Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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September 2003
Willem und die Lustbremse
von Heidi Hoppe


Willem lehnte den Spaten an den Maschendrahtzaun, nahm seinen speckigen Elbsegler vom Kopf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte die Mütze wieder auf. Er war fertig mit dem Umgraben des Kartoffelackers, schlurfte in seinen mistigen Gummistiefeln zur Gartenbank und setzte sich laut ausatmend.
Willem stopfte sich seine Pfeife, zündete sie an und zog dann schmatzend an dem Endstück. Er sog den ersten Zug tief ein und atmete den Qualm genüsslich aus. Sein Blick schweifte den Fluss entlang, hielt an dem Entenpärchen inne, welches gerade das Ufer an der gegenüberliegenden Seite hinaufwatschelte. Weil er nichts Besseres zu tun hatte, wanderte seine rechte Hand die Hosennaht entlang zwischen seine Beine und er spielte ein wenig –nur so zum Spaß- mit dem, was da in der Mitte so schlabberig herumhing. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht ahnen, dass diese Schlaffheit sich schlagartig wandeln würde.
„Onkel Willem?“ es war Peter mit seinem Mountain Bike, der den Deich heraufgefahren kam.
Willem erschrak, beorderte seine rechte Hand auf seinen Oberschenkel, nuschelte undeutlich:
“Komm man her min Jung“ und ließ die Laute links und rechts an seiner Pfeife vorbeirauschen.
Peter streckte ihm das Wochenblatt entgegen, sagte:
„Na dann tschüss“ und jagte den Deich wieder hinunter.
Willem blätterte in der kostenlosen Ausgabe. Er verscheuchte ein paar Bremsen, die sich an seinen Gummistiefeln satt gefressen hatten und nun die Zeitung bevölkerten. Seine Blicke blieben an einem farbigen Bild hängen.
„Datt süht ja scheun ut“ dachte er und betrachtete die Anzeige. Es war ein Straßencafé abgebildet mit nachtblauem Himmel, goldgelber Beleuchtung und einladenden Tischen und Stühlen.
„Neueröffnung“ las er weiter. Willem dachte an echten Bohnenkaffee und gezuckerten Butterkuchen, als ihm fast die Luft wegblieb.
„Nacktcafé“– nein, das konnte nicht sein. Er putzte seine Brille und las noch einmal:
„Nacktcafé“.
„Verdammi noch mal“ was war das?
„Das außergewöhnliche Verwöhncafé zu später Stunde.
Lassen Sie sich überraschen mit spritzigen Getränken und pikanten Snacks.
Öffnungszeiten: 21.00 - ? Uhr“.
Als er die Adresse las, wurde ihm klar: Industriestraße 12. Früher war das die Schulstraße. Genau in diesem Gebäude war anno dunnemals die Volksschule untergebracht, die auch er vor mehr als fünfzig Jahren besucht hatte. Dieses Haus hatte im Laufe der Jahrzehnte einige Wandlungen erfahren. Nach einem Schulneubau änderte sich die Nutzung. Anstatt Schüler zu beherbergen, wurde kurzerhand eine rote Laterne in die Fenster gehängt und ein blickdichter Holzzaun auf das Außengelände gestellt. Fortan vergnügten sich die männliche Landbevölkerung und Herren aus dem ferneren Umland in horizontaler oder sonstiger Weise mit einigen Damen, die außer exotischer Namen nichts, reinweg aber auch gar nichts auf ihren Körpern trugen. Genau in dieser Zeit suchte auch Willem –in alter Erinnerung- dieses Haus wieder auf. Nun gut, er blätterte ein paar Scheine auf den Tisch, aber dafür bekam er auch einiges geboten.
Kurz nachdem Willem sich von Doreen hatte verwöhnen lassen, las er damals im Wochenblatt, dass durch eine Polizeirazzia die beweglichen Damen samt ihren Beschützern in alle Winde verstreut wurden. Danach verkam das Haus, wurde von der Gemeinde notdürftig aufgemöbelt und bot danach einer Vielzahl Asylbewerbern aus aller Herren Länder ein Dach über dem Kopf.
„Nacktcafé“
Willem erhob sich von der klapprigen Holzbank, ihm wurde warm –nicht nur ums Herz- und er ging unruhig hin und her. Hach, als er damals sein Mofa hinter die Holz-Fertigelemente gestellt hatte, schälte sich doch gerade sein alter Mathelehrer aus seiner Isetta. Dieser Schülerquäler, der als Moralapostel der Schule galt. Wie er gestottert hatte, als er seinen ehemaligen Schüler entdeckte. Dieser erinnerte sich noch genau an seine Worte:
“Ach, der Willem Meyer. Weißt du, ich hatte noch alte Unterlagen… äh…. „ das alles hatte er im Stehen gesagt, während seine Hand krampfhaft den Türgriff von innen festhielt. Blitzartig hatte er die Tür wieder heruntergezogen, während er sich setzte und im nu verschwunden war.

Willem dachte an Doreen, die ihn damals im seidenen Bademantel empfangen hatte und sich um ihn wand wie eine Katze.

Er spürte, was er lange nicht gespürt hatte. Sein Schniedel meldete sich und gab keine Ruhe. Er verlangte nach Doreen oder sonst einem weiblichen Wesen.
„Nacktcafé“ – Willem ließ seiner Fantasie freien Lauf. Sollten die Damen etwa nackt… echten Kaffee und Butterkuchen...?
Willem klemmte sich die Zeitung unter den Arm, schlurfte zur Dielentür, schlackerte sich die Gummistiefel von den Füßen, tänzelte die ausgetretenen Stufen hinauf, zog seine Manchesterhose aus, warf galant den Speckdeckel an den grau lackierten Haken und ging in die Waschküche. Bebenden Herzens kippte er sich eine Kelle eiskalten Wassers übers schüttere Haupthaar, quetschte die Reste aus der grünen Zinktube mit der Aufschrift „Fit“ und formte sich mit dem Haarfett eine Tolle. Dann hüllte er sich in eine Wolke von Pitralon, zog sich ein sauberes Breitkord-Beinkleid an, knöpfte die Hosenträger über sein weißes Baumwollhemd und zauberte aus dem Küchenschapp ein paar Geldscheine hervor.
„Nacktcafé“ – ab neun Uhr abends. Es war bereits kurz nach acht. Zur Sicherheit legte er die Zeitung auf den Küchentisch, knipste das Licht an und hielt sich die Anzeige noch einmal dicht unter die Brille. Da gab es kein Vertun.
„Nacktcafé“.
Nun ging er zu seiner Mofa, verzichtete zugunsten der Tolle auf einen Helm und knatterte los. Der Weg schlängelte sich entlang des Elbdeiches dem Willem gnadenlos folgte. Hier erwuchs im Laufe der letzten Jahre auf dem fruchtbaren Marschenland ein Industriegigant nach dem anderen. Endlich war er an der Industriestraße angelangt als das ersehnte Gebäude auftauchte. Willem sah hier eine Anzahl von Autos stehen und wunderte sich, dass diese Karossen ungeschützt vor neugierigen Blicken in freier Wildbahn geduldig auf ihre Fahrer warteten.
Voller Elan stieg er von seinem fahrbaren Untersatz, blickte sich um und verbarg seine Möff hinter einem riesigen Tontopf aus dem ein Benjamini ragte.
Es war schon ein wenig schummerig. Das Café war goldgelb erleuchtet wie auf dem Bild aus der Zeitung. Was hatte sich dieses alte Gemäuer doch herausgeputzt. – Beschwingt öffnete Willem die Tür. Seine Manneslust bekam einen ersten Dämpfer. Er traute seinen Augen nicht. Nicht nur Männer hielten sich in diesem Etablissement auf, nein auch Frauen, Frauen in voller Montur. Da war es ein schwacher Trost, dass hier und dort ein paar Bauchnabel ins Dämmerlicht blickten.
Es waren junge Leute, modern gekleidet, die sich laut unterhielten, lachten und sich mit farbigen Getränken zuprosteten. Willem stand noch immer verwirrt in der Tür. Doch Willem war ein Mann der Tat. Schwanz einziehen ging nicht, also blieb er und gesellte sich an einen Tisch, an dem zwei Frauen und ein Mann saßen. Sie sahen den Neuankömmling amüsiert an. Er entsprach ganz und gar nicht dem übrigen Publikum des Nachtcafés. Willem war deutlich älter und auch seine Kleidung erinnerte das Jungvolk an vergilbte Fotos ihrer Eltern oder Großeltern.
„n`Abend“ Er wusste was sich gehörte.
„Hi“ lachten ihm die drei zu.
Er bestellte bei der Bedienung:
„`Ne Runde Köm und für mich `n Bier dazu.“
Das Feuerwasser wurde heruntergeschluckt, die jungen Leute zogen Grimassen:
„Äh, hu.“.
Der Mann ihm gegenüber sah amüsiert zu Willem herüber:
„Na, auch ein bisschen amüsieren?“
„Tja, schön wär´ s.“
Als die Damen aufstanden um ihre Kledage im Spiegel zu betrachten, kramte Willem seinen Zeitungsausschnitt aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und fragte seinen Tischnachbarn:
„Sag mal, gibt´ s hier auch gewisse Appartements, Du weißt schon…“
Dieser sah ihn verdutzt an, nahm sich den Zeitungsausschnitt und glaubte seinen Augen kaum. Wollte dieses Relikt aus vergangener Zeit ihn zum Narren halten?
„Nacktcafé“ stand dort schwarz auf weiß. Wollte sein Gegenüber ihn auf den Arm nehmen?
Willem sah sich um, ging zum Kleiderhaken und holte das Tageblatt, welches baumelnd an der Holzklemmvorrichtung hing und schlug die Seite auf. Ohne weiter nachzusehen, präsentierte er dem Ungläubigen die Anzeige. Dieser las:
„Nachtcafé“, nahm sich nochmals Willem`s Zeitungsausschnitt zur Hand und sah ihn genauer an.
„Na, hab ich´ s mir doch gedacht. Sehen Sie sich doch mal genauer das „K“ an.“ Da glänzt ein kleiner schwarzer Punkt. Sieht aus wie ein …“
Willem riss ihm das Stück Papier aus der Hand. – Tatsächlich. Eine der Bremsen hatte ihm einen Streich gespielt.

© Heidi Hoppe
09/2003











Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 16.21 Uhr
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