Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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August 2003
Das Paket
von Ralf Orendi


Ihre Eltern staunten nicht schlecht, als Rita eines Tages vor mit dem Taxi am elterlichen Hof vorfuhr. Der Taxifahrer war mit ihr ausgestiegen und hatte den Kofferraum geöffnet. Daraus reichte er ihr ein Paket. Etwas weiches war da, verpackt in Zeitungspapier. Es hatte in etwa die Größe eines kleinen Kissens.
Daraufhin hatte Rita in ihre Brieftasche gegriffen und ihm alles Geld gegeben, was sie dabei hatte. Selbst die Münzen hatte sie in seine Hand gekippt.
„Stimmt so.“ war alles, was sie dazu sagte und der irre grinsende Taxifahrer war weg, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

„Etwas stimmt nicht mit ihr.“, sagte Gundula Hainbauer am Abend zu ihrem Mann, aber der war schon eingenickt. Das hielt Gundula jedoch nicht davon ab weiter zu reden.
„Weißt du, ich mache mir einfach Sorgen um unsere Tochter. Horst hat heute angerufen und mir erzählt, er habe heute einen Brief von ihr gefunden, dass sie ihn nicht heiraten könne und er bestimmt eine andere finden würde. Das ist doch nicht normal. Nicht mit 42 Jahren.“
Nach ein paar Schnarchlauten, die sie zustimmend wertete fuhr Gundula fort: „Und so eine Arbeit lässt man nicht einfach sausen. Ich meine, sie hat doch nicht schlecht verdient! Am merkwürdigsten finde ich, dass sie ohne Gepäck gekommen ist. Sie hatte nichts dabei, außer diesem Paket und der Kleidung, die sie am Leibe trägt.“
Gundula lauschte noch eine Weile dem Schnarchen ihres Ehemannes.
„Du hast ja Recht. Vermutlich wird sich das morgen alles aufklären. Wir sollten jetzt schlafen.“

Aber es klärte sich nicht auf. Nicht am nächsten Tag und auch nicht in der nächsten Woche. Rita lebte wieder im Haus ihrer Eltern und eindeutig an ihnen vorbei.
Jeden Tag verließ sie das Haus um 4 Uhr in der Früh und kam erst gegen Mitternacht nach Hause. Sie erzählte ihren Eltern nicht, was sie im Wald machte, das sie dahin ging verrieten die Äste und Blätter in ihrem Haar. Auch nicht, was sie mit den Dingen zu tun gedachte, welche sie jeden Abend nach Hause brachte. Mal war es ein Kieselstein, mal ein Stückchen Borke, oder eine Feder. Es war nie besonders groß und sie brachte immer nur wenige Sachen mit nach Hause. Die Fundstücke bewahrte sie in einer Truhe in ihrem Zimmer auf.
So ging es viele Wochen, Monate und bald waren es Jahre. Jeder Versuch mit ihr zu reden scheiterte kläglich. Einmal war ihre Mutter so wütend, dass sie ihr Hausverbot erteilte.
Rita schlief die darauf folgende Nacht ohne ein Wort des Protestes vor der Haustür. Danach durfte sie wieder das Haus betreten.

Es dauerte fünf lange Jahre, bis die Kiste randvoll war. Diesmal ging Rita nicht in den Wald, sondern saß mit einem glücklichen Gesicht am Frühstückstisch, sie hatte das Paket dabei. Während sie frühstückte redete sie ununterbrochen. Von ihrer Kindheit, ihrem ersten Freund und vielem mehr. Ihre Eltern freuten sich so sehr über ihre Wandlung, dass sie einfach nur zuhörten. Dann, als Rita aufgegessen hatte öffnete sie das Paket und holte ein Kleid daraus hervor. Es war ein langes fließendes kleid und so weiß, dass es fast blendete. Rita hielt es sich vor den Körper drehte sich dabei lachen wie ein Kind. „Ist es nicht schön. Ist es nicht wunderschön.“
Es war wunderschön, dass mussten auch die Eltern zugeben.
Dann fragte sie ihren Vater, ob sie sich heute die Schubkarre ausleihen dürfe. Sie wolle die Dinge zurück in den Wald bringen. Dagegen wusste der Vater nichts zu sagen. Endlich würde alles wieder normal werden. Er half ihr sogar die große schwere Truhe nach unten zu tragen und auf die Schubkarre zu hieven. Dann machte sich Rita zum letzten mal auf in den Wald. Dabei trug sie das weiße Kleid. Sie sah aus wie ein Engel.

Sie sah aus wie ein Engel, als man sie fand. Sie lag in einem Bett aus all den Dingen, die sie in den letzten Jahren gesammelt hatte. Die roten Flecken auf ihrem weißen Kleid taten ihrer Schönheit keinen Abbruch. Irgendwo in der Nähe blies der Wind ein Stück Zeitung durch die Luft. Es wirkte fast schwerelos. Dann prallte es gegen einen Ast und fiel in eine Pfütze. Dort blieb es für immer liegen. Wenn jemand vorbeigekommen wäre hätte er darin etwas über einen Finanzskandal lesen können. Er hätte es wahrscheinlich nicht richtig verstanden, denn die Einzelheiten des Skandals waren schlecht erklärt. Nur eines hätte er fortan gewusst: Rita war böse!

© Ralf Orendi

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.45 Uhr
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