Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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September 2003
Chromium Bar
von Klaus Eylmann


Dunbar war eine Stadt, die sich zu erinnern versuchte, als sie erkannte, dass sie nicht mehr sie selbst war. Wie eine Wucherung breitete sich das Kybernetische Institut neben dem Platz der menschlichen Einsicht aus, auf dem seit einigen Tagen Robotpolizisten patroullierten.

Im Künstlerviertel Aznavour gingen die Laternen an. Yari Vinigrette kehrte von seinem Streifzug durch die Stadt zurück und setzte sich vor der Chromium Bar an einen Tisch. Er war ein kleiner unauffälliger Mann. Mit weit geöffneten Augen blickte er um sich. Er hatte einen erstaunten, oft bekümmerten Ausdruck im Gesicht.
Eine der Kellnerinnen brachte seinen Absinth und ging. Vinigrette sah, wie sie sich mit ihren Kolleginnen unterhielt, lachte. Mit ihren flachen Schuhen, strammen Waden, grünen Schürzen, durchgedrückten Rücken, ihren schnellen und sicheren Bewegungen schienen sie sich nicht bewusst, wie die Stadt sich um sie herum veränderte, und Vinigrette fragte sich, wieso fiel es ihm so schwer, beides zu akzeptieren?
Sie standen im Dunbar-Anzeiger: Vinigrettes Impressionen. Jeden Tag. Als Journalist und Poet spürte er Oasen der Stadt auf, die ein Stück Vergangenheit konservierten, und er versuchte Dunbar die Erinnerung an sich selbst zurückzu- geben. Er durchstreifte Markthallen, stillgelegte Fabriken, den alten Bahnhof, den Hafen mit seinen Kai-Anlagen und verrotteten Kränen. Sein Augenimplantat nahm die Eindrücke auf, sandte sie an den Computer in seiner Wohnung, in der er des Nachts seine Artikel schrieb.
Der Hafen. Vinigrette dachte an den einsamen Angler auf dem hölzernen Ponton.
“Immer derselbe Fisch, den ich angle.” Der Angler hatte den Barsch zum wiederholten Male zurückgesetzt. Vinigrettes Gedicht vom Angler und dem Fisch, der sich immer wieder angeln ließ, um seiner Einsamkeit zu entgehen, wurde stadtbekannt.

Von seinem Platz hatte er eine gute Sicht auf die Gernotstraße und den Marktplatz dahinter, auf dem Gaukler und Wahrsager ihr Publikum verzauberten.
Ein Robotpolizist ging an den Schaufenstern vorbei.
Zwei Männer setzen sich an einen Tisch, redeten miteinander, dann sahen sie zu Vinigrette herüber.
“Morgen fahren wir los und filmen die Strecke. Vinigrette, warum kommen Sie nicht mit uns?” Vinigrette setzte sich zu ihnen. Erst vor einigen Tagen hatte er den alten Bahnhof besucht. Unkraut wuchs durch den aufgesprungenen Beton der Bahnsteige. Im Frühling flogen Schwalben durch die kaputten Fenster, während die Bahnhofsuhr ständig die gleiche Zeit anzeigte.
“Der Hafen”, sagte Vinigrette, “der Hafen ist so einsam und heruntergekommen wie der Bahnhof auch. Mein Vater pflegte mit mir an den Kais und Lagerhäusern entlang zu gehen. Er zeigte mir, wie die Fracht gelöscht wurde.” Die Männer nickten, sagten nur “Morgen fahren wir” und gingen. Vinigrette sah ihnen hinterher.
Die Strecke Dunbar-Ypsilanti: Die Brüder Schmidt wollten sie im Kino zeigen, als Erinnerung an alle, die früher mit einem Zug gefahren waren, als Memento an die, welche die Veränderung Dunbars forcierten. Würden bald die Straßen verfallen? Jeder im Haus bleiben und seine Arbeit dort erledigen? Würde Kunst nur noch auf einem Bildschirm zu sehen sein?
Kichern, Rufen, Flüstern, Lachen. Citronella Sonnifero ließ sich mit ihrer Entourage an den Tischen nieder. Mit ihrem Stück ‘Humpty Dumpty trifft die Prinzession auf der Erbse’ war sie Star der Saison. Alle zwei Wochen klaubte Vinigrette sein letztes Geld zusammen und besorgte sich eine Karte für die Aufführung. Glotto, der Zwerg lief um die Tische und schlug Kapriolen. Citronella redete ohne Unterlass, dann schwieg sie plötzlich. Ihr Blick wurde leer. Sie sah zu Vinigrette herüber und nickte ihm zu.
‘Ich weiß, wie du dich fühlst’, dachte er und blickte auf ihr schmales Gesicht. Der kybernetische Beirat hatte empfohlen, die Theatersaison für immer ausklingen zu lassen. Es sollte nur noch Aufnahmen im Fernsehstudio geben.
‘Soviel Training, soviel Mühe für eine Fernsehaufnahme.’ Auch wenn Bildschirme eine ganze Wand einnahmen. Nie könnten sie Theateratmosphäre ersetzen. Vinigrette dachte an Citronellas Produktion, wie graziös sie als Prinzessin eine Viertelstunde auf einer großen Kugel tanzte, während andere Ballerinen sich in einer nach innen drehenden Spirale um sie herum wanden. Auf einer Mauer rannte Glotto, der Zwerg, in einem Ei-Kostüm hin und her und ließ sich zum Schluss als Humpty Dumpty auf die Kugel fallen, um mit der Prinzessin tanzend von der Bühne abzugehen.
Eigentlich sollte er ein paar Worte mit Citronella wechseln. Doch womit hätte er sie trösten können? Vinigrette blieb an seinem Tisch.
“Macht es dir was aus, dass man Adern auf meinen Brüsten sehen kann?”
Die Frau an Vinigrettes Nachbartisch blickte zu Boden.
“Ich hatte ein anderes Modell bestellt”. Ihr Begleiter war sichtlich erregt. Dann schien er sich zu besinnen, als er sah, dass die Frau anfing zu weinen. “Es tut mir Leid. Ich wollte dich nicht kränken.” Er blickte zu Vinigrette herüber.
“Hätten Sie geahnt, dass Androiden so sensibel sind?”
Vinigrette sagte nichts. Er sah die massive Gestalt Madame Triches, die vom Marktplatz kam, wie ein Golem über die leere Gernotstraße stapfte und seinen Tisch ansteuerte.
“Darf ich?” Bevor Vinigrette etwas sagen konnte, saß die Frau bereits. Sie schnaufte, als habe sie einen Gewaltmarsch zurückgelegt, dabei hatte sie bis vor kurzem in ihrer mit Satin umspannten Bude auf dem Gernotplatz Karten gelegt.
Robust und korpulent, mit watschelndem Gang und hohem Zigarettenkonsum, hatte sie sich als Kartenlegerin einen Namen gemacht und arbeitete nur noch nach Vereinbarung.
‘Die Leute brauchen das in einer Zeit, wo die Ratio regiert’, dachte Vinigrette. Er rief eine Kellnerin herbei und bestellte zwei Absinth.
“Was sagen die Karten?”
Madame Triche zog ihre Tarot Karten aus der Jacke. Sie flogen von einer Hand in die andere. Dann legte sie die Karten aus.
“Sieh her. Dummkopf: Richte dich auf das Unerwartete ein. Scharfsinn: Ein neuer Beginn und die drei Ruten: Vordringen in unerforschtes Gebiet. - Nichts ist so, wie es scheint.” Die Frau tätschelte Vinigrettes Hand: “Yari, es ist nicht so schlimm wie du denkst”. Sie hielt seine Hand fest, als das Licht in der Stadt aus ging. Es krachte und zischte, als vom Gernotplatz Feuerwerkskörper in den Himmel flogen und in farbigen Kaskaden zu Boden schwebten. Farben liefen über Madame Triches Gesicht. Ihre gebogene Nase erschien länger, ihre Augen stumpf. Vinigrette erinnerte sich. Vor einem Jahr hatte sie geheiratet. Ein paar Monate nach der Hochzeit legte sie ihrem Mann die Karten und Stunden später hängte er sich auf dem Hinterhof einer Brezelbäckerei auf. Damit wollte er, so hatte er in seinem Abschiedsbrief geschrieben, dem zuvorkommen, was die Karten verkündet hatten.
Aus den Augenwinkeln sah Vinigrette einen metallenen Schimmer. Er drehte seinen Kopf. Am anderen Ende der Bar stand ein Robotpolizist. Rötlich schimmernde Augen blickten durch Metallschlitze zu ihnen herüber. Sein Mund ein Gitter. Nun näherte er sich ihrem Tisch. Er hielt etwas in der Hand.
“Madame Triche, Meister Vinigrette.” Der Robot verbeugte sich. “Madame Triche”, kam es aus seinem Mund. “Ich habe eine Bitte. Könnten Sie mir die Karten legen?”
“Richte dich auf das Unerwartete ein”, zischte die Frau Vinigrette ins Ohr und erhob sich. “Und Meister Vinigrette, würden Sie bitte den Gedichtband für mich signieren?” Der Robot legte das Buch mit Vinigrettes neuesten Gedichten auf den Tisch. “Das mit dem einsamen Fisch ist mein Lieblingsgedicht.”
‘Madame Triche hat Recht. Es ist nicht so schlimm wie ich dachte’. Vinigrette schrieb seinen Namen in das Büchlein, gab es dem Roboter zurück. Dann verschwand der Metallmensch mit der Wahrsagerin in Richtung Gernotplatz.



Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.52 Uhr
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