Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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September 2003
Alcazar
von Lars Blumenroth


29. Juli 1990

»Was hast du?«, rief Julie erschrocken. »Du bist plötzlich so bleich!«
Marc saß regungslos vor ihr. Um sie herum wurde es still.
»Marc? Sag doch was, Marc!«
Doch Marc hörte nicht auf Julie. Seine Freundin war in einer anderen Welt. Marc hörte einzig die tiefe Stimme, die ihm ins Ohr hauchte.
Schreib es! Schreib es auf, sofort!
Vor ihm fiel der Putz von der Wand. Hässlich grüne Kacheln kamen zum Vorschein. Dann barsten auch diese und darunter kam das nackte Mauerwerk zum Vorschein. Schließlich rollte sich in Zeitraffer eine Tapetenbahn von unten nach oben darüber – ein herrliches Muster.
Dichter wissen immer was sie zu schreiben haben, wie Maler immer wissen, was zu malen ist.
Etwas rüttelte ihn.
»Marc?«, rief Julie. »Marc!«
»Papier«, antwortete Marc ohne sie anzusehen.
»Ist etwas nicht in Ordnung Fräulein?« Die Bedienung sah verärgert aus.
»Nein, nein, es ist nur ...«
»Papier! Ich hätte gern etwas zu Schreiben, ich bin Schriftsteller«, unterbrach Marc seine Freundin mit fester Stimme.
»Natürlich«, antwortete die Bedienung schnippisch und machte kehrt.
»Was soll das Theater, Marc, ist es ...«
»Still!«
Julie verstummte. Noch nie hatte Marc ihr den Mund verboten. Ungläubig sah sie ihren Freund an. Sie wollte erst fragen, was los sei, doch dann sprang sie auf und ging. Erschrocken sah Marc ihr hinterher.
Bleib! Warte auf dein Papier und schreib, Dichter!
Plötzlich wachte er wie aus einem Traum auf und sein Verstand setzte wieder ein. Marc sah sich misstrauisch im Alcazar um. Hatte niemand diese Stimme gehört? War er verrückt? Er sah mit prüfendem Blick auf die Wand ihm gegenüber. Er hatte keine Zweifel, da waren ganz sicher grüne, schäbige Kacheln darunter.
Schreib! Du bist Dichter! Du musst fühlen, nur fühlen!
Marc fühlte sich großartig, als er endlich den Stift in der Hand hatte und einen kleinen Block damit bearbeitete.

Draußen war es dunkel. Wenige Leute nur, die es dort in der Frische aushielten. Im Café selbst war es nun ruhiger. Clara mochte es nicht gern, wenn all zuviel Begegnung stattfand. Am liebsten wäre sie mit Karl allein gewesen. Doch davor hatte sie Angst.
»Nun, was willst du mir denn so wichtiges sagen?«, brummte Karl. »Du trinkst jetzt schon den dritten Capuccino, ohne mir den Grund zu nennen, weshalb wir unbedingt ...«
Clara holte tief Luft. »Wir sind jetzt schon fast sieben Jahre zusammen.« Sie hielt inne.
»Ja, das weiß ich«, sagte Karl trocken.
»Ich liebe Dich ...« In dem Moment, als sie diese Worte sagte, hätte sie sich ohrfeigen können. Der kalte Ton in Karls Stimme hatte sie dazu gebracht. Er ahnte etwas, natürlich. Und sie wollte nicht die Böse sein, sie wollte geliebt werden.
»Ich dich doch auch, Schatz.« Seine Hand legte sich sanft auf ihre.
Du willst ein Kind von ihm!
Clara zuckte zusammen. Jemand hatte ihr unmittelbar ins Ohr gewispert. Unruhig sah sie sich um.
»Was ist los, Clara?« Die Stimme ihres Mannes war wieder härter geworden. Karl mochte es nicht, wenn sich jemand undurchsichtig verhielt.
Sie will ein Kind von dir!
Dann drehte auch er sich um und suchte nach dem Flüsterer. Doch sie saßen allein.
»Hast du ... war da ... ?«
Clara sah ihren Mann, wie er sich ihr verwirrt wieder zuwandte. Auch sie war verstört. Doch sie zwang sich schnell wieder in Form. Auch wenn sie abseits saßen, wollte sie nicht allzu auffällig werden. Sie lächelte Karl zu, der seinen Satz abgebrochen hatte und sich offensichtlich auch entschlossen hatte zu schweigen.
Du musst ihn nur richtig lassen. Er macht dir schon ein Kind. Ein Wunderbares!
Fröstelnd bewegte sie die Schultern. Ein kühler Hauch schien sie zu streifen. Und dann wurde ihre Brust wohlig warm.
»Ist alles in Ordnung?« Karl sah sie besorgt an.
Sie will, dass du ihr ein Kind machst. Ihr habt es versucht, es hat nicht geklappt, aber du kannst es!
Clara nickte. Dann fühlte er ihren zarten Fuß zwischen seinen Beinen und in seiner Hose entflammte eine längst vergessene Hitze.

»Hallo Jan.« Die Serviererin grüßte den Maler ohne ihn richtig anzusehen.
»Nabend Linda.«
Verträumt sah Jan das Mädchen an, das ihm kaum Beachtung schenkte. Mit welcher Eleganz sie das Tablett mit zwei Capuccino-Tassen zu den Turteltauben mittleren Alters brachte. Wie sie sich gekonnt drehte, nachdem sie bedient hatte. Wie erotisch das schwarze Kleid von der weißen Spitzenschürze an ihren Körper gedrückt wurde. Wie himmlisch ihr blondes Haar ...
»Sie sind Maler?«, fragte eine begeisterte Stimme und riss Jan aus seinen Träumen.
»Oh ... ja, Maler ... bin ich.«
»Was malen Sie denn so?«
Eine äußerst dämliche Frage, wie Jan fand. Doch er lächelte und zeigte auf ein paar Bilder, die im Café hingen.
»Wissen Sie, ich wohne ganz oben unterm Dach und manchmal, wenn ich Gesellschaft brauche, komme ich hinunter und male hier. Der Besitzer, Albert, kauft mir ab und zu ein Bild ab. Er unterstützt mich.«
»Interessant. Sagen Sie, das ist doch das Café, das ...?« Der Mann verstummte, als er Jans gelangweilten Gesichtsausdruck sah.
»Ja, es ist das Café Alcazar, besser bekannt als Nachtcafé.«
»Warum gibt es keine Bilder von Van Gogh hier?«
Jan kannte diese Frage und hatte schon verbittert auf sie gewartet.
»Den Vincent hat doch jeder an der Wand hängen.«
Der Mann lachte. »Stimmt auch wieder.« Nach einer kleinen Pause räusperte er sich und sagte: »Ich muss jetzt los. Aber sehr schöne Bilder.«
Jan nickte. Froh, dass er den Kerl los war, wollte er sich an einen Tisch setzen, als ihn seine Inspiration aufsuchte.
Du musst malen! Jetzt sofort! Hol deine Staffelei und male!
Lange hatte er darauf gewartet, auf den Moment, da sich endlich wieder die Stimme seines Ideenreichtums melden würde. Fröhlich ging er auf Linda zu.
»Spricht etwas dagegen, wenn ich heute noch male?«
Linda seufzte. »Noch sind Gäste da, solange offen ist, hat Albert gesagt ...« Aber Jan hatte sie nicht weiter beachtet. Eilig war er nach hinten ins Treppenhaus gelaufen.

»Ey, die ham noch offen«, brüllte Sven seinen Leuten zu. Grölend kamen die Jungs angetorkelt.
»Bist du bekloppt man? Das is n scheiß Café!“
»Is doch egal, solang die noch was zu Saufen ham, oder?«
»Aber du gehst da rein, Pissnelke.«
Sven lachte laut auf. »Selber Pissnelke, Arschgesicht!« Dann drehte er sich dem Café zu und marschierte um Linie bemüht zum Eingang. Das gedämpfte, gelbliche Licht schien ihm trotz aller Atmosphäre zu grell.
»Schuldigung, ham sie noch Bier?«, fragte Sven bemüht und hielt sich am Tresen fest.
»Leider nicht. Wir schließen auch gleich.« Linda hoffte inständig, dass die anderen draußen blieben und sie einfach alle weiterziehen würden.
»Wasn das fürn beschissener Laden hier? Kein Bier?«
»Tut mir leid. Am besten ihr sucht eine Tankstelle.«
»Eine Tanke, das is gut!« Sven ließ den Tresen los und drehte sich um, als sein verschwommener Blick auf einen schwarzen Flügel fiel, der wohl nur zur Zierde ganz am Ende des Cafés stand.
Du musst ein Lied komponieren. Das Stück, an dem du arbeitest. Es ist kein Gitarrenstück, du brauchst Klavier!
»Ja, genau, is richtig.«
Voller Schrecken sah Linda, dass der Betrunkene auf den Flügel zumarschierte.
»Entschuldigung, wenn sie raus wollen ...«
Aber von draußen kamen die drei Kumpanen soeben ins Café.
»Ey, Alter, was machstn da?«
»Was soll der Scheiß?«
Linda stürmte sofort auf die Jugendlichen zu. »Bitte schreien Sie hier nicht so rum, wir schließen jetzt.«
»Aber unser Kumpel Arsch ist da hinten ...«
Und dann ertönten die ersten Klänge. Plötzlich wurde alles still im Alcazar und einen Moment lauschte man Beethovens »Für Elise«
»He, wusstet ihr das?«, unterbrach schließlich einer. »Der Sack kann Klavier spielen!«
»Nix mit Punk«, lachte ein anderer.
»Schwuchtelpiano.«
Linda atmete auf, als sich die Typen zurückzogen.
Du hast noch nicht alles vergessen. Du kennst die Akkorde. Ein wenig einspielen. Danach improvisieren.
Der Klang war unglaublich. Sven spielte fast ohne Fehler, auch wenn er sich mühsam gerade auf dem Hocker hielt. Als er fertig war, klatschte man. Es wurde nach mehr verlangt.
»Entschuldigen Sie, darf ich Sie malen am Flügel?«, fragte Jan schüchtern, als er seine Staffelei aufstellte.
Sven nickte.

Nach einer Weile setzte das Spiel aus und es blieb einen Moment ruhig. Linda betrachtete den Jungen am Flügel. Sie hatte solche Angst gehabt, dass er etwas zerstören würde, dabei war sein Spiel, wenn nicht fehlerfrei, so doch eine wunderbare Abwechslung. Und dass Jan diesen jungen Spieler nun auf Leinwand bannen wollte, war befremdlich und doch passend zugleich. Hatte Jan jemals ein Bild gemalt, auf dem ein Mensch zu sehen war? Nein, sie kannte all seine Bilder, auch wenn sie ihn selbst nicht so recht mochte.
Du bist allein. Wohin willst du gehen, damit du nicht mehr allein bist?
Ein Stich in ihrem Kopf ließ ihre Hand zur Stirn fahren. Dort hinten an der Fensterseite saß dieses Paar. Die ganze Zeit befummelte die Frau den Mann unterm Tisch. Linda lächelte. Sie bewunderte diese Liebe.
Du möchtest auch lieben.
Neben ihr, gleich am Ausgang saß dieser verrückte Mann, der nun schon seit über einer Stunde ununterbrochen die Blätter des Blockes beschrieb, den sie ihm gegeben hatte. Was hatte dieser Mensch so wichtiges zu Papier zu bringen? Gab es in ihrem eigenen Leben etwas, das so wichtig sein könnte?
Doch keiner liebt dich zurück.
Schmerz in ihrer Brust ließ sie die Luft scharf einsaugen. Der Schriftsteller sah sie kurz an. »Ist alles in Ordnung mit ihnen?« Doch als hätte eine Stimme es ihm befohlen, senkte er seinen Kopf wieder über seine Schrift und ließ Linda außen vor. So musste sich Jan fühlen, wenn sie mit ihm sprach, ihn im Grunde aber nicht beachtete.

»Ich bin der, der aus der Nacht kommt. Ich bin der, den du nicht siehst. Ich bin der, der neben dir steht, der mit dir geht, und dich am Ende übernimmt«, murmelte Marc vor sich hin. Das war grandios! Eilig schrieb er es nieder.
Und der unsichtbare Geist wird schließlich Fleisch werden.
Marc nickte eifrig. Ja! Genau das, das ist es. Noch einmal sah er kurz auf, um die Bedienung anzusehen. Wie schön traurig ihre Augen waren. Solche Augen sollte die Frau seines Protagonisten auch haben. Traurig, weil der Geliebte tot war, und zerstört, als er später wiedergeboren zurückkehrte. Eine Tragödie!
Fleisch durch die unbewusste Handlung der Kunst und des Erschöpfens.
»Und was aus der Nacht kommt, tritt hervor und zwingt das Licht hinab in den Grund. Denn was die Nacht letztlich frei gibt, will über das Licht herrschen bis zum Tod«, hauchte Marc, während der Stift über das Papier fuhr.

»Ich will nicht, dass du traurig bist, meine Süße, wir schaffen das schon mit dem Kind.« Karl sah seiner Clara in die glasigen Augen und fand dort die Liebe, die er schon so lange in ihnen vermisst hatte.
»Es wird klappen, ich weiß es«, seufzte Clara. »Mit Liebe wird alles werden.« Ihr schlanker Fuß war noch immer munter zwischen Karls feisten Beinen eingespannt.
Das Tischtuch ist lang genug. Gib ihr einen Beweis.
Verführerisch lächelte Karl seine Frau an, während er langsam seine Hose öffnete.
Lehne dich vor und öffne deine Bluse. Lass ihn sehen, was ihm gehören soll.
Clara kicherte leise, als sie den kleinen Knopf durch das Loch gleiten ließ und sich vorbeugte. Sie spürte das zarte und doch starke Objekt der Begierde an ihren Zehen.
»Wie wäre es, wenn Du meinen Fuß aus der Strumpfhose befreist?« Ihre Zunge strich kurz über ihre Oberlippe.
Karl zögerte nicht und zerstörte das Nylon mit einem kräftigen Ruck.

Jan setzte die Farbe eilig auf die bereits grundierte Fläche. Das Mischen schien ihm eine Ewigkeit zu dauern. Viel zu klar sah er das fertige Gemälde vor sich, die sanften Abstufungen des Raumes, die verschiedenen Gelbverläufe der typischen Beleuchtung des Alcazar.
Denk an die Impastos. Nicht die Straßenkleidung. Male ihn im Frack, ganz altmodisch.
Hastig drückte er einen verschwenderischen Klecks Schwarz aus der Tube. Er konnte jetzt nicht an Sparsamkeit denken. Ohne zu zögern setzte er die Akzente für den Flügel an. Den Spieler hatte er bereits angedeutet, blau für die Jeans, helles Braun für das schmutzige Hemd. Das würde er korrigieren. Schnelle Pinselstriche hinterließen ihren Duktus.
Denk daran das Schwarz nur als Hilfe zu nutzen. Schau genau hin. Das ist kein Schwarz, das darf kein Schwarz sein.
Fahrig quetschte Jan das Ultramarin leer, setzte ein Braun daneben, musste dafür sorgen, dass der Flügel nicht aus dem Bild fiel, sondern vom Gelb als Hintergrund aufgefangen wurde.

Sven fühlte sich benommen. Er hatte fast vier Jahre nicht mehr gespielt und nun fielen ihm nach und nach die Noten sämtlicher Lieder wieder ein. Gerade hatte er sogar ein Lied gespielt, dass er noch nie in Notenform vor sich gesehen hatte. Etwas Getragenes. Es war erstaunlich, wie seine Finger zu den Tasten fanden.
Du solltest bei den ruhigen Stücken bleiben. Bei den schnellen Sachen verlierst du zu oft die Tasten.
»Jo, da haste recht man«, nuschelte Sven vor sich hin. »Ein wenig was Tragisches fürn Schluss.«
Flink liefen seine Finger über die weißen Tasten nach oben und setzten zum großen Schlusslauf an, der sich auf jeder Oktave wieder in den schwarzen Halbtönen verschnörkelte, bis schließlich der Moll-Akkord alles auflöste und seine Befriedigung frei gab.
Spiel das Lied vom traurigen Sonntag.
»Jo, wird gemacht.«

Noch ehe Linda die ersten Töne des Liedes hörte, wusste sie, dass der Junge ihren Song spielen würde. Es war vorherbestimmt. Tränen stiegen in ihr auf und wollten geweint werden. Dann sang sie mit erstickter Stimme mit:
»Sunday is gloomy*
My hours are slumberless
Dearest the shadows
I live with are numberless ...«
Du hast recht, so recht. Das ist dein Lied, lass es dir nicht nehmen.
Niemand sah sie an, niemand achtete auf sie. Und während Linda weiter mit ihrer zitternden Stimme den Text kaum hörbar dem Spieler beisteuerte, versteinerte sie. Eisern hielt sie sich hinter ihrem Tresen. Führte zwischendurch ein Glas mit Sekt, das ein Gast nicht ausgetrunken hatte, zu den Lippen und genoss das beißende Kribbeln. Tränen liefen ihr unbeachtet die Wangen hinunter.
Sie sehen dich nicht. Du bist allein. Allein.
Linda fühlte das Glas in ihrer Hand. Wie hart und glatt es war, und doch so zerbrechlich. Ihre Finger schlossen sich immer fester.
»With shadows I spend it all
My heart and I have decided
To end it all ...«
Das Glas brach, kaum hörbar. Der plötzliche Schmerz war eine Befreiung.
Und auch das ist ihnen egal. Wohin willst du gehen, wenn dich keiner mehr liebt?
Linda spürte kaum, wie sie eine Scherbe durch die dünne Haut ihres Handgelenkes drückte. Sie merkte nur, wie langsam, ganz langsam ihre Trauer davon schwebte.
Als sie dann das ganze herrliche Rot sah, das nicht auf Jans Leinwand, sondern auf ihrer Schürze kontrastierte, sank sie wie eine Feder zu Boden.
»Let them know
That I’m glad to go ...«
Gute Nacht Mädchen.
am Boden liegend wisperte sie: »Death is no dream.«

Marc sah das Bedienungsmädchen hinter dem Tresen liegen. Er wollte aufspringen.
Bleib! Du musst schreiben! Lebensmüde sterben und Schriftsteller schreiben!
Also blieb Marc und schrieb. Wie ein Wahnsinniger schrie er seinen Zwiespalt hinaus, während seine Hand trotzdem das Papier mit Worten füllte. Er wollte helfen, aber er musste schreiben. Schreiben!

»Der junge Mann dort, was ist mit dem?«, fragte Clara besorgt.
»Keine Ahnung, ein Irrer vielleicht. Weshalb sollte er sonst so wahnsinnig schreien?«, antwortete Karl, während er seiner Frau die Brüste knetete.
Du musst sie kräftiger stoßen. Es soll ein Junge werden. Also kräftiger!
Clara seufzte und räkelte sich auf dem Tisch, während Karl heftiger in sie hinein rammte. So ganz konnte sie ihre Gedanken nicht von dem Verrückten am Eingang lassen.
Genieße es, du wirst ein Kind bekommen. Heute Nacht wird es klappen, hier und jetzt!
Dann sah sie das schwitzende Gesicht ihres Mannes und hob das Becken leicht an, damit auch nichts verloren gehen konnte, wenn es denn soweit war.

Sven verspielte sich. Das Geseufze und Gestöhne hinter ihm lenkte ihn ab. Als er sich drehte, wand sich der gesamt Raum mit ihm.
Ja, genug gespielt für heute. Guck dir an, wie die beiden es treiben.
»Ey, was? Die sind am Ficken?« Sven versuchte das Café anzuhalten, indem er kräftig mit dem Ellbogen in die Tasten hieb. Irgendwie musste der Raum doch zu bremsen sein, damit er endlich wieder was sehen konnte. Und dann sah er.
»Boah krass. Is ja heftig man!«, entfuhr es ihm, als er dem Pärchen zusah und gleichzeitig in seiner Hosentasche nach den Pillen suchte, die er sich für besondere Nächte aufgespart hatte.

Jan war in seiner Farbe vertieft. Seine Inspiration hatte recht gehabt. Kein Schwarz. Schwarz wäre tödlich gewesen. Aber mit dem Kopf des Spielers war er noch nicht zufrieden. Das sah alles noch ganz diffus aus.
Du musst besser hinschauen. Alles ist dir im Vorbild gegeben.
Als Jan endlich seinen Kopf hinter der Leinwand hervorstreckte, sah er den Jungen mit dem Rücken am Flügel hängen.
»Ha! Was soll das?«, schrie er entsetzt. »Bist du wahnsinnig? Du ruinierst mein Bild!« Wütend zerrte er an seinem Spieler rum. »Setz dich gefälligst anständig hin und spiele weiter!«
»Lass mich, Alter, ich spiel hier nix mehr.«
Jan zog ein altes Rasiermesser aus seiner Hosentasche. Hastig klappte er es auf.
Lass das. Das hat mir schon bei Gauguin** nichts gebracht.
Da raste es in Jans Kopf. Plötzlich war die Umwelt ausgeschaltet. Das war einer seiner Anfälle. Und er hatte es nicht gemerkt, hatte sich nicht darauf konzentrieren können ihn abzuwehren.

Marc schrieb noch immer. Seine Hand zwang den Stift immer härter aufs Papier je kräftiger er dagegen anstrebte. Er schrie aus Leibeskräften. Vor ihm rollten die Tapetenbahnen auf und ab, wechselte die Innenausstattung ohne Pause. Die Fenster zerbrachen. Der Boden tauschte sich aus. Das Glas wurde wieder neu eingesetzt. Und plötzlich war alles so, wie er es letztlich kannte. Das ganz normale Café Alcazar im Jahre 1990. Nur waren nun viel mehr Leute anwesend. Seine Hand schrieb noch immer, während sein Blick durch die Räumlichkeit glitt. Der Maler lag schreiend auf dem Boden. Es musste ein epileptischer Anfall sein. Seine linke Gesichtshälfte war voller Blut. Wild zitternd hielt er in einer Hand das Rasiermesser in der anderen ein Stück seines Ohres. Daneben lag reglos ein Junge mit offenen Augen, die starr auf ein sich liebendes Paar gerichtet waren. Und während der Mann seine Frau auf dem Tisch lustvoll stieß, sah Marc eine Bewegung neben sich. Die Bedienung des Alcazar stand auf. Sie war blass. Nein, nicht blass, durchsichtig. Dann fiel Marc plötzlich auf, dass die meisten Leute im Café nicht lichtecht schienen, eher trüb durchlässig. Woher kamen überhaupt all diese Menschen?
Na? Das ist ein Geburtstag, was? So was habt ihr wohl noch nie gesehen, oder?
In der Mitte des Raumes stand ein dürrer Mann und drehte sich mit ausgebreiteten Armen:
Mein Alcazar, mein geliebtes Alcazar!
Langsam wurden die Menschen, die Zuschauer deutlicher sichtbar. Sie starrten mit hämischen, düster leuchtenden Augen auf das Treiben. Eine Frau in altmodischer Kluft deutete auf Marc und lachte.
Hilflos sah Marc zum Serviermädchen hin. Doch sie schien das alles nicht mitzubekommen. Ihre Konturen leuchteten heller als die der anderen. Er wollte sie rufen, wollte sie gerade fragen, was das alles zu bedeuten habe, als sie mit einem seichten Aufglimmen verschwunden war.
Der Maler hatte aufgehört zu zittern. Dann stand er plötzlich abrupt auf. Auch der Spieljunge war nun aufgestanden. Trüb, lichtdurchlässig. Als Marc sah, dass dessen echter Körper aber noch am Boden lag, wurde ihm kalt. Der Maler lag ebenfalls noch ohne Bewegung am Boden. Kurz danach begannen ihre Konturen heller zu werden und mit einem sanften Aufleuchten waren sie schließlich verschwunden.
Marc stand auf. Was ging hier denn vor? War er verrückt geworden? Ängstlich sah er auf die Herrschaften, die sich völlig ungeniert dort auf dem Tisch liebten. Merkten die denn nicht, was hier vor ging?
Hundert Jahre.
Der Mann in der Mitte hielt wohl eine Rede. Er war jetzt viel deutlicher zu sehen.
Nach hundert Jahren will ich zurückkehren auf die Erde. Ich schenke ihr noch etwas von meinem edlen Geist.
Dann stöhnte der Mann plötzlich auf, während seine Frau sich vor Lust auf dem Tisch wälzte und schrie.
»Ich schenke dir einen Jungen!«, rief er laut. Und noch während er sich in die Geliebte ergoss, strömte der Redner aus der Mitte des Raumes wie eine angesaugte Flüssigkeit in die Frau hinein und war verschwunden. Wortlos.
Ein Teil der Zuschauer lachte verächtlich. Manche sahen bewundernd auf die Stelle, an der zuvor noch der Orator ausschweifig schwadroniert hatte. Doch auch Kritik war zu hören.
Wenn der Vincent sich damit nicht mal Feinde macht.
Woher der immer seine Ideen nimmt.
Abscheuliche Feier war das.

So verließen sie einer nach dem anderen den Raum, ohne dafür den Ausgang zu benutzen. Sie verschwanden einfach durch die Wände. Am Ende blieben nur die beiden Liebenden, die nun ganz verwirrt wieder zur Besinnung kamen.
»Was ... was ...?«, keuchte die Frau entsetzt, als sie die Leichen sah. Dann brach sie zusammen. Der Mann stand wie gelähmt mit noch offener Hose da.
Wir müssen einen Notarzt rufen, die Polizei!, sagte Marc, aber niemand schien ihn zu hören. Sein Körper saß noch immer den Stift haltend am Tisch.



* Gloomy Sunday wurde 1933 von Rezso Seress komponiert, der damit ein weltberühmtes Trauerlied schuf, das immer wieder Menschen in den Suizid trieb. Der Komponist selbst nahm sich 1968 das Leben.

** Laut Gauguin geht Van Gogh am 23.12.1888 mit einem Rasiermesser auf diesen los. Danach schneidet sich der Künstler selbst den unteren Teil seines linken Ohres ab.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 16.56 Uhr
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