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September 2003
Operation Beethoven
von Katja Nathalie Obring


Das Hellerleuchtete Cafe Americain zog die Verzweifelten an wie das Feuer die Motten. Und beinahe ebenso unspektakulär verglühten diese Existenzen auch; ein kurzes Aufflackern vor dem ewig scheinenden Dunkel der Nacht, mehr brachten sie nicht zustande.
Die Eiswürfel klirrten leise, als Giorgio mir meinen Bourbon reichte. Ich schob ihm einen Schein in die Hemdtasche und ging zur Tür, die auf die Terrasse führte. Dort lehnte ich mich an den Rahmen und betrachtete die Leute an den Tischen. Fünf Paare, zwei einzelne Männer. Die meisten der Anwesenden waren jung, nur zwei waren in der passenden Altersklasse vierzig aufwärts. Ein geschäftiger Kellner eilte zwischen ihnen umher. In Kriegszeiten war der Bedarf nach der beruhigenden Wirkung des Alkohols schon immer groß gewesen. Auf der Straße stand ein weiteres älteres Paar, die Frau dick und groß, er mit hängenden Schultern und schütterem, zu langem Haar, das in spröden Fransen unterm Hut hervorschaute. Das waren sie. Ich wusste es sofort, man konnte es an seinem sorgenvollen Blick erkennen, an der Art, wie sie sich Hilfe suchend an seinen Arm klammerte. Aber ich musste sicher gehen, also stellte ich mein leeres Glas auf einem Tisch ab, klatschte im Vorbeigehen der Zigarettendame Sally auf den drallen Po und ging heim in das schäbige Zimmer, das ich hier in Amsterdam mein Zuhause nannte. Morgen Abend würde ich wieder hingehen, und wenn die beiden dann ebenfalls dort wären, konnte die Operation Beethoven beginnen.

Die Methode unserer Kontaktaufnahme war denkbar einfach: Ich würde eine Zeitung auf einem der unbesetzten Tische liegen lassen. Darauf stand eine Zahlenkombination, anscheinend eine Telefonnummer, die sich aber in Kenntnis des Codes zum Hotelnamen entschlüsseln ließ. Dort wollten wir uns dann zwei Stunden später in der Lounge treffen.
Ich kam, wie seit einer Woche, um fünf vor zehn am Cafe Americain an, ging zur Theke, bekam meinen Bourbon, nahm den Platz im Türrahmen ein. Auf der Terrasse das übliche Gemisch von Leuten. Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite das Paar, sie dick, sein Haar zu lang. Ich kippte den Inhalt meines Glases in einem Schluck herunter, knallte es dem vorbeirauschenden Kellner aufs Tablett und schlenderte los. Die Zeitung hatte ich unter den Arm geklemmt gehabt, nun warf ich sie scheinbar achtlos auf den letzten Tisch am Rande der Terrasse. Ich konnte nicht abwarten um zu sehen, ob er sie aufnahm, ich musste darauf vertrauen, dass er mich gesehen hatte. Nachdem ich einmal um den Block geschlendert war, kam ich wieder am Cafe vorbei, an meinem Arm Sally, die heute frei hatte, und ich sah, dass der Tisch besetzt und die Zeitung verschwunden war. Soviel zu Teil eins des Plans.

Pünktlich um Mitternacht saß ich in der Lounge des Paris Hotel. Der kleine Mann und die dicke Frau streckten schüchtern die Köpfe um die Ecke, der Portier an ihrer Seite zeigte auf mich und schob sie ermutigend vorwärts. Mit mausartigen Schritten tippelten sie auf mich zu, dann verbeugte er sich und sagte:
„Guten Tag, ich bin-„
„Tsts“, fiel ich ihm ins Wort und wackelte mit dem Finger. „Namen tun nichts zur Sache. Ich werde sie Ludwig nennen, und sie können mich Johann rufen.“
Ich streckte seiner Begleiterin die Hand entgegen. „Und die gnädige Frau werden wir Sophie taufen.“
Sie kicherte und wurde rot. „Das ist mein tatsächlicher Name“, flüsterte sie, und dann ließ sie sich schwer auf den Sessel fallen, mit einem Seufzer, als trage sie die Last des Krieges allein auf den Schultern. Ludwig saß schon, und ich winkte dem Kellner, während meine Augen unauffällig den Raum abtasteten. Niemand kam herein oder schielte zu uns herüber. Anscheinend waren sie nicht verfolgt worden.

Am nächsten Abend hockte ich wieder in meinem schäbigen Raum und studierte die Partitur, die Ludwig mir gegeben hatte. Das war also das große Geheimnis. In diesen Noten lag der Schlüssel zum Sieg verborgen, der Schlüssel, hinter dem die Alliierten so verzweifelt her waren, dass sie riskierten, mich hierher, ins besetzte Amsterdam, zu schicken. Ich wusste alles über die Invasionspläne, und unter der richtigen Folter würde ich auch alles erzählen, das war mir so klar wie meinen Vorgesetzten. Langsam ließ ich meine Zunge über den Backenzahn rechts oben wandern, der sich weder optisch noch fühlbar von den anderen unterschied. Aber ich wusste trotzdem, dass er anders war … für den Fall der Fälle. Zyanid wirkt schnell.
Ich riss mich von diesen morbiden Betrachtungen los und versuchte wieder, die Raffinesse dieses Codes zu würdigen. Aber ich konnte nur schlecht Noten lesen, also gab ich es auf. Stattdessen packte ich die großen Bögen in Packpapier, doppelt, zur Sicherheit, und machte mich auf zum toten Briefkasten. Mein Weg führte mich am Cafe Americain vorbei, und da es zehn Uhr war, stoppte ich aus nun schon lieb gewonnener Gewohnheit für einen Bourbon im Türrahmen. Als ich das leichte Brennen in der Kehle genoss fiel mir der Mann am anderen Ende der Straße auf. Er stand einfach nur da, nicht einmal besonders unauffällig, aber irgendwie bedrohlich. Sein Schatten fiel riesig auf die Wand hinter ihm, und ich wusste sofort, dass ich in Schwierigkeiten steckte. Mein Hirn fing an fieberhaft zu arbeiten, und ich drehte mich um und ging zur Theke, wo ich bei Giorgio noch einen Bourbon bestellte. Der Barmann servierte ihn mir zusammen mit der Abendzeitung. „Franz Goldstein tot!“, schrie es mir in großen Lettern entgegen. Darunter, etwas kleiner: „Wie es scheint, fiel heute der bekannte Komponist Franz Goldstein einem tragischen Unfall zum Opfer, ebenso wie seine Verlobt, Sophie Grünblatt, die berühmte Sopranistin der Berliner Oper.“ Den Rest des Artikels las ich nicht, wozu auch, wusste ich doch, dass der Tod der Beiden sowenig ein Unfall gewesen war wie der meine einer sein würde. Aber noch hatte ich eine Chance, ich musste nur schnell handeln. Also schob ich Giorgio den üblichen Schein rüber, legte noch einen drauf und fragte nach dem Hinterausgang; natürlich wusste ich, wo sich dieser befand, ich hatte Haus und Hinterhof gründlich ausgekundschaftet. Aber ein Gast, der allein hinter der Bar verschwand, wäre aufgefallen. Giorgio rief einen der Kellner, damit dieser ihn vertrat, und führte mich dann durch den Bierkeller auf den Hinterhof, der auf allen Seiten von hohen Mauern umgeben war. Er zeigte mir eine kleine Tür in einem der Nachbarhäuser und meinte, durch diese würde ich auf die Straße gelangen, einige Meter entfernt vom Americain. Ich schüttelte ihm die Hand und wünschte ihm viel Glück, irgendwie hatte ich diese schweigsame Gestalt hinter der Theke in mein Herz geschlossen. Als ich sicher war, dass Giorgio wieder durch den Keller verschwunden war, ging auch ich zurück in diesen Keller. Mein Plan für diese Art von Notfall hatte vorgesehen, dass ich nun das Treppenhaus nach oben ging, um dann durch eines der Gaubenfenster auf dem Dach zu verschwinden. Leider waren meine Gegner nicht so dumm wie ich es gewesen war – sie hatten natürlich eine Wache in der Stiege postiert, und oben hörte ich schwere Stiefel über den Holzboden poltern. Es würde nicht mehr lange dauern, und sie kämen in den Keller. Sowieso seltsam, dass sie nicht unten angefangen hatten. Dann hörte ich Giorgios Stimme, „Nee, nee, übers Dach, ich sag’s Ihnen!“. Er hatte mir diesen Schlamassel eingebrockt, und alles mit den besten Absichten, da war ich sicher. Ich saß tief in der Patsche, und unwillkürlich stieß meine Zunge wieder gegen den Zahn – DEN Zahn. Das ganze Viertel würde abgeriegelt sein, und nur über die Dächer hätte ich eine Chance gehabt; sie führten beinahe bis runter an den Hafen. Irgendwie musste ich dort hoch. Mein Blick fiel auf einen Wandschrank auf dem ersten Absatz, wahrscheinlich enthielt er Putzzeug. Wenn ich irgendwie an der Wache vorbei käme … mir lief die Zeit davon, und so handelte ich in wilder Entschlossenheit. Ich schlich mich so nahe heran wie es ging, dann sprang ich von hinten den Mann an, packte seinen Kopf und drehte ihn ruckartig nach rechts. Mit unschönem Knacken gab sein Genick nach, und ich ließ ihn schlaff zu Boden gleiten. Dann zerrte ich ihn in den Keller und schaffte ihn in eine Ecke. Schließlich drehte ich die Kohlensäureflasche weit auf; das würde früher oder später jemanden anlocken, und wenn ich Glück hatte, explodierte das Ding womöglich sogar. Nun konnte ich mich nur noch im Wandschrank einrichten und warten. Warten und Hoffen.
Eine laute Stimme brüllte auf deutsch von oben etwas herunter. Dann noch einmal, in barscherem Tonfall. Schließlich kamen schwere Schritte vorsichtig die Stufen hinab. Ich spähte durch den Schlitz im Wandschrank und betete, dass nur ein Offizier oben gewesen war. Als sein Schatten vorbeizog, stieß ich langsam und vorsichtig die Schranktür auf und hieb ihm mit dem Knüppel seines Kameraden auf die empfindlichen Nackenwirbel. Ohne einen Laut sackte er zusammen, aber das sah ich nur aus dem Augenwinkel, denn ich war herumgewirbelt und fand mich Auge in Auge mit dem Mann vom Ende der Straße wieder, dessen Schattern erneut hinter ihm riesig lauerte. Die geheimen Dokumente scheuerten unangenehm an meinem Bauch, wo ich sie mit Klebeband befestigt hatte, und Schweiß rann mir in Strömen über die Seiten, den Rücken und die Stirne. Einige Sekunden standen wir starr da, dann bewegte sich seine Hand zum Hosenbund und meine Zunge zum Zahn. Aber bevor ich diesen Weg wählte, wollte ich alles versuchen, und statt zu zubeißen hechtete ich vorwärts, die Treppe hinauf, und bekam ihn an den Knöcheln zu fassen. Mit einem heftigen Ruck brachte ich ihn aus dem Gleichgewicht, er knallte längs nach hinten, ich war schon über ihm und trat ihm die Pistole aus der Hand. Dann zog ich ihm den Knüppel über den Kopf und kletterte aus dem Fenster ohne die Wirkung meines Schlages abzuwarten. So schnell ich wagte rannte ich über die Dächer, es konnte nur Minuten dauern, bis sie hinter mir her sein würden. Endlich hatte ich das Ende der Hausreihe erreicht, wo ich in einem von mir vorsorglich präparierten Fenster abtauchte. Ich schob den Kopf noch einmal hoch, konnte aber niemanden auf dem Dach erkennen. Obwohl ich am ganzen Körper zitterte, schaffte ich es, äußerlich ruhig das Haus zu verlassen und nicht zusammen zu zucken, als eine Patrouille der Deutschen im Gleichschritt an mir vorbei rannte, in Richtung Americain. Ich hoffte nur, Giorgio würde keine Schwierigkeiten bekommen.
Danach ging ich ruhig und ohne weitere Umwege zum Hafen; ich musste so schnell wie möglich außer Landes, also konnte ich den Papieren den Umweg über den Briefkasten und die Kuriere ersparen. Ich befahl dem Kapitän des kleinen Fischkutters, mit der nächsten Flut auszulaufen. Was mit unseren anderen Passagieren sei, wollte er wissen. Ich schüttelte nur den Kopf, die Welt würde nie wieder Sophie Grünblatt eine Oper von Franz Goldstein singen hören.

Wir kamen ohne Zwischenfall nach Dover, wo der Fischer reichlich entlohnt wurde und ich mich in den Zug nach London setzte. Leider erwiesen sich die Informationen als beileibe nicht so brisant, wie uns weisgemacht worden war, das meiste wussten wir bereits. Franz Goldstein hatte wohl nur einen Weg gesucht, das Land zu verlassen. Vielleicht hätte er besser auf seine nächste Tournee gewartet.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 16.24 Uhr
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