Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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August 2003
In Ritas Kopf
von Volker Ilse


Du siehst glücklich aus Rita. Bist du glücklich? Und warum? Ich möchte in deinen Kopf sehen.

Dort sehe ich Bestätigung für dich, vor allem die, die sich auf deinem Konto niederschlägt. Auch etwas andere, aber sie wird aus derselben Quelle gespeist. Von anderswo ist hier nichts angekommen.
Ja, daß du ordentlich verdienst weiß ich, aber Geld ist nicht alles, Rita. Sicher, andere sind viel schlechter dran, haben auch nicht mehr und sind noch dazu pleite. Und manche Frauen gerade haben in deinem Alter gerade die jüngsten Kinder aus dem Haus, ihr Lebenszweck ist erfüllt, es bleibt ihnen nichts mehr. Sie könnten sich jetzt hinlegen und sterben.
Du dagegen hast deine Arbeit, sie erfüllt dich, bringt dich mit Menschen zusammen. Unabhängig macht sie dich auch. Der Schulzmann vom Nachbarhof zum Beispiel braucht ordentliches Wetter, daß das Getreide wächst. Außerdem die Subventionen von der EU, damit es am Ende auch was in die Kasse spült. Bei dir kommen die Kundinnen, ob es stürmt, schneit oder die Sonne brennt. Auch die Politik kann daran nichts ändern.
Aber wo bleibt das Leben Rita? Deine Arbeit ist das Leben? Wenn das mal gut geht. Ich kann hier auch sehen, daß es dich viel Kraft kostete, glücklich auszusehen. Gehört das nur zum Job, oder brauchst du das für dich? Darauf gibt es keinen Hinweis. Du weißt es nicht und denkst auch nicht darüber nach.

Dein Lächeln ist jetzt sichtbar angestrengt, ich muß überhaupt nicht in deinen Kopf sehen, um das zu erkennen. Und ich weiß auch, warum, es geht doch allen so und alle haben denselben Grund dafür.
Die Rezension ist da - die Amtsschimmel wiehern es aus allen Bürofenstern - und läßt deinen Umsatz schrumpfen. Vielleicht hat Politik doch etwas mit deinem Leben zu tun. Wärst du doch zur Wahl gegangen, aber wer weiß, ob die anderen es besser gekonnt hätten.
Aber es ist ja nicht dein Laden, den Gehaltsscheck kommt jeden Monat genauso wie vorher. Ist nicht dein Problem, du tust doch dein Bestes. Wenn die da oben das auch alle täten, gäbe es überhaupt kein Problem. Jeder sollte seine eigene Aufgabe angehen, dann würde auch alles getan. Aber wenn sich alle um Dinge kümmern, die sie nichts angehen, kann es ja nur schief gehen. Würden alle arbeiten, statt zu meckern, liefe alles wieder gut, auch dein Geschäft.
Meinst du das wirklich, Rita? Wenn du da so sicher wärst, würdest du doch noch genauso lächeln wie früher.

Wo ist es hin, das Lächeln? Laß mich nachsehen!
Aha, die Boutique ist pleite. Eigentlich nicht richtig, sie warf nur keine großen Gewinne ab, und so hat der Konzern sie zugemacht. Unrentabel, haben sie gesagt. Du hast ein Zeugnis bekommen und eine kleine Abfindung. Mit beidem kannst du dich nicht unterhalten. Deshalb versuchst du, die Kundinnen anzurufen. Schließlich hast du ihre Adressen von den Rechnungen, aber die wollen doch nicht privat mit jemandem zu tun haben, der ihnen die Kleider verkauft.
Das sind Damen, und wie stellst du dir das überhaupt vor, meinst du, du könntest sie Abends auf einer Party treffen. Wär' dir nicht selbst peinlich, wenn du ausgehst und eine recht fremde Person triffst, die weiß, welche Unterwäsche du trägst?
Mit dem Schulzmann von nebenan hast du auch versucht, dich zu unterhalten. Was soll das denn? Du hast keine Ahnung von Weizen und er keine von Röcken und Blusen. Er war den ganzen Tag auf dem Feld, du im Geschäft. Worüber wollt ihr euch denn unterhalten? Eure Namen kennt ihr schon, sonst hätte es immerhin für 20 Sekunden Gesprächsstoff gegeben. Außer Sex kann er nichts geben, was du gern annehmen würdest. Und auch in dem Punkt hattest du Bessere, den solltest du vielleicht auch noch überdenken. Schon gut ich verstehe, Schulzmann ist zur Hand und du willst die Lage nicht verkomplizieren. Solange seine Frau nichts erfährt, ist es für dich am Bequemsten so.
Wenn deine Eltern noch am Leben wäre, wäre alles besser, besonders mit dem menschlichen Kontakt und der Kommunikation, redest du dir ein. Aber Rita, guck doch einmal genauer nach, so genau, wie ich es tue. Auch vor ihrem Tod hattet ihr euch zwanzig Jahre lang nichts zu sagen, das bißchen, was aus Höflichkeit gesprochen wurde, war doch nur eine Last.
Arbeit war dein Leben? Wo ist es jetzt hingegangen, Rita.

Wunder dich nicht, daß du noch nichts Neues gefunden hast. Wer gut verkauft, kann deshalb noch keine guten Bewerbungsschreiben aufsetzen. Und guck dir überhaupt mal an, was für Leute sonst noch nichts finden!
Klar, du hast fast zwanzig Jahre Berufserfahrung. Aber alles in der gleichen Firma. Wohnst außerdem noch auf dem Hof, auf dem du schon geboren bist, mitten in der Pampa, schon fast Niemandsland zwischen Deutschland und Österreich. Damit kannst du nun keine Flexibilität demonstrieren und die wollen alle sehen heutzutage.
Aber du wunderst dich auch gar nicht, wie ich jetzt sehe. Du bist zu verzweifelt, um dich zu wundern. Eigentlich möchtest du etwas zerschlagen, noch lieber jemanden, doch dazu bist du zu gut erzogen und du hast nie gelernt, vom gesitteten Benehmen zu lassen, wenn es dir gut täte. Trotzdem kann ich dir prophezeien, daß es irgendwann aus dir herausbrechen wird. Nun bin ich froh, daß du keine Kinder hast, Rita.
In zwanzig Jahren wirst du Rente bekommen. Die wird auch auf deinem Konto auflaufen. Vielleicht macht sie dich wieder glücklich. Aber es ist eine weite Strecke bis dahin, Rita.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.42 Uhr
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