Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Oktober 2003
Kopflos
von Klaus Eylmann


Es war einer jener lauen Sommerabende, an dem Ron Davis die Polizeiarbeit hinter sich ließ und mit Marylin in die Stadt fuhr. Während Menschen sich in der U-Bahn griesgrämig gegenüber saßen, erhellte Marylin mit ihrer Präsenz das Abteil. Später schlenderten sie den breiten Bürgersteig der Dunbar Avenue entlang. Trauben von Passanten bewegten sich von Bar zu Bar. Das Licht der Straßenlaterne fiel auf einen Androiden, der vor einem kleinen Tisch am Bordstein saß und seine Artgenossen mit einem Hütchenspiel anlockte.
"Ron, machst du nicht mit?"
Davis antwortete nicht. Die Ironie konnte sie sich schenken. Wer konnte als Mensch mithalten? Davis erinnerte sich an die unselige Schachpartie, in der Marylin ihn zerrupft hatte, als sie ihn zu einem Schaufenster zog.
"Sieh her. Eheringe." Der hundertste Wink mit dem Zaunpfahl. Die U-Bahn rumpelte unter ihnen hinweg. Luft aus dem Schacht blies ihren weißen Rock hoch. Marylin lachte und drehte sich um sich selbst. Davis konnte nicht anders. Er hastete mit ihr in eine Seitenstrasse, zog sie in den nächsten Hauseingang. Er stolperte, fiel und landete auf etwas Weichem. Hinter ihm öffnete sich eine Tür. Zwei Frauen stiegen über ihn hinweg. Netzstrümpfe, lederne Miniröcke. Etwas klebte an seinen Händen.
"Blut." Marylin sah an ihm vorbei: "Ron, unter dir liegt jemand." Ein Mann. Davis tastete nach seiner Halsschlagader. Der Mann war tot. Davis lief hinter den beiden Frauen her und sprach in seinen Kommunikator. Es dauerte eine Weile, bis er ihnen die Fingerabdrücke abgenommen hatte, dann ging er zurück und sah nach oben. ‘Hotel’ sagte das Schild. Marylin folgte seinem Blick und drückte sich an ihn.
"Wolltest du mit mir da rein?"
Ein Fluggleiter setzte auf. Polizisten sprangen heraus und sperrten den Bürgersteig vor dem Hotel ab, während Androiden von der Spurensicherung den Hoteleingang auf Abdrücke untersuchten.
"Ihm wurde das Genick gebrochen, sein Arm säuberlich abgetrennt."
"Womit?"
"Sieht nach Laser aus. Der Mann ist seit einer Stunde tot."
Der Android legte sein Gesicht in freundliche Falten. Davis sah sich um.
"Der Arm ist weg."
Der Arzt deutete auf Marylin.
"Davis, sollten Sie Ihrer Frau nicht den Anblick ersparen?"
"Es berührt sie nicht weiter." Marylin drehte dem Arzt den Rücken zu und schob mit ihrer Hand die Haare über ihrem Nacken beiseite. Dioden ihrer Seriennummer leuchteten in zartem Rot.
"Ich verstehe." Der Arzt lächelte. "Marylin, nicht wahr?"
Davis schickte sie nach Haus, als seine Leute von der Mordkommission eintrafen. Er ging mit den Kollegen in das Hotel, ließ sich das Register zeigen und befragte die Gäste.

Als Davis am nächsten Morgen im Büro das Hotelregister noch einmal studierte, kam nichts Neues zum Vorschein.
"Miller, Fehlanzeige. Lass das Register zurück bringen. Frauen. Ich glaube nicht, dass die dem Mann das Genick gebrochen haben."
"Androiden?"
"Nein. Die Frauen im Hotel waren durch Fingerabdrücke identifizierbar." Davis legte die Beine auf den Tisch.
"Was bleibt übrig? Weibliche, männliche Androiden oder Männer."
"Fingerabdrücke?"
"Keine."

"Eine Busfahrt!", hauchte Marylin. "Ron, du bist so romantisch!"
Wieder breitete sich der Abend über Dunbar aus. Davis hatte vorgeschlagen zur Heimfahrt den Bus zu nehmen. Sie stiegen hinten ein und zwängten sich an zwei Männern vorbei, die auf der letzten Bank saßen. Einer von ihnen hielt einen Cello-Koffer gegen seinen Bauch geklemmt. Davis stand mit Marylin im Gang. Sie ließ sich mit jedem Schaukeln des Busses gegen ihn fallen.
Es waren ausgemergelte Typen, die zur Nachtschicht fuhren, und Davis fragte sich, was an der Busfahrt romantisch sein sollte? Er blickte zum Fenster hinaus. Industriebrachen zogen vorbei. Dampf aus Schornsteinen verschwand in der Nacht. Ein graues Monstrum kroch aus der Dunkelheit hervor. Die Kühlschrankfabrik. Leute stiegen aus. Davis beobachtete, wie der Mann mit seinem Cello-Koffer hinter dem Fabriktor verschwand.
Menschen an der nächsten Haltestelle. Bustüren öffneten sich, eine Frau schrie. Sie hatte ihre Augen weit aufgerissen und starrte auf den Mann, der auf der hinteren Sitzbank lag. Er war tot. Ihm fehlte ein Bein.
Der Bus blieb stehen. Der Fahrer rief die Zentrale. Nach einigen Minuten schwebten Polizeigleiter heran.
"Wie machen Sie das Boss, dass Sie immer gerade da sind, wo die Leichen liegen?", staunte Miller, während sie beobachteten, wie die Androiden der Spurensicherung mit ihren Scannern über Fenster, Sitze und Haltestangen fuhren. Davis bat Marylin, mit dem Bus nach Haus zu fahren. Er selbst fuhr mit Miller und einem Kriminaltechniker zur Fabrik zurück.

"Ein Mann mit einem Cello-Koffer?" Der Mann war jung und kniff die Augen zusammen, als dächte er nach. Schwarze Haare fielen ihm ins Gesicht. Er hieß Al und war Schichtführer. "Das kann nur Arnie sein. Wir üben zur Zeit ‘Sfogava alle stelle’ von Giulio Caccini. Nach der Schicht, versteht sich. Ich spiele Querflöte. Liegt gegen ihn was vor?”
"Nein. Wir möchten uns seinen Cello-Koffer ansehen." Bleche rollten auf einer Bandstraße heran, glitten langsam an einem Mann vorbei, der ihnen seinen Rücken zugekehrt hatte. Er trug eine Maske vor dem Gesicht. In monotoner Regelmäßigkeit schoss die Spritzpistole weißen Lack auf die Platten.
"Warum arbeiten hier so viele Androiden, werden Sie sich fragen." Al deutete mit dem Kopf zu den Arbeitern hinüber. "Einfache Maschinen könnten es genau so gut. Aber wir wollen helfen, die Roboter von der Straße zu bekommen. Arnie zum Beispiel. Wir beide hatten unter Professor Klüpper Musik studiert. Dann stand er auf der Straße. Jetzt schneidet er Bleche zu."
"Sein Cello-Koffer?"
Al zeigte auf eine Tür am Ende der Halle.
"Steht im Aufenthaltsraum."
Davis nickte dem Kriminaltechniker zu, der kehrte nach ein paar Minuten zurück.
"Kein Blut, keine Körperzellen."
Sie gingen in die Blechverarbeitung. Al zeigte auf einen vierschrötigen Mann. Rötlich leuchtete die Seriennummer auf seinem Nacken. Blaue Strahlen schossen aus seiner Hand und fraßen sich durch das Blech. Die wuchtige Präsenz des Mannes, der stets die gleichen Bewegungen machte, beunruhigte Davis. Bevor das nächste Blech zur Verarbeitung vom Band bereitgestellt wurde, drehte sich der kahlgeschorene Kopf über dem Stiernacken zu ihnen hin. Seine Augen glichen schwarzen Löchern.
"Musik studiert, sagten Sie? Cello spielen ist doch sicher nicht einfach, oder?" Davis sah, wie der Mann mit seiner Arbeit fortfuhr.
"Arnie sagte mir, es sei eines der schwierigsten Geräte." Al lachte. "Natürlich denkt das jeder von seinem Instrument."
"Was können Sie mir noch über Arnie erzählen?"
"Nicht viel. Denken fällt ihm schwer, und er weiß es. Das Kybernetische Institut hat ihm eine Reparatur angeboten, doch er lehnte ab. Arnie meinte, er würde dann nicht mehr so gut auf dem Cello spielen können. Und er hat wohl Recht. Sein Spiel ist genial. Er sagte mir einmal, wenn er Mensch wäre, spielte er jetzt in einem Orchester und brauchte keine Bleche zuschneiden. Ich tröstete ihn damit, dass ich als Mensch ebenfalls keinen Job im Orchester bekommen habe."
"Seine Meinung dazu?"
"Dass ihn das nicht wundere. Querflötisten gäbe es wie Sand am Meer."

Am Tag darauf gab es einen weiteren Toten. Ihm fehlte der Kopf. Davis stand am Fenster. Unter ihm dehnte sich der Platz der menschlichen Einsicht zu den grauen Türmen des Kybernetischen Instituts hin, die in die tiefhängenden Wolken ragten. Böen drückten den Regen gegen die Scheiben. Ein Robotpolizist patroullierte auf dem Platz. Gab es nicht die Geschichte von einem Zinnsoldaten, der vom Wasser fortgespült wurde? Davis erinnerte sich an seine Kinderfrau. Sie hatte um die tausend Märchen und Fabeln im Kopf gehabt.
"Keine Fingerabdrücke, Ron." Miller sah von seiner Tastatur hoch. "Die vom Kybernetischen Institut haben auch nicht weiter gedacht, als ne fette Sau springt."
"Sau? Was ist das?"
"Weiß nicht." Miller lehnte sich zurück. "Sie haben Androiden keine Fingerabdrücke verpasst."
"Mit Absicht." Davis ging zum Schreibtisch zurück. "Der Zentralcomputer hat es so gewollt. - Ich hatte ihn auf Arnie angesprochen, und der Computer bildete Analogien mit autistischen Genies des zwanzigsten Jahrhunderts, nannte einen Namen: Leslie Lemke, der nie Klavierspielen lernte und mehr als tausend Stücke spielte, nachdem er sie einmal gehört hatte." Davis zuckte hilflos mit den Schultern. "Dieser Arnie macht mich nervös."

Davis’ Wohnung war leer. Er hatte Marylin versprochen mit ihr am Klavier den Flohwalzer zu spielen und den Dingen später ihren Lauf zu lassen. Sie würde ihre Passion Modes auf Random stellen, hatte sie angekündigt und seine Hand hatte unwillkürlich nach den Handschellen am Gürtel gegriffen. Marylin. Wo war sie? Ihm war, als fehle ihm ein Teil, und er dachte an den Killer.
Der Kommunikator fiepte.
"Ron, tu es nicht." Marylin. Erstaunt stellte Davis fest, dass ihre Stimme ängstlich klang.
"Davis. Sie wissen, wer ich bin, und Sie wissen, wo Sie mich finden können. Wenn Ihnen an Marylin etwas liegt, kommen Sie jetzt, unbewaffnet, und kommen Sie allein." Davis hatte Arnie nie reden hören. Doch er wusste, es war der Blechschneider.
Marylin, dachte er. Ihr warmes Lachen, der unschuldige Blick. Marylin auf dem Luftschacht, dem Klavierhocker, dem Küchentisch, im Bad – und im Bett. Davis setzte sich automatisch in Bewegung. Als er dem Nachtpförtner seine Dienstmarke zeigte war ihm, als sei er der Android, konditioniert und auf Marylin fixiert. Davis verschwendete keinen weiteren Gedanken, als er durch die leere Halle ging. Marylin. Im Aufenthaltsraum starrte ihn der Cello-Koffer an. Auf der anderen Seite war eine Tür. Davis ging darauf zu und las ‘Versuchsstation Dauertest’. Er ging hinein.
"Wurde auch Zeit." Mannshohe Kühlschränke summten an den Wänden. Arnie stand in der Mitte des Raumes. Wuchtig, bedrohlich. Seine Augen schienen durch Davis hindurch zu sehen. Neben ihm saß Marylin. Ihre Arme an die Rückenlehne, ihre Beine an die des Stuhles gebunden. Ein Pflaster verschloss den Mund.
"Davis, ich will Mensch werden. Nur so komme ich ins Orchester." Arnie hob wie zur Entschuldigung die Hände empor. "Es tut mir Leid, dass einige zu Schaden gekommen sind. Ich brauchte ihre Teile."
Arnie ging zu einem Kühlschrank und riss die Tür auf. Ein Arm flog auf den Boden. Ein Kopf lag im Fach. Davis sah ein Bein neben einem Cello-Koffer.
"Ist das der Koffer, mit dem du Arm und Bein weggetragen hast?"
"Den Kopf nicht zu vergessen. Wieso klappt es mit dem Austausch nicht, Davis? Hier sehen Sie." Arnie schraubte einen Arm von seinem Rumpf, hob den menschlichen vom Boden auf und drückte ihn auf die leere Stelle.
"Halten Sie mal." Davis presste mit Arnie den Arm gegen das Metall.
"Lassen Sie los." Der Arm fiel zu Boden. "Ist das nicht komisch? Mein eigener Arm hingegen rastet sofort ein."
"Arme und Beine? Was willst du damit? Der Kopf reicht doch. Mit Nacken natürlich", sagte Davis. "Wenn er keine Registriernummer trägt, sieht jeder, dass du ein Mensch bist. Das ist doch, was du willst." Arnie bewegte sich nicht, schien wie fest gefroren, dann sagte er: "So ist es" und zog den Kopf an den Haaren aus dem Kühlschrank. Er ging auf Davis zu, blieb bewegungslos vor ihm stehen.
"Arnie, was ist?"
"Davis. Ich habe nachgedacht. Du weißt, ich bin der Mörder. Es tut mir Leid, aber ich muss dich unschädlich machen. Warum nehme ich nicht Deinen Kopf und setze ihn mir auf? Dann bin ich du, und du wirst dich ja nicht selbst ins Gefängnis bringen, oder?"
Davis Gedanken rasten. "Arnie, das mag sein. Aber probier es doch mit dem Kopf, den du in der Hand hältst. Willst du nicht erst mal sehen, ob es klappt?" Wieder dauerte es, bevor Arnie antwortete.
"O.K., machen wir es zuerst mit diesem hier. Hilf mir, meinen Kopf abzuschrauben. Dann nimmst du den menschlichen und presst den Hals fünf Minuten lang auf meinen Rumpf. Sollte es nicht klappen, setzt Du meinen Kopf wieder auf."
Davis bemühte sich vergebens. Arnies Kopf saß fest.
"Befreien wir Marylin. Sie ist kräftiger als ich. Zusammen müssten wir es schaffen."
"Nun gut", meinte Arnie und band Marylin los.
Davis meinte ein tückisches Funkeln in ihren Augen zu sehen. Er musste sich getäuscht haben. Denn als er Arnies Kopf in seinen Händen hielt und dessen Rumpf zu Boden fiel, fiel ihm Marylin um den Hals und schluchzte. Auch das kam unerwartet.
Davis hielt Arnies Kopf in Augenhöhe.
"Nun sag mir noch eines, Arnie, bevor ich dich im Kybernetischen Institut abliefere. Was hättest du mit meinem Kopf im Orchester machen wollen. Ich, der von Musik so wenig Ahnung hat, wie eine Sau vom Schachspiel?"
"Sau, was ist das?", fragte Arnies Kopf.

Am Abend darauf stand Davis mit Marylin wieder vor dem Juweliergeschäft.
"Marylin, sieh mal. Eheringe," und er schob sie in den Laden hinein.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.17 Uhr
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