Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breiten├Âder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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August 2003
Bauernhofmorde
von Josef Th. Thanner


┬╗Was wissen wir ├╝ber sie?┬ź, fragt Burger.
Ich sch├╝ttle den Kopf. ┬╗Das ├ťbliche.┬ź Hainbauer ist in den letzten Stunden in den Mittelpunkt unserer ├ťberlegungen ger├╝ckt. Nun ist es an mir, Fakten ├╝ber sie auszugraben, bevor wir weitere Schritte einleiten.
┬╗Nun machen Sie schon┬ź, dr├Ąngt Burger.
Ein kurzer Blick in die Akte, die mein Kumpel Otto vom Einwohnermeldeamt, mit dem ich schon einige Male zusammen gearbeitet hatte, mir zusammen gestellt hat, bringt einiges ans Licht.
┬╗Rita Luise Hainbauer ist┬ź, verk├╝nde ich gro├čspurig, ┬╗42 Jahre alt und war bis vor einem Monat in Bad Reichenhall als Gesch├Ąftsf├╝hrerin t├Ątig. Ciozzi-Filiale, internationaler Damenmodekonzern. Seit sie arbeitslos ist, wohnt sie auf dem elterlichen Hof in Schneizlreuth.┬ź
┬╗Schneizlreuth?┬ź
┬╗Sieben Kilometer bis zur ├Âsterreichischen Grenze.┬ź
┬╗Ganz nahe an der geplanten Wintersporttrasse. Mit dem Auto ist sie in sieben Minuten ├╝ber die Grenze. Brandgef├Ąhrlich, Thanner. Und auch der Zeitpunkt passt: Gerade als sie arbeitslos wird, beginnen die Morde.┬ź
┬╗Sie meinen, Morde aus Langeweile, Chef?┬ź
Burger sch├╝ttelt den Kopf. ┬╗Da steckt nat├╝rlich mehr dahinter. Jedenfalls hat sie jetzt, als Arbeitslose, gen├╝gend Zeit.┬ź
┬╗Aber das T├Ąterprofil?┬ź, gebe ich zu bedenken.
┬╗Sie wollen die Sache immer absolut wasserdicht haben, was, Thanner┬ź, sagt Burger.
┬╗Nur, wenn es sich nicht vermeiden l├Ąsst, Chef.┬ź
┬╗Ich sage Ihnen: Gar nichts ist absolut wasserdicht! Wir hatten hier erst einmal in meiner Laufbahn einen ├Ąhnlich gelagerten Fall, ein Teenager, der alte Omis ausraubte und umbrachte, und immer schloss er die Wohnungst├╝ren ab. Was die Profiler daraus lasen, war haneb├╝chen.┬ź
┬╗Sie haben ihn erwischt, Chef?┬ź
┬╗Nat├╝rlich.┬ź
Wie habe ich nur fragen k├Ânnen? KHK Burger bekam sie alle.
Ich nehme den abgegriffenen roten Schnellhefter, dessen Inhalt wir in den letzten Wochen wohl tausend Mal studiert und immer wieder erg├Ąnzt haben, nochmals zur Hand. ┬╗Dem T├Ąter wird ein hohes Ma├č an krimineller Energie bescheinigt.┬ź
┬╗Oder der T├Ąterin.┬ź
┬╗Oder der T├Ąterin.┬ź
┬╗Eine Frau mordet mit einer Pistole genauso leicht wie ein Mann, Thanner.┬ź
┬╗Ja, aber Serienmorde werden nur zu Null Komma Null Zwei Prozent von Frauen ver├╝bt.┬ź
┬╗Das will aber nicht hei├čen, dass es diesmal nicht so sein kann.┬ź
┬╗Nein, nat├╝rlich nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit ist...┬ź
┬╗Wahrscheinlichkeit, Wahrscheinlichkeit! H├Âren Sie mir auf mit Wahrscheinlichkeiten, Thanner. Wahrscheinlich geht die Welt bald unter. Aber nur wahrscheinlich.┬ź
┬╗Die verwendete Waffe war nicht gerade eine typische Frauenpistole. Kaliber 6.3 liegt ziemlich schwer in der Hand.┬ź
┬╗Hainbauer war im Sch├╝tzenverein Bad Reichenhall.┬ź
┬╗Ach?┬ź
┬╗Was hei├čt hier ÔÇ║Ach?ÔÇ╣?┬ź
┬╗Mich wundert nur, woher Sie das wissen, Chef.┬ź
┬╗Ach┬ź, ├Ąfft er mich nach. ┬╗Garnirgendwoher. Aber ich wette, wenn Sie heute Nachmittag zum Sch├╝tzenverein rausfahren, werden Sie darauf sto├čen, dass sie Mitglied war. Und dass sie just ausgetreten ist, als sie nach Schneizelreut auf den Hof ihrer Eltern zog.┬ź
┬╗Ich werde das pr├╝fen. Und wenn sie das nicht ist?┬ź
┬╗Ein paar Unebenheiten, na und?┬ź Burger geht zur Kaffeemaschine hin├╝ber und schenkt sich nach. ┬╗Diese Profiler sind auch nur Menschen, keine Hellseher. Ich sage: Sie war es.┬ź
Ich wiege schwer meinen Kopf.
┬╗H├Âren Sie, Thanner, die Sache ist ganz einfach. Alle Toten hatten mit der Planung und dem Bau der neuen Wintersporttrasse zu tun. Und diese f├╝hrt ganz genau an dem Bauernhof Hainbauer vorbei. Der Vater jammert... alles f├╝r die Katz... Hof aufgeben... gebuckelt f├╝r nichts... Was sagen die Nachbarn... die Mutter bekommt einen Herzschlag. Just in diesem Moment wird die Tochter arbeitslos. Sie hat jetzt die Zeit, sich um die Sache zu k├╝mmern.┬ź
┬╗Halten Sie sie f├╝r so j├Ąhzornig?┬ź
┬╗J├Ąhzornig, j├Ąhzornig. Ich halte sie f├╝r kaltbl├╝tig. Sehen Sie sich die vielen falschen Spuren an, die sie gelegt hat.┬ź
Jetzt gehe ich zur Kaffeemaschine r├╝ber. Burger hat die Kanne leergeschenkt, ohne neuen aufzusetzen. Das tut er immer. Ich greife nach dem Kaffeepulver und f├╝lle auf.
┬╗Nun gut, wir sollten nochmals die Zeiten checken, an denen die Morde geschahen, und was Hainbauer jeweils tat.┬ź
┬╗Das kann sie uns pers├Ânlich sagen. Wir holen sie uns gleich.┬ź
┬╗Ohne Haftbefehl und hinreichenden Verdacht?┬ź
┬╗Mann, wir haben einen Verdacht! Und sieben Minuten bis zur Grenze, vergessen Sie das nicht! Fluchtgefahr. Das bekommen wir schon hin.┬ź
Nat├╝rlich w├╝rden wir sie auch in ├ľsterreich bekommen, aber mit viel mehr Aufwand.
Ich stelle die Kaffeeb├╝chse zur├╝ck und gehe an den Magnetboard. Alle f├╝nf Morde sind hier auf zwei Meter f├╝nfzig aufgemalt, jeder hat etwa f├╝nfzig Zentimeter Platz einger├Ąumt bekommen, mit Fotos der Leichen unter den jeweiligen Namen. Ich hatte alle Zusammenh├Ąnge aufgeschrieben und mit roten und schwarzen Pfeilen kenntlich gemacht.
Peter Forcher, der erste Tote. Forcher ist der Geldgeber des Projekts. Das neue Wintersportgebiet soll mehrere Abfahrts- und Langlaufstrecken beinhalten sowie eine Eislaufbahn. Die Eislaufbahn ist nicht das Problem. Die Strecken sind es. Sie bereiten den Anwohnern Kummer. Mit Forchers Geldern finanziert und vom Staat subventioniert. ÔÇ║Aufwertung der Region als Kur- und WintersportortÔÇ╣, nennt sich das. ÔÇ║Der Totengr├Ąber der BauernschaftÔÇ╣ wird Forcher von den Einheimischen genannt. Er war am 19. September in seinem Wohnzimmer erschossen aufgefunden worden.
Beate Heuer, die zweite Tote. Erschossen, als sie am 29. September abends vom Tanken nach Hause kam. Sie war die Stadtr├Ątin, die den Verlauf der Trasse zementiert hatte. Sie k├Ânnte als direkte Verursacherin der Hainbauerschen Probleme bezeichnet werden. Ein alternativer Streckenverlauf war auf Betreiben von Heuer verworfen worden.
Gruber und Haller ÔÇô die Nummern drei und vier. Zwei Bauern, die freim├╝tig verkauft hatten, sich durch den Verkauf sanierten und damit in der ├ľffentlichkeit protzten. Beide erschossen im Oktober.
J├╝rgen Fischer ist der f├╝nfte auf der Liste. Er war der Architekt, der zwei Pl├Ąne f├╝r den Verlauf der Strecken eingereicht hatte. Erschossen am 2. November in seinem B├╝ro, als er sp├Ątabends noch gearbeitet hatte.
Meine roten Pfeile markieren die Gemeinsamkeit: Alle Projektile das gleiche Kaliber.
Burger klopfte mit dem Kugelschreiber auf den Schreibtisch.
┬╗Alle Planer der Strecken nahmen in Kauf, dass die betroffenen Bauernh├Âfe ins Gras bei├čen. Sie kennen doch die Bauern, Thanner. Sture Dicksch├Ądel, die lieber sterben, als freiwillig etwas f├╝r den Fortschritt der restlichen Welt zu tun. Das hat etwas von Cowboymentalit├Ąt an sich.┬ź
Er starrt eine ganze Weile vor sich hin, w├Ąhrend ich die Kaffeemaschine auff├╝lle.
Wir haben die ganze Nacht hindurch gearbeitet und gar nicht bemerkt, dass es drau├čen wieder hell geworden ist. Wir ern├Ąhren uns seit einiger Zeit nur noch vom Kaffee. Meine Magenverstimmung kommt daher. Die Kollegen, die mit uns die SOKO bilden, haben sich gegen halb vier hingelegt. Wir beide haben als einzige die Stellung gehalten.
Burger gibt sich einen Ruck und steht auf. ┬╗Na gut, gehen wir sie holen.┬ź
Ich nehme den Autoschl├╝ssel, trete dann an nochmals den Schreibtisch zur├╝ck.
┬╗Lassen Sie sie schlafen┬ź, sagt Burger, als ich den Telefonh├Ârer abnehme. ┬╗Wir schaffen das allein. Sie ist nur eine Frau.┬ź
┬╗Aber wenn sie diese f├╝nf Leute umgebracht hat, w├╝rde ich sie nicht als ungef├Ąhrlich bezeichnen, Chef.┬ź
┬╗Ich sagte, wir schaffen das allein.┬ź
Ich lege den H├Ârer auf und nehme den Mantel vom Haken. Burger ist schon aus dem B├╝ro gest├╝rmt.
Wir hasten durchs Treppenhaus. Burger ist wie elektrisiert. Die Glasw├Ąnde werfen seine lauten Worte zur├╝ck. Unsere Schritte hallen, als wir nach unten trampeln.
┬╗Wir haben noch nicht alles gepr├╝ft, Chef┬ź, schreie ich hinter ihm her.
┬╗Fluchtgefahr, mehr brauche ich doch nicht zu sagen, was?┬ź
┬╗Glauben Sie, sie ahnt, dass wir hinter ihr her sind?┬ź
┬╗Wei├č ichÔÇÖs?┬ź
┬╗Vielleicht hat der Konzern, bei dem sie arbeitete, etwas mit der Sache zu tun? Wir sollten das auf jeden Fall noch abklopfen, Chef.┬ź
┬╗Das k├Ânnen Sie ja machen, Thanner. Sp├Ąter. Zuerst holen wir uns die Gute aufs Revier. Und w├Ąhrend ich mich mit ihr unterhalte, k├Ânnen Sie noch ein wenig hier, ein wenig dort herumstochern.┬ź
Ich renne hinter ihm her ├╝ber den Hof zum Auto. Wie immer fahre ich. Als der Motor startet, wird mir bewusst, wie schlecht das Wetter ist. Ich bet├Ątige den Scheibenwischer. Der Morgen ist neblig, und man sieht keine zweihundert Meter weit.
Wir fahren kaum eine halbe Stunde, und ich k├Ąmpfe gegen den Schlaf. Ist keine gute Idee, eine Verd├Ąchtige abzuholen und sie dann vor lauter M├╝digkeit nicht verh├Âren zu k├Ânnen. Aber Burger will sie unbedingt im Kasten haben, bevor die Kollegen der SOKO wieder auf der Matte stehen.
Ich stelle den Passat unter einen Baum, von dessen nassen ├ästen Tropfen herunterregnen. Der Hainbauerhof liegt vor uns im feuchten Fr├╝hnebel. In der dicken Suppe hat vielleicht niemand den Motorenl├Ąrm geh├Ârt. Wir haben gute Chancen, Hainbauer zu ├╝berraschen.
Bevor wir aussteigen, legt Burger seine Hand auf meinen Arm.
┬╗Ich m├Âchte ein Gest├Ąndnis von ihr, haben Sie verstanden?┬ź
┬╗Ja┬ź, nicke ich. ┬╗Kein Problem. Wir reden ihr zu, und sie wird alles gestehen...┬ź
┬╗Quatsch. Machen Sie nur keine Fehler, Thanner!┬ź
┬╗Nein. Schon gut.┬ź
Wir steigen aus und gehen durch das nasse Gras. Der Hof macht einen heruntergekommenen Eindruck, ist aber sehr aufger├Ąumt, so als ob dort niemand mehr arbeitete. Hat der alte Hainbauer sein Milchvieh verkauft? Oder ist es auf der Weide, und er und seine Tochter sind beim Melken? Oder haben sie die Tiere in den Stall getrieben?
Ich ertappe mich einen Moment lang bei dem Gedanken, dass ich mir w├╝nschte, Rita Hainbauer sei nicht zuhause. Vielleicht nur, um Burger den Spa├č zu verderben.
Er ist vor mir an der T├╝r und dr├╝ckt einfach die Klinke. Die T├╝r springt auf. Bauern schlie├čen T├╝ren selten ab. Damit ├Âffnen sie Polizisten im ├ťberraschungszugriff T├╝r und Tor. Und M├Ârdern.
Die Tote hat einen Einschuss in der Brust, der leicht von einer 6.3 Kaliber Pistole herr├╝hren kann. Es liegt keine Pistole herum.
┬╗Kein Selbstmord┬ź, sage ich.
Burger kniet vor die Tote und betrachtet ihr Gesicht genau. Es ist eigentlich ein h├╝bsches Gesicht, ein bisschen energisch vielleicht, aber das muss man wohl als Gesch├Ąftsf├╝hrerin einer Damenmodenfiliale sein. Einige Pusteln auf der Wange. Sie riecht nach Zigarettenrauch. Nein, an ihr ist kein Stallgeruch.
┬╗Wir waren auf der falschen F├Ąhrte, Thanner┬ź, sagt mein Chef.
┬╗Ich rufe die Spurensicherung an┬ź, sage ich und gehe zum Wagen zur├╝ck.



┬ę J. Th. Thanner

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.50 Uhr
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