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August 2003
Rita
von Franz Malecki


'Nicht mal in Ruhe die Nudeln abgie√üen kann man hier', denke ich genervt, als das kreischende "Maaaaaaaaaaaaaaaamaaaaaaaaaaaaaa" gefolgt von einem durchdringenden Pl√§rren aus dem Kinderzimmer mein Trommelfell ersch√ľttert. Ich lasse die restlichen Nudeln in den Seiher platschen und renne hinauf.
"Was ist das hier schon wieder f√ľr ein Geschrei, k√∂nnt ihr nicht einmal f√ľr f√ľnf Minuten Ruhe geben ..."
"Marc hat mich an den Haaren gezogen", kreischt es mir entgegen.
"Lisa hat mir mein Bilderbuch weggenommen."
"Marc hat schon wieder Aa in die Hose gemacht."
"Gar nicht", geht er wutentbrannt auf Lisa los.
"Marc", werde ich laut, "lass Lisa in Ruhe."
"Sie l√ľgt, und sie hat mein Bilderbuch." Und er holt mit dem Wasserfarbkasten aus.
"Maaaamaaa, Marc haut mich."
Ich kriege ihn gerade noch an der Schulter zu fassen, bevor er den Kasten seiner Schwester auf den Kopf hauen kann.
"MARC!" herrsche ich ihn an, "jetzt reicht's. Gib endlich Ruhe!"
Ich r√ľmpfe die Nase und wei√ü schon Bescheid: "Hast du schon wieder in die Windeln gemacht, in deinem Alter, du solltest dich was sch√§men. Nimm dir mal ein Beispiel an deiner Schwester, die geht schon von ganz alleine zum Klo."
"Du bist doof!" schreit er seine Schwester an.
"Whäääääääääääääh....", plärrt Lisa los
und ich habe genug, gebe Marc ein paar hinten drauf - 'JA zum Teufel, ich weiß, dass das pädagogisch unklug ist'' - packe ihn mir und schleife ihn zum Wickeltisch.
"Bäääääh, wie das stinkt", halte ich ihm die volle Windel vor die Nase, "wann lernst du das endlich mal?"
'Warum schreie ich eigentlich so? Es sind Kinder! Meine Kinder!' wische ich ihm die stinkenden Reste vom Po, werfe die Pampers in den Windeleimer und wickle ihm eine Neue um den Hintern.
"Und jetzt gebt Ruhe, vertragt euch. Papa kommt gleich von der Arbeit und dann wird gegessen."
"Ich hab' kein' Hunger."
"Ich auch nicht." äfft sie ihn nach.
'Wie ich das hasse, warum k√∂nnen sie nicht einfach mal essen, was auf den Tisch kommt? Diese dauernden Sonderw√ľnsche und nur weil Josef ihnen alles durchgehen l√§sst.'
"Ihr werdet was essen, daf√ľr sorg' ich schon."
"Dann sag ich's Papa."
"Gebt endlich Ruhe. Es reicht mir."
Halb acht, bald ist DAS √ľberstanden.
Die Nudeln sind nat√ľrlich jetzt kletschig. Klar. Dann hat Josef wieder was zu meckern, wenn er endlich vom Bau kommt, hoffentlich nicht wieder mit einer Bierfahne. Diese elende Fahrerei zur Montage und wieder zur√ľck. Wissen die Herren Politiker eigentlich, was sie den Familien antun, wenn ihre Politik die Bauern dazu zwingt, zum √úberleben einen Nebenerwerb anzunehmen? Die sitzen doch im Trocknen und haben nicht drei Stunden Zeit, sich auf der Fahrt von der Arbeit den Kopf zuzuziehen.
"So ein Mist", fluche ich laut, denn inzwischen ist die Nudelsoße angebrannt, "klar, das hat ja auch noch gefehlt!"
WARUM?
Ich k√∂nnt's hinwerfen, ja verdammt, alles hinwerfen. Die K√ľhe im Stall, wenn ich sie schon immer h√∂re, der Mistgestank im Hof, der immer nur meckernde unzufriedene Alte, die pl√§rrenden Kinder, und jeden Tag wieder derselbe Schei√ü
...
ein Dunst aus Biergeruch und abgestandenem Zigarettenqualm kommt mit ihm in die K√ľche.
"Frau, ist dir das Essen angebrannt?"
'Dass er das in dem Dunst √ľberhaupt noch merkt ...'
"Ja, denk nur. Ist es. Kannst ja in die Kneipe gehen, wenn's dir nicht passt."
"Lisa, Marc!!!" schreie ich mach oben "EEEEEEssen!"
"Rita, schrei doch die Kinder nicht so an!"
"Dann sag du es denen doch, auf dich hören die eh immer."
"Marc, Lisa, ich bin von der Arbeit zur√ľck."
"Papa Papa", und ich seh nur noch, wie sie ihm um den Hals fliegt, wie er sie mit seinen Armen auffängt und sie fliegen lässt
"Papa Papa!"
"Wie siehts aus? Gehste jetzt endlich aufs Klo?"
"Kinder, setzt euch, es gibt angebranntes Essen."
Ich hasse ihn f√ľr diesen Blick.
"Ich will aber kein angebranntes Essen, ich will keine Cornflakes!" hallt es in meinen Ohren wider.
Von unten aus dem Dorf schallt die Glocke der Kirchturmuhr herauf, 8 Schläge ...
... schwei√ügebadet wacht sie auf, versucht sich zu orientieren ‚Äď all die Horrorszenarien noch im Kopf wagt sie kaum, die Augen zu √∂ffnen. Doch dann kneift sie sich ins Ohrl√§ppchen, f√ľhlt den Schmerz und wei√ü, es war alles nur ein Traum. Im Halbdunkel der ersten Morgend√§mmerung erkennt sie die vertrauten Umrisse ihres Kleiderschrankes und der Kommode mit dem gro√üen Spiegel darauf. Und stellt im selben Moment erleichtert fest, sie ist nach wie vor 42-j√§hrige Singlefrau und arbeitslos, war bis vor kurzem als Gesch√§ftsf√ľhrerin der Filiale eines internationalen Damenmodekonzerns angestellt gewesen. Aus der K√ľche h√∂rt sie das Gebr√ľll ihres Neffen, der mal wieder nicht seine Cornflakes essen will.
'Was in aller Welt hat mich nur dazu bewogen, das Angebot meiner Schwägerin anzunehmen, und erstmal in den elterlichen Hof einzuziehen?' fragt sie sich.
Aber in diesem Moment wird ihr erstmal so richtig bewusst, wie gut sie es eigentlich hat. Keinen m√ľrrischen Mann, keine pl√§rrenden Kinder, keine K√ľhe zu versorgen ...
... und ganz gem√ľtlich dreht sie sich nochmal um und kuschelt sich ins weiche Kissen.


 2003 Franz Malecki

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.09 Uhr
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