Der himmelblaue Schmengeling
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August 2003
Brücke ins Ich
von Andreas Schröter


7.37 Uhr. Rita Hainbauer war spät dran heute. Normalerweise sollte sie den Kajalstift um allerspätestens 7.30 Uhr wieder im Schminktäschchen verstaut haben – und nicht sieben Minuten später. Jetzt nur nicht nachlässig werden. Es war ohnehin schon alles schlimm genug.
Immer noch vor dem Spiegel stehend zupfte sie sich ein letztes Mal ihre dunkelblonden Haare zurecht, bevor sie ihre Lederhandtasche nahm und eilig das Zimmer verließ. Draußen stieg ihr sofort der Geruch nach Kuhmist in die Nase. Ekelhaft. Was würde sie darum geben, ihn nicht mehr riechen zu müssen! Aber der Zustand war gottseidank nur vorübergehend. In drei bis vier Wochen spätestens würde eine ihrer vielen Bewerbungen Erfolg haben. Es konnte einfach nicht sein, dass jemand mit ihren Erfahrungen keinen neuen Job fand. Viele Boutiquen – und da war sie sich sicher – wollten eben keine 22-jährige Barbie-Puppe, sondern lieber eine reife Frau mit reichlich Erfahrung in der Modebranche. Also eine wie sie selbst, Rita Hainbauer. Zumal nirgends etwas von dieser unerquicklichen Sache bekannt ... Sie verscheuchte den Gedanken daran.
Während sie in ihren grünmetallicfarbenen BMW Z4 stieg, kam ihr Bruder Max aus dem Kuhstall und rief ihr grinsend zu: „Na Ritachen, heute wieder süße Spitzenunterhöschen verkaufen?“
„Es war ein Damenmodekonzern, du Blödmann, kein Sexshop.“
„Ach, nein?“
Dieses Scheusal. Rita wusste sofort, worauf er anspielte, aber es war schließlich ihr Fehler gewesen, einen Sexshop zu erwähnen. Dumm. Sie zog es daher vor, nicht zu antworten, obwohl sie ihm am liebsten hinterher geschrieen hätte, dass sie die verdammte Geschäftsführerin gewesen war und in dieser Funktion gar nichts mit den Kunden zu tun gehabt hatte, selbst wenn es dort Dessous gegeben hätte – was nicht der Fall war. Bademoden war das höchste der Gefühle. Aber wie sollte sie das ihrem unterbelichteten Bruder klarmachen? Der hatte es zwar geschafft, mit einer völlig degenerierten Landpomeranze vier Gören in die Welt zu setzen, aber ansonsten war ihm ihrer Meinung nach im Leben so gut wie gar nichts gelungen. Er war ja nicht mal von Mami und Papi losgekommen. Er wohnte seit 40 Jahren, also seit seiner Geburt, auf dem Hof in Schneizlreuth und würde wahrscheinlich in weiteren 40 Jahren genau dort sterben, der Dorftrottel.
Allein ihr schrecklicher Bruder mit seiner total verblödeten Familie waren für sie Grund genug, Single zu bleiben. Allein diese paar Wochen auf dem Bauernhof ihrer Eltern fraßen gehörig an ihren Nerven. Was würde sie den nicht mehr fernen Tag ihrer Abreise hier feiern. „Musst du die Kuhscheiße heute alleine wegmachen?“, rief sie ihrem Bruder etwas zu laut zu, „dem Schüler war das bestimmt zu ekelhaft. Was ich verstehen kann. Hat sich wohl vom Acker gemacht?“
Bei der Erwähnung des „Schülers“, eines 15-jährigen Jungen aus der Nachbarschaft, der sich seit einer Woche während der Sommerferien ein paar Euro auf dem Hof verdiente, erlosch das Grinsen auf Max Hainbauers Gesicht. Tonlos sagte er: „Der ist Zäune flicken oben am Bach.“
Fester als es nötig gewesen wäre, schlug Rita die Tür ihres Wagens zu, startete den Motor mit viel zu viel Gas und legte einen Kavalierstart hin, dass die Steine unter den Reifen wegspritzten. Sie ärgerte sich über die Erwähnung des Schülers. Denn natürlich hatte auch ihr Bruder von dieser albernen und völlig überzogenen Geschichte gehört, weswegen sie nicht mehr in Bad Reichenhall arbeitete. Und genau diese Geschichte war auch der Grund, warum sie für eine Weile auf dem Bauernhof ihrer Eltern untertauchen musste, bis sie irgendwo anders einen neuen Job gefunden hatte – so unangenehm das auch für sie war. Aber unangenehm waren auch die Gerüchte, denen sie in Bad Reichenhall ausgesetzt gewesen war und sicherlich immer noch wäre.
Wie jeden Tag würde sie heute die Bewerbungen, die sie am Tag zuvor fertiggestellt hatte, zur Post in Schneizlreuth bringen. Das meiste waren Blindbewerbungen, von denen sie sich nicht den allergrößten Erfolg versprach. Aber einige wenige bezogen sich auf konkrete Stellenausschreibungen – zum Beispiel für einen Job als Chefeinkäuferin in einer Haute-Couture-Boutique in München oder eine für eine ähnliche Stelle in Salzburg. Das wäre doch was! Dann hätte sie durch diese Sache sogar noch einen Karrieresprung gemacht. Sie musste grinsen, während sie den BMW auf der Landstraße ins Schneizlreuther Zentrum auf über 90 Stundenkilometer beschleunigte.
Apropos diese Sache – im Vorstellungsgespräch sollte sie vielleicht darum bitten, dass keine Schüler mehr als Praktikanten eingestellt würden. Ha! Wenn dieser verdammte Bengel doch bloß nicht die Badehosen hätte anprobieren wollen. Zumal es schließlich Bikini-Unterteile waren. Hatte der Junge eigentlich gar nicht mitbekommen, dass es ein Damenmodekonzern war? Oder wollte er sie provozieren? „Frau Hainbauer, schauen Sie mal, sehe ich in dieser besser aus oder in der von vorhin?“ Seine Brust und seine Beine hatten noch nicht diese raue, aufdringliche Männlichkeit, die sie an erwachsenen Männern zuweilen abstieß. Die Haut des Jungen war vollkommen haarlos und rein. Wer hätte widerstehen können, sie zu streicheln? Zumal das Anprobieren der Bikini-Höschen gar kein Ende nehmen wollte.
„Frau Hainbauer, schauen Sie noch einmal?“ Diesmal hatte er eine sehr knapp sitzende schwarze Hose gewählt – eine Art Tanga. Sein offenbar bereits weit entwickeltes Geschlecht wölbte sich ihr entgegen.
„Ich glaube“, sagte Rita Hainbauer, „dass sie dir eine Nummer zu klein ist.“ Und dann passierte etwas, das sie sich im Nachhinein nicht erklären konnte – außer mit der Tatsache, dass sich dieser kleine 14-jährige Adonis ihr seit mindestens einer halben Stunde in seiner ganzen Vollkommenheit präsentierte. „Vielleicht ist sie aber auch gar nicht zu klein“, brachte sie damals mit einem Krächzen hervor, als sie dem Jungen beinahe auf Tuchfühlung nahe gekommen war, „vielleicht muss das hier“ – und damit fuhren die Finger ihrer rechten Hand vorne unter den Gummizug der Hose – „nur etwas anders geordnet werden.“
Das war der Moment, in dem ihr Chef, der Inhaber des Konzern, den Raum betrat.
Alte Geschichten, dachte sie, während sie den Blinker setzte, um einen Trecker zu überholen. Sie sollte nicht mehr an die Vergangenheit denken. Bad Reichenhall war weit, und ihre Zukunft läge in München, Salzburg oder ganz woanders. Wenn sie doch nur dieses erbärmliche Schneizlreuth schon hinter sich gelassen hätte – mit ihrem degenerierten Bruder, ihren hinterwäldlerischen Eltern, dem ganzen Gestank und dem Schüler aus dem Dorf, der auf Aushilfskraft machte. Was hatte ihr Bruder gesagt? Er arbeitete an den Zäunen oben am Bach? Das war gefährlich. Wie konnte ihr Bruder so verantwortungslos sein, ihn allein dort hinaufzuschicken? Soviel sie wusste, befand sich eine altersschwache Vorkriegsbrücke in der Nähe, die nie jemand repariert oder abgerissen hatte, wie es richtig gewesen wäre. So ein Junge wäre bestimmt so leichtsinnig, sie aus purer Abenteuerlust zu betreten. Sie musste ihn warnen.
Etwa 100 Meter vor dem BMW tauchte der Feldweg auf, der direkt zur Brücke und den dahinterliegenden Zäunen führte, die die riesigen Ländereien ihrer Eltern begrenzten. Während sie den Wagen abbremste, stellte sich in ihrem Unterleib ein Kribbeln ein.
Rita Hainbauer fuhr den Feldweg bis zur Brücke hinauf, wo sie ihn abstellte und ausstieg. Der Boden bestand aus Geröll und Steinen, die halb eingegraben waren. Ihre Stöckelschuhe waren mit Sicherheit nicht ideal für diesen Untergrund. Der Zugang zur Brücke selbst war mit rotem Absperrband gesichert. Mehrere große Schilder wiesen darauf hin, dass das Betreten der Anlage strengstens verboten sei. Max hatte Rita erzählt, dass der Gemeinderat nun endlich den Abriss des altersschwachen Bauwerks genehmigt hatte. Denkmalschutzüberlegungen hatten dem lange entgegen gestanden. Die Brücke hatte einst den Weg über den Bach fortgesetzt, der an dieser Stelle ein mittelgroßer Wasserfall war, der sich mindestens 20 Meter in die Tiefe stürzte.
Rita stellte sich an den Rand der Brücke und versuchte, am anderen Ende den Schüler zu erspähen. Und tatsächlich entdeckte sie ihn bald vornübergebeugt an einem der Zaunpfähle. Er hatte sich das T-Shirt ausgezogen und arbeitete mit nacktem Oberkörper.
„Hallo, Junge!“
Der Schüler stutzte, richtete sich auf und blickte in alle Richtungen. Erst nachdem Rita ein zweites Mal gerufen hatte, sah er sie.
„Hallo, Junge, mein Wagen hat eine Panne“ – sie deutete auf den BMW - „kannst du mir kurz helfen?“. Sie musste laut schreien, um das Tosen des Baches zu übertönen.
„Tut mir Leid, Frau Hainbauer, aber man darf nicht über die Brücke. Ich habe ein Handy und kann Ihren Bruder anrufen.“
„Nein, nein“ – Rita Hainbauer winkte vehement ab – „du müsstest den Wagen nur kurz anschieben, glaube ich. Die Brücke hält dich schon ...“
„Nein“, rief der Junge und nestelte an seinem Gürtel, um das Handy zu lösen.
„Warte, ich beweise dir, dass die Brücke noch völlig in Ordnung ist.“ Sie stieg über das Absperrband und setzte ihren linken Stöckelschuh auf die wegen des spritzenden Baches feuchten und glitschigen Holzplanken.
Der Schüler aus Schneizlreuth vergaß den Zaun und rannte auf die Brücke zu. „Tun Sie das nicht, Frau Hainbauer, erst letzte Woche ist hier ein Reh abgestürzt.“
Rita sah, dass ein Teil der Planken am rechten Rand ausgebrochen war. Auch das Geländer fehlte an dieser Stelle. War dort wirklich ein Tier abgestürzt?
Dann blickte sie nach vorne auf den nackten Oberkörper des Jungen und dachte nicht mehr an verunglückte Rehe. Der Schüler hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Praktikanten in Bad Reichenhall. War das Vorsehung? Wollte irgendeine höhere Macht mit aller Gewalt, dass sie, Rita Hainbauer, etwas Freude am Leben hatte? Und sollte sie sich dagegen wehren? Durfte sie sich überhaupt dagegen wehren?
Nein! Nun würde sie endlich das vollenden, wobei sie der Chef gestört hatte. Sie kannte doch die dreckigen Phantasien solcher Jungs, die so scheinheilig taten. Wie jeder Jugendliche, so lag bestimmt auch dieser hier Abend für Abend in seinem Kinderbettchen und onanierte, bis sein Schwanz wund war, wobei er an Frauen wie sie, Rita Hainbauer, dachte. Dieses kleine Schweinchen. Ein entrücktes Lächeln bildete sich auf ihren Lippen, während sie immer schneller ein Bein vor das andere setzte.

Der 15-jährige Schüler Thomas Schachtlgruber gab später zu Protokoll, dass Rita Hainbauer trotz seiner eindringlichen Warnung die Brücke betreten habe. Als sie etwa auf der Mitte gewesen sei, sei eine der Planken gebrochen, worauf die Frau ausgerutscht und schreiend in die Tiefe gestürzt sei. Die Polizei konnte nie klären, warum die 42-jährige Frau versucht hatte, die Brücke zu überqueren. An ihrem Wagen konnten die Beamten keinen Fehler feststellen.

© Andreas Schröter 8/2003

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.08 Uhr
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