Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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September 2003
Van Gogh rettet die Welt
von Josef Th. Thanner


Merkwürdige Dinge fielen vom Weltall auf die Erde herab, zunächst auf Nevada, dann auf New York, dann auf Stammheim, zuletzt aufs Allgäu, direkt vor meine Haustür.
Meine Kneipe lag ein paar Kilometer nördlich von Scheidegg, mitten in der Pampa zwischen Irgendwo und Nirgendwo und meilenweit von der nächsten größeren Stadt entfernt, aber es gab viele Pflanzer in der Gegend, und die hatten nach einem heißen Tag auf dem Feld Durst auf allerlei würzige Sachen.
Als ich eines morgens den Müll rausbrachte, geschah es. Plopp! Plopp! Nochmals Plopp! Es regnete schwarze Joghurtbecher. Wer sollte die alle wegräumen? Plopp, Plopp, Plopp! Ich setzte den Müllsack ab und holte den Besen. Als ich eines anstupste, platzte - Pup! - der Joghurtbecher auf. Er entfaltete seine Außenseiten und hübsche schwarze Krallenfüßchen kamen zum Vorschein. Dann mutierte das Ding vollends zu einem Wesen aus einer anderen Welt mit düster dreinblickendem Gesicht, buschigen Augenbrauen, und einer Stimme wie ein Reibeisen. Außerdem konnte es nett hüpfen, es machte einen Satz und sprang mir an die Gurgel. Ich ließ den Besen fallen, riss es von dort weg und sah es wütend an.
»Bring mich in dein Haus«, sagte es.
»Ich denk’ ja gar nicht dran!«
»Bring mich in dein Haus.«
»Ich bring dich in mein Haus ...«
Seine Augen sprühten plötzlich seltsame Farben. Was es nicht alles gibt im Universum! Meine Füße setzten sich in Bewegung, noch bevor ich vom Gehirn aus Weisung gegeben hatte.
»Ich bring dich in mein...«
»Den Befehl einmal zu wiederholen genügt.«
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass die anderen Joghurtbecher ebenfalls aufplatzten und zu solchen Wesen wurden. Pup! Pup! Pup! Sie hüpften hinter mir her in die Schankstube.
»Ich bin Schankwirt«, erwiderte ich auf ihre Fragen. Sie sprangen auf die Stühle an der Bar und ich begann Bier für sie zu zapfen.
»Wir übernehmen die Erde«, sagte ihr Anführer. »Widerstand ist für die Katz. Übrigens, ich bin Haschgilu, Oberster Sicherheitsverwahrer von Zellar, und bald Oberster Sicherheitsverwahrer der Erde.«
»Freut mich«, sagte ich mechanisch. »Ich heiße Günther.«
Sie stellten sich der Reihe nach vor, einer hieß Basch, ein anderer Gawau, einer Oxyudfi, einer Bubu, einer Waslrök, die anderen Namen waren zu abstrus, ich habe sie vergessen.
»Wir sind Zellariten«, verriet mir Basch, wackelte mit seinen Augenbrauen und nippte von dem Bier. Ein schwarzer Lappen, wohl seine Zunge, wischte über die Lippen.
»Wir kommen von Zellar«, sagte Oxyudfi.
»Wir können dir getrost alles verraten, Günther«, sagte Haschgilu, der Oberste Sicherheitsverwahrer der Erde, »die halbe Erde ist bereits in unserer Hand, die zweite Hälfte folgt in den nächsten halben Stunde. Wie schon erwähnt: Widerstand ist für die Katz.«
Ich spielte mit dem Gedanken, ihnen Schlafpulver ins Bier zu kippen; ich hatte noch einen Vorrat übrig vom letzten Frühjahr, als ich dasselbe mit meiner Else gemacht hatte - möge sie in Frieden ruhen. Ich ging ...
»Wohin gehst du?«, rief Waslrök und hüpfte auf.
»Du hast keinen Befehl erhalten, Erdling Günther!«, kreischte Haschgilu, der Oberste Sicherheitsverwahrer der Erde.
»Tue nie etwas ohne Befehl«, sagte Oxyudfi. »Es könnte leicht missinterpretiert werden.«
»Wie gesagt...«, begann Gawau.
»Jaja, ich weiß, Wiederstand ist für die Katz.«
So blieb ich angewurzelt hinter dem Tresen stehen und wischte über ein Glas.
Jetzt kommt der Moment, wo ich von Cezanne, Manet, Van Gogh und all den anderen erzählen muss. Es führt kein Weg daran vorbei. Es handelte sich um riesige Reprints verschiedener Gemälde, die ich einst gekauft und aufgehängt hatte; Else war mir deswegen tagelang in den Ohren gelegen, ständig hatte sie unsere Kneipe in so ein gediegenes Restaurant mit Spitzenkoch und Kultur ummodeln wollen, das Ambiente sollten diese Meister beisteuern.
Mitten unter ihnen hing das ›Nachtcafé‹, ein furchtbarer Schinken: Ein Straßencafé bei Nacht, von einer gelben Funzel angeleuchtet, ein übermüdeter Kellner, ein paar neurotische Spaziergänger. (Am besten gefiel mir der Mönch mit dem blauen Kopf, har, har, jemand hatte Tinte in den Weihwasserkessel geleert!) Über ihnen allen der Nachthimmel mit schrecklich überzogenen Sternformationen. Das Mistding hatte mir keine Sekunde lang gefallen, aber da die Sache mit Else noch nicht so lange her war, hatte ich bislang keine Zeit gefunden, es zu entsorgen. So hing es denn, als die Außerirdischen gelandet waren, in der Schankstube.
Irgendwann, ich glaube nach dem vierten Bier, ließen die Zellariten ihre Blicke schweifen, und - wie es alle tun, die bei mir abgefüllt werden - verwendeten sie ihre Aufmerksamkeit auf das vermeintliche Stück Kultur.
»Uaaaaaahh!«, schrie Waslrök.
»Uaaaaaahh!« , schrie Basch.
»Uaaaaaahh!« , schrie Oxyudfi.
»Uaaaaaahh!« , schrie Gawau.
»Uaaaaaahh!« , schrie Bubu.
»Uaaaaaahh! Das Sternbild von t’Hharsis!«, schrie Haschgilu, der Oberste Sicherheitsverwahrer der Erde.
Die Zellariten hopsten wie verrückt durcheinander, aber am höchsten von allen hüpfte Haschgilu. »An alle Einheiten, an alle Einheiten auf der Erde«, kreischte er in eine telepathische Verbindung, »Sofort abrücken! Sofort abrücken! Die Erde steht unter dem persönlichen Schutz der t’Hharsen! Wir haben ihr Zeichen gesehen! Ich wiederhole: Sofort abrücken! Sofort abrück....«
Da waren sie auch schon aus meiner Schankstube hinaus gehopst.
Meine Beine, über die ich plötzlich wieder Gewalt hatte, kamen gar nicht schnell genug vom Fleck. Ich stürzte nach draußen und sah nur noch eine schwarze Zischwolke in den Himmel aufsteigen und verschwinden. Am Horizont nahm ich viele dieser schwarzen Erscheinungen wahr, alle stiegen auf und verschwanden, genauso ungerufen wie sie gekommen waren.
Mann, ein Glück, dass ich den Schinken nicht schon letzte Woche entsorgt hatte. Ich glaube, ich lasse ihn noch eine Weile hängen, für den Fall dass die Zellariten auf die Idee kommen zurückzukehren. Aber spätestens nächsten Monat wandert er in den Müll! Übrigens: Ich habe inzwischen eine Bürgerinitiative gegründet mit dem Ziel, Van Gogh posthum den Titel Oberster Sicherheitsverwahrer der Erde zu verleihen. Wollen Sie unterschreiben?


© J. Th. Thanner

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 16.25 Uhr
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