'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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August 2003
Heimkehr
von Markus Muenger


Sie sassen am grossen Holztisch in der Küche. Rita Heinbauers Haar war hochgesteckt, nur eine Strähne hing ihr ins Gesicht. Mit den Ellenbogen stützte sie sich auf die Tischplatte, hielt mit beiden Händen die grosse Tasse und nahm einen Schluck Milchkaffee. Sie beobachtete Mutter und Vater, wie sie da sassen, Brot in ihren Tassen tunkten, Käse und Wurst in kleine Stücke schnitten und assen. Beide schwiegen vor sich hin. „Wie lange sind sie nun zusammen“, dachte Rita „bald werden es fünfzig Jahre sein. Goldene oder Diamantene Hochzeit nennt man das, glaube ich. Wie kann man das nur aushalten, fünfzig Jahre die selbe Person am Morgentisch. Kein Wunder schweigen sie einander an, fünfzig Jahre.............“ Für Rita war dies unvorstellbar. Sie konnte einen Partner eine Woche, bei guter Führung vielleicht einen Monat ertragen, dann aber brauchte sie wieder Luft. Heiraten käme für sie nicht in Frage. Nein, Heirat war das Letzte was sie brauchen konnte. Sie liebte ihre Freiheit, braucht das Alleine sein, tun und lassen was man will ohne Erklärungen ab zu geben. Heirat, nein danke.

Seit einem Monat hatte sie Ruhe. Keine Freunde, keine Bekannten. Ein Monat ist es her, seit sie diesen fürchterlichen Brief erhielt. „...Durch die globale, wirtschaftliche Entwicklung, sind wir leider gezwungen ihre Filiale zu schliessen...“ Wut kroch bei ihr hoch, wenn sie nur daran dachte. Wie oft hat sie diesen Stümper da oben erklärt, dass die Kollektionen nicht den Wünschen der Kundschaft entsprach. Dies hat nichts mit globaler Entwicklung zu tun, dies hat etwas mit Missmanagement zu tun, dachte sie. Wie wollen diese Herren auch wissen was die Damen um Schneizlreuth tragen. Dazu waren die Preise zu hoch, als dass jemand aus dem nahen Österreich zu ihnen fand. Nein, dies war eindeutig ein Führungsfehler des Konzerns, da braucht ihr niemand etwas von „global“ zu erzählen. Als Filialleiterin hatte sie schliesslich einen gewissen Einblick.

Nun sass sie hier in Bad Reichenhall, am Küchentisch bei ihren Eltern. Sie trank ihre Tasse aus, stand auf, räumte ihr Geschirr weg und verliess die Küche. Die Eltern schauten sich kurz an ohne was zu sagen. Rita eilte raus, setzte sich auf den Traktor und fuhr vom Hof in die Felder. Sie wusste nicht genau was Heute zu tun sei. Die Felder waren längst bestellt. Regen gab es auch vor ein paar Tagen und so gross war der Besitz nicht mehr, als dass zu viel Arbeit anfiel. Als klar war, dass sie den Hof nicht übernehmen würde, hat Vater die meisten Felder verkauft. Damals hat es ihm beinahe das Herz gebrochen. Aber dieses Leben war nichts für sie. Und alleine hätte sie den Hof sowieso nicht bewirtschaften können. Vater hat lange versucht sie um zu stimmen. Oft lud er junge Bauern aus der Gegend ein und hoffte sie würde sich in einen verlieben. Das war schon damals das Letzte was sie gebrauchen konnte und dies hat sich bis Heute nicht geändert. Als sie nach Mailand ins Studium ging, gab er auf. Nur noch die paar Hektar um den Wald behielt er, damit es ein Grund gab, das Haus, die Küche, die Stube zu verlassen.

Seit der Schliessung der Filiale hatte Rita keine Arbeit mehr, nur noch Zeit, sehr viel Zeit. Sie fuhr hoch zur Wiese am Wald. Den Traktor stellte sie unter die grosse Buche, stieg ab und ging zu Fuss am Waldrand entlang. Weiter oben legte sie sich ins Feld und lies sich von der Sonne einhüllen und wärmen. Was sollte sie nur mit ihrer Zeit anfangen. Lange hält sie es hier auf dem Hof nicht aus. Vater wird nach dem Morgenessen ebenfalls davon schleichen, irgendwo in die Felder oder ins Dorf. Mutter wird die Küche erledigen, sich in ihren Sessel im Wohnzimmer verkriechen und irgendwelche Dinge nähen die sie an Weihnachten allen möglichen Leuten schenken wird. Nein, lange wird sie es hier nicht aushalten. Zudem sollte, sie mit ihren 42 Jahren, bald wieder auf dem Arbeitsmarkt präsent sein. Bei dieser globalen, wirtschaftlichen Entwicklung.... Sie lag noch etwa eine Stunde in der Sonne, bis es zu warm wurde. Sie stand auf, spazierte zum Traktor. Ihre Gedanken schwelgten in der Stadt, suchten Wege, wie sie hier weg kam, was die Zukunft bringen soll. Sie könnte eine eigene Boutique eröffnen. Vater könnte sie die ersten ein - zwei Jahre unterstütz. Der Verkauf der Felder hat sicher eine menge Geld gebracht. Aber irgendwie wollte sie sich nicht abhängig machen, schon gar nicht von Vater. Insgeheim hat er ihr sicher noch immer nicht verziehen. Oder vielleicht doch, er hat nie darüber gesprochen. Eigentlich wusste sie nichts über Vater. Sie wusste nicht was er über ihre Arbeit denkt. Sie wusste nicht was er davon hielt, dass sie immer noch alleine lebte. Sie wusste nicht genau wie er seine Zeit verbrachte, spekulierte nur, dass er im Gasthof sass oder nach dem Obst und den Felder schaute, die es eigentlich nicht mehr gab. Sie wusste auch nichts über seine politische und soziale Einstellung, nichts über seine Vorlieben. Sie wusste wirklich nicht viel von ihrem Vater. Er hat auch Früher nie viel geschwatzt. Da war Mutter schon anders. Von ihr wusste sie alles. Wenn sie zusammen kochten oder das Geschirr wuschen, hat sie oft über die Kindheit erzählt. Ihr wurde klar, dass seit ihrem Wegzug vor fünfzehn Jahren, niemand mehr hier war, der mit Mutter Gespräche führte. Vater war immer schon so und Mutter hat sich ihm in den letzten Jahren angepasst. Beide schwiegen einander an, so wie heute Morgen und Gestern und die Tage davor. Eine leichte Wehmut überkam Rita. Ob sie ein schlechtes Gewissen haben sollte. Ist sie verpflichtet, zu ihren Eltern zu schauen. Darf sie nicht ein eigenes Leben führen. Nein, hier darf ihr niemand einen Vorwurf machen. Schliesslich ist es nicht ihre Schuld, dass es keine Geschwister gab von denen vielleicht eines den Hof weitergeführt hätte. Und auch dies war nicht sicher. Wer möchte Heute noch Bauer sein. Hier im Dorf gibt es kaum noch einen. Die Jungen sind alle weg gezogen, in die Städte oder sogar ausgewandert. Es gab nur noch den Hof von Mosers der beinahe alle Felder übernommen hat und mit seinen beiden Söhnen einen Grossbetrieb aufbaute. Die Zeiten haben sich geändert, hier durfte sie niemand verurteilen.

Bald erreichte sie den Traktor, stieg auf und fuhr langsam zurück zum Hof. Als sie über die Kuppel vor dem Wald fuhr konnte sie schon den Hof sehen. Sie bemerkte, die vielen Autos vor dem Haus, sah eine Ambulanz davon rauschen. Es ist etwas passiert. Das Herz fing an zu pochen. Mit Mutter ist was passiert. Sie drückte das Gaspedal durch, doch der alte Traktor gab nicht mehr viel her. Sie tuckerte dem Hof entgegen, wurde dabei immer unruhiger. Es standen noch drei Autos da, die sie von weitem nicht erkennen konnte. Als sie oben bei der Einfahrt ankam, erkannte sie dass graue Auto. Es war der Kombi vom Bestatter. Das Blut stockte ihr in den Adern, ihr wurde übel. Sie stellte den Traktor neben den Weg, sprang runter und rannt zum Haus. Kurz vor der Tür kam der Junge Hans Moser raus und hielt sie fest. Durch die Tür konnte sie die Mutter sehen. Sie sass auf der Treppe, starrte zur Tür und rührte sich nicht. Rita riss sich von Moser los, trat ein und setzte sich zu Mutter. Diese starrte sie an: „Vater liegt oben. Doktor Reinauer ist noch bei ihm aber....“ Ihre Augen wurden feucht und sie lies sich gehen. Rita nahm sie in die Arme und versucht zu trösten. Doch auch sie konnte die Tränen nicht halten und weinte mit Mutter los. „Als ich nach den Hühnern schauen wollte“, schluchzte Mutter weiter „lag er neben dem Brunnen. Er bewegte sich nicht mehr, auch nicht als ich ihn hochziehen wollte. Nichts mehr, vorbei...“ Sie hielt sich die Schürzte vor die Augen und heulte nun hemmungslos in den Armen von Rita.

Die Trauerfeier war schlicht. Die Kirche war halb besetzt. Heute wurde Rita klar, dass ihr Vater eigentlich eine alter Mann war. Alles lief geordnet ab, die meisten Trauergäste waren alte Bekannte aus dem Dorf. Kein Andrang, wie wenn ein junger Mensch aus dem Leben gerissen wird. Es war keine Überraschung, wenn jemand in dem alter stirbt, nur war es Rita nicht bewusst. Es war ihr Vater wie vor vierzig Jahren. Rita und Ihre Mutter verliessen als erstes die Kirche gefolgt von den übrigen. Auf dem Kirchhof wateten sie auf den Sarg, der von vier Männern aus dem Südflügel der Kirche getragen wurde. Sie schlossen sich dem Sarg an und gingen langsamen Schrittes über den Kirchhof bis zur Grabstätte die offen lag. Der Pfarrer stand vor den Sarg der über dem offenen Grab auf Holzbalken abgestellt wurde, die Gemeinde versammelte sich um diesen Platz und hörten den Worten des Geistlichen. Rita bekam nicht recht mit was erzählt wurde. Solche Situationen hasste sie, eigentlich, aber Heute war sie einfach nur traurig. Nach ein paar Minuten wurden die Sargträger aufgefordert den Sarg zu versenken. Rita und ihre Mutter streuten noch etwas Erde auf den unten liegenden Sarg und wandten sich ab. Es war hier nicht üblich, dass die Trauergemeinde bei einer Mahlzeit zusammen sassen und dies war Rita mehr als recht. Sie nahm Mutter am Arm, verabschiedete sich und spazierte mit ihr zum Hof.

Lange sass sie noch mit Mutter in der Küche. Sie sprachen nicht viel, starrte auf ihre halb vollen Wassergläser und schwiegen. Eigentlich wie seit einem Monat, doch war Heute alles anders. Es war ruhig wie immer, doch fehlte er. Gegen neun Uhr stand Mutter langsam auf. "Ich geht schlafen, bin müde." Ihre Augen waren gläsern, seit drei Tage weint sie nur noch. Sie ging vom Tisch. "Schlaf gut Mutter", wünschte ihr Rita "ich bin da, in der Kammer wenn du was braucht. Ruf einfach." "Dank dir Kind, es wird schon gehen." Langsam schlich sie aus der Küche, in die Stube. Sie schlief auf dem Sofa. Sie konnte jetzt nicht ins Bett steigen, dass sie seit so vielen Jahren mit Vater teilte und plötzlich alleine für sich hatte. So weit war sie noch nicht. Nach einer Weile ging das Licht in der Stube aus. Rita erhob sich. Sie war müde, doch war es ihr nicht ums schlafen. Sie stieg die Treppe hoch, ging in ihr alte Kammer, legte sich aufs Bett ohne die Kleider aus zu ziehen und starrte an die Decke. Wie lange ist es her, als sie Nachts todmüde hier lag, verschwitzt und glücklich. Den ganzen Tag auf dem Feld mit Vater und dem alten Karl. Die Zimmerdecke hat sich nicht verändert, denkt Rita. Was ist all die Jahre hier passiert? Nichts, alles war genau wir Früher als sie ein Kind war, nur die Menschen haben sich verändert. Das Dorf ist leer und still geworden. Über das ganze Land sind ihre Schulfreunde verzogen. Über all die Jahre hat sie alle aus den Augen verloren. Wo sie nur alle sind, dacht Rita. Sie überlegte was die Zukunft bringen wird. Jetzt konnte sie nicht einfach weg. Mutter war alleine und bald mussten die Rüben eingeholt werden. Auch wenn es nur ein paar Hektar waren, dies konnte Mutter unmöglich alleine schaffen. Sie wird wohl bis zum Winter hier bleiben. Dann würde sie ein Platz für Mutter suchen und zurück in die Stadt ziehen. Mitnehmen konnte sie Mutter nicht, sie will sicher nicht weg von hier. Aber sie braucht jemand der zu ihr schaut, schliesslich ist sie siebzig. Rita überlegte noch lange was die nächsten Wochen bringen, bis der Schlaf sie holte.

Die Bäume im Wald kleideten sich langsam ins Herbstgewand. Die letzten paar Wochen war Rita ständig draussen auf den Feldern. Zwei, drei mal besuchte sie das Wirtshaus, sprach mit den Moser Brüdern über die Ernte. Seit dem Tod von Vater waren alle im Dorf viel verständnisvoller schien ihr. Rita wusste nicht, aus Höflichkeit oder Mitleid? Vielleicht waren die Menschen immer so, nur sie hat es anders aufgefasst. Seit dem sie hier war, hat sie sich nicht um die Bewohner gekümmert. Eigentlich wollte sie ja längst wieder weg sein. Die Brüder boten Rita Hilfe bei der Rübenernte an. Zwei Tage im September konnten sie helfen. Das würde reichen, wenn sie mit den grossen Maschinen kamen.

An diesen September Tagen schien die Sonne nochmals heiss vom Himmel. Rita erinnerte sich, wie sie früher im Herbst mit Vater, Mutter und dem alten Karl draussen war. Diese Tage hat sie immer genossen. Wild kam sie sich vor, wild und frei. Es waren harte Tage, aber sie genoss jede Minute, bis sie Abends ins Bett stürzte und meist gleich einschlief. In diesen zwei Tagen im September wuchs in Rita eine unbekannte Sehnsucht. Eigentlich wollte sie im Winter wieder in der Stadt sein, doch wusste sie nicht mehr was sie dort hin zog. Sie verdiente zwar nicht mehr wie damals als Geschäftsführerin, doch dies kümmerte sie auf einmal nicht mehr. Sie entdeckte andere Werte. Das wilde leben auf den Feldern. Der Himmel über ihr, die Erde unter den Füssen. Diese zwei Tagen rüttelten sie auf, so schien es Rita. Es kam ihr vor wie ein Erwachen. Die Stadt war auf einmal weit weg, unbekannt, unecht. Hier wollte sie bleiben. Hier für Mutter sorgen, in die Vergangenheit lauschen, den Tag geniessen und die Zukunft auf sich zukommen lassen. In diesen zwei Tagen der Ernte, ist Rita heimgekehrt.....



markus muenger

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 10.05 Uhr
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