Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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August 2003
Rita
von Bernd Pol


Leben, sagt sie, Leben ist was Tolles. Dann nippt sie am Glas, spült etwas vom Inhalt genüsslich im Mund bevor sie es andächtig schluckt. Man muss es verstehen, sagt sie, trotz alledem.
Danach sagt sie noch etwas, aber das versteht da keiner, denn das geht im Lärm eines jener Tiefflieger unter, die wieder da sind, jetzt, nachdem mal wieder ein Krieg vorbei ist, lauter denn je, denn man ist sie nicht mehr gewöhnt. Deshalb sieht man nur wie ihre Lippen sich sachte bewegen, fast wie bei einem Gemurmel. Und man weiß nicht, ob es wichtig gewesen ist.
Nein, es wäre nicht wirklich wichtig, sie bliebe ja ohnehin nicht lange mehr hier, ein, zwei Tage noch oder heute vielleicht schon, da ginge sie fort, ein neuer Job, ja, kann sein, irgendwo möglichst weit weg.
Für den Augenblick aber sitzt sie noch hier im Café und beobachtet, was sich in der Boutique gegenüber so tut. Ob sie denn noch böse sei, wird sie gefragt, aber nein, lächelt sie und es klingt leichthin, das wäre ja wirklich schon lange vorbei, wie es ja jedermann jeden Tag jederzeit offen zu sehen bekäme.
An jedem Tag, nun ja, seit zwei Wochen jedenfalls, da sitzt sie nachmittags hier vor dem Café oder auch drinnen, wenn das Wetter zu schlecht ist, und wartet, dass dort drüben was regt. Jeden Tag gegen Fünf nämlich tritt dort eine Frau um die Dreißig vor die Tür, jedes Mal mit einem Handy am Ohr, in das sie hineinschreit oder lacht oder einfach nur zuhört und manchmal sogar richtig glücklich aussieht dabei. Ganz kurz dauert das in der Regel dann nur, dann steckt sie es weg und schaut und kommt herüber und setzt sich an den Tisch zu Rita und sieht jetzt gar nicht mehr so schuldbewusst aus wie beim ersten Mal noch, denn da schämte sie sich etwas, ihre Nachfolgerin in der Geschäftsführung dort drüben in der Boutique zu sein.
Nein, böse ist Rita ihr schon lange nicht mehr, wie sie stets aufs Neue versichert. Nur, es gibt halt kaum etwas zu tun für eine Frau mit Zweiundvierzig hier in Bad Reichenhall und auf dem Bauernhof der Eltern in Schneizlreuth hält sie es auf die Dauer nicht aus. Eine Frau wie sie braucht etwas zu tun, eine Aufgabe, die fordert, wie die bis vor einen Monat dort in der Boutique. Und einen Mann, wenn es geht, ab und zu. Doch das ist jetzt auch schon wieder vorbei. Und binden mag sie sich nach all dem noch weniger als die Jahre zuvor.
Doch, wie gesagt, das ist vorbei, und heute oder morgen oder übermorgen fängt das Leben woanders von Neuem wieder an. Da ist sie sich ganz sicher. Es hängt nur davon ab, wie sich die Dinge hier vor Ort möglichst bald noch entwickeln werden.
Das lässt sich ja auch gar nicht übel an, heute, besser zumindest als die Tage zuvor, denn heute ist es heiß hier und der trockene Wind macht jedem ordentlich Durst und da fragt man nicht lang, wenn einem jemand aus neu gewachsener Freundschaft einen eisgekühlten Drink anbietet, vor allem nicht, wenn es ein altes Familienrezept ist, das vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig schmeckt, aber ganz hervorragend den Durst löschen soll.
Auf die Freundschaft, sagt die Andere und Rita lächelt und hebt ihr Glas, denn Leben ist nun einmal wirklich etwas Tolles. Sie fragt nicht, wie es geht dort drüben im Geschäft, da hat sich nichts geändert, das sieht sie von hier, dieselben Kunden, dieselben Kleider, derselbe Mann, der jeden Tag vorfährt, pünktlich um halb Sechs, im offenen Cabrio diesmal, in dem sie ihn auch ein paarmal geliebt hat, doch auch das ist schon wieder ein paar Wochen her und sie gönnt ihn ihr ja, letztlich, denn, um es noch einmal zu betonen, böse ist sie ihr wirklich schon lange nicht mehr.
Sie kann ja auch gar nichts dafür, dass er sie auf die Straße gesetzt hat, ganz einfach so, von heute auf morgen, mit der kürzest möglichen Kündigungsfrist, denn das hat er sich aus den Fingern gesaugt mit dem Unterschleif, der sie in der Zentrale auf die Spur gekommen sein wollen. Jetzt soll sie es alleine gewesen sein, dabei geschah das alles doch nur wegen ihm.
Egal, auch das ist vorbei, und wenn alles richtig läuft, sieht sie ihn bald wirklich zum allerletzten Mal, vielleicht heute schon, womöglich, denn es lässt sich im Grunde alles ganz ordentlich an.
Immerhin aber trägt die da gegenüber jetzt eines von den abhanden gekommenen Kleidern, daran ist kein Zweifel, denn das waren Einzelstücke und sie erinnert sich noch an alles genau. Jedes Stück muss man im Kopf haben als Geschäftsführerin eines solchen Ladens, was es kostet und was es taugt und wer es tragen sollte jeweils im Einzelfall, denn das macht ja das Geschäft aus, dass alles seine richtige Trägerin findet. Nicht nur des Geldes wegen, sondern weil es zur richtigen Professionalität gehört. Und manchmal muss dazu man zu den Leuten gehen, falls die Geld haben und etwas außerhalb wohnen und eigentlich lieber in den großen Städten einkaufen gehen.
Da hat er sich drum gekümmert, sagt er immer. Und nun trägt die da das Kleid, das der Geschäftsleitung gefehlt hat und sie ist sicher, dass sie es ihm selbst auf den Rücksitz gelegt hat, vor sechs, sieben Wochen damals, und es sollte etwas ganz Besonderes sein.
Und deswegen, deswegen auch, sitzt sie jetzt hier im Café und wartet, dass sie endlich fortkann aus diesem engen Bad Reichenhall und fort von dem halben Hundert Schweinen, auf die sich die Eltern verlegt haben, weil halt sonst nichts geht, dort auf ihrem Schneizlreuther Hof, so kurz vor der Grenze zu Österreich, wohin sie vielleicht heute schon fahren wird, vorübergehend, bis sich die Wogen geglättet haben und irgendwo wieder ein richtiger Job in Aussicht steht und vielleicht auch ein richtiger Mann dann und wann.
So einer wie der da, der dort eben vorfährt in seinem offenen Cabrio mit den teuren Ledersitzen, auf die er nichts kommen lässt und wegen denen er sie beinah geschlagen hätte, noch gar nicht so lange her, und sie konnte doch gar nichts für den winzigen Fleck, aber er rastete allein deswegen schon so fürchterlich aus, dass es vielleicht doch nicht der Fleck war, sondern sie, und er war ihrer womöglich schon da überdrüssig geworden.
Das lässt sich von heute aus allerdings nicht mehr recht sagen und es ist ihr mittlerweile ja auch fast schon egal, denn die Sache lässt sich immer besser an und sie hebt ihr Glas und deutet hinüber zum Wagen und sagt Auf Ex und sie kippen beide den Rest hinunter bis auf einen ganz leicht trüben Bodensatz, doch der fällt nicht weiter auf, auch wenn das Gebräu nach dem Familienrezept doch etwas nachschmeckt, ein bisschen eigenartig, gewiss, aber daran gewöhnt man sich leicht.
Dann steht die Andere auf, winkt dezent und stöckelt hinüber zum Cabrio und setzt sich auf den Ledersitz mit dem Fleck, von dem sie wahrscheinlich überhaupt gar nichts weiß und wegen dem er sie auch nicht schlagen wird, wegen etwas anderem vielleicht, und womöglich sogar lebensbedrohlich hart, denn er rastet bei so was immer so schrecklich und zügellos aus.
Doch da fahren sie schon, die neue Geschäftsführerin und der alte Liebhaber, dem die Filiale gehört und der bis vor kurzem ihrer, Ritas Liebhaber war, aber darauf kommt es im Grunde jetzt auch nicht mehr an, denn jetzt reist auch sie endlich ab, erst mal hinüber nach Österreich und vielleicht auch ein klein wenig weiter, bis sich die Wogen gelegt haben werden und sie einen besseren Job kriegt und womöglich sogar einen besseren Mann.
Schade nur, denkt sie, während sie sich nach ihrem Koffer bückt, dass sie nicht dabei sein kann, wie das heut wird mit den Lederpolstern, in einer Stunde oder einer halben etwa, denn so genau weiß man nie, wann das Brechmittel wirkt im alten Familienrezept, aber unfehlbar ist es und er fährt doch immer so gerne so lange bis weit in den Wald mit einer Frau.
Dann steigt sie ein in das Taxi, und sie lächelt schon wieder, denn Leben, sagt sie zum Fahrer, Leben ist doch wirklich was Tolles.

(Copyright © 2003, Bernd Pol)

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.29 Uhr
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