, durfte er sie einlösen und heimkehren.
Während er den Beutel mit den Steinen unter seinem Umhang verbarg, schielte er zu Yoshan, der auf einem Erdhügel hockte und über die dunkle Weite starrte. Yoshan war erst seit kurzem sein Gefährte. Er war noch jung, genau vierzehn Zyklen jünger als er und stark. Wenn seine kräftigen Arme die Hacke schwangen, dann fuhr sie tief in den Boden, riss gewaltige Wunden in die Kruste und beförderte Unmengen an Dreck und Steinen mit nach oben. Yoshans Ausbeute betrug sicher das Doppelte der seinen.
Plötzlich, als spürte er, dass Gashiah an ihn dachte, sprang Yoshan von seinem Podest und eilte mit ausholenden Schritten auf ihn zu.
“Wir sollten es wagen!”, rief er. “Wir sollten es endlich wagen. Die Zeit ist günstig.”
“Nein, für ein solches Risiko ist die Zeit niemals günstig”, entgegnete Gashiah schroff und wandte sich ab. Nur zu genau wusste er, was Yoshan meinte, sprach er doch kaum mehr von etwas anderem, als der großen Ernte. Wenn Mkawa Olitog bedeckte, wenn die Kräfte der beiden Monde sich vereinten, dann saugten sie die Wasser der unterirdischen Flüsse in Kavernen, Flussbetten lagen frei und in ihnen Steine, zahlreiche Steine, grün und blau und türkis.
“Es ist kein größeres Risiko, als das Leben in Uktar. Hitze und Kälte, Hunger und Durst, Ungeziefer, Krankheiten, die Konkurrenten. Wie viele Zyklen wirst du das noch durchstehen, Gashiah?” Yoshan packte Gashiah bei den Schultern. “Oder ist dir das inzwischen egal? Willst du nicht mehr heim nach Kalipay?”
“Nicht mehr heim nach Kalipay?” Gashiah lachte laut und bitter auf. “Oh, Yoshan, du kennst mich noch nicht lange genug, sonst wüsstest du wie groß meine Sehnsucht ist. Es vergeht fast keine Nacht mehr, in der ich nicht von Kalipay träume. Ich sehe die große Quelle in der Mitte des Landes und wie ihr Wasser im Licht von Shalamaat, dem Tagesstern, funkelt und glitzert. Ich höre den Wind in den Wipfeln der Kongabäume rauschen und spüre den kühlenden Schatten ihrer blutroten Blätter. Und ich rieche den blühenden Aeyang. Erinnerst du dich noch an diesen Duft, Yoshan? An diese betörende, berauschende Süße?”
“Ja, und vielleicht finden wir in dieser einen Nacht so viel, dass es reicht, den Preis für die Heimkehr zu zahlen. Lass es uns wagen. Mkawa und Olitog stehen günstig.”
“So günstig wie für deinen früheren Gefährten?”, fragte Gashiah und blickte Yoshan in die Augen. Sie schimmerten türkis wie die wertvollsten Steine, für die es die meisten Punkte gab.
“Das Wasser kam zurück, früher als erwartet. Dabah wurde panisch und die Panik machte ihn blind, sodass er die Orientierung im Wasser verlor und ertrank. Ich konnte ihm nicht helfen.”
“Und trotzdem willst du es erneut wagen? Was, wenn uns Gleiches passiert?”
“Keine Angst, Gashiah. Diesmal bin ich der Führer, und ich sorge vor.”

*

Der Stollen war nicht einmal hoch genug um aufrecht zu gehen. Halb gebückt und immer dem Seil folgend, das Yoshan gespannt hatte, tastete sich Gashiah durch die Dunkelheit. Unter seinen Füßen platschten die Reste des Wasser, das er in der Ferne gurgeln hörte. Es war kalt, so eiskalt, dass ihm fast die Füße abstarben. Und der Weg schien nicht enden zu wollen. Vom Einstieg durch den Spalt im Boden, über die Höhle und die glitschige Grotte bis hierher liefen sie jetzt mindestens so lange wie man brauchte um ein Igama zu häuten und zu rösten, und das dauerte für seine Begriffe immer viel zu lange.
“Wir sind am Ziel”, hörte er plötzlich Yoshans Stimme. Sie hallte lauter als gewöhnlich und der Klang fuhr ihm durch Mark und Bein. Hastig tastete er sich vorwärts, eine Hand am Seil, die andere an der Tunnelwand. Irgendwann griff er dabei ins Leere, hob den Kopf und stellte überrascht fest, dass die Dunkelheit nicht mehr ganz so erdrückend war. Vorsichtig richtete er sich auf. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er trotz der Kälte schwitzte.
Hastig zog er einen Leuchtstab unter seinem Umhang vor und entzündete ihn. Ein paar Schritte vor sich sah er Yoshan das Seil um einen Felszacken winden, weiter hinten dessen Schatten, der in gespenstischer Lautlosigkeit über die nassen Höhlenwände strich, begleitet vom fernen Gurgeln des Wassers. Und dann sah er, was er zu sehen gehofft hatte: Steine! Überall auf dem Boden funkelte es grün und blau und vor allem türkis. Er brauchte sich nur bücken und sammeln und sammeln und sammeln ...
“Es ist genug. Wir müssen zurück.” Wie aus einem Rausch erwacht, blickte Gashiah vom Boden auf und direkt in Yoshans Gesicht. “Beeile dich. Pack deine Ausbeute und komm.”
“Es ... es wird noch nicht reichen.”
“Und wenn schon. Es bringt uns unserem Ziel viele Schritte näher. Komm!”
Diesen einen noch, dachte Gashiah und griff nach dem Türkisfarbenen. Gleich daneben lag ein zweiter, dick wie sein großer Zeh. Die beiden Blauen konnte er unmöglich liegen lassen. Ein Schwall kalten Wassers umspülte seine Füße. Ein zweiter schwemmte den Leuchtstab davon. Gleichzeitig hörte er Yoshan seinen Namen rufen und sprang auf, das Säckchen mit den Steinen an sich pressend. Um ihn herum gurgelte es von Sekunde zu Sekunde bedrohlicher.
“Yoshan, wo bist du?” Gashiah merkte wie Panik in ihm aufstieg.
“Hier! Hier bin ich!”, schrie Yoshan. “Komm hierher! Ich bin am Seil!”
Das Seil. Wo war das Seil? Gashiah drehte sich nach links, zurück nach rechts, halb um seine Achse. Das Wasser brodelte inzwischen um seine Knie, eiskalt und gierig.
“Yoshan!”
“Hier, meine Hand.” Etwas Warmes krallte sich um seinen Arm und zog ihn mit: Yoshans Hand. “Keine Angst, Gashiah, wir schaffen das.” Mühsam watete er vorwärts, bis zu den Hüften im Wasser. Endlich, das Seil. Wie von selbst schlossen sich seine Finger darum.
“Wir müssen tauchen. Der Stollen steht bereits unter Wasser.” Das Tosen der zurückkehrenden Fluten übertönte beinahe Yoshans Stimme. “Befestige die Ausbeute unter deinem Umhang.”
Unter dem Umhang? Das Wasser reichte ihm bis über die Brust. Mit vor Kälte steifen Fingern knüpfte sich Gashiah die Schnüre um den Hals. “Ich bin soweit.”
“Tanke soviel Luft wie du kannst, und dann hangelst du dich am Seil entlang durch den Tunnel”, brüllte Yoshan. “Wenn du durch bist, brauchst du dich nur vom Boden abstoßen. Dann kommst du an der Oberfläche an. Ich folge dir.”
“Gut”, schrie Gashiah zurück, pumpte seine Lungen voll Luft und tauchte ab. Die eisige Kälte raubte ihm fast die Sinne. Nein, es war nicht gut. Nichts war gut. Er hatte Angst, panische Angst. Wie lang war dieser Stollen? Was, wenn die Luft nicht reichte? Wenn er atmen musste, bevor er draußen ankam? Etwas berührte seine Füße. Was war das? Yoshan! Der Gefährte war dicht hinter ihm. Stück um Stück hangelte er sich am Seil vorwärts. Doch der Tunnel schien kein Ende zu nehmen. Plötzlich merkte er wie sein Atemreflex anfing sich der Kontrolle zu widersetzen.
Schneller. Er musste schneller werden. Hektisch zerrte er sich am Seil vorwärts. Das Bedürfnis nach Sauerstoff wurde immer drängender. Ohne es zu wollen, entwich aus seinem Mund ein Schwall verbrauchter Atemluft, und er konnte der Versuchung einzuatmen kaum noch widerstehen. Yoshan, ich will nicht enden wie Dabah! Ich will zurück nach Kalipay!
Plötzlich hielt ihn etwas fest, zerrte an seinem Hals. Vor Schreck riss er den Mund auf. Die restliche Luft entwich, und er atmete Wasser. Er wollte husten, ausspucken. Es ging nicht. Luft! Luft! Verzweifelt rüttelte er am Seil. Seine Augen traten vor, quollen fast aus den Höhlen. Eine Berührung. Weg! Fort! Panisch fuchtelte er um sich. Luft! Kalipay! - Saftige Wiesen, so grün wie die Steine, für die die Händler nichts zahlten. Er rannte barfuß über den weichen Teppich, ließ sich fallen und versank im Grün ...
Der Schmerz zerschnitt ihm die Brust. Er hustete, keuchte, hustete weiter. Wasser floss aus seinem Mund, Wasser und Schleim, und er würgte, erbrach sich und rang hustend nach Atem. Endlich, der Schmerz ließ nach und Gashiah blickte vorsichtig umher. Er lag auf hartem, glitschigen Felsboden, nicht weit von ihm Yoshan, vor Nässe triefend, röchelnd und völlig erschöpft. Ihm fiel das Wasser ein, der Tunnel, die Steine. Wo war das Säckchen? Wie elektrisiert stemmte er sich hoch, tastete über seine Brust, den Hals, den Boden um sich her. Nichts.
“Yoshan, die Steine! Wo sind meine Steine?”
“Musste ich opfern. Der Beutel hatte sich verheddert.” Yoshan hustete. “Dein Leben war wichtiger.”
Einen Moment lang erstarrte Gashiah, dann nickte er. Richtig, sein Leben war wichtiger, selbst, wenn es nur dem Zweck diente, den Boden aufzuhacken und Steine zu sammeln. Er stemmte sich auf die Füße und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Seine Knie zitterten, und der Rest seines Körpers ebenso. Er fror erbärmlich. Doch das war nicht wichtig. Er lebte, und Yoshan lebte. Und wenn Shalamaat sich über den Horizont erhob, würden sie ihre Hacken schultern und an die Arbeit gehen. Und Shalamaat und die Arbeit würden sie wärmen.

*

Gashiah fasste es noch immer nicht, obwohl er das weit geöffnete Tor vor sich sah. Yoshan hatte seine Ausbeute retten können und sie mit ihm geteilt. Viele Punkte hatten die türkisfarbenen Steine aus dem unterirdischen Fluss gebracht, für ihn genügend Punkte um den Preis für die Heimkehr nach Kalipay zu zahlen.
“Ich wünschte, ich könnte mein Glück mit dir teilen wie du deine Ausbeute mit mir geteilt hast”, sagte Gashiah, während er Yoshan umarmte. “Wenn du wenigstens die Heimkehr mit mir feiern dürftest.”
“In Gedanken werde ich mit dir feiern, Gashiah. Alle zehn Tage werde ich bei dir sein.” Yoshan schob Gashiah von sich weg. “Und nun geh. Die Tore stehen offen. Kalipay erwartet dich.”
Und wie Kalipay ihn erwartete. Der Aeyang duftete noch betörender als in seiner Erinnerung, so süß, dass er nicht satt wurde den Duft zu atmen. Dazu säuselte ein laues Lüftchen, umschmeichelte seine Wangen und spielte ihm auf den Blättern der Kongabäume ein Begrüßungslied. Andächtig schritt er über die saftigen Wiesen. Weiches, feuchtes Gras kühlte seine von Staub Uktars geschundenen Füße. Und in der Ferne glitzerte das Wasser der großen Quelle. Er war daheim, zu Hause in Kalipay, dem glückliches Land.
Wie es die Tradition verlangte, badete er am ersten Tag in der großen Quelle und kleidete sich in neue Gewänder. Am zweiten Tag bezog er ein kleines, hübsches Haus mit einem Garten, in dem der Aeyang blühte. Die Gebieter über Kalipay schickten ihm eine junge, schöne Frau, die ihm am dritten Tag ein Festmahl bereitete. Und Gashiah aß und trank und freute sich, sieben Tage lang. Am zehnten Tag schließlich zeugte er mit der Frau einen Sohn. Und er wusste, der Sohn würde nach Ablauf von zwölf Zyklen aus Kalipay verbannt werden und sich in Uktar für die Heimkehr plagen. Doch das war in Ordnung, denn das war schon immer so.
Als Shalamaat am Abend des zehnten Tages hinter dem Horizont versank, reichte die Frau Gashiah einen silbernen Kelch, der ringsum mit Steinen besetzt war, wie er sie in fast 30 Zyklen gesammelt hatte. Der Kelch lag schwer in Gashiahs Händen und als er ihn anhob, zitterten seine Arme, sodass der Trunk darin hin und her schwappte. Und er bemerkte, dass der Trunk so grün schimmerte wie die wertlosesten Steine. Da begriff er, dass die Zeit des Feierns abgelaufen war, schloss die Augen und trank.
Danach wurde er müde und legte sich auf sein Bett und begann zu träumen. Er träumte von der staubigen Weite Uktars, davon, wie er die Hacke schwang, die harte Kruste des Bodens aufriss und Steine sammelte, grün und blau und türkis. Und seine Hände waren voll, und er lachte. Und er fühlte die wohlige Müdigkeit nach einem harten Tag, die anheimelnde Wärme des kärglichen Feuers am Abend, und der Duft eines gerösteten Igama kroch ihm in die Nase, so verlockend, dass sein Speichel in Strömen floss.
Auch von dem unterirdischen Fluss träumte er, und wie er inmitten des tosenden Wassers stand und Yoshan die rettende Hand nach ihm streckte. Doch Gashiah schüttelte nur lächelnd den Kopf. Lass gut sein, Yoshan, Gefährte und Freund. Du musst dich nicht mehr um mein Leben sorgen. Ich habe mich 27 Zyklen geplagt um zehn Tage zu feiern. Jetzt will ich ruhen, denn ich bin heimgekehrt.
Und die Wasser brodelten über seinem Kopf zusammen und alles wurde still.

*

Und als der zehnte Tag vorüber war, erhob sich Yoshan vor den Toren von Kalipay. Er zurrte seinen Gürtel fest und schulterte die Hacke. Gashiah war heimgekehrt. Doch auf ihn wartete Uktar und viele Zyklen Arbeit, um endlich den Preis für die Heimkehr nach Kalipay, dem glücklichen Land, zahlen zu können.


 Ines Haberkorn, Juli 2003








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