Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
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Juli 2003
Die Mäntel der Spirituali Fatum
von Barbara Penzki


Das Mädchen wurde in eine große Halle geführt und merkte im selben Augenblick, da es die Schwelle übertrat, dass es seine Kindheit und Jugend nun hinter sich ließ.
„Komm näher“, sprach eine weißhaarige Frau mit faltigem, gütigem Gesicht. Sie war in einen goldenen Umhang gehüllt und stand langsam von einem mächtigen, gläsernen, purpurfarbigen Thron auf, um dem Mädchen entgegenzugehen. Schüchtern trat Videra vor. In der Felsenhalle klang jeder ihrer Schritte wie der Takt, den das Leben schlug und sie wusste, dass sie mit diesem Takt in alle Zukunft untrennbar verbunden war. Es beunruhigte sie nicht, woher sie dieses Wissen nahm; es war einfach da und sie akzeptierte es. Die Alte nahm sie behutsam an die Hand und führte sie weiter durch die Halle, bis sie vor einem großen, golden schimmernden Spiegel stehen blieben. Der Takt des Lebens leitete sie dorthin, wo sie hin musste; es wäre nicht nötig gewesen, dass sie geführt wurde. Ohne dass die alte Frau etwas sagte, trat Videra noch einen Schritt vor und sah in den Spiegel. Das glänzende Abbild ihrer selbst nahm sie nur am Rande wahr; was wirklich wichtig war, erschien ihr in der Tiefe des Spiegels.
„Erkennst du deine Bestimmung?“, fragte die Alte mit erhabener Stimme und Videra drehte sich um, nahm die Hände der Alten, küsste sie und verbeugte sich. „Ich erkenne meine Bestimmung und ich akzeptiere sie, ehrwürdige Witan.“
„Ich habe nichts anderes von dir erwartet“, lächelte die alte Witan und strich sanft über Videras glänzendes Haar, das fast so purpurn schimmerte, wie der Thron, der alsbald der jungen Frau Platz sein würde. „Videra, die Sehende, du wirst das Geschlecht und die Aufgabe der Spirituali Fatum mit Stolz und Umsicht fortführen, so wie ich es getan habe und so wie meine Vorgängerinnen. Es ist nun so weit, dass ich diese Halle verlasse und dir in die Hände gebe, was deine Aufgabe erleichtern oder aber auch erschweren wird. Bedenke: Handle immer erst dann, wenn deine Hilfe wirklich benötigt wird und lege niemals deinen Umhang ab, wenn du im Menschenreich unterwegs bist! Die Rückkehr auf den Purpurthron ist dann nicht mehr möglich!“
Videras Herz klopfte laut bei diesen Worten und obwohl sie alles schon wusste, was Witan ihr sagte, so war es dennoch wichtig es zu hören. Die Bedeutung und die Wichtigkeit dieses Moments ließen die Spirituali Fatum manchmal die Gefahren vergessen, die mit ihrer Mission verbunden waren, aber Witan sah in Videra eine würdige Nachfolgerin, die sich dieser Dinge bewusst war. Videra sah zum hinteren Teil der Halle, wo der letzte wichtige Akt, bevor sie ihre Reise antreten konnte, geschehen würde: die Übergabe der Mäntel.
Witan ging vor, lautlos, so als hätte der Lebenstakt sie schon verlassen und mit jedem Schritt hin zu den drei gläsernen Tischen, auf denen die Mäntel lagen, verlor ihr Umhang das Gold und wurde so weiß wie ihr Haar. Und mit jedem lauten Schritt, den Videra machte, verwandelte sich ihr Umhang von Grau in funkelndes Gold.
Witan nahm vorsichtig das erste Gewand auf. Es war gewebt aus zartesten, perlmuttfarbenen Fasern. „Bedenke immer, mein Kind, dass du diese Mäntel hüten musst wie deinen Augapfel! Niemals darf dir einer von ihnen abhanden kommen!“ Videra nickte ehrfurchtsvoll. Sie lauschte weiter den Worten der Alten: „Dies ist der Mantel der Erkenntnis. Er verhilft dir, Menschen in Not, die keinen Ausweg mehr sehen, aber die die Hoffnung und den Mut noch nicht verloren haben, auf den rechten Pfad zu bringen, damit sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen.“ Sie legte das Gewand wieder auf den Tisch und schritt zum nächsten. „Dies ist der Mantel des Vergessens. Er hilft denjenigen, die verzweifelt sind, die alle Hoffnung verloren haben, ihr Elend zu vergessen und einen neuen Anfang zu finden.“ Sie legte auch diesen Umhang wieder ab, der aus feinsten, silbernen Maschen bestand und ging zum dritten Tisch. „Diesen Mantel musst du besonders vorsichtig einsetzen; es ist der Mantel des Schweigens. Er hilft nicht denen, die in Not sind und auch nicht den Verzweifelten; er ist für jene gedacht, die vergessen haben, dass sie mit ihren Worten und Taten andere ins Unglück stürzen können, aber du musst dir sicher sein, dass du einen solchen Menschen vor dir hast, sonst bist du diejenige, die das Unglück bringt, denn mit dem Mantel des Schweigens würdest du die falschen Menschen in die Abgeschiedenheit der irdischen Einsamkeit drängen, die Richtigen aber bringst du damit auf den Weg der Vernunft.“ Eindringlich sah Witan der jungen Frau in die Augen, während sie den Mantel, der aus winzigen, eisernen Ringen bestand, zurücklegte. Videra schauderte kurz ob der Bedeutung ihrer Mission. „Du musst die Gewänder den Menschen umlegen und du wirst es spüren, wenn der Mantel sein Werk vollbringt, aber hüte dich davor, selber in die Stoffe eingewickelt zu werden, dein Geist und deine Vernunft würden verwirrt werden!“ Die Alte nahm müde und erschöpft noch einmal Videras Hand. „Mein Kind, zögere nicht, Gutes zu tun, doch überlege wohl, bevor du eingreifst. Deine Mächte sind groß und dein Handeln ist weitreichend, sei dir dessen immer bewusst. – Nun muss ich fort, ich habe meine Aufgabe erfüllt.“
„Bitte, gestatte mir eine Frage, ehrwürdige Witan“, bat die junge Frau und die Alte nickte müde. „Warum kann ich nicht den Mantel der Erkenntnis statt den des Schweigens benutzen?“
„Weil die Menschen, die das Schweigen brauchen, nicht in Not sind, sondern voller Selbstherrlichkeit, Gier und Egoismus.“
Videra verstand, aber sie bangte darum, eines Tages den falschen Umhang zu wählen. Langsam trat sie von Tisch zu Tisch und nahm die einzelnen Gewänder in die Hände. Der Mantel der Erkenntnis knisterte zart bei der vorsichtigen Berührung und er war so leicht wie Federn; der Mantel des Vergessens floss wie Wasser durch ihre Hände und der Mantel des Schweigens umschloss schwer und fest ihre Finger.
Sie wollte noch etwas zum Abschied zu Witan sagen, aber als sie sich umdrehte, sah sie nur noch Witans weißen Umhang, wie er sachte auf den Boden glitt. Von der ehrwürdigen, alten Frau war nichts mehr zu sehen. Ein leiser Windhauch strich um ihr Gesicht, dann war auch dieser fort und sie war allein in der großen Halle.
Vorsichtig legte sie Witans Gewand über den Thron, legte die drei ihr anvertrauten Mäntel zusammen und verstaute sie in einem Kasten, der aus dem glattesten Silexgestein gefertigt war, dann setzte sie sich behutsam auf den purpurgläsernen Thron und sah mit festem Blick in die Zukunft. Helle Blitze und dunkle Schauer traten aus dem Spiegel hervor und bemächtigten sich ihrer. Sie ergriffen sie, erschütterten sie und trugen sie schließlich mitsamt dem Kasten mit sich fort.

Fortsetzung folgt.

© Barbara Penski




Letzte Aktualisierung: 26.06.2006 - 22.58 Uhr
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