Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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August 2003
Unsichtbar
von Renate Hupfeld


Ein kleiner Mann mit geschlossenen Augen steht ihr in der Lichtschleuse gegenüber.
„Ich bin Stefan.“
Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
„Hak dich bei mir ein. Ich führe dich an deinen Platz.“
Dann wird es stockdunkel.
Er öffnet eine Tür und sie gehen in einen Raum. So finster, dass man nicht die Hand vor den Augen sieht.
Ritas Herz klopft bis zum Hals.
„Ich schaff es nicht.“
„Das geht schon. Du gewöhnst dich an die Dunkelheit.“
Ein Stück weit gehen sie hinein in die schwarze Höhle. Gitarrenmusik und Stimmen, die richtig heiter klingen.
„So, jetzt vorsichtig. Hier ist ein Stuhl.“
Ritas Hände suchen die Lehne. Als sie kühles, glattes Holz berührt, zuckt sie zurück. Stefan schiebt den Stuhl hinter sie.
„Setz dich ... und rücke heran.“
Rita zögert erst. Dann sitzt sie endlich.
„Taste auf dem Tisch. Links ist die Gabel, rechts das Messer und auf zwölf Uhr die Löffel.“
Mit den Fingern fährt sie über die Tischplatte und befühlt die Teile.
„Ja, ich habe die Löffel.“ Sie stellt sich vor, sie hätten blaue Griffe.
„Dahinter stelle ich nachher dein Getränk. Ich bin immer in deiner Nähe.“
In der Nähe? Wo ist er? Stefan wird sie doch hier nicht allein lassen! Sie fühlt sich gefangen auf ihrem Stuhl.

Da stößt sie mit dem Fuß gegen etwas.
„Ist da wer?“ Ihre Worte schweben in der Dunkelheit.
„Ja, der Udo.“ Eine angenehme Männerstimme.
„Ich hatte mir die Dunkelheit nicht so vorgestellt, nicht so rabenschwarz.“
Sein Lachen wirbelt durch den Raum.
„Am liebsten wäre ich wieder rausgelaufen.“

„Achtung! Hier kommt der Barbera auf zwölf Uhr für die Dame und grauer Burgunder für den Herrn.“
Ein Hauch von Stefan, dann ist er schon wieder weg.
Rita tastet am Besteck entlang und greift das Weinglas.
„Sollen wir anstoßen?“
„Klar, das geht auch hier.“
Sie bewegen ihre Gläser lange in der Finsternis, so lange, bis ein leichtes Klingen zu hören ist.
„Ich heiße Rita.“
„Auf dein Wohl, Rita.“
„Ja, danke ... Wie gut der Barbera hier schmeckt, dunkelrot.“
„Man vergisst, dass man nichts sieht.“
„Langsam fühle ich mich besser.“
„Du bist hierher gekommen, obwohl du soviel Angst hattest.“
„Wusste ich das vorher? Mir ist heute ein Faltblatt in die Hände gekommen. Ein Erlebnis der besonderen Art wird da versprochen. Schmecken, riechen, fühlen, hören. Ich wollte mal erfahren, wie das ist, wenn man nichts sieht.“
„Und schon bist du hier im Dunkelrestaurant.“
„Ja, ich hab angerufen. Die Frau am Telefon meinte, sie könnte mich an einen Dreiertisch dazusetzen.“
„Ich wette, du kommst aus Bayern.“
„Hört man gleich, was? In Schneizlreuth bin ich die Hainbauers Rita.“
„Schneizlreuth?“
„Ein Dorf in der Nähe von Bad Reichenhall.“
„Und was macht Hainbauers Rita aus Schneizlreuth so ganz allein in Köln?“
„Morgen hat sie ein Gespräch wegen einer Stelle als Filialleiterin in einem Fashionshop auf der Hohe Straße.“
„Ach, du suchst einen Job in der Modebranche. Das trifft sich gut. Ich bin oft geschäftlich in Köln und hab hier viel mit Leuten aus der Branche zu tun.“

„Herr Dettner, wollen sie auf ihre Bekannten warten oder schon mit dem Essen beginnen?“
„Ich muss nicht warten, Stefan. Ich kann mit der Dame zusammen essen. Wenn dir das Recht ist, Rita.“
„Ich hab nichts dagegen. Aber wo bleiben denn deine Bekannten?“
„Weiß ich auch nicht, ich hätte sie noch mal anrufen sollen.“

Es ist unglaublich, wie die Wörter in der Dunkelwelt hin und her fliegen. Mode, Duftessenzen, Wein, Strände am Mittelmeer und Wanderwege in den Alpen. Zwischendurch kommt immer wieder Stefan. Er bringt Teller mit Artischocken, geviertelten Tomaten, Zucchini und kleinen Pellkartoffeln. Lachs für Rita und Lammfilet für Udo. Kuchen und Obst zum Dessert. Das Besteck benutzen sie kaum. Alles wird mit den Fingern in den Mund geschoben. Reden, lachen, tasten, essen.

‚Hat was Sinnliches, das Essen von Speisen in einem schwarzen Raum mit einem unsichtbaren Menschen. Es läuft alles ganz gut und ich muss dabei gar nicht auf mein Outfit achten’, denkt Rita und lehnt sich entspannt zurück.

„Stefan, bring uns noch Sekt. Das feine Mahl müssen wir feiern“, meint Udo.
Sie hat es nicht eilig. Wie lange ist sie eigentlich schon hier? Udo hat eine gute Ausstrahlung. Seine Stimme ist sympathisch. Ab und zu zieht der Duft von Cool Water herüber. Wie er wohl aussieht? Ob sie ihn nach seinem Alter fragt? Nein, nein, das ist keine gute Idee. Er kann ihr helfen eine Arbeit zu finden. Nach vier Wochen ohne Job hat sie das mehr als satt.

Gemeinsam lassen sie sich von Stefan wieder in die Lichtwelt führen. Langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Helligkeit.

Da steht er vor ihr. Ja, nicht nur seine Stimme ist sympathisch. Er ist etwa fünfzehn Jahre älter als sie, Mitte bis Ende fünfzig, gaumelierte Haare, Lacoste Polohemd in indigoblau. Passt gut zu seinen blauen Augen.

Udo begleicht die Rechnung an der Rezeption.
Wie ein vertrautes Paar gehen sie durch das Eigelsteintor und den Park zum Rhein.
Auf der Uferpromenade schlendern sie in Richtung Sankt Martin.
„In der Nähe meines Hotels ist ein kleines Weinlokal. Da können wir bei einem guten Tröpfchen auf der Terrasse sitzen und haben einen wunderbaren Blick auf den Rhein“, schlägt Udo vor.
‚Kann nicht schaden’, denkt Rita.
Köln beginnt ihr zu gefallen.

©Renate Hupfeld 08/2003













Ein kleiner Mann mit geschlossenen Augen steht ihr in der Lichtschleuse gegenüber.
„Ich bin Stefan.“
Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
„Hak dich bei mir ein. Ich führe dich an deinen Platz.“
Dann wird es stockdunkel.
Er öffnet eine Tür und sie gehen in einen Raum. So finster, dass man nicht die Hand vor den Augen sieht.
Ritas Herz klopft bis zum Hals.
„Ich schaff es nicht.“
„Das geht schon. Du gewöhnst dich an die Dunkelheit.“
Ein Stück weit gehen sie hinein in die schwarze Höhle. Gitarrenmusik und Stimmen, die richtig heiter klingen.
„So, jetzt vorsichtig. Hier ist ein Stuhl.“
Ritas Hände suchen die Lehne. Als sie kühles, glattes Holz berührt, zuckt sie zurück. Stefan schiebt den Stuhl hinter sie.
„Setz dich ... und rücke heran.“
Rita zögert erst. Dann sitzt sie endlich.
„Taste auf dem Tisch. Links ist die Gabel, rechts das Messer und auf zwölf Uhr die Löffel.“
Mit den Fingern fährt sie über die Tischplatte und befühlt die Teile.
„Ja, ich habe die Löffel.“ Sie stellt sich vor, sie hätten blaue Griffe.
„Dahinter stelle ich nachher dein Getränk. Ich bin immer in deiner Nähe.“
In der Nähe? Wo ist er? Stefan wird sie doch hier nicht allein lassen! Sie fühlt sich gefangen auf ihrem Stuhl.

Da stößt sie mit dem Fuß gegen etwas.
„Ist da wer?“ Ihre Worte schweben in der Dunkelheit.
„Ja, der Udo.“ Eine angenehme Männerstimme.
„Ich hatte mir die Dunkelheit nicht so vorgestellt, nicht so rabenschwarz.“
Sein Lachen wirbelt durch den Raum.
„Am liebsten wäre ich wieder rausgelaufen.“

„Achtung! Hier kommt der Barbera auf zwölf Uhr für die Dame und grauer Burgunder für den Herrn.“
Ein Hauch von Stefan, dann ist er schon wieder weg.
Rita tastet am Besteck entlang und greift das Weinglas.
„Sollen wir anstoßen?“
„Klar, das geht auch hier.“
Sie bewegen ihre Gläser lange in der Finsternis, so lange, bis ein leichtes Klingen zu hören ist.
„Ich heiße Rita.“
„Auf dein Wohl, Rita.“
„Ja, danke ... Wie gut der Barbera hier schmeckt, dunkelrot.“
„Man vergisst, dass man nichts sieht.“
„Langsam fühle ich mich besser.“
„Du bist hierher gekommen, obwohl du soviel Angst hattest.“
„Wusste ich das vorher? Mir ist heute ein Faltblatt in die Hände gekommen. Ein Erlebnis der besonderen Art wird da versprochen. Schmecken, riechen, fühlen, hören. Ich wollte mal erfahren, wie das ist, wenn man nichts sieht.“
„Und schon bist du hier im Dunkelrestaurant.“
„Ja, ich hab angerufen. Die Frau am Telefon meinte, sie könnte mich an einen Dreiertisch dazusetzen.“
„Ich wette, du kommst aus Bayern.“
„Hört man gleich, was? In Schneizlreuth bin ich die Hainbauers Rita.“
„Schneizlreuth?“
„Ein Dorf in der Nähe von Bad Reichenhall.“
„Und was macht Hainbauers Rita aus Schneizlreuth so ganz allein in Köln?“
„Morgen hat sie ein Gespräch wegen einer Stelle als Filialleiterin in einem Fashionshop auf der Hohe Straße.“
„Ach, du suchst einen Job in der Modebranche. Das trifft sich gut. Ich bin oft geschäftlich in Köln und hab hier viel mit Leuten aus der Branche zu tun.“

„Herr Dettner, wollen sie auf ihre Bekannten warten oder schon mit dem Essen beginnen?“
„Ich muss nicht warten, Stefan. Ich kann mit der Dame zusammen essen. Wenn dir das Recht ist, Rita.“
„Ich hab nichts dagegen. Aber wo bleiben denn deine Bekannten?“
„Weiß ich auch nicht, ich hätte sie noch mal anrufen sollen.“

Es ist unglaublich, wie die Wörter in der Dunkelwelt hin und her fliegen. Mode, Duftessenzen, Wein, Strände am Mittelmeer und Wanderwege in den Alpen. Zwischendurch kommt immer wieder Stefan. Er bringt Teller mit Artischocken, geviertelten Tomaten, Zucchini und kleinen Pellkartoffeln. Lachs für Rita und Lammfilet für Udo. Kuchen und Obst zum Dessert. Das Besteck benutzen sie kaum. Alles wird mit den Fingern in den Mund geschoben. Reden, lachen, tasten, essen.

‚Hat was Sinnliches, das Essen von Speisen in einem schwarzen Raum mit einem unsichtbaren Menschen. Es läuft alles ganz gut und ich muss dabei gar nicht auf mein Outfit achten’, denkt Rita und lehnt sich entspannt zurück.

„Stefan, bring uns noch Sekt. Das feine Mahl müssen wir feiern“, meint Udo.
Sie hat es nicht eilig. Wie lange ist sie eigentlich schon hier? Udo hat eine gute Ausstrahlung. Seine Stimme ist sympathisch. Ab und zu zieht der Duft von Cool Water herüber. Wie er wohl aussieht? Ob sie ihn nach seinem Alter fragt? Nein, nein, das ist keine gute Idee. Er kann ihr helfen eine Arbeit zu finden. Nach vier Wochen ohne Job hat sie das mehr als satt.

Gemeinsam lassen sie sich von Stefan wieder in die Lichtwelt führen. Langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Helligkeit.

Da steht er vor ihr. Ja, nicht nur seine Stimme ist sympathisch. Er ist etwa fünfzehn Jahre älter als sie, Mitte bis Ende fünfzig, gaumelierte Haare, Lacoste Polohemd in indigoblau. Passt gut zu seinen blauen Augen.

Udo begleicht die Rechnung an der Rezeption.
Wie ein vertrautes Paar gehen sie durch das Eigelsteintor und den Park zum Rhein.
Auf der Uferpromenade schlendern sie in Richtung Sankt Martin.
„In der Nähe meines Hotels ist ein kleines Weinlokal. Da können wir bei einem guten Tröpfchen auf der Terrasse sitzen und haben einen wunderbaren Blick auf den Rhein“, schlägt Udo vor.
‚Kann nicht schaden’, denkt Rita.
Köln beginnt ihr zu gefallen.

©Renate Hupfeld 08/2003











Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.35 Uhr
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