Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Juli 2003
Lukullianien
von Anne Zeisig


Der Angeklagte befand sich in einem erbärmlich schlanken Zustand, als er dem obersten Leibgericht vorgeführt wurde, welches kurz nach Sonnenuntergang am Fuße des Salzberges tagte.
Der erste Koch erhob sich schwerfällig, rückte seinen Zuckerhut zurecht und verlas die Anklageschrift:
„Dem Angeklagten wird Folgendes zur Last gelegt: a) Entsagung der Völlerei. b) Selbstschädigende Tagesaktivitäten. Beides staatsfeindliche Verhaltensweisen nach den Rezepten Lukullianiens.“ Er setzte sich, biss in ein Stück Sandkuchen mit Cremefüllung und verlangte kauend nach der ersten Zeugin.
„Helene, Helene Birne mein Name. Ich bin die Nachbarin des Angeklagten. Zuerst war mir aufgefallen, dass der Angeklagte nicht mehr teilnahm, wenn wir unser abendliches Nudel-Auflauf-Essen auf dem Marktplatz veranstalteten. Anfangs dachte ich mir nichts Böses dabei, zumal der Herr ja auch offenbar geschickt seine schwindende Leibesfülle mit Kleidung kaschiert hatte. Aber eines Tages, ich war bereits mittags aufgewacht, weil ich Hunger verspürte. Da stand ich nun vor meinem Kühlschrank, hörte draußen Geräusche, und zog leise das Rollo hoch. Was sah ich da? Dieser Herr!“, sie deutete mit wulstigen Fingern auf den Angeklagten, „lief spärlich bekleidet mit kurzer Hose und knappem Shirt federnden Schrittes um den Ölbaum des Markplatzes. Immer wieder! Runde um Runde! Einfach nur so zum Spaß offenbar, denn er lächelte dabei! Jawohl, Herr Oberkoch, sie haben richtig gehört, er lief lächelnd in der heißen Mittagssonne um den Marktplatz herum! Eine Abscheulichkeit! Und dieser Anblick! Ekelerregend! Überall, an den Waden, den Oberschenkeln, am Bauch, überall dieses Hervortreten von Muskeln! Widerlich!“
Des weiteren wurde ein Gutachten verlesen:
„... führte die Entsagung der Völlerei dazu, dass er sich bei einer Größe von einsfünfundsiebzig dem Körpergewicht von achtzig Kilogramm genähert hat, was immerhin zwanzig Kilogramm unter dem geforderten Mindestsoll angesiedelt ist. Beschleunigt hat der Angeklagte diesen Gewichtsverlust durch sinnlose Tagesaktivitäten, die zudem auch noch Anstoß erregten, weil er seinen erbärmlichen Körper den Augen einer unschuldigen Frau aussetzte, welche lediglich ihrer Bürgerspflicht der Kalorienzufuhr nachkam... ergo zeigten weitere Untersuchungen einen Waschbrettbauch ... bewiesen ist, dass dem Angeklagten jegliche Merkmale einer Adipositas fehlen... und schlagen dem Gericht vor, den Angeklagten einer Zwangsernährungsmaßnahme zuzuführen, damit dieser wieder eingegliedert werden kann in unsere gesellschaftsfähige Völlerei! Es ist sein erstes Vergehen dieser Art, weshalb er eine Chance erhalten sollte.“
Das letzte Wort hatte nun der Angeklagte.
„Verehrtes Leibgericht, liebe Lukullianer! Ich weiß den Nahrungsreichtum unseres Landes zu schätzen, wirklich!“
Buh-Rufe unterbrachen sein Statement.
„Hungerleider! Du bist eine Schande für unser Volk!“
„Ab in den Waffelbruch mit diesem Verräter!“
„Sollen wir etwa für so einen mitessen? Nur weil der tagsüber faul in der Sonne rumläuft, anstatt sich des abends an der Völlerei zu beteiligen?“
„Unsoziales Verhalten!“
„Kein Fett auf den Rippen! Igitt!“

Der erste Koch mahnte zur Ruhe, vertilgte sein zweites Stück Kuchen und bat den Angeklagten, weiter zu reden.
„Also, es ist doch so, Leute, wirklich, ich weiß das Können unserer Fachleute zu schätzen, welches uns die Ölbäume bescherte und die Eierbüsche. Auch ich genieße das Rauschen des Milchbaches und erfreue mich an den Uferranken mit den gelben, reifen Honigfrüchten. Die Felder mit den Rinderähren stehen derzeit in voller Pracht, dass es fast ein Wahnsinn ist, an ihnen vorüber zu gehen, ohne dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Gar lustig sind auch unsere Spielchen als Völlerei-Abwechslung, zum Beispiel verlorene Eier suchen oder Äpfel im Schlafrock wach küssen, keine Frage. Aber... „
„Aber?“, rief die Menge, „es gibt kein Aber! Weil jeder die Pflicht hat, das auch aufzuessen, was uns die Ernährungs-Fachleute bescherten!“
„Wohlgerundete Leiber sind ein Zeichen für Reichtum!“
„In einem satten Magen wohnt auch ein ausgeglichener, träger Geist!“
„Erntedankfest ist jeden Tag!“
„Im Schweiße unseres Angesichtes sollen wir essen, was die Ernte her gibt, und danken auf ewiglich!“
„Wir sind das Land, wo Milch und Honig fließen!“
Das Gesicht des Angeklagten rötete sich vor Zorn: „Und was ist der Preis dafür? Ihr meidet den Tag, weil es für Eure fetten Leiber in der Sonne zu heiß ist, Euch der Schweiß stinkend aus allen Poren kriecht! Jede Bewegung ist Euch eine Qual, weil die Gelenke ächzen und knirschen. Nach jedem Schritt müsst Ihr nach Luft japsen! Keiner von uns wird alt! Das ist der Preis, den jeder zahlen musst!“
„Weg mit diesem Verräter!“, grölte die Menge.
„Hungerleider brauchen wir nicht“, tönte es durch die Reihen.
Der Oberkoch gab dem Vorschlag der Zwangsernährungsmaßnahme nicht statt. Er ordnete die Einweisung in das Arbeitslager des Waffelbruches an, zeigte sich doch der Angeklagte uneinsichtig und staatsfeindlich.
„Jeder von Euch ist eine gefährliche Kalorienbombe!“, schrie der Angeklagte, als er abgeführt wurde und zischte in Helenes Richtung, „und Dir hatte ich vertraut! Du hinterlistiges Weib, wir hätten gemeinsam ins Land der Diätiker wechseln können.“

. . .

Der Mond stand bereits voll am Himmel, als Helene Zuhause angekommen war. Auf dem Dorfplatz vor ihrem Haus vertilgten einige Lukullianer die Reste des Nudelauflaufes, weil derzeit Pasta Saison hatte und dieses Jahr die Ernte wegen der günstigen Witterung besonders gut ausgefallen war. So bissfest wie heuer war die Pasta schon lange nicht mehr gewesen. Doch Helene verspürte keinen rechten Appetit, obwohl sie ansonsten alles in sich reinfressen konnte. Im Ölbaum hackten ein paar Schluckspechte aufeinander ein und stritten um die letzten Tropfen. Die Frucht-Zwerge präsentierten ein letztes Mal den Essern ihren Tutti-Frutti-Tanz und sangen: „Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir. Nein, keine Zitronen, auch keine Melonen. Bananen verlangt sie von mir ...“
Helene schob den schweren Schoko-Riegel vor die Eingangstür und goss das Eiswasser über die Tee-Rosen, damit es ein erfrischendes Getränk gäbe.
„Post für Dich, schöne Helene mit die dicken Beene!“ Der Briefträger. Immer zu Scherzen und Komplimenten aufgelegt. Helene lächelte, schlurfte träge ihre schwabbelige Gestalt zum Briefkasten. Werbung. Briefe bekam sie nie. Die Lukullianer waren ein schreibfaules Volk.

ESSEN IST OBERSTE BÜRGERSPFLICHT – WÄHLT DIE PARTEI DER MITESSER

Es gab nur diese Partei. Helene hörte in der Ferne das Surren der Erntemaschinen. Montag war stets ihr freier Tag. Morgen Nacht würde sie wieder vor dem Monitor in der Erntezentrale sitzen und den Zustand der technischen Erntehelfer überwachen. Frauen durften nur nachts arbeiten, wegen der angenehmeren Temperaturen. Die computergesteuerte Maschinerie war an allen Tagen im Jahr im Einsatz. Es musste nichts mehr produziert werden, weil alles an Nahrung wuchs – und nur geerntet werden musste. `Ein Hoch auf unsere Fachleute´, dachte Helene und schüttelte über ihren Nachbarn den Kopf. Diese Flaschenpost aus dem Kakao-See hatte seine Gedanken abtrünnig werden lassen, und er war besessen von dem, was ihm in dieser Beschreibung vorgegaukelt worden war. Sogar eine Landkarte hatte dabei gelegen, wo behauptet wurde, dass es ein Land der Diätiker geben solle, wo man sogar über 90 Jahre alt werden könne! Es käme auf eine angemessene Lebensweise an, war dort weiterhin zu lesen gewesen.
„Frau Birne“, hatte der Nachbar gesagt, als er ihr die Flaschenpost gezeigt hatte, „Herzinfarkt, das ist zum Beispiel eine Krankheit, da fällt man tot um, weil das Herz aufhört zu schlagen, wenn nicht mehr genug Blut durch die Adern gepumpt wird, weil sie zu eng sind, denn dort setzt sich das Zuviel an Fett ab, welches wir ja auch äußerlich sichtbar mit uns herum tragen. Und das ist nur ein Beispiel, meine Liebe, nur ein Beispiel für Krankheiten und Todesursachen bei Fettleibigen wie wir es sind!“ Und er hatte drohend den Zeigefinger erhoben.
Jeden Abend hatte er ihr von diesen Diätikern erzählt, die offenbar Krankheiten erfanden, weil sie neidisch waren auf die reichhaltigen Nahrungsmittel-Ernten der Lukullianer.
„Die sind nicht neidisch, Frau Helene, die meinen es nur gut mit uns“, hatte ihr Nachbar gesagt, „uns verschweigt das Gremium der Köche doch die Tatsache, dass wir sehr früh versterben an Leberverfettung, an Herz- und Kreislaufkrankheiten und Stoffwechselstörungen. Sie wollen keine Unruhe ins Volk bringen. `Friss und Stirb´, das ist ihre Devise.“
„Und warum sollte das die Devise sein? Uns geht es doch gut! Wir werden stets mit Genuss satt und pflegen den Müßiggang“, hatte sie ihm eines abends entgegnet. Seine Hartnäckigkeit wurde ihr zu anstrengend.
„Die Forschung muss Sinn machen, Helene. Was im Überfluss wächst, muss auch im Überfluss konsumiert werden. Außerdem sind wir stets ein Volk der Jungen, weil keiner bei dem derzeitigen Normgewicht ein hohes Alter erreicht.“ Der Nachbar schnappte nach Luft und fast hatte sie gemeint, sein Doppelkinn sei weniger geworden.
„Du hast doch noch Dein Mindestgewicht von einhundert Kilogramm?“, hatte sie ihn argwöhnisch gefragt.
Er hatte seine weite Pluderhose aus Hanfgewebe mit beiden Händen weit vom Bauch weg gezogen, hatte sich schnell zur Verabschiedung abgewandt und lachte: „Jau! Meine Hosen, immer sofort drei Nummern größer, damit ich noch an Gewicht zulegen kann.“
„Ab einhunderzwanzig gibt es in Deiner Größen- und Altersklasse die Bronzemedaille!“, hatte sie ihm hinterher gerufen und wollte noch fragen, ob er zum Auflaufessen ihr Tischnachbar sein wolle ... aber er hatte sich rar gemacht in der Folgezeit.
Und dann hatte sie ihn gesehen! Mittags! Da war es ihre Bürgerspflicht gewesen ...

. . .

Diese Flaschenpost! Helene zog sie unter dem Bett hervor.
„Ich vertraue sie Dir an, Helene, Du bist die Einzige...“, hatte er gesagt und sie innig umarmt.
„Hinterlistiges Weib,“ hatte er heute voller Hass gesagt. Ja, sie hatte seine Pläne durchkreuzt. Offenbar hatte er eine Flucht geplant zu diesen Diätikern, bevor das turnusmäßige Volkswiegen stattfinden würde.
Helene ließ sich müde in die Daunen fallen, das Bett stöhnte unter ihrer Last. „Gemeinsam ins Land der Diätiker?“ Sie wischte sich die Tränen fort. „Hier hätten wir gemeinsam glücklich werden können.“
Also musste sie ihm beweisen, dass es das Land der Diätiker gar nicht gab! Bei Tagesanbruch würde sie sich aufmachen, wenn alle schliefen.

Helene hatte nur das Nötigste in ihre Apfeltasche gepackt: Die Flaschenpost und einen Schwert-Fisch, falls sie sich verteidigen müsste.
Zunächst blieb sie geblendet stehen. Diese Sonne! Diese Helligkeit! Sie schaute sich um. Keine Bewohner auf den Holzwegen. Nur Helene. Sie überquerte geschwind den Marktplatz neben dem Ölbaum und eilte hinaus aus dem Ortskern. In der Ferne sah sie den Salzberg. Dahinter begann das Gebiet des Sahne-Sees. Sie rannte wie besessen den endlosen Schotterweg entlang. Die spitzen Steine bohrten sich schmerzend in die Hornhaut ihrer Füße. Ach, könnte sie doch schneller laufen, aber sie war es nicht gewohnt. Ihre fetten Oberschenkel klatschten bei jedem Schritt hindernd aneinander und rieben sich wund.
Wenn doch nur die Sonne nicht so blenden würde.
Sie müsste sich rechts halten, denn von der anderen Seite war das Surren der Erntetechnik zu hören. Die Erntegebiete wurden mit Kameras überwacht. Sie schwitzte derart beim Hasten, dass die Schweiß-Nähte ihrer Kleidung sich aufzulösen drohten. Das Blut kochte in ihren Adern. Fast besinnungslos sprang Helene in den Sahne-See, denn sie musste am gegenüberliegenden Ufer den Gemüsedschungel erreichen. Wie leicht sie sich fühlte, als sie Zug um Zug den See durchquerte. Ihr Keuchen hallte von den Wänden des Salzberges nieder, und sie hoffte, das Surren der Erntetechnik würde es übertönen. Denn längst befand sie sich im Sperrbezirk. Niemand durfte den Gemüsedschungel betreten. Dort wuchsen überdimensionale Züchtungen, welche reich an Ballaststoffen waren, aber arm an Fett. Also eine feindliche Umgebung für die Lukullianer.

Erschöpft erreichte Helene das Ufer. Die Sahne tropfte aus ihren Haaren und zog weiße Rinnsäle. Ihr war übel vor Hunger. Sie kniete nieder und schleckerte mehrere Hände voll von dem köstlichen Nass. Helene schaute sich um, ob sie hier Nahrung würde ernten können. Nein. Keine Honigranken, kein Praliné-Gras, keine gefüllten Blütenkelche mit Milchreis oder Putenragout, nicht einmal ein kleiner Plätzchenbusch bot sich ihren Augen.
Sollte sie umkehren? Noch wäre es möglich.
Helene verwarf diese Gedanken. Umkehren würde sie erst, wenn sie die Landes-Grenze der Diätiker erreicht haben würde – und sie war überzeugt davon, dass es dieses Land nicht gibt, nicht geben konnte.
„Nein!“ Eine Riesenmade kringelte sich über ihren Speckgürtel und riss gierig das Maul auf.
„Lechtz-Schmatz!“, dröhnte es aus dem Madenmaul, „Birne Helene im Speckmantel! Meine Leibspeise!“
Blitzschnell fingerte Helene den Schwertfisch aus ihrer Apfeltasche und stach mehrmals mit immenser Wucht auf die Made ein, bis diese röchelnd von ihr wegrollte.
Nur weg hier! Weiterlaufen! Hinein in den Schatten des Gemüsedschungels. Helene stolperte in das undurchdringliche Grün hinein und musste sich mit dem Schwertfisch einen gangbaren Weg durchs Dickicht schlagen. Ihre Tasche hatte sie sich unter das Doppelkinn geklemmt. Wenigstens schmerzten ihre Augen nicht mehr, denn der Schatten spendete eine angenehme Dämmerung.
Jäh wurde sie aufgehalten!
Ein riesengroßer Kohlkopf blickte sie aus seinen rosettenumrandeten Augen an. Ein grässliches Gewächs, welches Helene umrunden musste, wollte sie die Richtung nicht verlieren. Aber jeder ihrer Versuche scheiterte, weil er sich ihr immer wieder in den Weg rollte. Ja, er war sogar immun gegen die Einstiche mit dem Schwertfisch.
Was sollte sie tun?
Bequemlichkeit vor Qual! Schließlich war sie eine Lukullianerin. Es dauerte lange, bis Helene die Oberseite des Kohlkopfes erklommen hatte, aber mit dem Schwertfisch hatte sie sich immer wieder festen Halt verschaffen können, wenn ihr die Kraft ausgegangen war und sie abzustürzen drohte. Nun aber thronte sie obenauf und gab dem rollenden Gefährt die Sporen. Huiiiii! Rollte er mit ihr übers Moos hinweg, dass ihr schwindelig wurde. Diese Schnelligkeit war Helene nicht gewöhnt. Der Kohlkopf rollte ohne Unterlass durch den Dschungel und mähte alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte. In einer Senke stoppte er jäh und Helene flog im hohen Bogen hinunter.
„Rums!“

. . .

Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an das grelle Licht. Wie heiß es war! Lodernde Flammen hatten sie eingekesselt, sie tanzten wild auf und ab.
Wo war sie? Bei den Diätikern? Gab es dieses Volk doch? Hatte er Recht gehabt?
Sie wollte sich aufrichten, um vor dem Feuer zu flüchten, aber sie fühlte sich zu schwach.
„Götter-Speise! Götter-Trank! Fettverbrennung dauert lang!“ Diesen Sprechgesang hörte sie aus der Ferne. Entsetzt sah sie, dass aus ihren Poren zähflüssiges Fett hervorquoll. Ihr Körper schmolz dahin in dieser Hitze, sie fühlte sich leicht und leichter. Erleichterung. Angst? Nein. Der Gesang wurde lauter. Plötzlich sah sie zwischen den Flammen eine Feder, die ihr einen goldenen Kelch an die Lippen hielt: „Du musst jetzt viel trinken vom Safte der süßesten Früchte.“
Und sie trank gierig das Wohlschmeckende.
„Götter-Speise! Götter-Trank! Fettverbrennung dauert lang!“
Wie leicht sie sich fühlte! Wie eine Feder!

Sturm und Hagel brachten die Flammen zum Erlöschen und Helene wurde gen Himmel gewirbelt.
„Ich bin leicht wie eine Feder und kann fliegen!“ Übermütig drehte sie ihre Salti in den stahlblauen Himmel hinein und war der Sonne so nah. Aber viel Zeit blieb ihr nicht, diese Leichtigkeit des Seins zu genießen, denn eine plötzliche Kälte drückte sie auf eine dunkle Wolke zurück.
Die Feder erschien wieder und gab ihr eine lodernde Pech-Fackel in die Hand: „Bringe dem Volk von Lukullianien das Feuer der Fettverbrennung, damit auch bei Euch eine angemessene Ess-Kultur Einzug halten möge!“
Helene tat, wie ihr aufgetragen wurde.

Wie immer des abends hackten die Schluck-Spechte wegen der letzten Tropfen vom Ölbaum aufeinander ein und die Lukullianer vertilgten genüsslich den Nudel-Auflauf, räusperten sich laut und rieben vergnügt ihre wohlgerundeten Bäuche.
„Ab morgen ist Reisernte!“
„Reisauflauf in Lukullianien!“, frohlockte das Volk und hielt im Freudentaumel inne, als eine erbärmliche Frauengestalt mit einer Feuerfackel in der Rechten den Marktplatz betrat.
„Ich bringe Euch die Erleuchtung! Auf dass Euch ein Licht aufgehen möge und in Lukullianien die Ess-Kultur Einzug halten möge. Das ist das Feuer der Fettverbrennung! Schaut mich an, ich bin leicht wie eine Feder!“ Helene tanzte leichtfüßig mit den lodernden Flammen um die Wette.
In Windeseile war sie von den Bewohnern umzingelt und zu Boden geworfen worden.
„Nieder mit ihr!“
„Schaut Euch dieses erbärmliche Skelett an!“
„Wir lassen uns unsere Aufläufe nicht vermiesen!“, zeterten einige und bewarfen die am Boden liegende mit dem Nudelauflauf.
Man fesselte sie mit Bandnudeln und brachte sie in den Waffel-Bruch. Wieder eine Aufmüpfige! Das verlangte nach sofortigen Sanktionen. Der oberste Koch verlas das Urteil: Helene sollte fortan alle Läuse aufessen, die den Gefangenen bei ihrer schweren Arbeit des Waffel-Spaltens über die Leber liefen.

Angeekelt würgte Helene fortan die Läuse hinunter, bis ihr übel wurde. Einmal sah sie hinter ihrem Tränenschleier den ehemaligen Nachbarn vor sich stehen: „Du hättest mit mir zusammen flüchten sollen“, flüsterte er der Knieenden zu, „denn mit Herzenswärme wäre unser Volk besser zu bekehren gewesen anstatt mit Deinem Misstrauen und einer Pech-Fackel.“
Helene verstand nichts.
Der Mond ging auf in Lukullianien. Wie jeden Abend. Unzählige Male bereits. In der Ferne surrten die Erntemaschinen. Helenes Körperfülle nahm bereits einen grossteil des Waffel-Bruches ein. Zu viele Läuse hatte sie essen müssen. Wochenlang? Monate bereits? Sie wusste es nicht mehr. Das Atmen fiel ihr schwer. Die Band-Nudeln, ihre Fesselung, schnitten tiefe Wunden in ihr Fleisch. Über ihr kreisten bedrohlich die Schluck-Spechte ihre Runden: „Die hat ihr Fett nicht weg! Die hat ihr Fett nicht weg!“, kreischten sie flügelschlagend. Und dabei löste sich eine Feder und schwebte langsam auf Helenes Haupt. Diese seufzte tief und sog die Luft in ihre Lungen. Ihr massiger Körper blähte sich auf.
Knall! Peng! Surr! Die Bandnudeln schnellten von ihr ab und Helenes Überfülle explodierte katapultartig in die Höhe, um wuchtig auf die Ernteregion niederzuknallen.

„Hat da nicht irgendwann einmal einer vorausgesagt, dass auf unser Land eine Kalorien-Bombe nieder gehen wird?“, jammerten die Lukullianer und rodeten im Schweiße ihre Angesichtes, um aus dem Gemüse-Dschungel Kulturland hervorzubringen.



Anne Zeisig, Juli 2003



















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