Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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September 2003
Night Blues
von Birgit Erwin


„Was wäre, wenn der Nachthimmel golden wäre?“
„Ich weiß nicht. Was wäre dann?“
„Dann würde ich ein schwarzes Tuch darüberhängen, und ich würde einen sichelförmigen Schlitz hineinschneiden, genau über unseren Köpfen. Und ich würde ewig hier sitzen wollen und deinen Atem an meiner Wange spüren.“
„Und wenn der Nachthimmel nicht golden wäre?“
„Ich weiß nicht“, sagte sie leise. „Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, dass es anders sein könnte.“
„Wirklich nie?“, fragte er. Etwas in seiner Stimme war sonderbar. „Und was wäre, wenn der Himmel, sagen wir, grün wäre?“
Sie drehte den Kopf und sah sein breites Grinsen. Erleichterung schnürte ihr die Kehle zu.
„Idiot“, murmelte sie und gab ihm einen Klaps. „Du bist dran.“
Sie lehnte sich zurück und schaute in die Sterne. Sie liebte diese stillen Abende mit ihm. Und sie liebte ihr Spiel, das sie nach seinem Zusammenbruch vor drei Jahren erfunden hatten, um sich daran zu erinnern, dass das Leben noch Möglichkeiten offenhielt.
„Nun, fällt dir nichts mehr ein?“
Sie blinzelte gegen das warme Licht der Petroleumlampe, als er seine Finger aus ihrer Hand löste und aufstand.
„Gut“, sagte er langsam, „ich bin dran. Also, was wäre, wenn ich dich fragen würde, ob wir in die Stadt fahren wollen. Wir waren seit einer Ewigkeit nicht mehr aus.“
„Nun, mein Herr, ich würde sagen…“
„Nein, Lizzy, ernsthaft. Lass uns ausgehen.“
Ihre Augen wurden groß. Mit einem Schlag war die Angst wieder da.
„Wir waren nicht mehr aus, seit…“
„Ich weiß das. Ich weiß das alles. Aber es ist so lange her. Drei Jahre, Lizzy! Seit drei Jahren lassen wir uns von der Angst beherrschen. Wir haben uns hier lebendig begraben. Willst du das? Soll so unsere Zukunft aussehen?“
„Ja“, dachte sie und presste die Lider zusammen, damit er ihre Tränen nicht sah.
Er streckte ihr die Hand entgegen. „Bitte, Liebling, sag ja.“
Der Glanz seiner Augen erinnerte sie an damals. Sternenfeuer hatte sie ihn genannt. Das war jetzt mehr als dreißig Jahre her. Heute durchzogen Falten sein Gesicht, und die Haare waren fast weiß, aber das Sternenfeuer glitzerte im Halbdunkel der Veranda wie früher.
„Wir haben schon so viel verloren“, sagte sie hilflos.
Plötzlich lag er vor ihr auf den Knien und umfasste ihre Hände. Seine Knochen knirschten ein wenig, während er ihr noch einmal den jugendlichen Liebhaber vorspielte.
„Aber wir haben uns. Wir sind nicht tot! Ich bin nicht gestorben!“
„Aber du hättest sterben können. Frank, ich könnte ein Leben ohne dich nicht ertragen!“
Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie war machtlos dagegen. Er streckte die Hand aus und wischte sie mit dem Daumen fort.
„Bitte?“
Sie lächelte schwach. „Was wäre, wenn ich ja sagte?“
„Ich hol die Wagenschlüssel!“

Seine Hände lagen leicht auf dem Lenkrad des BMW, und er lächelte. Sie hatte vergessen, wie gut er aussah. Auf der Intensivstation war sein Gesicht weiß und eingefallen gewesen, und in seinem Körper hatten Schläuche gesteckt. Lizzy wandte den Blick ab. Drei Jahre, dachte sie. Drei angstfreie Jahre in ihrer kleinen Festung acht Kilometer vor der Stadt. Drei Jahre Ruhe und Abgeschiedenheit. Aber auch drei Jahre ohne den Blick, den er ihr zugeworfen hatte, als sie vorhin in ihrem Kleid auf die Veranda getreten war. Ihr Herz pochte. Dieser Blick hatte ihr beinahe die Angst genommen. Jetzt war sie wieder da.
„Bitte, fahr nicht so schnell, Frank. BITTE!“
„Lizzy, ich fahre 50.“
Die Bäume rasten rechts und links vorbei. Sie krallte die Hände in das narbige Leder ihrer Handtasche.
„Frank, pass auf!“
Er stieg auf die Bremse, der Wagen schlingerte und kam langsam zum Stehen.
„Was denn?“
„Nichts, ich dachte nur…“
Sie zuckte hilflos die Achseln.
„Hör zu, Lizzy, wenn du möchtest, dass ich einen zweiten Herzinfarkt bekomme, musst du nur so weitermachen. Du benimmst dich wie ein altes Weib!“
„Ich bin ein altes Weib.“
Der Ärger wich aus seinem Gesicht, und er hob eine Augenbraue.
„Wirklich? Du siehst nicht so aus.“
Dann trat er das Gaspedal durch. Sie sah genau, dass er über weit sechzig fuhr. Ein Stundenkilometer für jedes Jahr.

Jeden Montag und Donnerstag kam sie in die Stadt, um einzukaufen, aber im Schein der Straßenlaternen sah alles anders aus. Lizzy kletterte aus dem Auto und presste ihre Handtasche an die Brust. Ihr Fuß stieß gegen eine Bierflasche. Sie zuckte zusammen und drängte sich dichter an Frank.
„Wohin gehen wir?“
Die Wärme seines Körpers war beruhigend, der Geruch seines Rasierwassers vertraut. Sie spürte, wie er sich über sie beugte.
„Aber Lizzy, hast du es wirklich vergessen?“
Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen.
„Das Night Blues hat zugemacht, Frank“, sagte sie mit abgewandtem Gesicht. „Da ist jetzt eine Videothek drin. Das kleine Kino gibt es auch nicht mehr. Die Dinge ändern sich.“
„Drei Jahre“, hörte sie ihn murmeln. „Nur drei Jahre.“
„Lass uns zurückfahren.“
Er gab sich einen Ruck.
„Unsinn, es wird ja noch eine andere Kneipe geben. Komm mit, wir fragen…“
„…Entschuldigung, könnt ihr uns ein Lokal sagen, in dem man tanzen kann?“
Die jungen Leute unterbrachen ihre Unterhaltung. Sie hielten Bierflaschen in den Händen und Zigaretten zwischen den Lippen. Ein Mädchen drehte ihnen ihr Bauchnabel-Piercing zu. Ihr Blick glitt abschätzend über das Paar. Endlich reckte sie den Arm und zeigte mit der glühenden Spitze ihrer Zigarette die Straße hinunter.
„Gehen Sie ins Black Cafe. Das könnte was für Sie sein. Gleich am Ende der Straße.“
Frank dankte ihr mit einem Lächeln.
„Nun, das war doch nicht so schlimm“, sagte er. Lizzy schwieg.
Vor dem Black Cafe standen ein paar Tische und Stühle und ein glatzköpfiger Mann in Jeans und einem schwarzen Hemd.
„Sucht ihr wen?“
„Nein. Wir wollten eigentlich da rein.“ Frank wies auf die offene Türe, aus der laute Musik kam.
„Ihr?“
Lizzy spürte, wie ihr Mann sie losließ. Die Handtasche war jetzt ihr einziger Schutz und Begleiter.
„Ja, wir“, sagte Frank. „Spricht etwas dagegen?“
„Frank, bitte…“
„Nee, gar nichts. Ist Ihr Abend.“ Achselzuckend ließ der Rausschmeißer sie passieren.
„Na bitte“, raunte Frank. „Und hast du das Schild gesehen. Die haben sogar Lifemusik.“
„Ja, ich hör’s.“
„Wie bitte?“
„Ich kann die Musik hören!“
„Ich kann dich nicht… ist ja auch egal… komm!“
Er fasste Lizzy an der Hand und zog sie durch die dichtgedrängten Leiber von Trinkenden und Tanzenden zur Theke. Es war heiß und stickig. Und laut.
Hinter der Bar stand ein viel zu junges Mädchen in einem Glitzertop. Ihr Blick fiel auf Frank und veränderte sich.
„Suchst du wen?“
Sie sah eigentlich ganz sexy aus, auf eine sehr… kindliche Art. Frank lächelte das Mädchen an. Dann erinnerte er sich, dass seine Frau hinter ihm stand, und er brüllte. „Zwei Bier bitte.“
Das Mädchen nickte, und Frank drehte sich zu Lizzy um.
„Bisschen laut hier, aber sonst ganz nett, oder? Ist doch langweilig, immer nur mit Menschen unseres Alters zu verkehren, und außerdem…“
Sie wedelte mit der Hand vor den Ohren und bewegte die Lippen. Ihr Ehering blitzte. Mit einem aufmunternden Lächeln reichte er ihr das Bier. Ihre Finger berührten sich. Dann warf ein harter Stoß Frank gegen die Theke.
„He, Opa, musst du hier rumstehen?“
„Ich…“
„Willst du Mädels aufreißen, du geiler alter Bock? Oder… hey, ist das deine Frau? Darf ich mal mit deiner Frau tanzen, Opa?“
Der Rempler hatte Frank vorübergehend den Atem genommen. Er schüttelte sich und sah, wie ein junger Mann mit einem lauten Lachen nach Lizzys Armen griff. Er sah aus wie sechzehn und torkelte stark.
„Lass meine Frau los!“
„Hast du was gesagt, Opa? Hast du mich etwa gerade angefasst?“
„Frank nicht, denk an dein Herz.“
Mittlerweile hatten sie Publikum. Ein Mädchen kicherte.
„Genau Frank, denk an dein Herz!“, grölte eine Stimme aus den hinteren Reihen.
Er biss die Zähne zusammen. „Du entschuldigst dich jetzt bei meiner Frau oder du bekommst Ärger!“
„So?“ Langsam streifte der Junge die Lederjacke von den Schultern. „Die will ich mir nicht versauen. War teuer.“
Er warf die Jacke einem Kumpel zu und kam langsam auf Frank zu.
„Lass den alten Mann doch erst sein Gebiss rausnehmen. Das war sicher auch teuer“, brüllte der Witzbold. Alles lachte.
Okay, dachte Frank, John Wayne war cool. Clint Eastwood ist cool. Sean Connery ist obercool. Und die sind alle älter als ich! Das Adrenalin schoss ihm in den Kopf. Er hob die Fäuste.
“Dann zeig mal, was du kannst.”

Als er aufwachte, tanzte Lizzys Gesicht über ihm.
„Tut’s weh, du Superheld?“, fragte sie trocken. Er stöhnte eine Antwort und musterte sie aus dem linken Auge. Das rechte konnte er nicht öffnen. Vorsichtig zog er ihr feuchtes Taschentuch vom Gesicht.
„Wie sieht der andere aus?“, nuschelte er und stellte fest, dass seine Lippe aufgeschlagen war.
„Ich weiß nicht. Als sie ihn von dir runterzogen ziemlich selbstzufrieden, würde ich sagen.“ Sie legte den Arm um seine Taille und half ihm auf die Füße. „Komm schon. Ich fahre.“

Grillenserenade in A-Moll - Die Terasse lag ihm Mondlicht. Auf dem Tisch standen zwei halb ausgetrunkene Weingläser. Er humpelte an den Tisch, pulte eine Fliege aus dem Bordeaux und nahm einen Schluck. Lizzy war auf dem Rasen stehengeblieben. Sie sah wunderschön aus in ihrem langen Kleid. Die Haut ihres Halses schimmerte. Plötzlich wurde seine Kehle eng.
„Lizzy, bin ich… alt?“
„Ja, Liebling“, sagte sie leise. „Und ich bin es auch.“
Ihre Augen waren voller Liebe. Er ließ die Schultern sinken.
„Ich hab mich ganz schön lächerlich gemacht, nicht wahr?“
„Ach Frank!“ Ganz sachte legte sie ihm eine Hand auf den Mund, während sich die andere auf seine Schulter stahl. „Du schuldest mir noch einen Tanz.“
„Hier?“
Sie schmiegte sich wortlos in seine Arme. Es war wie damals im Night Blues.
„Was wäre, wenn du jetzt einen Wunsch freihättest?“
Ihr Kopf ruhte an seinem Schlüsselbein, und wenn sie nicht mehr so leicht tanzte wie früher, dann merkte er es nicht, weil er hinkte und seine Rippen bei jedem Schritt schmerzten. Er hätte ihr gerne gesagt, dass er in diesem Augenblick wunschlos glücklich war. Aber er wollte nicht lügen. Sein Blick schweifte über ihren Kopf hinweg und verlor sich in den Sternen.
„Dann würde ich mir wünschen, das Gesicht von dem jungen Rüpel vorhin sehen zu können, wenn ihn das erste Mal jemand „Opa“ nennt.“

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 11.29 Uhr
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