Ganz schön bissig ...
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Juli 2003
Ästhesia
von Michael Metzner


"Und die Kinder Ästhesias riefen den Gott der Vollkommenheit um Gnade an. Gnade für das Streben unfehlbar zu sein. Unfehlbar in alle Ewigkeit, unfehlbar bis in den Tod, unfehlbar bis zum Letzten ihrer Art."

Gwenia steht im Licht der ewig leuchtenden Sonne. Ihr langer schlanker Körper überragt die goldgelben Ähren der Getreidestängel. Einheitlich in Länge und Farbe. Ihr brauner Teint lässt den Körper unter weißem dünnen Stoff perfekt erscheinen, ihre Hand liegt ruhend auf dem gewölbten Bauch.
Bald ist es soweit. Keine Tage und Nächte, nein, Stunden, Stunden des Lichtes bis zur Geburt ihres Kindes. Sie werden es holen kommen, so wie sie alle Neugeborenen zu sich nehmen. In einem riesigen Areal an der Grenze zu Licht und Dunkelheit wird jedes neue Leben gesammelt, streng bewacht und für eine neue Generation von Nachkommen herangezogen. Menschen, Tiere, Pflanzen, ohne Ausnahme, denn die Chancen für ein Gelingen sind schlecht, schlechter wie die Chance vollkommen zu sein.
Ein leises Rascheln lässt Gwenia zusammenzucken. Nein nicht schon jetzt. Sie möchte es noch länger spüren, ihr neues Leben, viel länger. Schnell wendet sie sich in die vermeintlich sichere Richtung und läuft, hastig die harten Pflanzenstiele zerteilend, ans andere Ende des Feldes.
Vor 1000 Jahren wurden der Stern Siria und der Kontinent Ästhesia in parallelen Gleichklang gebracht. Der Rat des Planeten Erea hatte dies beschlossen, um für alle Bewohner die gleichen Lebensbedingungen zu schaffen. Die Nachtseite des Planeten diente als Wasserspeicher, die Tagseite als Paradies für jedes Lebewesen von Ästhesia. Lange war kein Mangel an Nahrung und Nachwuchs zu spüren, die Gemeinschaft lebte im Genuss künstlerischer Gestaltung und Ästhetik und vollendete den Traum vergangener Generationen.
Bis zu dem Zeitpunkt da sichtbar wurde, das die Bevölkerungszahl trastisch zurück ging. Nicht nur die Bevölkerung, nein auch die Tier-und Pflanzenwelt stockte im Rhythmus der Generationen. Seit 200 Jahren wurde mit allen Mitteln daran gearbeitet dieses Phänomen zu beseitigen, aber umsonst. Das Leben auf Ästhesia nahm bedrohliche Mangelerscheinungen an, Dekrete wurden beschlossen, welche die einstige Würde in Vergessenheit geraten ließen.

Gwenia erreicht den Rand des Feldes und schaut sich ängstlich um. Ganz weit in der Ferne leuchten silberne Punkte im flimmernden Licht Sirias. Wie Perlen reihen sie sich am Horizont, gemacht für den schlanken Hals der jungen Frau. Wie weit mag es wohl noch bis zur Grenze zur Dunkelheit sein? Gedanken, sinnlose Gedanken, Gwenia läuft weiter. Jeder Schritt verlängert ihre Gemeinsamkeit mit dem Kind, jeder Meter gibt ihr Unwiederbringliches. Ein Klopfen unter der weichen Haut treibt Sie immer schneller voran.

Die riesige Kuppel im Zeichen von Licht und Schatten wurde schnell errichtet. Ein Segen für die Gemeinschaft sagten die Ältesten, die Lösung und Rettung zugleich. Keine Strahlen sollten die Wände durchdringen, künstliches Licht jedes Risiko vermeiden. Die Arche Erea wurde geschaffen, gleichzeitig eine Kaste von Bestimmenden wie aus längst vergangenen Zeiten. Aus der Kuppel heraus kontrollierten sie Ästhesia, mit Bio-Detektoren wurde alles neu entstandene Leben registriert und eingesammelt. Die Fruchtbarkeit war auf ein Minimum abgesunken. Maximal ein Nachkomme pro Generation war noch möglich, aber auch dies hatte sich schon wieder um die Hälfte reduziert.

Gwenia spürt den Druck, das grelle Licht Sirias wird schwächer, ein Hauch von kühler Luft lässt sie Hoffnung spüren. Aus den Perlen am Horizont sind jetzt grüne Kristalle geworden. Faustgroß, ein Geschenk des Himmels an ein neues reines Wesen. Die Götter meinen es gut mit mir, verwirrt schauen ihre trüben Augen zurück in das Licht. Das Laufen fällt ihr immer schwerer, es drängt das Leben, ungeduldig fordert es sein Recht.

Kona schaut ungerührt auf seinen Bildschirm. Ein blinkendes Sternchen bewegt sich auf die Lichtgrenze zu. Seine grauen Haare kennzeichnen ihn als einen der Ältesten, nur sie haben dieses Privileg, nur sie dürfen die kommenden Generationen heranziehen. Sie treffen die Wahl, sie bestimmen die Auslese. Erst vor 20 Jahren wurde die Kuppel eingeweiht, aber die Ergebnisse sind jetzt schon als hoffnungsvoll einzustufen. Bald gibt es die ersten Nachkommen der Zöglinge des künstlichen Lichts. Es gibt keine Ausnahmen, die Außenwelt ist zum Aussterben verurteilt. Auch dieser kleine Lichtpunkt. Grüne Flecken haben ihn fast erreicht.

Erschöpft fällt Gwenia in feuchtes Gras. Rauschend lockt das Meer der Nacht schon ganz in ihrer Nähe. Schmerz lässt ihren Blick wild in alle Richtungen kreisen, ihre Gedanken verlieren jeden Zusammenhalt, ihr Körper windet sich und kämpft um jeden Zentimeter, den das nach außen drängende Wesen für sich beansprucht. Plötzlich, Erleichterung, der Schmerz lässt nach, etwas Zappelndes berührt ihre Beine. Ein Gefühl des Glücks durchströmt Gwenia, die Gedanken finden wieder zusammen und erwartungsvoll erhebt sie ihren Kopf.

Ein dumpfer Schlag trifft ihren Schopf, blitzendes Metall durchtrennt die Nabelschnur, das Neugeborene wird vorsichtig in einen silbernen Anzug gesteckt. Grüne Kristalle erheben sich in die Nacht, zielstrebig dem Licht entgegen.

© Michael Metzner





Letzte Aktualisierung: 26.06.2006 - 23.16 Uhr
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