'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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September 2003
Altlasten
von Anne Zeisig


„Der Worte sind genug gewechselt, lasst endlich Taten sehen!“, schloss die Abgeordnete ihren Vortrag und die Teilnehmer des Ausschusses stimmten ihr applaudierend zu.
„Unserer Generation gehört die Zukunft und dieser wollen wir unbeschwert entgegensehen!
Ohne Kosten verursachende Altlasten!“ Sie lächelte in die beifallzollende Expertenrunde.
Die nächtelange, geheime Ausarbeitung war beendet und deren Ergebnis einstimmig beschlossen worden. Im Namen des Volkes, unter Ausschluss des Volkes.


. . .

Im Altenheim „Zur Seligkeit“ hatte bereits seit der Morgenstunden Aufregung geherrscht. Denn die Liste der Bewohner war bekannt gegeben worden, welche am monatlichen Ausflug in das „Nacht-Café“ teilnehmen durften.
„Ich bin auch dabei!“, hatte Hermine fröhlich gerufen und ihren Gehwagen ungelenk an das Schienbein ihrer Zimmernachbarin, Elisabeth, geschoben.
„Autsch!“, hatte diese gefaucht, „pass doch auf, Du weißt ganz genau, dass die mir in meinem Alter keine Knochenoperation bezahlen! Sogar das Insulin rationieren sie mir bereits. Zu teuer. Seit Monaten wird das schon so gehandhabt!“
„Früher hat es auch kein Insulin gegeben“, hatte sich Hermine erinnert und löffelte ihren Frühstücks-Brei, „da ist mein Hubert, Gott habe ihn selig, eines natürlichen Todes gestorben. Ach ja, mein Hubert! Mit einem geschlossenem Zweispänner hat er mich damals abgeholt und wir sind in die Stadt gefahren. War ich aufgeregt! Hatte mein schwarzes Kleid angezogen mit dem weißen Klöppelkragen und dazu den passenden Hut. Das Gesellenstück meiner Mutter. Ich hatte ihn mir heimlich aufgesetzt. Weißt Du“, sie steckte die Haarnadeln ihres Duttes am Hinterkopf fest, „dass man für die Blüten so eines Hutes nur besonders appretierte Seide verwandt hatte?“
„Appretiert! Ich will mein Insulin“, hatte die Mitbewohnerin gejammert und sich stöhnend aufs Bett fallen lassen.
„Du hast ja nicht mal dein Frühstück angerührt“, hatte Hermine festgestellt und kratzte mit dem Löffel sorgfältig den Rest aus ihrem Schälchen.
„Frühstücken! Ist alles vergiftet!“, hatte Elisabeth mühsam hervor gepresst, „da esse ich lieber in dem Café was Anständiges.“ „Damals in der Stadt, in dem Café, da hatte mir der Hubert den Heiratsantrag gemacht. Und wir haben eng und innig Tango getanzt. Wenn die Mutter gewusst hätte, ...!“
„Was?“, hatte Elisabeth leise gefragt.
„Was hast Du gesagt?“
„Ich habe gefragt, was die Mutter nicht wissen durfte! Hermine! Hast Du das Hörgerät wieder nicht im Ohr?“
„Im Ohr? Aber ich hatte doch gestern Geburtstag! So einer Alten wie mir werden doch die Hörgeräte weg genommen und an die Jüngeren vergeben!“ Hermine hatte mit dem Kopf geschüttelt. „Du und Deine Vergesslichkeit!“
„Vergesslichkeit! Mir fehlt mein Insulin.“
„Wo waren wir stehen geblieben?“
„Deine Mutter durfte nicht wissen! Na! Was denn nun?“ Elisabeth hatte sich zur Wand gedreht.
„Na, ist doch klar, was meine Mutter nicht wissen durfte! Dass Du aber auch nie richtig zuhören kannst!“, hatte Hermine gemeckert. „Der Hubert und ich hatten einen ganzen Abend lang eng Tango getanzt und dabei hatte er die Blüten des Hutes total ruiniert! Hast Du überhaupt eine Ahnung davon, wie teuer solche Seidenblüten waren? Und wie wunderschön sie aussahen! Leicht angewelkt, als sei das ihr letzter Tag auf dem Hut, als brächten sie nur noch an diesem einen Tage ihre Schönheit zur Geltung!“
„Wie wir“, hatte Elisabeth leise zur Wand gesagt, „längst verwelkt und überflüssig geworden. Jeden weiteren Tag verursachen wir nur Kosten. Die haben ihre Last mit uns Alten, das sag ich Dir. Wenn ich wenigstens ein Kind gehabt hätte, welches mich nun besuchen würde. Und mir bestimmt Insulin besorgen könnte!“
`Ach, was die Alte da wieder vor sich hin flüstert´, hatte Hermine gedacht, `hat schon wieder vergessen, dass ich kein Hörgerät mehr habe.´

„Nun aber raus aus den Federn!“, hatte die junge Pflegerin das Gespräch der Beiden unterbrochen und schlug Elisabeths Bettdecke zur Seite, „wir gehen jetzt gemeinsam in den Aufenthaltsraum zum Kartoffel schälen, damit sich die Nachteulen endlich hinlegen können!“
Die Schlafenszeiten waren in zwei Schichten eingeteilt worden, weil man damit Betten einsparte. So kamen auf eine Schlafgelegenheit zwei Bewohner in der ‚Seligkeit´. Hermine machte das nichts aus, denn sie hatte auch früher gerne mal die Nächte durchgetanzt und sich am Tage hingelegt.
„Ich fühle mich so matt“, hatte Elisabeth gejammert, „ich will vor dem Aufstehen wieder meine Insulin-Spritze!“
Die Pflegerin hatte das Bettzeug in den Schrank geräumt und holte für die Folgeschläfer frisches hervor: „Es wird schon seine Richtigkeit haben, wenn Sie nur noch abends Insulin erhalten. Frühstücken Sie doch, dann wird Ihnen wohler.“
„Ich lass mich aber nicht vergiften!“, hatte Elisabeth die junge Frau angeherrscht.
`Essen vergiftet. Was die alten Leute sich so einbilden.´, dachte die Pflegerin, da war es sinnvoll, die Damen ein wenig aufzumuntern:
„Punkt Neunzehn Uhr ist Abfahrt, meine Damen und vergesst nicht, Euch vorher ein bisschen hübsch heraus zu putzen.“
Hermine war mühsam aufgestanden und hatte sich dabei auf den Gehwagen abgestützt: Hübsch herrichten könnte sie sich mit dem schönen Blüten-Hut, aber den hatte ihr damals Hubert ruiniert beim engen Tango tanzen im Café. Wo der Hut wohl geblieben war? `Bestimmt auf dem Sperrmüll gelandet, als meine Wohnung aufgelöst wurde.´, hatte sie traurig gedacht.

. . .


„Ich habe Euch die Statistik des letzten Halbjahres vorgelegt!“, die Abgeordnete hielt ein mehrseitiges Schriftstück in die Höhe, „und teile Ihnen erfreut mit, dass unsere Erwartungen positiv übertroffen wurden! Wie Ihr wisst, gab es bisher zu den monatlichen Altenaktionen auch noch keine Einwände seitens der Bevölkerung.“ Sie lächelte.
„Vielleicht wäre es organisatorisch durchführbar“, meinte ein Experte aus der Runde, „dass wir das Altenprojekt auch auf die Heiminsassen ausweiten könnten, welche draußen noch Angehörige haben!“ Auch er lächelte: „Ich meine, nur, wenn es wirklich aussichtslose Fälle sind.“
Das Raunen und Wispern im Raum wurde von seiner Vorrednerin unterbrochen: „Wäre überlegenswert! Jedoch ist das Risiko der Aufdeckung dann sehr hoch und würde die bestehenden Aktionen gefährden! Außerdem! Herr Kollege! Das ist doch absurd, könnte es doch jeden Einzelnen von uns auch treffen bei Krankheit und Siechtum“, erwiderte die Abgeordnete, „aber ein Anfang ist zunächst gemacht für die Leute ohne Familie. Meine Damen und Herren, nun aber die Details: Wie sie aus der Statistik ersehen können, hatte die ... einschließlich der ... eine Kostenersparnis über... Euro. Diese Positiva sind…“ Alle lächelten höchst zufrieden.

. . .

`Geschlossene Gesellschaft´ war an der Eingangstür des „Nacht-Cafés“ zu lesen und die Jalousien waren herunter gelassen worden.

„Ruhe bitte!“, die Abgeordnete hatte sich hinter den Tresen des Cafés postiert und hielt ein Glas Sekt in die Höhe, „ich wünsche allen einen vergnüglichen Abend und darf darauf hinweisen, dass wir weder Kosten noch Mühen gescheut haben, Ihnen einen schönen Aufenthalt hier in diesem Ambiente zu ermöglichen! Für Speis` und Trank ist gesorgt! Außerdem wird ein rüstiger Herr aus Ihrer Runde die Schellack-Platten auflegen und Sie hoffentlich veranlassen, in Jugenderinnerungen zu schwelgen! Viel Vergnügen also!“ Sie lächelte und verließ das „Nacht-Café“ durch den Hinterausgang.

Elisabeth hatte lange im Essen herum gestochert, bis sie aß: „Das ist nicht vergiftet! Und schmeckt auch!“
„Was hast Du gesagt?!“ Hermine hatte ihre Tischnachbarin nicht verstehen können, denn der Plattenspieler war sehr laut eingestellt. Sie zupfte ihr Haar zurecht und schob ihren Gehwagen im Takt vor und zurück. Ein argentinischer Tango. Wie damals. Nur die Beleuchtung war greller und die alten Möbel mit den Schnitzereien hatte man durch moderne ersetzt. Der Mokka zum Dessert war heiß, stark und zuckersüß. Wie damals.
„Autsch! Pass doch auf! Hast mir wieder Deinen Wagen an das Schienbein gestoßen! Du weißt doch, dass die mir keine Knochen... „
„Operation bezahlen, ja ja, Elisabeth, ich weiß, das lohnt in Deinem Alter auch nicht mehr. Aber wenigstens mir hätten sie für diesen Abend ein Hörgerät zur Verfügung stellen können“, und nahm einen zweiten Schluck aus der feinen Porzellantasse. Hermine fühlte sich glücklich und selig an früher erinnert, wo die Mokkatassen zierlich und hauchdünn sein mussten. Die Ober stoben eifrig um die Tische herum und kredenzten einen Menügang nach dem anderen. Füllten leere Gläser auf. Wie damals.

„Und nun einen Walzer von Richard Strauß!“, tat ein Alter an den hinteren Tischen seinen Musikwunsch kund und wischte sich mit einem karierten Taschentuch den kalten Schweiß von der Stirn. Man war halt das opulente Mahl in dem hohen Alter nicht mehr gewöhnt. Zuvor noch die Busfahrt in die Stadt, wo der Magen bereits hin- und hergeschaukelt worden war. Ein Mitarbeiter schaltete das grelle Licht herunter und erste Gäste wurden hinaus gebracht `Wenn man im Alter nichts verträgt, dann sollte man auch nicht so viel trinken´, dachte Hermine und hielt ihr Glas Rotwein gen Deckenspot. Wie das funkelte und blitzte. Sie prostete ihrem Hubert , Gott habe ihn selig, zu. Eins-Zwei-Drei, Eins-Zwei-Drei, Eins... ach, hätte er doch auch noch mal einen Walzer mit ihr getanzt! Heute könne sie eh nicht mehr tanzen. Damals die Flucht im Winter, weit vor ihrer Zeit mit Hubert, die eisige Kälte mache sich erst im Alter bemerkbar, sei ihr halt in den Knochen hängen geblieben.
`Früher hingen hier schwere, dunkelrote Samtvorhänge´, erinnerte sich Hermine und fand, dass Elisabeth ein wenig blass um die Nase wirkte.
„Mir ist so schwindelig“, bemerkte Hermine leise und tastete zitternd nach ihrem Gehwagen.

. . .

„Wie viel Schränke muss ich heute leer räumen?“, hatte die junge Pflegerin im Altenheim „Zur Seligkeit“ ihre Vorgesetzte gefragt und beeilte sich nun, die bereit gestellten Kartons zu füllen. Diese Packerei seit ein paar Monaten! „Umstrukturierungen im Kostenwesen!“, hatte man den Mitarbeitern vertraulich gesagt. Eine Art `Rollierendes System´ der Altenheime. Stillschweigen darüber musste gewahrt werden, auch sollten die Heimbewohner nicht damit belastet werden. Ach, was kümmerte das die junge Pflegerin, sie hatte eh nur einen Zeitvertrag. Mühsam fischte sie aus der hintersten Schrankecke eine alte, runde Schachtel und entnahm dieser einen schwarzen Hut. Sie schüttelte den Kopf, weil die Blumen verknittert und verwelkt aussahen. Aber das Satinband um die Krempe glänzte noch wunderschön. Sie setzte den Hut auf, trat lächelnd vor den Spiegel und strich mit der Rechten über ihren schwangeren Bauch. Den zukünftigen Vater ihres Ungeborenen hatte sie in einem Internet-Café kennen und lieben gelernt. An dem Tag hatte sie ihr schwarzes Top getragen, das wegen der aufgenähten Pailletten sündhaft teuer gewesen war. ` Der Hut könnte zu dem Top passen´, dachte die junge Frau, `wenn ich die alten Blüten entfernen würde, sähe diese Kombi total hipp aus. ´ Sie legte Hut und Schachtel nicht in den Karton, würde gleich ihre Chefin fragen, ob sie ...
„Was will so ein junges Ding denn mit so einem alten Hut?“, die Vorgesetzte kniff die Augen zusammen, „oder sind Sie etwa mit der alten Hermine irgendwie verwandt oder verschwägert?“
„Nein, ich dachte nur..., da vor dem Spiegel... “.
Also durfte sie, „aber nur ausnahmsweise“, den Hut behalten. Die Heimleiterin ging in ihr Büro und rief ihre Schwester an: „Alles klar! Wieder rollt eine Fuhre Kartons samt altem Plunder zur Müllverbrennungsanlage.“
Am anderen Ende der Leitung lächelte die Abgeordnete und holte sich ihrerseits telefonische Rückmeldung bei einem Kollegen, der ebenso lächelnd antwortete: „Auch alles erledigt. Die Fuhre ist bereits im Krematorium entsorgt, hatte mein Bruder mir gerade mitgeteilt. Außerdem lässt sein Cousin ausrichten, dass er und seine Crew im nächsten Monat gerne wieder die Räume für `s Projekt zur Verfügung stellen würden. Nur freitags nicht mehr, denn Tango ist wieder im kommen, und das Geschäft wollen sie sich nicht entgehen lassen.“

. . .


„Gute Nachrichten!“, begrüßt der angehende Vater seine junge Frau, „wahrscheinlich werden die Lohnnebenkosten gesenkt! Und ich muss in der nächsten Zeit einige Überstunden machen, ja, es wird sogar gemunkelt, dass neue Leute eingestellt werden sollen!“
Erfreulich, aber seine Frau hat heute Abend für Politik kein Ohr. Sie führt ihm ihre neueste Errungenschaft vor: Den alten Hut mit der Satinkrempe. Die Blüten hatte sie bereits entfernt.
„Da kann ich meine Schöne ja demnächst ausführen! In der Stadt bietet ein Café Tango-Abende an! Das wäre doch eine willkommene Abwechslung!“, er streichelt über den drallen Bauch seiner Frau und umarmt sie eng und innig, „wäre doch wunderbar, wenn ich bald netto mehr in der Lohntüte hätte! Dann können wir uns öfter so einen Tanzabend leisten.“
„Unser Sprössling wird ja auch eine Menge Geld kosten! Aber vielleicht kann ich nach der Geburt bei Euch im Krematorium einen Teilzeit-Job im Büro erhalten, wenn ihr so viel zu tun habt?“
„Aber klar doch! Bestimmt!“, er wirbelt seine Frau durch den Raum.“ Uns gehört die Zukunft!“

. . .

Die Abgeordnete lächelte den Wahlkampf-Gästen im Nacht-Café zu. „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Nicht Worte sondern Taten zählen! Wir haben dafür gesorgt, dass junge Menschen, die eine Familie gründen, einer sorglosen Zukunft entgegen sehen können! Also setzen Sie mit ihrem Kreuz auf dem Stimmzettel ein Zeichen für die Zukunft! Denn uns gehört die Zukunft! Zukunft, das sind wir und unsere Kinder! Eltern für Kinder! Das heißt Bildung und Arbeit für alle! Kinder für Eltern! Das heißt: Nach Jahren der Arbeit und Kindererziehung sich geborgen fühlen! Pflege! Und in Würde alt werden bei gesicherten Renten! Das! Liebe Wähler! Nennen wir „Generationenvertrag auf der Waagschale!“ Eine Rechnung, die ausgewogen und deshalb stimmig ist! Machen Sie also ihr Kreuz ... !“ Und sie verließ das Café durch den Hinterausgang.

. . .


„Liebes Schwesterlein.“ Die Heimleiterin gießt in ihrem Wohnzimmer ihrer Schwester, der Abgeordneten, den fünften Kognak ein, „wenn Du weiterhin eine glaubwürdige Politik vertreten willst, dann wird es endlich Zeit, dass Du Nachwuchs in diese Welt setzt! Ich erfülle schließlich auch meine Pflicht! Hier die Windeln der Kleinen und im Heim die Windeln der Alten!“
„Na! Nun tu man nicht so“, lallt die Abgeordnete und rückt ihre Brille zurecht, „lange Aufenthaltzeiten haben `Deine´ Alten eh nicht in der `Seligkeit´. Außerdem genießt Du im Alter, da Du ja Mutter bist, besondere Privilegien. Ist also dann Dein gutes Recht, nicht aus Kostengründen im Krematorium zu landen“, nuschelt sie und gießt sich das sechste Glas ein.
„Und Du willst also später zu den alten Leutchen gehören, die bei mir im Heim landen! Wo ich Dich dann auch ins „Nacht-Café“ schicken muss? Aus Kostengründen! Das kann doch nicht Dein Ernst sein!“
Die Abgeordnete kichert und klopft ihrer Schwester auf die Schulter: „Das lass man meine Sorge sein. Werde mich als Kinderlose so schnell nicht ins Feuer schicken lassen. Geheime Beschlüsse kann man auch wieder aufheben. Nichts leichter als das“, sie steht schwankend auf, „außer... außerdem, sollte alles mal raus ... rauskommen, dann ist es für mich ... mich altlastender, äh, entlastender, wenn ich selbst kinder... kinderlos bin. Schließ... schließlich führt sich kein Schwein selbst zum Scha... Schafott!“
Die Heimleiterin zündet sich nervös eine Zigarette an: „Ich bin auch nicht scharf darauf, meinen Kopf rollen zu sehen. Deshalb hoffe ich sehr, dass alle Kopien der persönlichen Unterlagen über die Heimbewohner nach eurer Überprüfung vernichtet worden sind.“
Die Abgeordnete torkelt zur Tür: „Alles nach ausführlicher Prüfung vernichtet!“
„Und ihr habt wirklich ausführlich überprüft? Stell Dir vor, da meldet sich plötzlich noch der eine oder andere verschollene Nachkomme! Schließlich gehörte der Großteil der Beseitigten der Kriegsgeneration an.“
„Wir ha... haben gründliche Arbeit gelei... geleistet und basta!“



. . .

„Erschütternd!“, würde die junge Mutter zu ihrem Mann sagen und ihr Baby im Arm wiegen, „was ich da im Zwischendeckel der Hutschachtel gefunden habe. Durch Zufall! Weil ich sie zerreißen und weg werfen wollte.“
Aber ihr Mann würde kein Ohr haben für derlei Gespräche, weil er in der Zeitung einen Artikel über den neuesten Polit-Skandal lesen würde: „Hm.“ Wäre zunächst alles, was er ihr geistesabwesend antworten würde.
„Da hat die alte Dame, Du erinnerst Dich? Der Hut. Sie hatte da ein Tagebüchlein versteckt! Stell Dir vor, in Ostpreußen hatte die als blutjunges Geschöpf auf der Flucht ein Kind geboren und es dort bei einer Familie gelassen, weil die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung zustande gekommen war! Sowas Schreckliches aber auch! Aus Scham hatte sie sich nicht einmal ihrer Mutter anvertraut! Kannst Du das verstehen?“
„So eine Schweinerei! Das ist Mord! Zigfacher Mord!“, würde der junge Vater schreien und die Zeitung wütend vom Tisch werfen, „so kann man doch keine gesunde Zukunft aufbauen! Und alles hinter dem Rücken der Wähler! Dass da keiner der Mitarbeiter stutzig geworden ist! Alle! Die mussten doch alle unter einer Decke gesteckt haben!“
Das Baby würde zu weinen beginnen.
„Du immer mit Deiner Politik“, würde die junge Frau sagen, „Einzelschicksale wie das der alten Dame, Du erinnerst Dich? Der Hut! Sowas interessiert Dich nicht!“ Sie würde das Kind beruhigen und denken: `In welches Heim die alte Dame wohl gekommen ist? Vielleicht vermisst sie das Tagebuch? Vielleicht würde die Alte gerne wissen wollen, wie es ihrem damaligem Kind ergangen ist? Das herauszufinden, dabei könnte ich ihr doch behilflich sein. Schließlich bin ich selbst Mutter.´


Anne Zeisig, September 03





















Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.51 Uhr
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