'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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August 2003
„Ritas Briefe an Monika“
von Hans Maria Doé


»Na und?« Tom zuckt die Achseln. »Du bist krank, du hast Herpes, Michael.«
»Schluss mit der Streiterei! Hat denn jeder vergessen, dass ich hier das Sagen habe?« schrie Monika in den Raum.
»Hey, ich hab diesen Scheißspot nicht geschrieben, du Kulissenschieber«, schreit Tom zu Michael und blickt zu dem Model, das sozusagen mit ihm da ist und auf dem Kissenberg sitzt. Das Mädchen lächelt Tom an. Tom sieht zu ihr hin, dann weg, dann wieder hin, dann weg.
»Tom«, sagt Monika. »Hör zu, der Spot ergibt ohne die Einstellung keinen Sinn.«
»Aber darum geht’s doch – ich will nicht, dass es Sinn ergibt. Es braucht keinen Sinn zu ergeben«, sagt Tom. »Sinn willst du haben? Lieber Himmel.« Tom sieht mich an. »Rita, sag es mir. Seit wann können unsere Spots etwas mit Sinn anfangen?«
»Du hast recht. Garnichts«, sage ich.
»Na bitte«, sagt Tom vorwurfsvoll zu Monika.»Willst du, dass sämtliche Dorftrottel von hier bis Dingsda, sich mit hängendem Unterkiefer den Spot anglotzen, ohne zu kapieren, dass alles Spaß und Witz ist? Sollen die glauben, die neue Kollektion von „Hermanns“ zu kaufen, sei eine todernste Sache? Es geht um das Image, Monika. Ich helfe dir nur, das Image deiner Firma beizubehalten, klar? Nämlich das einer netten, lieben, heiteren Modefirma für durchgeknallte Mode, in dessen Filialen sich Frauen ab fünfundzwanzig wie Omas fühlen. Machen wir es einfach so. An diesem Skript hat jemand vier Monate gesessen – das macht einen Monat pro Minute, was ziemlich ansehnlich ist, wenn man sich’s so überlegt – und es geht um dein Image, Monika! Image, Image, Image.«
Ich schlage meine Hände vor den Kopf und sehe Monika an, die nicht so anders wirkt, als ich sie letzten Donnerstag bei meinem letzten Meeting in der Chefetage von „Hermanns“ getroffen habe, nur ein wenig anders vielleicht, auf eine Art, über die ich mir nicht ganz klar bin. Oder ist es das Verhalten einer jungen Arbeitskollegin, gegenüber einer älteren die gekündigt wurde, und dessen Posten sie seit letzten Donnerstag inne hatte. Monika übernahm nicht den Geschäftsführerposten meiner „Hermanns“ Filiale in Bad Reichenhall, nein, sie übernahm meinem Zweitjob als Werbestudioleiterein in Hamburg für Hermanns Klamotten, den ich drei Jahre lang ausübte. Den Job als Geschäftsführerin für die Filiale bekam ein zwanzigjähriges Mädchen dessen junges Gesicht zum Image der jungen Mode passt.
Monika sieht zu Boden und seufzt, dann schaut sie zu dem Mädchen und dann zu mir und dann wieder zu Tom, und ich hatte das Gefühl, dass aus dem Abendessen und der lange von Monika und mir geplanten Liebesnacht nichts wird, was mich irgendwie traurig macht.
Es entsteht eine längere, diesmal deutlichere Pause. Der Kameramann steht auf, setzt sich dann wieder auf den Boden und zündet sich eine Zigarette an. Die Models stehen nur da und starren Tom ohne erkennbare Regung an. Eins der Mädchen von draußen kommt reinmarschiert und fragt, ob Monika sie noch braucht. »Nein, Liebes du bist fertig«, sagt Monika. »Was nicht heißen soll, dass du nicht toll bist – ich ruf dich demnächst mal an.«
Sie nickt, lächelt, geht.
»Die ist ziemlich scharf«, sagt Tom und schaut ihr nach.
»Hast du mal mit der, Michael?«
»Weiß nicht mehr«, ist die Antwort des Kameramanns, aber er überlegt.»Ja, sie ist verdammt scharf, sie achtet auf ihre Figur, sie hat jeden gefickt, den ich kenne, sie ist ein Engel, sie hat Mühe, ihre Telefonnummer, den Namen ihrer Mutter, und das Atmen nicht zu vergessen«, seufzt Michael.
»Schon, aber der springende Punkt ist, dass ich es ihr ohne weiteres besorgen könnte«, sagt Tom. Das auf den Kissen sitzende Mädchen, das sozusagen mit Tom da ist, schaut zu Boden.
»Dann würdest du ein schwarzes Loch ficken«, sagt Michael gähnend und rekelt sich. »Zugegeben, ein feines zartes sauberes, irgendwie saugbegabtes schwarzes Loch. Aber trotzdem ein schwarzes Loch.«
Ich fasse mir wieder mit den Händen an den Kopf. Irgendwie war ich Herrn Herrmanns dankbar, dass ich mit diesem Job nichts mehr zu tun habe.
»Tja«, fängt Monika an und schenkt mir augenzwinkernd ein Lächeln. »Das ist ja alles amüsant. Aber was tun wir noch hier? Hm? Was tun wir noch hier?«
»Ich weiß auch nicht, was wir hier noch tun. Tom soll den Spot so drehen, wie er es für richtig hält«, sage ich spontan, und marschiere los, an Toms Mädchen auf dem Kissenberg vorbei, das sich eine Flasche Sekt über den Kopf kippt, ob im Spaß oder bekifft, kann ich nicht sagen. Monika kommt mir nach, wir gehen die Stiege runter, an den Statisten vorbei, von denen einer sagt: »Schick – Schick«, ein anderer: »Schicke Ärsche«, und dann sind wir in meinem Auto und wir fahren weg.
*
2.Juni 2003
Mein Liebes,
ich wette, Du hast nicht erwartet, von mir zu hören. Soviel zum Thema gekündigt und aussteigen! Hier bin ich – weit weg am anderen Ende des Landes, sitze in meinem Zimmer, esse Diät-Jogurt und höre die Zillertaler- Schürzenjäger. Ziemlich schrill, oder? Ich bin seit einer Woche in Schneizelreuth und kann es immer noch nicht richtig fassen. Ich wußte ja die ganze Zeit, dass ich, wenn ich meine Wohnung verkauft habe, und ich habe sie schneller verkauft als ich dachte, ich hier herkommen würde, aber irgendwie war die Vorstellung nicht ganz real. Ist auch nicht weiter schlimm, dass ich nicht viel Zeit mit Nachdenken verschwendet habe, denn nichts hätte mich darauf vorbereiten können. Ich bin letzten Dienstag angekommen, halb verrückt vor Schlafmangel nach unserer letzten Nacht, und ohne den leisesten Schimmer, was zum Teufel ich hier eigentlich soll. Es war, als würde ich in einer längst vergessenen Welt spazieren. Achtundzwanzig Grad und überall wunderschöne, braungebrannte Bauerndirndln (Prachtexemplare!), Du weist, was ich meine! Und ich hatte das schreckliche Gefühl, dass alle (vor allem die Männer) mich anstarren: nicht braun, nicht blond, nicht schön, aber lesbisch, am besten ignorieren! In diesen ersten paar Tagen habe ich nichts anderes getan, als mir eine Zigarette an der anderen anzuzünden, auf eine Wiese zu glotzen und mich nach Hamburg zu wünschen. Ich bin mir nicht sicher, wie man sich hier wieder einfügt. Braun werden? Mir die Haare blond färben? Mir einen kräftigen Bauernburschen nehmen? Ich weiß, es klingt paranoid, aber ich spüre wirklich diese Feindseligkeit mir gegenüber. Ich gewöhne mich daran, aber trotzdem. Meine Eltern waren überglücklich, mich zu sehen. Sie sind keine besonders überschwängliche Menschen, aber ich bin nun mal ihr einziges Kind, und sie flippten buchstäblich aus vor Freude. Auf dem Weg zum Haus hat mein Vater, der so braun und gesund aussah, dass es schon unheimlich war, meine Hand getätschelt und gesagt: »Schön das du wieder zuhause bist – dir wird es hier an nichts mangeln«, und er schien keine Witze zu machen. Diese ehrliche Freude überraschte mich, wenn ich daran denke, mit welchem Gram er mich damals als Lesbe verwünschte, ja, welcher Schandfleck ich für ihm, den großen Hainbauer, und überhaupt dem ganzen Dorf war. Übrigens ist das Nightlife für ländliche Verhältnisse ziemlich spannend. Am Freitagabend bin ich mit einem befreundeten Paar meiner Eltern, die den Golfklub auf Vaters Grundstück betreiben, in deren exklusiven Club gegangen, und ich habe getanzt und mich betrunken und hatte viel Spaß. Und ich hatte gedacht, ich würde nicht viel geselligen Umgang haben! Dieses Paar und ich sind dicke Freunde geworden, und er hat versprochen, mich seiner Schwester vorzustellen, die etwa in meinem Alter ist und im Juli in Bad Reichenhall! einen Modesalon eröffnen wird. Trotzdem ist es hier so ruhig. Besonders verglichen mit Hamburg. Und alles wirkt so sauber und scheint viel langsamer, auf sehr entspannte Art zu laufen. Ich bin immer noch so an meine Bad Reichenhaller und Hamburger-Existenz gewöhnt, dass mein Leben hier ein echter Schock dagegen ist. Stell Dir vor, ich habe Schwierigkeiten die Leute zu verstehen, obwohl ich mit diesem Dialekt aufgewachsen bin. Ich fühle mich schutzlos – ganz allein auf weiter Flur, aber alles in allem fühle ich mich glücklicher und freier als seit langem. Ich bin froh, dass ich hergekommen bin. Ich glaube, dieser Schritt wird schrecklich gut für mich sein. Ich glaube, es war richtig, dass ich mir diese Auszeit gönne und hierher gekommen bin. Ich bin wirklich so weit von allem weg. Aber es ist ein gutes Gefühl. Ich werde meinen Eltern viel am Hof helfen. Es gibt zwar kein Vieh mehr am Hof, den Vater macht sein Geld mit dem Verpachten seiner Grundstücke, vor allem mit denen für den Golfklub, aber im Garten gibt es immer etwas zu tun. Ich werde Bücher lesen, Wandern und solchen Kram, und ich denke, ich werde nach Österreich fahren und am Wörthersee ausspannen.
Tja, ich hoffe, Du schreibst mir zurück. Ich würde mich wirklich freuen.
Mir liegt sehr viel daran.
Alles Liebe,
Rita
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9. Juni 2003
Mein Liebes,
hallo! Ich habe heute an Dich in Hamburg gedacht. Wie Du kettenrauchend im Studio herumsitzt und deine bekifften Models zusammenstellst. Läuft es gut für Dich? Ich sorge mich um Dich, was ziemlich blöd von mir ist, aber andererseits sorge ich mich um so viele Dinge, dass es nicht unbedingt aus dem Rahmen fällt. Also – wie geht’s Dir? Wie ist es in der Firma? Mit wem treibst Du Dich rum? Welche furchtbaren Meetings hast Du schon hinter Dir? Warst Du oft gezwungen Dich mit dem Oberarsch von Hermanns herumzustreiten? Ich beneide Dich nicht darum mein Nachfolger zu sein. Bist Du okay? Wie Du bemerkst stecke ich voller Fragen, Monika. Ich hoffe wirklich, dass Du mir schreibst. Es tut mir entsetzlich leid, falls Dir meine Verliebtheit auf die Nerven gehen sollte. Ich steigere mich in manche Sachen so rein, dass ich jede Perspektive verliere. Aber auch schon bevor ich mich total in Dich verknallt habe, fand ich Dich sehr nett, und ich fände es schrecklich, Deine Freundschaft zu verlieren ... wegen was auch immer. Ich weiß, dass wir uns eigentlich gar nicht so gut kennen, und weil wir in Hamburg so viel zu tun hatten, konnten wir nicht viel reden. Ich hoffe trotzdem, dass Du und ich uns noch besser kennenlernen werden. Ich wünschte, Du würdest schreiben.
Ich amüsiere mich immer noch blendend. Wenigstens glaube ich das. Ich bin hier so locker, dass ich mir nicht ganz sicher bin. Ich sitze jetzt draußen im Garten. Ich habe einen ersten Hauch Sonnenbräune – und ob Du’s glaubst oder nicht, ich hab das Rauchen eingeschränkt! Ich werde gesundheitsbewusst! Ist das cool, mein Liebes?
Alles Liebe,
Rita
P.S. Hast Du meinen letzten Brief bekommen? Bitte schreib doch!
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24.Juni 2003
Mein Liebes,
hallo! Es ist mir irgendwie peinlich, Dir zu schreiben, weil ich vermute, dass Du stinkig auf mich bist oder so. Hab ich recht? Es muss was gewesen sein, was ich im letzten Brief geschrieben habe. Vielleicht findest Du, ich hätte übertrieben? Das kann ich verstehen, glaube ich. Ich neige dazu, in meinem Überschwang etwas extrem zu werden. Weißt Du, Du hättest Dich melden können und sagen, dass ich mir die Schreiberei schenken soll, und das wäre in Ordnung gewesen. Bitte, Monika, versteh doch, dass das irgendwie brutal für mich ist. Kannst Du mir verzeihen, egal, was es ist, was ich Dir getan habe? Ich habe mir gerade ausgemalt, wie ich im Dezember nach Hamburg komme und Dich sehe und vor lauter Verlegenheit nicht weiß, was ich tun soll. Und vielleicht wirst Du nicht mal mit mir reden oder irgend so was Grauenhaftes. Könntest Du mir schreiben und mir alles erklären? Bitte? Bitte? Ich sitze jetzt jedenfalls draußen im Garten. Es ist später Vormittag, und ich habe die letzten paar Stunden nichts weiter getan, als in der Sonne zu sitzen und die Bäume anzugucken. Ich bin einfach so faul, und mir graust bei den Gedanken, mich unter diese ganzen unausstehlich braungebrannten Frauen zu mischen. Im Moment sind wirklich die hirnlosesten Leute unterwegs. Vielleicht macht sie die große Hitze dazu, oder sie sind von Haus aus naturdeppert. Vielleicht sollte mich das beruhigen, tut es aber nicht. Hier gibt es ein Schema, an das ich mich gewöhnt habe und das mir gefällt. Ist das gesund? Wird es so für den Rest meines Lebens sein? Für die restliche Zeit in Schneizlreuth? Ich weiß nicht. Das klingt vielleicht, als wäre ich unglücklich oder deprimiert, aber das stimmt nicht. Ich bin so zufrieden und entspannt wie seit Jahren nicht mehr. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich in das gesunde, idealistische Mädchen zurückverwandelt hätte, das ich vor zwanzig Jahren war, aber ich bin viel weniger verzweifelt und verstört. Ich nehme die Dinge leichter. Ich glaube, Du hattest recht, als Du mir am letzten Abend gesagt hast, ich soll mich »endlich nach Schneizlreuth verpissen« (erinnerst Du Dich? Du warst sehr betrunken und eingekifft).
Dein Rat war gut. Vielleicht ist das aber auch nur eine Überlebenstaktik. Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann, von Leuten nicht zuviel zu erwarten. Tue ich es dennoch, fühle ich mich immer verraten. Natürlich mache ich immer noch viele Fehler, aber ich lerne. »Aha!« denkst Du, »ich wette, sie spielt auf mich an.« Tja, Du könntest recht haben. Es ist seltsam, wie Menschen sich in Briefen verraten können. Da ich mir wirklich nicht sicher bin, was Du denkst, kann ich nur schreiben und hoffen, dass Du meine Briefe nicht zerreißt.
Tust Du’s? Vielleicht solltest Du mich ganz einfach anrufen und sagen »Lass es!« (Du hast doch noch meine Telefonnummern, oder?) Und das würde reichen. Ich bin nicht unempfänglich für eine Generalabfuhr, auch wenn es mir leid tun würde, Dich zu verlieren. Gebe ich Dir das Gefühl, dass es zwischen uns chaotisch und krampfig ist? Wie scheußlich. Vielleicht bin ich idiotisch oder mache es mir zu einfach, weil ich glaube, die Dinge könnten so unkompliziert sein, aber warum eigentlich nicht? Wirst Du mir schreiben?
Alles Liebe,
Rita
P.S. Hast Du eine neue Handynummer, seit ich abgefahren bin? Hast Du Dein Festnetz abgemeldet? In der Firma werde ich noch immer nicht zu Dir durchgestellt!?
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8.Juli 2003
Mein Liebes,
hast Du meinen letzten Brief bekommen?
Mein Vater hat sich gestern abend ziemlich arg betrunken und mir erzählt, dass alles zusammenfällt und wir ans Ende von irgendwas kommen. Meine Eltern (die nicht die intelligentesten sind) haben das Gefühl, im Goldenen Zeitalter gelebt zu haben, und sie haben mir gesagt, dass sie, wenn sie sterben, froh darüber sein werden. Gestern abend hat mir mein Vater bei einer großen Flasche Merlot erzählt, wie verzweifelt er war, weil er nicht zur Hitlerjugend durfte, und dass er große Angst um mich hat. Das war das zweite Mal seit ich hier bin, dass ich etwas wie Aufrichtigkeit bei ihm spürte. Aber es war ihm wirklich ernst. Und wenn ich so an die Geschichte denke waren meine Eltern Kinder mitten im Krieg, mussten die größte Scheiße aller Zeiten durchwaten, und wenn ich mich umschaue und im Fernsehen was über die heutige Gesellschaft sehe, muss ich ihm in gewissem Maße recht geben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Menschen, je sozialer sie sich geben, weniger human und dafür animalischer werden. Sie scheinen weniger zu denken und weniger zu empfinden, wodurch sich alle auf sehr primitivem Niveau bewegen. Ich frage mich, was Du und ich im Laufe unseres Lebens noch zu sehen bekommen werden. Es kommt mir so hoffnungslos vor, aber wir dürfen nicht aufgeben, Monika. Ich vermute, wir können uns nicht davor verstecken, dass wir Produkte unserer Zeit sind, oder? Schreib zurück, ja? Es macht immer noch Spaß in Schneizlreuth!
Alles Liebe,
Rita
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19.Juli 2003
Mein Liebes,
hast Du meine anderen Briefe bekommen? Ich bin mir nicht mal sicher, ob Du sie erhältst. Ich schreibe Dir dauernd Briefe, und es kommt mir vor, als könnte ich sie genauso gut als Flaschenpost in den Scheizlreuther Bach werfen. Wie geht es Dir? Dein langes Schweigen hat mich nicht entmutigt (soll es das?). Ich sage mir, unser Leben ist, wie es ist, und ich kann völlig verstehen, dass Du weder die Energie noch die Lust zum Schreiben hast. Aber ich hoffe, Du nimmst mir das Briefbombardement meinerseits nicht übel, und rufst mich ganz einfach an. Es ist interessant für mich, worüber ich Dir alles schreiben möchte. Ich könnte Dir alle Details meiner sexuellen Abendteuer erzählen und mich mit meiner neuesten Eroberung brüsten. Aber das kommt mir ziemlich dumm vor. Ich meine es klingt cool, aber in Wirklichkeit ist es grässlich unoriginell. Nach einiger Zeit denkt man nur noch: Na und? Drogen und Alkohol und der Sex, den sie mit sich bringen, sind so verdammt alltäglich (Na ja, hier etwas weniger, aber trotzdem). Für mich hat das Landleben an Glamour verloren. Es macht Spaß, mehr aber auch nicht. Ich weiß nicht, auf welcher Stufe Du emotional stehst oder wie Dein Leben läuft oder wie viel Karma Du hast und wo, aber ich fühle mich ganz wohl da, wo ich bin. Ich meine, es macht Spaß, hier in den Tag reinzuleben, lauter absolut umwerfende Mädchen kennenzulernen (die meisten sind blöd, aber so was von süß. Eifersüchtig?)
Aber ich hab nun Sonja kennengelernt. Du weist schon, die Schwester des Golfklubbetreibers auf meines Vaters Grundstücke, die einen Modesalon in Bad Reichenhall eröffnet hat. Hab ich Dir erzählt, dass ich bei meinem Alter geschummelt habe? Hier wirken alles so jung, (Sonja ist dreißig), dass ich anfing, mich alt zu fühlen, und deshalb hab ich vielen erzählt, ich sei fünfunddreißig oder zweiunddreißig. Sonja glaubt ich sei fünfunddreißig. Das Leben ist verrückt oder? Wenn Du diesen Brief bekommst, werde ich zweiundvierzig oder fünfunddreißig
sein – ja nachdem, wen Du fragst. Wo werden wir in zehn Jahren sein? Ich frage mich, was dann los sein wird? Ich habe gerade die Rohfassung dieses Briefes noch mal durchgelesen und erkannt, dass er gar nichts Näheres enthält über das, was hier los ist. Entschuldige, ich bin anscheinend unfähig, einen inforeichen Brief zu schreiben. Beschreibungen langweilen mich wohl, und das Beste, was ich zustande bringe, ist dieses Gekritzel, das für Dich wahrscheinlich wenig Sinn ergibt. Wie geht’s Dir? Wie waren Deine letzten Wochenenden? Ich hoffe, Du amüsierst Dich. Ich bin jetzt bei Sonja und sitze am Pool. Wir waren vorhin shoppen und haben Ohrringe gekauft, ein paar Slips, einige Flaschen Wodka und Orangensaft. Zum Mittagessen kam ein Typ aus München, der danach in den Garten ging und am Pool für Sonja und für mich mit Äpfel jonglierte und dann in eine Topfpflanze gepinkelt hat. Er hatte sich so hingestellt, das wir sahen wie er sein Ding abschüttelte, und er sah dabei Sonja und mich an, als wollte er sagen das man nur damit Frauen glücklich machen kann. Männer. Einfacher Vertretertyp eben. Sonja sagte nicht viel und hatte ihn hinausbegleitet und verabschiedet. Doch die Szene hatte sie angetörnt. Sie zog mich an der Hand ins Zimmer und wir trieben es mit einigen ihrer unzähligen Dildos (Du weist ich mochte diese Dinger nie, aber eines davon verschaffte mir einen solchen Orgasmus das ich dachte mir fliegt die Schädeldecke weg). Nun ja, was soll ich sagen? Ich bin jetzt ganz auf Deiner Linie. Tja, Du siehst, ich lebe noch, und ich schätze ich werde in Dezember nicht nach Hamburg kommen. Ich schätze, mir liegt nicht mehr viel daran. Dies hier wird mein letzter Brief an Dich sein. Ist es zu glauben, dass ich tatsächlich hier bleibe? Das ich hier meine Orgasmen, und meine Liebe in Hamburg habe? Das Leben ist verrückt, oder? Hör mal, pass auf Dich auf, und wenn Du etwas freie Zeit hast, würde ich mich freuen, von Dir zu hören. Ach übrigens, wenn Du mich anrufen möchtest, kannst Du mich entweder im Haus meiner Eltern erreichen oder im Modesalon von Sonja oder bei ihr zu Hause. Frag einfach meine Eltern nach der Nummer. Nur falls Du mal Lust hast.
Alles Liebe,
Rita
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© 08.2003 by Hans Maria Doè


Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.38 Uhr
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