Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Juli 2003
Luftprinz
von Renate Hupfeld


„Komm, eine Abfahrt machen wir noch.“
Das lässt sich Nikolas nicht zweimal sagen. Liftkarte in den Schlitz, durch die Sperre zwängen, laufen. Skier in die Halterung stecken und einsteigen. Mit einem leichten Ruck setzt sich die Gondel in Bewegung, zu ihrer letzten Fahrt.
Nikolas zappelt auf seinem Sitz und hämmert mit den Skischuhen gegen die Blechwände. Er kann es kaum erwarten, bis er durch den pulvrigen Schnee den Berg hinunter flitzen kann. Das blaue Leuchten in seinen Augen lässt auch nicht nach, als einige hundert Meter vor dem Ausstieg die Sicht schlechter wird. Die Felsungetüme sind nur noch undeutlich zu erkennen. Phillis beobachtet besorgt die Nebelbildung. Ob es richtig war, mit ihrem kleinen Draufgänger noch einmal hochzufahren?
„Nikki, du musst nachher bei der Abfahrt immer ganz nah bei mir bleiben. Du weißt doch, hier gibt es Gletscherspalten.“
„Maaammmaaa ... ich kenne doch die Piste.“

Merkwürdig still ist es. Wie lange ist das Seil schon nicht mehr mit lautem Rattern über die Räder an einem Liftpfosten gelaufen? Sie schweben wie auf einer Wolke. Sind sie im falschen Lift? Aber hier gibt es doch nur die Gondeln der Panoramabahn.

Quirlige Wesen mit Masken aus Eis fliegen mit unsichtbaren Flügeln. Sie tragen die Wolkenloge durch die Luft. Nikolas sitzt jetzt ganz ruhig neben seiner Mutter. Vor ihnen erstreckt sich ein endlos weites Schneeland. Eisige Nebelschwaden ziehen durch ihre Gesichter.
„Da ist ein Haus!“ Nikolas will aufspringen, aber er sinkt sofort ein wie in Watte. Am Horizont sind Umrisse zu erkennen. Beim Näherkommen erkennen sie einen riesigen Eiskegel. Sie schweben auf ihn zu und werden vor einem gewaltigen Eingangsportal abgesetzt.

Ein schwarzer Schleier streift ihr Gesicht. Wie ein Schlag trifft sie die Dunkelheit und schnürt sie ein wie eine schwarze Haut. Pillis will sich umdrehen. Wohin? Nie war ein Schwarz so schwarz. Sie will schreien. Nie war eine Stille so still.
Steht sie noch auf ihren Beinen? Sie horcht. Nur das leise Scharren ihrer Füße ist zu hören. Der Boden ist glatt. Kälte kriecht an ihr hoch. Langsam richtet sie den gekrümmten Oberkörper auf. Beim Kopfdrehen spürt sie einen leichten Luftzug. Schwankt sie?
Ha! Was berührt sie da? Ein Hauch. Sie will sich wehren. Aber wie? Etwas Leichtes liegt auf ihrer linken Schulter. Sie tastet danach. Nie war eine Hand so warm. Sie hält sie fest umklammert.
„Ich ... Ich ... Ich will zurück.“
„Es gibt kein Zurück. Du bist im Haus des großen Gangano.“ Eine warme Frauenstimme an ihrem Ohr.
Mühsam setzt Phillis den rechten Fuß vor. Schritt für Schritt bewegt sie sich tastend in der Finsternis.
„Wo ist mein Kind?“
„Nikolas ist bei den Söhnen des großen Gangano. Er ist jetzt ein kleiner Luftprinz wie sie.“
„Gangano?“
„Gangano ist der große Prinz der Lüfte und Herr über den Eispalast.“
„Wie sind wir hierher gekommen?“
„Nikolas hat das Zeichen in den Augen. Alle Jungen mit dem Zeichen kommen in das Land des großen Gangano.“

Weit entfernt ist bläuliches Licht zu sehen. In dem leichten Schimmer von Helligkeit schaut Phillis nach links und sieht in ein lächelndes Gesicht. Nie war ein Lächeln so tröstlich.
„Ich bin Lilian.“
Langsam nähern sie sich der hellen Fläche.
„Da sind Ganganos Söhne.“
Phillis schaut in einen Raum, der von unten her schwach beleuchtet ist. Es mögen wohl mehr als zwanzig kleine Jungen sein, die da bewegungslos sitzen. Dunstschwaden verbreiten einen süßlichen Geruch. Die Kinder sind auffallend blass. Alle haben leuchtend blaue Augen.
„Nikki“, ruft Phillis, als sie ihn erblickt.
„Mama, ich fliege.“
Tränen lassen das Gesicht ihres kleinen Wildfangs verschwimmen.
„Lass ihn, er gehört jetzt zu ihnen.“
Lilian zieht sie wieder in die Dunkelheit.
„Wir gehen in den Frauentrakt. Da sind alle Mütter der Jungen. Sie feiern und bewundern den großen Gangano. Das ist ihre einzige Aufgabe.“
Lilian bringt Phillis in einen Raum mit schwachen Lichtquellen im Boden. Ein eisblaues Gewand schwebt ihr entgegen.
„Zieh es an. Wir bereiten uns auf die große Inszenierung vor. Ich hole Dich ab.“
„Halt, eins noch.“ Phillis hält Lilian am Arm.
„Wie komme ich wieder in meine Welt?“
„Über die Nebelbrücke. Aber vorher musst du den Ring der Finsternis überwinden. Alle, die es bisher versucht haben, sind gescheitert. Sie sind im Kreis gelaufen und wurden von den quirligen Wesen eingefangen.“
Lilian verschwindet in der Dunkelheit.

Unzählig viele Treppenstufen führen zu einer Bühne. Auf der untersten liegen die Jungen und schlafen. Frauen mit blauen Gewändern haben sich vor der Treppe versammelt und blicken unentwegt nach oben. Phillis steht neben Lilian. Als einzige schaut sie nicht nach oben. Ihr Blick ist auf Nikolas gerichtet, der schlafend zwischen den anderen Jungen liegt.

Der Eispalast bebt, als der Vorhang geöffnet wird. Quirlige Wesen mit Masken aus Eis fliegen mit unsichtbaren Flügeln. Dann erfüllt eine dröhnende Stimme den Raum.
„Jetzt kommt der große Gangano.“
Eine riesige Figur mit weißem Umhang erscheint. Gangano mit hoch erhobenem Kopf. Phillis spürt einen eisigen Hauch.
Wieder ein Beben im Raum.
„Der große Gangano, Prinz der Lüfte, Herr über den Eispalast.“
Die weißen Tänzer wirbeln um ihn herum und verneigen sich immer wieder.
Klirrende Töne springen wie kleine Blitze durch die Luft. Der Prinz der Lüfte bewegt sich zuckend. Er beginnt einen wilden Tanz. Der Eispalast bewegt sich mit ihm.
Mit lautem Hall ertönt noch einmal die Stimme.
„Der große Gangano, gefeiert und bewundert.“
Die Frauen fallen auf die Knie. Gefeiert und bewundert. Nicht von allen. Phillis bleibt stehen. Ein kalter Blick trifft sie. Sie will zurückweichen.
Aber dann nimmt sie allen Mut zusammen und blickt unentwegt in die blauen Augen. Ganganos weißer Umhang zerschellt am Boden. Wie klein er plötzlich ist. Eine winzig kleine Figur hoch oben in der Luft.

Nikolas liegt immer noch auf der Treppenstufe und schläft. Phillis geht zu ihm. Sie beugt sich hinunter und küsst ihn auf die Stirn. Da schlägt er die Augen auf und lächelt seine Mutter an.

Jetzt beginnt ihre Flucht durch den Ring der Finsternis. Aber diese Geschichte wird ein anderes Mal erzählt.

©Renate Hupfeld 07/2003














Letzte Aktualisierung: 26.06.2006 - 23.15 Uhr
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