Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Juli 2003
"Gutes Kind"
von Angelika Walk


Es musste an den Tabletten liegen, die man ihr jeden Morgen gab.
Seitdem sie sich auf ihre Aufgabe als neue Königin vorbereitete, wurden dieses Medikamente erheblich erhöht.

Ronaldo stand am Bett seiner Schwester. Heimlich hatte er sich hergeschlichen. Er machte sich Sorgen. Seine kleine Schwester würde bald Königin werden und hatte in den letzten Wochen kaum Zeit zu verschnaufen. Das Programm zur Ausbildung schien sie zu überfordern. Seit drei Monaten schienen ihr diese Alpträume zu schaffen zu machen. Er sah sie wild gestikulieren, schimpfen und hörte ständig dieses Wort Mutter aus ihrem Mund. Mutter bedeutete Kinder bekommen, aber das war auch alles, was Ronaldo über das Wort Mutter kannte. Das laute schreien seiner Schwester ließ ihn handeln.

Ihre Mutter? Wer von den vielen Frauen war denn nun ihre Mutter, die sie täglich pflegten, ihr vorlasen, ihr Zeitungen und Unterhaltung brachten.
Alle bezeichneten sie sich als Mutter. Mutter der Liebe und Zuwendung, Mutter der Sauberkeit, Mutter der Unterhaltung, Mutter Mutter Mutter!!
"Verdammt noch mal, was ist Mutter?" schreit ein zierliches Mädchen, mit vier Augen in ihrem Gesicht und keinen Armen am Körper.
"Sie haben gerufen?" antwortet ihr eine Frau, die sich nur über ein ferngelenktes schwebendes Brett fortbewegen kann. Sie hat keine Beine.
Sie ist die Mutter aller Fragen und hörte die kleine Königin der vieräugigen Mandrinas schreien.
"Ach Mutter aller Fragen! In meinem Kopf sehe ich Bilder, stellen sich mir Fragen, die mir Angst machen. Und wenn ich dann keine Antwort erhalte, werde ich wütend. Und in meinem Herzen aus Stein ist ein fürchterliches Knirschen und das tut weh!" weinte die kleine Königin
"Mutter aller Mandrinas. Mutter das bist du. Du bist die Gottmutter aller Mütter dieser Welt! Wieso fragst du danach was Mutter ist? Denn du bist die Mutter!" antwortete die ältere von beiden.
"Ach, Scheiß doch auf dein dummes Geschwätz! Was tue ich denn? Ich liege den ganzen Tag in diesem Bett und lass mich von allen Müttern dieser Welt bevormunden! Und ich bin dann die Obermutter?" Ihre vier Augen starrten die ältere an um dann einfach loszuschreien. Lauter und lauter und lauter.

"Marina! Marina! Um Himmelswillen, werde endlich wach!" Eine laute Stimme, ihr wohl bekannt klang in ihr Ohr, und ein heftiges Rütteln an ihrem Körper weckte Marina aus ihrem Alptraum. Ihr großer Bruder hatte sie geweckt.
"Mensch Ronaldo, ich hatte wieder diesen scheiß Traum!" sie sah Ronaldo in das hübsche Gesicht und in vier wunderschöne verschiedenfarbige Augen.
"Hast du wieder diesen Müttertraum gehabt?" fragte Ronaldo und sah sie fragend an.
Sie hatte eine zierliche Gestalt, war gerade 17 Jahre alt und wurde von den Tanten auf ihre Aufgabe als Königin für das Reich der Mandrinas vorbereitet.

Marina war auserwählt die Regentschaft zu übernehmen, sobald sie 18 war. Alle 20 Jahre brachte eine Königin eine Nachfolgerin mit drei gleichfarbigen Augen zur Welt, die dann das Königreich übernehmen würde.
Bisher konnte Marina nicht herausfinden, wozu sie gebraucht wurde. Man brachte ihr viele Sprachen bei, Benimmregeln und Kleidervorschriften, medizinische Grundvoraussetzungen um eine neue Königin zu entwickeln.
Immer bekam sie nur zur Auskunft, das sie dazu bestimmt sei, eine neue Königin zu gebähren. Die alte Königin war ihr gänzlich unbekannt. Man hatte sie als Säugling aus der Sichtweite ihrer Königin gebracht.
Ihre Welt bestand aus einem Palast mit viel Gold und einer aus Mamor hergestellten Festungsmauer, über die man nicht hinausschauen durfte. Auch nicht konnte, denn es wurde von den sechsäugigen , vierbeinigen Schreckgestalten bewacht. Ihr Anblick war schon so angsteinflößend, das man ihnen besser aus dem Weg ging. Sie wurden von jungen Jahren an gesondert aufgezogen und hatten nicht mal eine Zunge um sich zu artikulieren. Sie lernten nie das Schreiben oder andere Arten der Kommunikation. Sie standen jeden Tag auf der Festungsmauer und wanderten dort auf und ab. Sie starrten über die Mauer und schienen weit , weit fort zu sein.

"Ronaldo, wieso haben hier alle vier Augen, viele ohne Beine, manche mit kurzen Armen, andere wieder ohne Augen und mit drei Beinen?" Marina stellte viele Fragen in den letzten Wochen, die Ronaldo verwirrten.
"Das ist halt so! Ich verstehe nicht, wieso du dir darüber Gedanken machst?" schüttelte er ihre Frage einfach ab.
"Prinzessin Marina! Ihre Aufklärungsstunde steht an, bitte kleiden sie sich und empfangen sie bitte Dr. Hellweg im Schulungszimmer! Rasch, Rasch!" rief ihr eine der Erziehungsdamen zu. Mit rollenden Augen und gestikulierenden Armen rief sie Ronaldo zur Ordnung: "Und was machen Sie in dem Zimmer der Prinzessin? Sofort finden sie sich zu ihrem Unterricht in der Klasse für Geschichtserforschung, wie sich das gehört! Schauen Sie auf die Uhr Prinz. Muss ich sie denn jeden Morgen zur Ordnung rufen!" zeterte sie.
Ronaldo blickte lächeln auf Marina hinunter. Nein, er beneidete sie nicht um ihr Schicksal als zukünftige Königin der Mandrians. Er fragte sich nur, wann der letzte Tag sein würde, wann er sich von ihr verabschieden würde. Obwohl er wusste, das dies niemals stattfinden würde, bestürmte ihn diese Frage immer wieder aufs neue.
"Ja, was macht denn eigentlich eine Königin?" schoß es ihm durch den Kopf. Doch ehe er sich weiter Gedanken darüber machen konnte, beeilte er sich um an seinem Unterricht nichts zu verpassen. Er liebte den Geschichtsunterricht, in dem viel von Zweibeinern und sogenannten Hochzivilisierten die Sprache war, die auf einem anderen Planeten gelebt haben sollten.

"Guten Morgen Herr Hellweg!" begrüßte Marina den Arzt, der an diesem Morgen Aufklärung bringen sollte. Marina war aufgeregt und neugierig zu gleich. Dies war eine entscheidende Stunde, nun würde sie endlich erfahren, was ihre Aufgabe nun sein wird.
Er erklärte ihr Verhaltensmaßregeln, Medikamente die sie während ihrer Schwangerschaft die sehr bald eintreten sollte, nehmen müsste und bereitete sie auf den Akt der Schwängerung vor.
Marinas Augen wurden immer größer. Entsetzen spiegelte sich in ihrem Gesicht.
Sie würde keine Zeit mehr haben sich von ihrem Bruder, von ihren Freunden zu verabschieden. Man würde sich heute und jetzt in einen anderen Palast bringen.

Ronaldo sah seine Schwester nie wieder. Ronaldo machte sich keine Gedanken darüber, denn es war ja schon immer so gewesen, wie ihm die Geschichtslehrer erklärt hatten.

Marina wurde in einen anderen Palast gebracht. Dort wurde sie von vielen verschiedenen Männern gebraucht. Männer, die sie anwiderten. Männer, die von ihr ein "gutes" Kind haben wollten. Männer die das Wunder eines "Gesunden" Kindes erleben wollten. Männer, die sie mehrmals benutzten in einer Stunde, denn die Männer der Mandrinas waren sehr potent. Mit je zwei Fortpflanzungsorganen ausgestattet, viel es ihnen leicht zu bestäuben ohne Unterlaß. Marina musste ertragen. Sie hatte sich in ihr Schicksal gefügt, nachdem man sie einfach vor vollendete Tatsachen gestellt hatte.
Was immer es auch bedeuten sollte, sie fragte nicht mehr danach.
Marina verstand nichts mehr. All ihre Kinder kamen "normal" zur Welt. Ein jedes Kind hatte vier Augen, mal mit einem , mal mit drei Beinen und zwei Arme, so wie sie auch. Der einzige Unterschied bestand nur in der Anzahl der Augen. Marina hatte nur drei und eines davon war untauglich, wie ein Augenarzt mit unbändiger Freude festgestellt hatte. Für Marina vollkommen unverständlich, schließlich störte sie dieser blinde Fleck in der Mitte ihrer Sichtweite. Sie fühlte sich eh schon als anders, als ihre Freunde mit vier Augen, aber das sie dann im Grunde nur mit zwei Augen sehen konnte, machte es ihr auch nicht einfacher.
Jedes mal wenn sie ein neues Kind gebar, so wurde es sofort in den alten Palast gebracht. Keines dieser Kinder durfte sie auch nur Sekunden in ihren Armen halten. Bei der ersten Geburt fühlte sie soetwas wie tiefes Gefühl zu diesem schreienden Etwas, das aus ihrem Körper entschlüpfte, aber bei jder weiteren Geburt verließ sie diese Sehnsucht..Jedesmal quälte man sie mit neuen Medikamenten bis zu nächsten Geburt. Dr. Hellweg war ständig anwesend, versuchte ihr klar zu machen, das sie die einzige ist, die einen gesunden Nachkommen zur Welt bringen könnte. Ein Kind mit zwei Augen, zwei Beinen und ohne irgendein Gebrechen. Es solle so sein, das es keine einzige Tablette schlucken müsste. Keine biotischen Säfte trinken bräuchte und endlich Muttermilch trinken durfte. "Muttermilch?" Marina wollte fragen, ließ es aber sein, weil ihr Unterleib angeschwollen und schmerzhaft war.
Marina hatte es aufgeben Fragen zu stellen.
Nach der 5 Geburt innerhalb von zwei Jahren war ihr Körper so ausgemergelt, das sie zu keinem Befruchtung mehr fähig war. Die Medikamente, die das Heranreifen der Nachkömmlinge vorantrieb, belasteten sie zu sehr. Sie weinte solange bis Dr. Hellweg ihre eine Beruhigungsspritze gab. Sie in einen Ruheraum legte und ihr ein Video zeigte, wie die Welt in Dr. Hellwegs Zukunft aussehen sollte. Was die Ärzte unter einem gesunden Kind verstanden erklärte sich damit von selbst. Marina schaute entsetzt auf dieses Video und begann zu weinen. So schreckliche Vorstellungen über das Aussehen eines Nachkömmlings gingen über ihren Verstand.
Sie hörte nicht mehr auf.
Eine warme Hand streichelte ihr über die Wangen. Eine alte , verbrauchte Frau stand plötzlich neben ihr und schaute sie mit Tränen in den Augen an.
"Wer bist du?" fragte Marina
"Ich bin deine Mutter!" antwortete die Alte. "Psssst! Sag jetzt nichts. Ich habe mich hergeschlichen, weil ich wusste was auf dich zukommen würde. Eigentlich müsste ich schon längst tot sein, sie behalten mich nur hier, weil sie nicht wissen, das ich ihre Medikament nicht schlucke und ihnen wie ein Wunder der Natur vorkomme. Ich glaube, alles liegt an diesen Medikamenten. Und ich glaube, früher , ganz, ganz viel früher sahen die Menschen genauso aus wie in diesen Filmen. Unser sauberer Herr Wissenschaftler Dr. Hellweg weiß nicht, das ich hinter sein Geheimnis gekommen bin. Er will unsere Art ausrotten und deshalb dürfen Mütter ihre Kinder nicht behalten. Ach, was, was soll ich mit all diesen Dingen dein Leben noch belasten!" stumm geworden schaute sie in die Augen ihrer Tochter und weinte in sich hinein.
Sie sahen sich in die Augen und erkannten Nähe und Zuneigung, ein Urvertrauen zueinander.
Stumm sahen sie sich gemeinsam den Film zuende an, um dann festzustellen, das sie nichts weiter waren als Versuchskanninchen Dr. Hellwegs.

Später fand Dr. Hellweg nur noch zwei Leichen. Mutter und Tochter hatten alle Medikamente die sie bei sich trugen eingenommen und waren friedlich eingeschlafen. Engumschlungen hatten Tochter und Mutter auf der Ruhecouch gelegen. Entgegen seinen Vorstellungen, das dieser Film die Verantwortung der Frauen wecken könnte, hatten die beiden eine Wahrheit erkannt, die er selbst nicht akzeptieren wollte.
Dr. Hellwegs Vision von einer "neuen gesunden Welt" war damit für immer gestorben.
Es gab kein Kind mehr mit nur "zwei funktionierenden Augen" welches Nachkommen mit weniger köperlichen Mängeln zeugen könnte.



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