Bitte lächeln!
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Juli 2003
Das Hybridensystem
von Uschi Lange


Pepino betrat mutig die Lichtung, die sich mitten im Wald nun vor ihm auftat. Keiner seines Volkes, der jemals die Hexe und Wandlerin Albina sah, konnte ihm irgend etwas von ihr erzählen. Sie hatten alle keine Erinnerung mehr an deren Gestalt oder Wesen. So hatte Pepino keine Vorstellung davon, wer oder was ihn erwartete und das machte ihm Angst. Nur eins wusste er genau, er hatte keine Wahl. Um Pippa aus den Händen der Drachenhybriden zu befreien, musste er zur Zauberin in diesem, vor ihm sich auftürmenden, rotleuchtenden Schloss und das Amulett erbitten.
Die Welt der Drachenhybriden lag in der blauen Ebene, während sich die der Vogelhybriden in der grünen Ebene befand.
Diese beiden Ebenen wurden umschlossen von der gelben Ebene, in der die Wandler, von denen nur die Hexe Albina namentlich bekannt war, angeblich lebten.
Plötzlich, er hatte kein Geräusch vernommen, öffnete sich das Tor und ein kleiner, freundlicher Gnom fragte nach seinem Begehr. Vor Überraschung sprach Pepino ohne zu stottern: „Ich erbitte in einem dringenden Fall die Hilfe eurer Herrin, der Zauberin Albina.“ Der Gnom führte ihn sodann in einen großen, dämmrigen Raum und entfernte sich lächelnd. Ringsherum standen lauter Regale mit Büchern und anstatt eines Fensters glühte ein Feuerkristall inmitten des Raumes. An einem Lesepult konnte er schemenhaft eine Gestalt in einem smaragdgrünen Umhang sitzen sehen. Pepino erschrak, als sich die Tür knarrend hinter dem Gnom schloss und er mit dieser Gestalt alleine im Raum blieb. Sein Mut drohte ihn zu verlassen!
Seine affenartigen Beine begannen zu zittern und seine kleinen federnen Flügel raschelten nervös.
Doch da stand diese Gestalt langsam auf und drehte sich zu ihm um. Wie eine Woge fühlte er Wärme und Zuversicht in sich aufsteigen und mit dem freundlichen Lächeln der Hexe wuchs sein Vertrauen. Sie sah für ihn aus wie ein Engel, mit langem wehenden Haar, als sie die Kapuze ihres Umhanges abstreifte. Ihr Haupt leuchtete ihm hell und weiß entgegen und ihre roten Augen glänzten wie ein warmes Feuer und nahmen ihm seine Furcht. Ihr Mund bewegte sich nicht und doch hörte er in seinem Kopf ihre liebliche Stimme:
„Ich grüße dich, Pepino, und weiß warum du zu mir gekommen bist. Ich werde dir helfen und dir das Amulett Viatikum geben. Es ist nur eine Bedingung damit verknüpft: sowie du dein Ziel erreicht hast, lasse dein Herz entscheiden. Triffst du die Falsche, wird dein Herz zu Stein und du verwandelst dich in einen Menschen. Dein Dasein als Vogelhybride wäre für immer beendet. Bist du nun bereit, deine Schwester Pippa im Land der Drachenhybriden zu suchen?“ Pepino brauchte nicht zu überlegen und so nickte er. Mit einem Mal hatte er das Amulett in seiner Hand, einen silbernen Halbmond mit je einer Kralle des Bären, des Raben und dem Zahn der Kobra. „Nun schau mich an und denke an deine Aufgabe!“ Albina legte ihren Umhang ab und ihre Gestalt zerfloss in flimmerndes Licht, das ihn sanft einhüllte und er nichts anderes mehr sah. Dann war alles verschwunden und Pepino sah sich wieder auf der Lichtung stehen, nur diesmal lag das Schloss hinter ihm.
Vor ihm lag das weite Land der blauen Ebene und ein kalter Schauer durchlief seinen pelzigen Körper.

Pippa war glücklich, ihr behaartes Gesicht strahlte, als Tato ihr einen Strauß weißer Blüten mit seiner Klaue überreichte. Doch dann wurde sie wieder trübsinnig und Tato versuchte sie zu trösten: „Sei nicht traurig! Wenn dein Bruder kommt, werden wir ihm alles erklären und wenn er dich liebt, wird er es verstehen, glaub mir und vertraue ihm!“ Sein gelbes, schuppenhäutiges Antlitz strahlte ihr ruhig entgegen und Pippa lächelte zögernd zurück: „Ich weiß, dass er mich liebt und wir beide haben nie verstanden, warum die blaue Ebene tabu bleiben soll. Die Alten haben uns mit Grauen und Unheil zu schrecken versucht, aber unsere Neugier und Fragen nicht beantworten können. So wie bei dir und deinen Freunden.“ Ihre kleinen zarten Flügel vibrierten vor Aufregung und Tatos kleine, lederne Drachenflügel summten dazu. „Ich schätze, er wird in etwa fünf Tagen hier ankommen, die glutrote Sonne im Rücken. Dann werden wir ihm zeigen, dass es ein friedliches Miteinander gibt!“ Tato und Pippa schauten träumerisch in Richtung der roten Strahlen und beobachteten, wie die rote Sonne langsam schlafen ging.

Peppino war nun schon seit Stunden unterwegs und ärgerte sich, eigentlich seit er geschlüpft war, dass seine blöden Flügel zu klein waren, um ihn zu tragen. In früher Zeit müssen diese Dinger doch mal zum Fliegen gedacht gewesen sein! Aber laut den Alten, waren sie seit dem großen Unheil vor vielen roten Sonnen verkümmert geblieben und niemand war je wieder mit ihnen geflogen. „Wozu haben wir dann überhaupt noch welche? Die stören doch bloß!“, hatte er gefragt. Aber sie hatten nur mit den Schultern gezuckt und keine befriedigende Antwort geben können. Angeblich sollten sie an das große Unheil erinnern! Pffft! So ein Unsinn! Peppino legte sich unter einen großen Felsen ins Moos schlafen, als es dämmerte. Wenn Pippa mutig genug war, in die blaue Ebene zu gehen, würde er es auch schaffen und sie finden. Dann könnten sie beide den Alten später erzählen, dass es hier nichts zu fürchten gab. Oder? Die ungewohnten Geräusche der Nacht ließen ihn unruhig einschlafen.

Tato und Pippa traten aus ihrer Felsenhöhle und schauten in die strahlende, rote Sonne. Dann gingen sie zu den anderen. Ihre Gruppe musste am Rand einer Felsenformation kampieren, denn die Alten der Drachenhybriden hatten den Abtrünnigen verboten, die Stadt je wieder zu betreten. Das große Unheil schwebte auch hier über ihnen wie ein Dämonenschwert. Pippa war nicht die einzige aus der grünen Ebene, die es gewagt hatte hierher zu kommen. Die Gruppe beherbergte noch drei weitere Weibchen und vier Männchen der grünen Ebene, aber aus anderen Städten. Insgesamt waren sie fünfzehn Hybriden. Noch! Plötzlich gab es ein wildes Geschrei und Geheule aus drei der Felsenhöhlen. Aufgeregt lief die Gruppe zusammen und aus jeder der Höhlen trat ein Hybride mit einem kleinen Wesen in seinen Armen. Ein großes Freudengeheul ertönte, dass abrupt abbrach, als die kleinen Wesen anfingen zu kreischen und ihre erstaunlich großen Flügel schlugen. Mit aufgerissenen Augen starrten die Hybriden sie an. So also sah ein Einklang zwischen Blau und Grün aus. Ihre Flügel hatten die doppelte Spannweite ihrer Körpergröße, der mit weichem, blaugrün schimmerndem Flaum bedeckt war. Sie hatten rote, feurige Augen in ihren pelzigen Gesichtchen und ihre Arme und Beine waren gleichlang. Ob die Alten es verhindern wollten, dass sie wieder fliegen könnten?

Peppino sah sich um. Die Landschaft der blauen Ebene sah der ihren sehr ähnlich, mit den Bäumen, Felsen und dem dicken Moos. Nur das Wasser war hier tiefblau und nicht smaragdgrün. Wie weit mochte es noch sein? Nirgends konnte er ein Lebewesen entdecken. Peppino nahm das Amulett wieder und wieder in seine Pfote, aber nichts tat sich. Endlich am dritten Tag färbte sich die Bärenkralle rot, aber was bedeutete das? Um ihn herum konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Erschrocken dachte er an Pippa, sein Kopf wiegte hin und her und er hoffte, es war ihr nichts Schlimmes zugestoßen.
Nun stand er am Ufer eines Sees. Er nahm sich einen Baumstumpf und einen Ast und seine Flügel flatterten wie kleine Propeller. So überquerte er das tiefblaue Wasser. Drüben fiel er erschöpft ins Gras, als das Amulett einen heißen Strahl auf seine Brust schickte. Erschrocken sah er, die Kralle des Raben glühte rot. Er sprang auf. Er musste sich beeilen, sonst kam er zu spät! Plötzlich erschien ein heller Lichtstrahl, der ihm den Weg durch den dichten Nadelwald vorweg wies.

Pippa meinte fast ihr Herz würde stehen bleiben, denn auch sie war trächtig und die schlagartige Verwandlung der kleinen Wesen machte ihr unsägliche Angst. Mittlerweile wurden sie mit ihren Müttern in einer Felsenhöhle bewacht. Ihre kleinen Gesichtchen hatten den weichen Pelz verloren und sahen erschreckend glatt aus, wie die überlieferten Malereien von Menschen. Auch vom restlichen Körper fiel nach und nach der Flaum ab. Sie zogen hässliche Fratzen und bei Wutausbrüchen schossen kleine Flämmchen aus ihren Mündern. Nur wenn sie schliefen sahen sie überaus friedlich und sanft aus. Pippa und Tato ahnten, welches Schicksal ihnen bevorstand. „Bei allen Göttern, ob dies mit dem großen Unheil zu tun hat, vor dem die Alten immer gewarnt haben?“ Voller Angst lag Pippa schluchzend in seinen Klauen und ihre kleinen Flügel hingen traurig herunter. Tato hielt sie fest umschlungen. Seine Drachenhaut färbte sich gelb vor Kummer. „Genaues haben sie uns nie erzählt, aber ich ahne wie du, dass dies mit dem großen Unheil zu tun haben muss. Hoffentlich kommt dein Bruder bald, um uns zu helfen.“
In diesem Augenblick leuchtete ein helles Licht aus dem dichten Nadelwald am Fuß der Felsen und eine Hybridengestalt taumelte erschöpft heraus. Mit einem Aufschrei stürzte Pippa dem Ankömmling entgegen, verhalten folgte Tato ihr.
Als Peppino den Nadelwald durchquert hatte, fiel er erschöpft ins Moos. Er war durstig, hungrig und konnte nicht mehr weiter. Er hoffte inständig, endlich am Ziel seiner Reise zu sein. Da sprach ihn eine sanfte, weinerliche Stimme an, die genau wie die seiner Schwester klang.
„Peppino, ach, mein lieber Bruder, bist du´s wirklich? Endlich sehe ich dich wieder!“ Ein Drachenhybride hielt ihm zögerlich lächelnd Obst und Wasser entgegen. Peppino schaute ihn misstrauisch an. „Sei ohne Furcht, ich tu dir nichts. Mein Name ist Tato. Auch mir liegt das Wohl deiner Schwester sehr am Herzen!“ Vorsichtig nahm Peppino das ihm dargebotene Mahl an. „Es ist in Ordnung, ich liebe Tato sehr und er glaubt an das Neue, wie wir. Aber, was ist das für ein Amulett um deinen Hals, Bruder? Es macht mir Angst!“ Pippa tastete nach Tatos Krallenhand. Er drückte sie aufmunternd und beschloss, Peppino alles bisher Geschehene zu erzählen. Dann sagte er traurig: „Schau dir nun unserer kleinen Nachkömmlinge an und du wirst erahnen, was das Schicksal verlangt.“ Verwirrt folgte Peppino den beiden zur Mutterhöhle. Voller Entsetzen wich er zurück, als er die zornigen Winzlinge sah. „Es ist noch schlimmer, mein armer Bruder,“ wandte sich Pippa zu ihm um. „Auch ich trage einen Winzling in mir!“ Peppino wollte sich wütend auf Tato stürzen, wie konnte er seiner Schwester so etwas antun! Abwehrend und blass hielt Tato seine Krallenhände vor sein Gesicht: „Halt, warte, ich konnte doch nicht ahnen..., auch erfahre ich es erst jetzt, dass sie...! Ich würde Pippa niemals etwas Böses antun! Oh ihr Götter, meine arme geliebte Pippa!“ Verzweiflung und Trauer erfüllten ihn. Peppino zwang sich ruhig zu bleiben. Er musste sie retten!
Als die rote Sonne sich schlafen legte, zog sich Peppino an den Waldrand zurück. Er schloss seine Augen und seine Gedanken riefen um Hilfe! Plötzlich blitzte es in seinem Kopf und vor seinem geistigen Auge erschien die Hexe Albina. Lächelnd und mitleidig schaute sie ihn an: „Du kennst jetzt nur den Anfang des großen Unheils. Hüte dich davor, ein falsches Urteil zu fällen! Aber bis morgen, bei Tagesanbruch musst du eine Entscheidung treffen, denn sonst ist es zu spät!“ Er wollte ihr noch so viele Fragen stellen, aber sie verschwand so blitzartig, wie sie erschienen war.
Am Morgen setzte er sich mit Tato und Pippa zusammen. „Bald können wir die Winzlinge nicht mehr in der Mutterhöhle halten, sie flattern schon unruhig umher und ihr Feuer wird bald das Lärchenholzgitter am Eingang zerstören! Keiner von uns wird vor ihnen sicher sein, sie haben bereits ihre eigenen Mütter schwer verletzt. Zwei sind bereits tot!“ Voller Entsetzen schaute Pippa die beiden an: „Gibt es denn keine andere Lösung? Was ist mit den Ungeborenen und mit den anderen Müttern?“ Bei jeder Frage zitterte sie immer heftiger und die beiden Männchen konnten sie kaum noch beruhigen. Peppino und Tato schauten sich schweigend an und nickten sich zu. Sie mischten Pippa eine Schlaffrucht unter ihr Obst. Sie merkte nichts und fiel kurz darauf ohnmächtig um. Sie trugen sie vor die große Mutterhöhle. Beide waren sich einig, das Amulett Viatikum musste benutzt werden. Todesangst schnürte ihnen die Herzen zu und doch hatten sie eine klare Entscheidung zugunsten ihrer Völker getroffen. Sie riefen die restliche Gruppe zusammen vor die Mutterhöhle und taten, was getan werden musste!

Die Hexe Albina erschien am Abend und betrachtete das vollendete Werk. Silberne Tränen rannen aus ihren glutroten Augen. Die Zeit war also noch nicht reif gewesen, ihre Einsamkeit zu beenden. Sie musste noch einmal hundert Sonnen warten, bis Blau und Grün wieder wagen würden, aufeinander zu zugehen.
Nur Peppino und Tato waren übrig geblieben. Sie verschlossen trauernd die Höhle mit einem großen Stein, auf dem sie ihre Geschichte eingeritzt und gemalt hatten. Sie würden nun zu ihren Völkern zurückkehren und ihren Platz im Rat der Alten einnehmen, um eindringlich vor dem großen Unheil zu warnen.
Keiner von beiden sah die Hexe Albina, die unsichtbar alles beobachtete. Sie wartete, bis sich beide auf den Heimweg machten. Dann trat sie an den Felsen und legte ihre beiden schmalen Hände darauf.
Urplötzlich wuchs eine riesige Ranke aus dem Boden und bedeckte die Felswand. Dann hob sie ihre Hände zur roten Sonne und verwandelte sich in ihre wahre Gestalt. Ein elfengleiches, silbriges Wesen mit roten, seidigen Flügeln, dem Menschen sehr ähnlich, mit sanften, blaugrünen Augen und aus ihrem roten Mund wehte ein wolkig weißer Lufthauch, der zarte rote Blüten auf der Ranke sprießen ließ.
Mit einem wehmütigen Blick erhob sie sich in die Luft und entschwand in hellem Licht zurück in die gelbe Ebene.

Letzte Aktualisierung: 26.06.2006 - 23.09 Uhr
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