Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » R. Funke IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
August 2003
„Interview mit Rita“
von R. Funke


(Anmerkung des Autors: Ein BMW™ ist ein überaus zuverlässiges Fahrzeug, das höchsten Qualitätsansprüchen genügt. Die von mir beschriebene Panne dient somit ausschließlich der Dramaturgie dieser „Satire“ – der Rest der Geschichte ist allerdings „todernst“ gemeint. Die Kontoverbindung für etwaige Werbehonorare erfahren Sie auf Anfrage bei meinem Verleger. ;)


„Zuwider, zuwider, zuwider!“, soll ich angeblich durch die Flure einer Münchener Nobelabsteige krakeelt haben. Den Rest der Nacht verbrachte ich auf Staatskosten. Wieder ein Hotel mehr auf meiner schwarzen Liste. Im Nachhinein nur schade, dass ich nicht betrunken genug gewesen war, um medienwirksam wie ein typischer Rockstar auf Spesenrechnung zu randalieren, meine Zimmereinrichtung zu zerkleinern und den Fernseher aus dem fünften Stock zu schmeißen. Ich hatte alles so satt...
Hauptsache mein Notebook hatte keine Blessuren davon getragen – Sie müssen nämlich wissen: Mein Notebook war mein Leben.

Gestatten, Dreyfuß, Richard. Die Ergebnisse meiner Arbeit können Sie und Millionen andere tagtäglich am frühen Nachmittag auf einem privaten TV-Sender genießen – sofern Ihnen solche Sendungen einen Genuss bereiten können. Und vorausgesetzt, Sie müssen tagsüber nicht arbeiten und besitzen ein Faible für die Sprache und Problemchen des einfachen Volkes. Im offiziellen Wortlaut bezeichnet man unsereins als Casting-Agents. Für alle, die sich unter neudeutschen Berufstitulierungen nichts vorstellen können, reicht auch der Begriff Medienmüllmann aus. Schließlich machte ich nichts anderes als meine gelb-roten Kollegen: Ich suchte den Müll, bereitete ihn auf, schaffte ihn ins Aufnahmestudio und entsorgte ihn anschließend wieder. Am Ende landete er dort, wo er herkam, jedoch nicht ohne seine Ausdünstungen zuvor über Satellit und Antenne in deutschen Wohnstuben zur allgemeinen Belustigung verbreitet zu haben.
Sie meinen, ich sei ein boshafter Zyniker? Meinetwegen. Ich habe es mir nicht ausgesucht. Das brachte mein Job über die Jahre mit sich.

Die elektronische Landkarte war mit ihrem Latein am Ende. Wo zum Teufel befindet sich Schneizlreuth? Ich hätte mir vom Redaktionshiwi eine genaue Wegbeschreibung geben lassen sollen. Hier oben, an der österreichischen Demarkationslinie, sah ein Kaff aus wie das andere. Fettes Grün auf fast vertikalen Bergwiesen, mehr oder weniger glückliches Schlachtvieh, ein völlig unverständlicher Dialekt und ein Panorama, dass zwischen Schneekoppe und Milka dahindämmerte. Hätte die Umgebung lila Farbkleckse und nicht diesen alles übertünchenden Dunggeruch besessen, dann wäre die Werbeillusion perfekt gewesen. Irgendwo hier an der Grenze zum letzten Jahrhundert musste die Heimat des Almödis sein, dem Oberguru bergischer Volklore, der mit Ziegen und frühreifen Enkelinnen über den Sinn des Lebens philosophiert, sich von Zecken und anderem Getier in seinem schmuddeligen Bart ernährt und Edelweiß raucht.
Doch wehe, der Ödi käme auf die Idee, ins Tal hinabzusteigen – die neokonservative Landbevölkerung würde ihn als verkannten Hippie durch die Gassen jagen und mit getrockneten Fladen steinigen.
In einer Haltebucht brachte ich meinen Siebener-BMW zum Stehen und übergab mich in die reine Natur, ohne auch nur das leiseste Echo meines Würgens zu vernehmen. Das letzte Bierchen war wohl schlecht gewesen, wie man bei uns im Norden zu sagen pflegt. Ob sauerer Gerstensaft, Galle oder Kuhdung – dem Alpenveilchen konnte es letztendlich egal sein.

Nach einer Mischung aus unbeschilderter Tour de France und Alpenodyssee informierte mich das GPS über das bevorstehende Ziel meiner unendlichen Reise. Die Auffahrt zum Hof war eine Herausforderung für meine flachlandverwöhnte Oberklassenlimousine. Auf den letzten Metern musste sich irgendetwas in den Eingeweiden meiner Hightechkutsche verkeilt haben; der Wagen blieb stehen, und die Lichter des Cockpits erloschen widerwillig, so als hätte mir der Fahrcomputer noch eine lebenswichtige Erkenntnis jenseits der Saturnringe mitzuteilen. Sie lautete wahrscheinlich: „Lass mich bitte nicht allein zurück bei den Eingeborenen!“
Nun, Kamerad, Kriege erfordern Opfer, und du bist glücklicherweise nur ein austauschbarer Mietwagen. Ich machte mir eher um mich selbst Sorgen.
Im Rückspiegel überprüfte ich mein Outfit, ordnete meine Frisur und wischte die Überreste meines letzten Notstopps aus den Mundwinkeln. Da war er wieder, der knallharte Casting-Agent, dem niemand etwas vormachen konnte, der Bluthund, der eine gute Story auch in den entlegendsten Winkeln der Republik aufspüren konnte. Richard Dreyfuß, der mit dem Wolf tanzt. Ich grunzte voller Selbstüberzeugung wie der Hauptdarsteller aus hör mal, wer da hämmert.
Aktentasche, Notebook und Handy – alles am Mann – was sollte mir schon passieren?
Ich erinnerte mich an ein Casting in Hamburgs berüchtigtem Sozialviertel, wo die Fahrstühle der Wohnblocks mit zentimeterdickem Graffiti und den Tags rivalisierender Gangs besprüht waren; Wo die Wohnungen Etagenweise keine Haustüren mehr besaßen und sich der Geruch menschlicher Ausscheidungen mit dem Brüllen besoffener und prügelnder Ehemänner vermischte. Dort vegetierte das Material für eine gute Talkshow, die Spießer und Asseln gleichermaßen vor die Glotze lockt. Doch was würde ich in diesem abgelegenen Kaff vorfinden?
Ich schritt den groben Kiesweg hinauf. Rechts stand ein Trecker, dessen Scheiben den letzten Hagelsturm nicht überstanden hatten, von links beäugten mich treudoofe, wiederkäuende Kühe. Die spitzen Wegkiesel fraßen sich schmerzhaft in die dünnen Sohlen meiner Designersandaletten.
Der Hof machte ansonsten keinen schlechten Eindruck, war gepflegt und mit Bauernmalerei verziert. Im Grunde einladend. Die Holzverschläge der Ställe waren mit silbernen, genagelten Plaketten übersät, die dem Bauern einen hohen Milchertrag und eine gelungene Zucht bescheinigten.
Ich überprüfte noch mal meinen Spickzettel: Rita Hainbauer, 42 Jahre, überzeugte Single, wohnt auf dem elterlichen Hof in Schneizlreuth nahe der österreichischen Grenze, bis vor einem Monat in Bad Reichenhall Geschäftsführerin der Filiale eines internationalen Damenmodekonzerns, zurzeit arbeitslos. Sendethema: Mit vierzig bist du abgeschrieben.
Zugegeben, es war nicht grade ein explosives Thema, aber ich wurde als altgedienter Profi für jedes Casting in gleicher Höhe entlohnt und hatte Weißgott keinen Grund, mich über die Honorare zu beschweren.
Mir lief eine Schar lärmender Kinder entgegen – sie waren weiß, schwarz, gelb und Mischungen aus all dem und manche sprachen mit exotischem Akzent in einem süddeutschen Dialekt, den ich nicht verstand ... vielleicht war es auch kein richtiges Deutsch, sondern Österreichisch oder noch was Schlimmeres. Einige husteten. Sie nahmen mich bei der Hand und führten mich zum Eingang der Berghütte, aus der eine Frau mittleren Alters trat. Sie lächelte, ihr braungebranntes Gesicht war von Falten überzogen, aber dennoch schön, freundlich – einladend wie der gesamte Hof. „Grüß Gott“, sagte sie – das verstand ich.
„Gestatten, Dreyfuß, Talk-TV, Kanal vier.“
„Angenehm, Rita Hainbauer. Haben Sie vor, ein paar Tage zu bleiben?“
Ich schaute zu meinem liegengebliebenen Auto, dann wieder in Ritas Gesicht. „Ja, warum eigentlich nicht ...“

Selbstgemachte Spätzle standen auf dem abendlichen Speiseplan. Mein zwangsentleerter Magen hüpfte vor Freude. Ich mochte die Speise, wie auch die Köchin. Ich mochte plötzlich alles: Den Hof, die Sprache, die ich nicht verstand, die vertikalen Wiesen und das Ammoniak, das aus den Ritzen der Ställe kroch. Das Gästebett war handgearbeitet, die Kissen riesig und über dem Kopfende hing ein Bild von Maria, die wie ein bekifftes Blumenkind in den Fehlfarben türkischer Familienportraits auf mich heruntergrinste.
Am nächsten Morgen traf ich Rita in der Schankstube. Draußen ertönte das Windspiel der selben beglockten Kühe, die mich schon tags zuvor in den Schlaf geläutet hatten. Fliegen umkreisten die Deckenlampen. Ihr Flug war elliptisch – eine korrekte, wissenschaftliche Simulation der Planetenbahnen. Der Tisch war mit heißem Kaffee, salzlosen Brötchen und Portionspackungen gedeckt. Die Kaffeesahne war allerdings frisch.
„Die stellen wir selbst her“, sagte Rita nicht ohne Stolz während sie mir das Kännchen reichte und sich unsere Fingerspitzen kurz berührten.
Und ich stelle für gewöhnlich Talkgäste her, die an Dämlichkeit nicht mehr zu toppen sind, dachte ich beschämt und war überrascht, dass ich, entgegen meiner Art, ausnahmsweise mein zynisches Mundwerk unter Kontrolle behielt.
Wenn Sie mich heute fragen, wie das alles mit Rita begann, dann würde ich antworten: Kaffeesahne.
Meine Gastgeberin übergab mir ein Bündel, das aus festem Schuhwerk, Kniestrümpfen, einem karierten Hemd und einer groben Lederhose bestand. „Kommen’s, Sie sind nicht angemessen gekleidet für einen kleinen Ausflug.“
In dieser Verkleidung kam ich mir vor wie ein perfekter Depp und überlegte, ob ich mich nicht selbst zur nächsten Sendung einladen sollte. Gestatten, Herr D. aus S., von Beruf Schuhplattler. Wehe, ihr vergesst den schwarzen Balken! Ja mei...

Nach zwei Stunden Wanderweg begann ich, den Wert meiner neuen Garderobe zu schätzen. Es kostete, für einen Flachlandindianer wie mich, ein gewisse Überwindung, auf schmalen Wegen nahe dem Abgrund zu balancieren, doch der Ausblick und das aufkommend Gefühl von Naturverbundenheit entschädigte mich für alle Ängste und Mühen.
Brotzeit auf der Hochalm – Wiesen, Berge, Hunger und Rita. Keine Autos, keine Zivilisation - nichts, was das Bild einer friedlichen Idylle trüben konnte. Rita rekelte sich im Gras, ihr blumenbesticktes Kleid spannte sich bei jedem Atemzug und zeichnete ihre weiblichen Rundungen ab. Die Sonne brannte. Ich erinnerte mich an die Redaktionsnotiz „Rita Hainbauer, 42 Jahre, überzeugte Single,...“ und an die erste Direktive für Casting-Agents, die ein persönliches Verhältnis zu Talkgästen kategorisch ausschloss.

Ich musste mich zusammenreißen und durfte nicht den Grund meines Besuches vergessen. Ich las meine Standardfragen aus dem Gedächtnis vor, schaute in ihre großen, klaren Augen und vergaß, die Antworten zu notieren. Sie hatte versucht, sich vom elterlichen Hof und der Tradition zu befreien, hatte eine Karriere als Modemanagerin in einer großen Stadt, fern ihrer Kindheit, aufgebaut und urplötzlich eingesehen, dass ihr ein back to the roots besser tat, als sich in der Welt der Schönen und Reichen aufzureiben. Mit 42 ließ sie ein zweites Mal alles hinter sich: Ihren hochbezahlten Job, ihre teuren Kostüme, die Mahagonivertäfelung in der Chefetage und den Rundumblick auf Bad Reichenhall.
Ich war 38.
Rita war jedoch nicht planlos ausgestiegen, sanierte den elterlichen Hof und opferte die traditionelle Milchwirtschaft zu Gunsten eines Ferien- und Erholungsprojekts für leichenblasse, abgaserkrankte Großstadtkinder...
zu denen im Prinzip auch ich gehörte.
Ich verließ den vorgegeben Weg meines Interviews, meine Fragen wurden persönlicher, der Verstand trat in den Hintergrund, und mein Herz übernahm den Posten meines Redaktionschefs. Rita ließ es geschehen, die Befragung wurde zu einem angenehmen Gespräch, einem Geben und Nehmen, einem Austausch intimer Ängste und Wünsche. Sie lachte und weinte – ich lachte und weinte - an den selben Stellen, als wäre es laut Drehbuch so vorgesehen.
Die klare Luft blies mir den Verstand frei. Keine Zigarette in den letzten 24 Stunden. Ich hatte Angst, mir eine anzuzünden, weil ich annahm, der gesamte Sauerstoff unserer Erde sammle sich zur Zeit in Schneizlreuth. Ich begriff, warum die Scheiben des Traktors noch nicht repariert waren und warum mein BMW es ausgerechnet am Hang dieses Hofes vorgezogen hatte, zu verenden. Es gab einfach zu viele Hinweise, die einen puren Zufall ausschlossen.
Dann vergaß ich die Direktive meines Berufsstandes und liebte Rita mit dem überschwänglichen Glücksgefühl einer gelungenen Katharsis.
Ich riet ihr von einer Teilnahme an unserer Sendung ab. Rita wahr viel zu normal, und Normale waren das Letzte, was unsere Freakshow gebrauchen konnte. In Wirklichkeit ertrug ich den Gedanken nicht, sie einer Horde schwachsinniger Studiogäste auszusetzen, die mit ihrem verpfuschten Leben ebenso wie mit der deutschen Grammatik auf Kriegsfuß standen, sich unflätig zwischen den Beinen kratzten und sich auch sonst so benahmen, als gelte es, den ersten Preis für widerwärtiges Herumgeprolle zu gewinnen. Müsste man den Nachweis des Vorhandenseins eines geistigen Vakuums antreten, so brauchte man nur einen x-beliebigen Ausschnitt unserer Shows aufzeichnen. Doch eines bewiesen diese Sendungen unbestreitbar: Aus Scheiße lässt sich wirklich Kapital schlagen.
Nein, diesen Wahnsinn wollte ich von Rita fernhalten. Zudem war ich eifersüchtig auf jeden Zuschauer, der in den Genuss geraten könnte, ihre Geschichte aus ihrem Munde zu vernehmen...
ihre Story, die nun auch ein Teil meiner eigenen war.

Am Abend schaltete ich mein Notebook ab, legte den Stift zur Seite und schob meinen BMW im Geiste in die Schlucht. Ich lernte die Namen der umgebenden Berge und die Sprache der Kinder, tauschte meinen Anzug endgültig gegen eine zweckmäßige Tracht und eroberte mit Rita in diesem Sommer Wipfel und Hochalmen, die mir ein nie erhofftes Gefühl von Freiheit und Ausgeglichenheit bescherten. Der ganze Schmutz und Dreck war vergessen und lag irgendwo fern ab hinter den Voralpen – der äußerliche, wie auch der innerliche.
Mein Handy piepste noch einige Zeit ermahnend an eine Welt jenseits der Idylle, und als auch mein Notebook seinen Geist aufgab, wusste ich mit absoluter Gewissheit, dass Schneizlreuth mein erster und letzter Auftrag außerhalb einer kranken Gesellschaft gewesen war...
der auch ich einmal angehörte.
Rita war eine Single, aber keine überzeugte, so wie man es fälschlicherweise in den Radaktionsnotizen verzeichnet hatte, und an den Scheibengummis meines Mietwagens bildete sich Moos mit dem Rita und ich gemeinsam alt zu werden gedachten.

Das Studiopublikum klatscht zögerlich, der Moderator scheint sprachlos, und in der Redaktion wird das Kamerabild auf den nächsten Talkgast umgeschaltet. Es grenzt an ein Wunder, dass sie mich überhaupt all das erzählen ließen.



Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.07 Uhr
Dieser Text enthält 14122 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.