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August 2003
Und jetzt erst recht!
von Monique Lhoir


„Frau Hainbauer? Frau Hainbauer, können Sie mich hören?“ Rita versuchte, ihre Augenlider anzuheben. Es ging nicht, nur ein grelles Licht drang hindurch. Ob sie schon im Himmel ist? Sie fühlte sich unendlich leicht, wollte etwas fragen, aber ihre Zunge klebte pelzig am Gaumen.
„Schön, dass Sie wieder bei uns sind.“ Jemand sprach sanft auf sie ein, kühlte ihre Stirn. Ob es wohl ein Engel war?

* * *

Rita lag in ihrem Bett und stierte an die Decke. Seit gestern war sie wieder bei klarem Bewusstsein. Nachmittags war ihre Mutter zu Besuch gekommen. Nichts als Vorwürfe hatte sie mitgebracht. „Wie konntest du so etwas tun? - Hast du dabei auch an mich gedacht? -Egoistisch und undankbar bist du. – Mein ganzes Leben lang habe ich mich für dich abgerackert. Nicht einmal einen Mann kannst du mir auf den Hof bringen. – Und Enkelkinder habe ich auch keine. - Diese Schande. - Und dann so etwas. Was sollen denn die Leute im Dorf sagen? - Auf die Straße kann ich mich nicht mehr trauen.“

Rita hatte nur gequält die Augen geschlossen, kein Wort gesagt und gehofft, dass ihre Mutter schnell wieder verschwinden würde. Was wusste sie denn schon, was in ihr vorging?
Ja, ihre Mutter hatte auf eine gewisse Art und Weise Recht. Sie hatte ihr ganzes Leben lang im Kuhmist gestanden, gemelkt, die Felder bestellt und Heu gewendet. Ihr Gesicht war alt, grau und von tiefen Falten zerfurcht, obwohl sie erst sechzig war. Ihr Vater hatte von Anfang an gesoffen und seine Frau arbeiten lassen. Nein, so ein Leben wollte Rita nicht führen. Das hatte sie sich schon als Teenager geschworen. Und jetzt, mit ihren zweiundvierzig Jahren, erst recht nicht mehr.

Mit fünfundzwanzig war sie dann nach Bad Reichenhall gegangen, hatte mit Kurt Schneider, einem Jugendfreund, im Franchise-System ein Modegeschäft aufgebaut, Geld investiert und anschließend die Filiale geleitet. Kurt hatte aus dem Erlös ein weiteres Geschäft eröffnet und war als Geschäftsführer eingetragen. Zu dumm. Aber sie hatte ihm vertraut.

Nun lag sie grübelnd in den weißen Kissen des Krankenhausbettes. Beide Handgelenke waren verbunden. Schmerzen hatte sie keine. Oder empfand sie etwa keine mehr? Warum wollte sie sich überhaupt das Leben nehmen? Es war doch sonst nicht ihre Art, so schnell aufzugeben.

„Frau Hainbauer, Sie haben Besuch.“ Der Engel von vorgestern öffnete die Zimmertür. Rita schloss schnell die Augen und stellte sich tot. ‚Nicht schon wieder Mutter.’
„Rita, geht es dir gut?“ Jemand fasste vorsichtig nach ihrer Hand.
„Lina? Was machst du denn hier?“ Rita riss ihre Augen auf. „Ich dachte, du wärst in München?“
„Nein, ich bin seit einer Woche in Schneizlreuth und habe gehört, was du getan hast.“
„War wohl nicht gut, was?“ Rita blickte schuldbewusst erst ihre alte Schulfreundin und dann ihre Handgelenke an.
„Warum hast du das gemacht?“
„Kurzschlusshandlung! Ich war deprimiert, hatte zu viel getrunken und saß in Bad Reichenhall allein in meinem Appartement. Geregnet hat’s auch noch. Und Kurt, dieser Scheißkerl hat mir diese Zicke vor die Nase gesetzt. Fünfzehn Jahre jünger, keinerlei Erfahrung, aber dafür einen dicken Busen. Als ob man mit dieser Qualifikation Damenmode verkaufen könnte. Mit der kann man allenfalls einen Sexshop aufmachen.“
„Ich dachte immer, du wärst mit Kurt Schneider liiert gewesen?“
„Nein, in letzter Zeit nicht mehr. In unserer Jugend hatten wir mal eine Liaison. Ich hatte ihn für einen guten Freund gehalten, doch er hat nur abgezockt, weil er selbst nicht in der Lage war, einen Modesalon zu führen. Dummerweise ist er als Geschäftsführer eingetragen. Ich habe ihm vertraut und für fair gehalten. Und nun lässt er sich von dieser Mieze becircen und schmeißt alles über Bord. Ruiniert hat der Kerl mich. Nicht mal meine Einlagen will er jetzt ausbezahlen. Ich würde seine Existenz damit zerstören, sagt der feine Herr. Ha! Wessen Existenz ist denn nun zerstört? Jahre habe ich gebraucht, um diesen Laden aufzubauen und jetzt, wo das Geschäft gut läuft, schmeißt er mich wegen so einer Melkkuh raus.“
Rita ballte ihre Hand zu einer Faust und schlug auf die Bettdecke.
„Aua“, schrie sie.
„Hast du Schmerzen?“
„Scheint so“, lachte nun Rita. „Vorgestern habe ich noch geglaubt, ich wäre tot. Aber wie kommt es, dass du in Schneizlreuth bist?“

Nun war Lina dran, ihre Augenlider zu senken. „Ich bin ausgezogen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“
„Du hast dich von Stephan getrennt? Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ihr das einzige glückliche Ehepaar auf dieser Welt seid.“
„Schon lange nicht mehr. Seit Tobias ganz klein war, ist Stephan ständig fremdgegangen. Ich habe geschwiegen und alles erduldet, damit der Junge nicht unter unseren Streitigkeiten leiden musste. Aber nun ist er schon siebzehn und fast erwachsen. Ich habe ihn zu Tante Irmi und Onkel Heinrich auf den Hof nach Schneizlreuth gebracht. Er macht dort sein Praktikum. Landwirtschaftsökonom will er werden.“ Ein wenig Stolz schwang in Linas Stimme.
„Und was ist mit deinem Haus? Dein Vater hat es euch doch zur Hochzeit geschenkt.“
Lina zuckte mit den Schultern.
„Und wo wohnst du nun?“ Rita sah ihre alte Schulfreundin traurig an.
„Im Augenblick bei Valerie in München. Kennst du Valerie noch? Diese Verrückte aus der letzten Klasse?“
„Ist sie nicht nach Paris gegangen, hat Modedesign studiert und diesen Papagei von Franzosen geheiratet?“
„Ja, genau die. Sie hat sich scheiden lassen. Der Papagei hat ihr ein Kind gemacht und ist dann mit einem Model durchgebrannt.“
„Scheiße.“ Rita wurde nachdenklich. „Mann, und da schneide ich mir die Pulsadern wegen so einem Mistkerl wie dem Kurt auf.“
Die Schulfreundinnen schwiegen.
„Das sind doch alles Mistkerle. Wackelt irgendeine etwas besser mit dem Popo als die eigene Frau, geht diese Gattung sofort auf die Balz. Was macht Valerie jetzt in München?“, fragte Rita.
„Sie sucht einen neuen Job als Modedesignerin.“
„Und was wirst du machen?“
„Ich muss mir wohl oder übel auch einen neuen Job suchen.“ Lina wirkte deprimiert. „Nur habe ich leider nichts gelernt, sondern gleich nach der Schule geheiratet. Und was wirst du nun machen?“
Rita dachte nach und grinste schief. „Ich muss mir wohl auch einen neuen Job suchen.“
„Willkommen im Club.“ Nun musste auch Lina lachen.

* * *

Vierzehn Tage später fuhr Rita nach München. Die Narben an den Handgelenken waren verheilt und wurden nur noch durch ein kleines Pflaster verdeckt. Sie hatte sich mit Lina und Valerie im Café Roma in der Maximilianstraße verabredet.
Als sie es betrat, winkte Lina ihr zu. Sie hatte sich in den letzten vierzehn Tagen vorteilhaft verändert. Ihre langen, blonden Haare waren zu einer Lockenfrisur hochgesteckt. Der enge Mini-Rock umspielte vorteilhaft ihre schlanke Beine, die wiederum in hohen Pumps steckten.

Valerie erkannte sie nicht sofort. Rita hatte sie seit dem letzten Schultag vor vierundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Sie trug eine kurze, rotgefärbte Lockenfrisur. Der Pony fiel ihr keck ins Gesicht. Die großen, dunklen Augen waren schwarz umrandet. Rita fühlte sich fast wie vom Lande. Ihre langen, dunklen Haare hatte sie zu einem dicken Nackenzopf geflochten, der nun lustig bei jedem Schritt hin und her wippte und auf ihrem Po zu tanzen schien.

Die Schulfreundinnen begrüßten sich. Zur Feier des Tages bestellten sie eine Flasche Champagner und stießen an. Auch eine zweite Flasche war schnell geordert und übermütiges Gelächter echote durch das Café.
„Und was treibst du so?“, fragte Valerie.
„Ich suche einen Job“, erwiderte Rita. „Und du?“
Valerie kicherte. „Ich suche auch einen Job. Philippe hat mich verlassen und ist mit einem Model durchgebrannt, dieser Vollidiot. Und die Verträge meines Designerateliers laufen auch noch auf seinem Namen. Jetzt kann ich zusehen, wie ich die Verträge umgeschrieben bekomme. - Prost.“
„Scheiß auf die Männer.“ Rita lachte und bestellte die dritte Flasche Champagner. „Und ich wollte mir wegen so einem Exemplar das Leben nehmen.“
Doch Lina blieb stumm.
„Und du?“, fragte Rita.
„Ich kann ja nichts.“ Lina blickte auf ihre Hände. „Ich habe mein ganzes Leben lang nichts anderes getan, als Windel gewechselt, stinkende Socken sortiert und schmutzige Unterhosen gewaschen, geputzt, gebügelt und gekocht. Was soll ich denn schon tun?“
„Es deinem Stephan zeigen!“, kam es gleichzeitig aus Valeries und Ritas Mund.
„Was denn?“
„Dass du besser mit dem Popo wackeln kannst, als seine Neue, und noch einiges mehr dazu.“

Valerie zündete sich eine Zigarette an und wurde melancholisch. „Wisst ihr noch, als wir damals dem Mayers Peter sein Fenster zugemauert haben? Der Typ hatte alles angemacht, was nicht niet- und nagelfest war und in der Schule damit rumgeprahlt, wen er alles schon gehabt hatte. Dem haben wir es aber gezeigt. Und dann hat er mit dem Willy eine Schlägerei angefangen, weil er dachte, der wäre es gewesen. Ach, was war das für ein Spaß.“

„Ja, und als der Hubert Valerie aufs Kreuz legen wollte, haben wir ihm die Hose zugenäht, die er in der Diele hat liegen lassen. Und dann musste er in seiner Unterwäsche quer durch Schneizlreuth. Der hat uns nie wieder angemacht.“ Nun kicherte auch Lina.

„Ach Mädels, wo ist denn nur unser Schneid geblieben? Früher haben wir uns doch nicht so schnell ins Bockshorn jagen lassen. Haben wir denn das wirklich nötig?“ Valerie zog an ihrer Zigarette.
„Haben wir das nötig?“ Nun fragte auch Rita.
„Haben wir das etwa nicht nötig?“, fragte Lina etwas skeptischer.

„Nein, haben wir nicht.“ Rita stand etwas schwankend auf. „Mädels, ich habe eine Idee. Ich glaube, wir sind das perfekte Team. Wir werden es den Männern zeigen. Aber – müssen wir das überhaupt? Nein, selbst ist die Frau! Wozu brauchen wir einen Mann? Denn was „man“ nicht schafft, schafft „frau“ allemal.“

* * *

Rita hatte in den nächsten Wochen viel zu tun. Das Ladenlokal neben ihrer ehemaligen Modefiliale in Bad Reichenhall war frei. Sie mietete es an und begann zu renovieren, kontaktierte ihre ehemaligen Geschäftskunden, machte Messetermine, versandte Einladungen, orderte die ortsansässige Presse und lud zum Eröffnungsempfang ein.
Valerie zeichnete unermüdlich ein Modell nach dem anderen und ließ die Kleidungsstücke in einem Münchener Atelier anfertigen.
Lina besuchte Crash-Kurse, lernte Verkaufsstrategie.

Und dann war es endlich soweit. Der Tag der Wahrheit. Die Schulfreundinnen trafen sich zur Eröffnungsfeier in ihrem neuen Laden.
„Alles klar?“, fragte Rita.
„Alles klar“, sagte Lina.
„Auch alles klar“, erwiderte Valerie und verschwand wieder in der Garderobe, um die letzten Vorbereitungen für die Modenschau zu treffen.

Die ersten Gäste waren schon eingetroffen.
„Sag mal, ist das dort hinten nicht Valeries französischer Papagei?“, fragte Lina.
„Klar.“ Rita nahm einen Schluck aus ihrem Sektglas. „Ich habe seine neue Mieze engagiert. Die führt heute Valeries neuesten Modelle vor.“ In Ritas Wangen bildeten sich kleine Grübchen.
„Waaaas hast du gemacht?“
„Für Valerie ein passendes Model engagiert. Hast sie sich doch wohl verdient, oder?“
„Wie hast du das denn gemacht?“
„Ich habe eine gute Gage ausgehandelt. Und da Valeries Papagei ziemlich Geldgeil ist, hat er auch noch eingewilligt.“
„Shit“, fluchte plötzlich Lina und versteckte sich hinter Rita. „Da ist ja auch Stephan mit seiner Neuen.“
„Ja, die habe ich auch eingeladen. Sie bekommt fünfzig Prozent Rabatt auf alles, was er ihr heute kauft.“
„Bist du verrückt? Das können wir uns doch gar nicht leisten. Wir müssen doch den Kredit noch abbezahlen.“
„Da schau nur, der Kurt Schneider mit seiner Melkkuh ist gerade eingetroffen. Mein Gott, der quillt ja schon das Euter aus dem Dirndl.“
„Hast du den etwa auch eingeladen?“
„Musste ich doch. Er ist doch unser direkter Nachbar und Konkurrent. Und soll er etwa denken, ich wäre sauer?“
Valerie kam aus der Garderobe. Am Handgelenkt baumelte noch der Stecknadelballen.

„Fertig.“ Sie schnaufte durch. Dann betrachtete sie die anwesenden Gäste: „Ein bisschen dumm schauen sie ja doch drein, unsere Verflossenen“, meinte sie und winkte fröhlich ihrem französischen Papageien zu.

„Jau.“ Rita grinste listig. “Und was glaubt ihr, wie dumm sie erst morgen dreinschauen werden, wenn sie ihre Klagen im Postenkasten haben und feststellen, dass sie nicht nur diese Party hier, die Gage für unser Model, und die fünfzig Prozent für Stephans neue Mieze finanzieren müssen, sondern auch noch unseren ganzen Laden.“

Rita, Valerie und Lina traten mit einem liebenswürdigen Lächeln hinaus und begrüßten ihre Gäste. Der Bürgermeister hielt eine kurze Ansprache und die Bad Reichenhaller Kurgäste betrachteten interessiert die extravaganten Modelle im Schaufenster.
„Meine Damen, lüften Sie denn nun endlich ihr Geheimnis und nennen uns den Namen Ihres Geschäftes?“ Der Reporter der Bad Reichenhaller Zeitung zückte seine Kamera.

Gleichzeitig entfernten Rita und Valerie mit einem Ruck die Stoffverhüllung und ein imposantes Namensschild kam zum Vorschein:

„RiVaLin – exclusive Mode für die selbstbewusste Frau von heute“


© Monique Lhoir





Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.34 Uhr
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