Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2003
Zahn um Zahn - Kopf um Kopf
von Monique Lhoir


„Hola!“ Die Kutsche hielt. „Bürgerin, wir sind in der Rue Saint-Augustin!“
„Sind wir am Hotel de la Providence?“ Eine zaghafte Stimme klang aus dem Wageninneren.
„Oui.“ Der Kutscher klang ungehalten, da sie die ganze Nacht unterwegs waren. Der Wagenschlag öffnete sich und ein zierliches, junges Mädchen stieg aus. Sie trug die Tracht der Bäuerinnen aus der Normandie. Auf ihrem kastanienbraunen, bis zur Taille reichenden Haar befand sich sittsam ein weißes Häubchen. Eine leichte, gobelinbestickte Reisetasche war ihr einziges Gepäck.
„Merci et au revoir …“. Bescheiden reichte sie einen „Louis d´or“ hinauf. Der Kutscher blickte sie erstaunt an und biss auf die Goldmünze.
„Allez, hue!“ Eilig trieb er seine Pferde an. Klappernd entfernte sich das Gefährt die enge, mit Kopfstein gepflasterte Straße hinunter. Charlotte blieb am Straßenrand stehen und sah dem Kutscher nach. Sie sog die schwülheiße Juli-Luft dieser für sie fremden Stadt ein. Es roch nach Tod und geronnenem Blut. Angewidert betrat sie das „Providence“ – Hotel „Zum Schutzengel“. Eigentlich hieß sie Marie, aber Charlotte passte besser zu einer Mörderin, fand sie, und so meldete sie sich unter diesen Namen an.

Am nächsten Morgen, dem 24. Messidor des Jahres I*, stand sie schon früh auf und nahm in aller Ruhe ihr Frühstück ein, begab sich daraufhin aber sofort wieder auf ihr Zimmer. Dann öffnete sie das kleine Fenster, das zum Hof hinausführte, und blickte nachdenklich hinaus. Später setzte sich an den kleinen Schreibtisch und begann ihren Brief:
„… Landsleute! Ihr kennt eure Feinde, erhebt euch! Vorwärts marsch! Die Räuber, die jetzt auf dem blutigen Throne sitzen, werden erbleichen. Sie haben unseren König getötet und viele unserer Freunde. Da sitzen sie, schon vom Blitz umzüngelt, dessen Einschlagen die Rachegötter der Menschheit gewiss nur darum noch aufschieben, weil ihr Sturz gewaltiger sein wird, als alles vorher gewesene! O mein Vaterland! Dein Unglück zerreißt mir das Herz, ich kann Dir nichts bieten als mein Leben und ich danke dem Himmel, dass ich die Freiheit habe, darüber zu verfügen. Niemand wird durch meinen Tod verlieren! …“

Dann ließ sie einen Coiffeur kommen, der ihr mit der Brennschere kleine Löckchen in ihr langes Haar machen sollte. Schönheit, so hatte sie gelernt, öffnete Tür und Tor. Und ihre Schönheit war in diesem Krieg ihre Waffe. Charlotte war sowohl General als auch Armee und sie würde siegen, da war sie sich sicher.
Als Kind hatte man sie im Kloster fügsam gemacht. Ihre unruhigen Hände mit Klöppelarbeiten beschäftigt, die unruhigen Füße mit langen Gebeten im Knien gebändigt. Und ihr Herz? War auch ihr unruhiges Herz gezähmt worden?
Später, als sie im heiratsfähigen Alter war, konnte Papa die Mitgift für sie und ihre Schwester nicht zahlen. Ihre Mutter war früh verstorben und Vater entstammte einer verarmten Landsadelsfamilie. So war sie im Kloster geblieben und brachte jungen Mädchen das Klöppeln bei. Abbé Gombault gab ihrer Bitte nach, die Töchter der armen Leute, denen ein Leben in Hunger und Elend vorbestimmt war, zu unterrichten. Zuerst wurden diese satt gemacht und anschließend zur Arbeit angehalten. Und schon bald hatte sie im Kloster eine kleine Werkstatt eingerichtet und verkaufte ihre Spitzen an die reichen Damen.
Dann wurde die Abtei und damit auch die kleine Werkstatt geschlossen und das Elend im Dorf noch größer. Es gab die ersten Zusammenstöße zwischen Bürger und Soldaten, die das knappe Korn für Brot abtransportierten und auf die umliegenden Güter verteilten. Die Bevölkerung hungerte. Niemand konnte sich später daran erinnern, wie es angefangen hatte, doch plötzlich rannte die alte Sosson wie wild geworden durch die Straßen und zeigte ihre blutigen Hände. Man hatte einen Soldaten in Stücke gerissen, Teile davon durch die Gassen getragen, sein Herz gebraten und verschlungen. Die Menschen hatten Hunger.

Und endlich kam eine Nachricht aus Paris.
„Papa“, hatte Marie gerufen. „Papa. Sie haben die Bürgerrechte verkündet. Wie in Amerika. Freiheit! Gleichheit und Brüderlichkeit! Und das Recht zu besitzen!“ Er hatte nur müde mit dem Kopf geschüttelt. Zu schwer waren die letzten Jahre für sie gewesen, er war alt und krank geworden.

Aber nichts wurde besser. Der Hunger war überall. Die ersten Zeitungen kamen aus Paris und berichteten. Und zum ersten Mal las sie seinen Namen: Jean Paul Marat.
„Ich bin das Auge des Volkes“, schrieb er. „O Bürger, sputet euch, sonst werdet ihr die privilegierten Stände wieder auferstehen sehen. Die Flucht der königlichen Familie ist von langer Hand von Verrätern der Nationalversammlung vorbereitet worden. Man täuscht das Volk mit Paraden, großen Worten und Festlichkeiten. Merkt ihr nicht, dass ihr getäuscht werdet?“
Woher weiß er das, hatte sich Marie gefragt, war er denn immer dabei? Woher kennt er die Wahrheit oder weiß, dass es die Wahrheit ist? Und welche Lösung schlug er vor? „Fünfhundert oder sechshundert abgeschlagene Köpfe hätten euch Ruhe, Freiheit und Glück gesichert. Eine falsch verstandene Menschlichkeit hat eure Arme gelähmt.“
‚Mord für Freiheit? Mord gegen Hunger? Wie verträgt sich das mit den neuen Rechten?’, überlegte Charlotte. ‚Monsieur Sanson, der Scharfrichter von Paris, wie sollte er fünfhundert, sechshundert Köpfe abschlagen?’
Man hätte viele Sansons gebraucht, denn nach jeder Hinrichtung war das Schwert stumpf und musste geschärft werden.
Aber auch hierfür hatte Marat eine Lösung und verschrieb sich ihrer Verbreitung: Das Töten als Mittel politischer Arbeit, nicht neu, nicht originell, aber wirksam. Und er schloss sich mit Dr. Guillotin und Dr. Louis zusammen. Alle drei waren sie Ärzte und entwickelten eine Tötungsmaschine. Die Maschine nannten sie aber nicht Marattine, sondern Guillotine.

Und dann wurden einige ihrer Verwandten verhaftet. Ihr alter Onkel Comte d’Héricy, der schon 77 Jahre war, und Onkel de Mesnival, der so gern auf die Jagd ging. „Das sind doch Pudel mit einem Maulkorb“, sagte sie empört und stand mit ihrer Meinung nicht allein da. Sie sollten sich an der Entführung des Königs beteiligt haben. Sie wurden nach Paris gebracht und Marie sah sie nie mehr wieder.

Täglich wurde es teurer, satt zu werden. Die Preise stiegen überall, in den Städten und auf dem Land. Es geschah nicht selten, dass die Händler auf den Märkten wieder ihre Waren abtransportierten, weil niemand sie bezahlen konnte. Wo brachte man sie hin? Wer durfte sich davon satt essen, während die Kinder der Bevölkerung schrieen? Zu den Höflingen, Spekulanten und Feinden der Revolution? O, man hätte den Frauen nicht sagen dürfen, wohin sie die Lebensmittel brachten. Sie wären mit ihren Küchenmessern auf die Händler losgegangen. Fest presste Marie die teuer bezahlten Karotten an sich.
Und Marat? Was empfahl er? „Wachsam zu sein“ und baute währenddessen eine Guillotine. Und das Volk war wachsam, sehr wachsam gegen jeden.

Als sie vom Markt zurückkam, sah sie in der Ferne eine Prozession. Sie bewegte sich nur sehr langsam vorwärts. Aber es ging nicht schneller. Soldaten brachten Kanonen, vor die statt Pferde Gefangene gebunden hatten, ein paar Männer und Frauen, deren Köpfe kahl geschoren waren, deren Stirn vor Pein und Anstrengung glänzten. Nun kam sie von Paris auf Land – die Revolution.

„Abbé Gombault“, rief Marie und lief auf ihn zu. Doch sie wurde von den Soldaten zurückgedrängt.
„Aber doch nicht Abbé Gombault! Was hat er denn getan?“ Marie erinnerte sich daran, wie er ihr im Kloster erlaubt hatte, den Kindern das Klöppeln beizubringen. Er war immer nur gütig gewesen.
„Was wirft man ihm nur vor?“, fragte sie verzweifelt.
„Der Konvent in Paris hat die Todesstrafe für nichtvereidigte Priester beschlossen.“
Marie wandte sich ab. Was würde der Konvent in Paris noch beschließen? Sie hatte neben Abbé Gombault noch einige andere erkannt. Für ihren letzten Auftritt hatte man sie zurecht gemacht: kahlköpfig, von Staub und Ruß schmutzig. So erregten sie kein Erbarmen mehr, sondern Entsetzen. Denn auf dem Marktplatz ihres Ortes hatte man die erste Guillotine aufgebaut.

Und Jean Paul Marat? Was sagte er? Er saß währenddessen an seinem Schreibtisch mit gespitzter Feder und schrieb die Wirklichkeit auf, machte Schuldige dingfest, Ehrgeizlinge, Verräter, Feinde des Vaterlandes, Betrüger und Intriganten – Tausende. Auch das Volk Frankreichs?


* * *

Am Vormittag des 25. Messidor** verließ Charlotte zum ersten Mal das „Providence“ und begab sich zu den Läden des Palais Royal. Sie bestaunte die Auslagen, in denen die pompösen Kleider für die Damen der Pariser Gesellschaft ausgestellt waren. Entzückt betrachtete sie die mit Rüschen besetzten Röcke und die mit Federn verzierten Hüte. Doch dann besann sie sich ihrer Aufgabe und betrat einen kleinen Laden.

„Sie wünschen?“, fragte der Inhaber und sah sie erstaunt an. Eine Dame ohne Begleitung betrat selten sein Geschäft.
Charlotte schaute sich um. Zierliche Dolche in den Vitrinen, Federmesser aus Gold, elegante Stilette an den Wänden, Schnitzmesser, Brotmesser, Bestecke aus Silber. Sie zeigte auf ein großes Küchenmesser mit einem dunklen Holzgriff.
„Wie viel kostet es?“
„Vierzig Sous.“
„Das nehme ich.“ Sie öffnete ihren Geldbeutel, den sie sich um die Taille gebunden hatte, und zählte die Münzen auf den Tresen.
„Oui.“ Der Verkäufer holte das Messer eilfertig aus der Vitrine. „Soll ich es einpacken?“
„Nicht nötig. Verkaufen Sie mir nur noch ein Lederfutteral.“ Unbeholfen nahm Charlotte das Messer in die Hand.
„Eine edles, ein scharfes Messer.“ Der Verkäufer sammelte die Münzen ein und betrachtete neugierig das schöne Mädchen.
„Ja, ein gutes Stück.“ Vorsichtig, fast liebevoll steckte Charlotte es in das Leder und verbarg alles in ihrem Brusttuch. Dann verließ sie den Laden.
„Au revoir …“, rief ihr der Ladeninhaber nach, doch Charlotte hörte ihn nicht mehr.

Die Sonne stand inzwischen hoch am Himmel, die Hitze war unerträglich, doch das Einzige was Charlotte wahrnahm, war der Geruch nach Verwesung und geronnenem Blut vieler Opfer, der ihr den Atem raubte.
Sie bestieg eine Kutsche. „In die Rue des Cordeliers Nr. 30, bitte“, gab sie Anweisung. Als der Wagen hielt, stieg sie aus. „Warten Sie.“ Charlotte verweilte einen Augenblick vor dem Haus, dann klopfte sie entschlossen an. Eine Dame in einfacher Kleidung öffnete ihr die Tür.
„Bürgerin, Sie wünschen?“
„Ich wünsche Marat zu sprechen.“ Entschlossen trat Charlotte einen Schritt vor.
„Bürger Marat ist krank und empfängt nicht“, bekam sie kühl zur Antwort.
„Ich muss zu ihm, ich habe eine wichtige Mittelung aus Caen für ihn“
“Warten Sie einen Augenblick.“ Sie verschloss aber sofort die Tür, um sie kurze Zeit später wieder zu öffnen.
„Er empfängt heute nicht“, sagte sie entschieden.
„Darf ich wissen, wer Sie sind?“, fragte Charlotte höflich.
“Es geht sie zwar nichts an, aber ... mein Name ist Simonne Evrard, ich bin seine Lebensgefährtin.“
Charlotte blickte Simonne kurz an, knickste und bestieg die wartende Kutsche.

In ihrem Hotel angekommen, setzte sie sich entschlossen an ihren kleinen Schreibtisch und schrieb: „ Marat. Ich komme von Caen. Ihre Liebe zum Vaterland muss es Ihnen erwünscht erscheinen lassen, die Komplotte, die man dort gegen Sie schmiedet, kennen zu lernen. Ich habe Sie heute Morgen besucht, aber man hat mich nicht vorgelassen. Kann ich auf einen Augenblick Gehör hoffen, wenn ich Sie nochmals besuche? Und Sie werden mich nicht abweisen, bei dem großen Interesse, das unsere Sache hat?“

Charlotte sandte einen Boten mit dieser Nachricht zur Rue des Cordeliers. Am späten Nachmittag kleidete sie sich abermals sorgfältig an, versteckte das Messer unter ihrem Brusttuch, bestellte eine Droschke und fuhr zur Rue des Cordeliers. Die Sommersonne stand bereits tief über den Häusern von Paris und warf lange Schatten, doch der Geruch stand nach wie vor über der Stadt.

Wieder stand sie vor dem Haus, betätigte den Türklopfer.
„Bürgerin?“
„Ich möchte zu Marat. Ich habe mich bereits angekündigt.“
„Er empfängt nicht“, kam die knappe Antwort und die Türe wurde erneut zugeschlagen.
Charlotte klopfte energischer. „Sagen Sie, dass Marie Corday hier ist. Ich habe Jean Paul Marat eine wichtige Nachricht aus Caen zu überbringen.“
Charlotte hörte ein lautes Wortgefecht im Flur.
„Kommen Sie“, kam die knappe Antwort. Sie wurde durch einen Flur in die obere Etage geführt. „Bitte.“ Simonne, die Frau, die sie am Morgen abgewiesen hatte, öffnete die Tür zu einem kleinen Raum. Feuchter Dunst schlug Charlotte entgegen.
„Kommen Sie näher, Bürgerin“, vernahm sie eine männliche Stimme. War das Jean Paul Marat? War sie am Ziel?
Sie setzte sich auf einen Stuhl, den er ihr anbot. Er lag in der Badewanne, nackt, nur von einem Tuch verhüllt.
„Sie haben mir eine wichtige Mitteilung aus Caen zu machen?“ Charlotte nickte.
„Die Namen“, sagte er.
Und sie begann: „Larivière, Gorsas, Barbaroux …“, und er schrieb. Er schrieb auf einem Brett, das quer über die Wanne gelegt war.
„Weiter“, sagte er und sie fuhr fort, weitere Namen der Girondisten zu nennen, die sich in Caen versteckt hielten.
„Diese Leute werden in wenigen Tagen hingerichtet“, sagte er knapp. Da griff sie langsam in ihr Brusttuch, zog das Messer heraus und stach es bis zum Heft in den nackten Mann vor ihr.
Ihre Hand, die das Messer hielt, wurde warm und nass von Marats Blut, das ihr entgegensprudelte. Das war es, wovor sie sich gefürchtet hatte, dass Nasse und Klebrige, wie bei einem Fasan, den Papa mitbrachte, wenn er von der Jagd kam. Und es war viel schwerer, das Messer wieder herauszuziehen, als zuzustoßen. Sein Körper hielt es fest.

"Amie, ma chère amie, à moi!", schrie Marat.
Charlotte schaute ihn stumm und ungläubig an. Es waren seine letzten Worte. Simonne stürzte ins Zimmer und warf sich weinend auf Jean Paul. Bald darauf füllte sich der Raum mit Menschen, bildeten einen Kreis um sie, bis jemand den Stuhl ergriff und Charlotte, als sei sie eine wilde Bestie, damit zu Boden schlug.

Gelassen und ohne Furcht ließ sich Charlotte vom Postmeister Drouet, den man herbeigerufen hatte, fesseln und abführen. Sie wurde ins Gefängnis l’Abbaye gebracht. Dort wurden ihr die Scheide des Dolches - denn den Dolch hatte man ihr sofort entrissen - einiges Geld, ihr Taufschein und Pass abgenommen. Bei ihrem Eintritt in die Abtei rannte angesichts ihrer Schönheit ein Jüngling hinter ihr her. Er bat, statt ihrer Gefängnis und Tod zu bekommen. Er erhielt anschließend beides.

Am dritten Tag ihrer Gefangenschaft wurde sie vor das Revolutionstribunal geführt. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Noch während ihres Gefängnisaufenthaltes hatte sie gebeten, sich malen lassen zu dürfen, „als Abschreckung, um mein Verbrechen für ewige Zeiten festzuhalten“. Er hatte man es ihr nicht gewährt, doch als sie sich umblickte sah sie einen Mann mit einem Skizzenblock. Dankbar lächelte sie ihm zu.

„Der Bürgerin Marie Corday, aus Mesnil-Imbert gebürtig, wohnhaft in Caen, Département Calvados, vierundzwanzig Jahre alt, fünf Fuß, ein Zoll groß, Haar kastanienbraun, Augen grau, hohe Stirn, rundes gespaltenes Kinn, ovale Gesichtsform, wird vorgeworfen, den Bürger Jean Paul Marat getötet zu haben.“
Charlotte straffte ihre Schultern, neigte dabei ihren Kopf leicht auf die linke Schulter.
„Bürgerin Corday, Sie haben Jean Paul Marat getötet?“
„Ja“, gab sie fest zur Antwort.
„Sie haben diesen Mord geplant und in vollem Bewusstsein ausgeführt?“
Charlotte schwieg.
„Kaltblütig und ohne jeden Skrupel?“
„Nein, es war kein Mord. Ich habe für mein Volk getötet! Marat war ein Ungeheuer.“
„Bürgerin Corday, wie können Sie Jean Paul Marat für ein Ungeheuer halten, da er Ihnen, nach Ihrer schriftlichen Klage über Ihre Verfolgung, den Zutritt gestattet hat?“
„Aber was ist das schon? Gegen mich war er menschenfreundlich, aber gegen alle meine Freunde und Verwandten war er ein Wüterich. Wie viele Menschen haben durch ihn seinen Kopf verloren? Brave, rechtschaffende Bürger! Und wie viele Frauen haben ihre Männer, wie viele Kinder ihre Väter verloren?“ Sie straffte erneut ihren Rücken und dachte an ihren eigenen Vater. An sein schütteres Haar, an den Hunger und das Elend der Familien in der Normandie.
„Bürgerin Corday. Sie haben Jean Paul Marat in seiner Wohnung besucht, um ihn zu töten?“
„Ja!“
„Aber warum Marat?“
„Er war nur der Anfang. Er ist der Ursprung allen Übels. Und dem Himmel sei Dank, er ist noch nicht einmal geborener Franzose!“
Nun stand sie aufrecht, so aufrecht, wie sie es in der Klosterschule gelernt hatte.
„Er war nicht einmal mehr Mitglied des Konvents“, bekam sie zu Antwort. „Er war krank und verließ nicht mehr das Haus. Warum gerade er? Weil er schwach war und Sie in ihm ein leichtes Opfer sahen?“
„Ich gedachte, ihn auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu töten“, gab Charlotte zur Antwort. „Als ich Caen verließ, wusste ich nicht, dass er krank war.“
„Warum haben Sie gerade Jean Paul Marat getötet?“
„Er ist ein Feind. Er, als Nichtfranzose, hat viele meiner Landleute auf dem Gewissen. Was weiß er von uns, von unserem Land? Ich liebe mein Land, meine Volk, meine Freunde und meine Familien. Viele von ihnen hat er auf dem Gewissen. Ich bin eine Soldatin meines Landes, ich habe gehandelt wie ein Soldat, der sein Land verteidigt.“
„Und so haben Sie ihr Land verteidigt?“ Der Richter trat hervor, mit dem blutverklebten Messer in der Hand und wandte sich an das Publikum. „Die Bürgerin Corday hat mit gut bedachter Sicherheit direkt von oben mit dem Messer auf ihr Opfer eingestoßen. Ein Opfer, das krank und wehrlos in einer Badewanne lag und ihr zuhörte, ja ihr sogar helfen wollte. Dabei hat sie die Rippen des Opfers nicht beschädigt, hat nicht einmal das Brustbein gestreift, sondern direkt die Hauptschlagader getroffen und den Dolch tief ins Herz gestochen. Der Bürger Marat hatte keine Chance. Es war kaltblütiger Mord.“
Charlotte schaute interessiert zu, schüttelte aber dann schwach den Kopf.
„Sie haben das wohl vorher gut geübt?“
„Nein, so war es nicht.“ Ihr Stimme ging unter in den Rufen der Bürger: „La mort, la mort.“


* * *

„Wo sind wir, wenn etwas geschieht? Wir sind abwesend.“ Charlotte saß steif auf einem alten Stuhl. „Und erst unsere Abwesenheit macht es möglich, dass etwas passiert. Geschichte erfolgt immer nur, wenn niemand dabei ist. Und wenn man um Einhalt schreit, ist es schon zu spät. Auch ich werde ein Teil dieser Geschichte werden.“

Das Licht kam von der Seite, schräg von oben durch die Gitterstäbe der kleinen Öffnung. Die Gefängniszelle war dunkel, nur von diesem kleinen Loch erhellt. Sie saßen sich gegenüber, eine Tischbreite trennte sie. Charlotte lächelte ihn an, stolz, ohne jede Todesangst in ihren großen Augen. In der Hand hielt Jakob Hauer einen Skizzenblock, maß manchmal mit einem Stift ihr Profil.
„Sprich“, sagte er ruhig, „damit ich dich sehen kann.“ Jakob Hauer hatte schon im Gerichtssaal angefangen, ihr Bild zu skizzieren, aber jetzt malte er sie in Öl. Es ging alles viel zu schnell, schon sehr bald hatte man sie verurteilt. Doch er durfte bei ihr bleiben. Er war nicht nur Maler, er war auch Polizist. Und er war mit dieser schönen Frau allein, die gleichzeitig seine Gefangene und sein Modell war und deren Gesicht ihn faszinierte, von Anfang an fasziniert hatte.
„Ich möchte, dass Sie eine Kopie des Bildes an meinem Vater nach Caen senden, wenn ich nicht mehr da bin“, bat sie. Hauer schaute sie still an und hielt in seiner Arbeit inne. Sie überreichte ihm einen Brief. „Verzeihen Sie, mein lieber Papa“, las er, „dass ich ohne Ihre Erlaubnis über mein Leben verfügt habe …“.
„Aber so zeichnen Sie doch, wir haben nicht mehr viel Zeit. Sie wissen so gut wie jeder hier, dass man mich noch vor Abend hinrichten wird“, sagte sie. „Oder ist es Ihnen zu dunkel? Sehen sie überhaupt etwas? Soll ich die Concierge rufen, dass sie uns eine Kerze bringt?“
Nein, kein Licht. Es war gut so, der Sonnenstrahl, der durch das vergitterte Fenster auf ihr Haar fiel, die weit offenen Pupillen, die noch einmal alles Sichtbare aufnahmen.
„Sprich“, sagte er wieder.
„Wäre ich ein Mann, hätte ich gelernt, wie man richtig tötet ...“ Sie sah auf ihre im Schoß gefalteten Hände.
Hauer sah fragend von seiner Zeichnung auf.
„Ich meine, wie die Soldaten. Mit Säbeln, Schusswaffen oder dem Bajonett. Sie lernen für den Krieg. Sie beherrschen die Handhabung der Waffen wie ein Spiel. Sie spüren nicht, wie die Klinge in das Fleisch ihres Opfers eindringt. Sie töten für ihr Vaterland und werden als Helden gefeiert.“
„Sprich weiter“, bat er erneut.
„Zwei Tage vor meiner Abreise haben die Girondisten in Caen zum Kampf aufgerufen. Siebzehn Freiwillige gab es. Nur siebzehn. Was wollten sie denn ausrichten? Ich sagte zu Barbaroux, wenn ich ein Mann wäre, dann … . Aber er lachte mich nur aus und sagte: Davon verstehen Sie nichts, Bürgerin. Und dann stand mein Entschluss fest. Ich musste nach Paris, um ihnen zu helfen. Wissen Sie vielleicht, was aus den Siebzehn geworden ist? Sind sie in Paris angekommen?“
Unbeweglich hörte Hauer ihr zu. Jetzt verstand er, was sie nicht recht verstand. Er dachte an den Augenblick der Verhandlung, als Charlotte wankte und schwach wurde, als man sie „Mörderin“ nannte. Alles hatte sie zugegeben, auch keinen Zweifel an ihrer Absicht zu töten gelassen und nichts bereut. Sie war davon überzeugt, richtig gehandelt und so ihrem Vaterland gedient, mit ihrer Tat viele unschuldige Köpfe gerettet zu haben. Aber sie nannten Charlotte eine Mörderin. „Ich bin keine Mörderin“, hatte sie leise gesagt. „Ich bin eine Soldatin meines Landes und habe auch so gehandelt. „Sie“ haben unseren König und viele meiner Landsleute geköpft. Ich will, dass das Töten ein Ende hat.“

Sie saß vor ihm und erzählte mit der Stimme eines Kindes von ihrer Jugend in Caen, der Zeit im Kloster und über ihre Schwester. Sie lachte und freute sich, wenn sie über ihre Streiche berichtete. Wie besessen malte er. Doch nur eines blieb ihm im Ohr: „Wäre ich ein Mann, hätte ich gelernt, wie man richtig tötet ...“.

Hauer war noch nicht fertig, als er feste eilige Schritte hörte. O nein, bitte noch nicht. Aber da ging bereits die Tür auf.
„Schon?“, fragte sie und senkte ihre Lider. Monsieur Sanson war kein Schlächter. Er war ein Herr. Zu den Hinrichtungen ging er immer gut gekleidet. Er hatte die würdige Art eines Arztes. In seiner Begleitung befand sich der junge Sanson, der unter seiner Anleitung den Beruf seines Vaters erlernte. Seit Generationen waren die Sansons Scharfrichter.
„Ich bin es nur“, sagte Monsieur Sanson förmlich und schritt, als wenn er bei einer Patientin eine Visite machte, auf Charlotte zu. „Mademoiselle, wir müssen Ihre Frisur etwas ändern. Sie verstehen?“ Er griff zur Schere, während sie selbst die Haube abnahm und ihr Haar löste. Doch dann passierte etwas, was Monsieur Sanson noch nie passiert war. Charlotte entriss ihm die Schere, seine einzige Waffe, die er bei diesem ersten Treffen trug. In Anbetracht seiner mangelnden Wachsamkeit war er starr vor Schreck. Doch dann geschah nichts weiter, als dass sie sich eine Locke abschnitt, die Schere in Sansons zitternden Händen legte und die Locke an Hauer überreichte: „Vergessen Sie mich nicht.“
Nein, wie sollte er sie vergessen. Diese junge Frau, von der er mehr in den letzten Stunden erfahren hatte, als je von einem anderen Menschen, deren Bild noch feucht sein würde, wenn sie schon nicht mehr war.

Das kurze Haar stand im Nacken weit von ihrem Kopf ab. Sanson hatte es mit ein paar schnellen Schnitten abgetrennt. „Damit der Schnitt sauber wird und Sie nicht leiden müssen“, hatte er gesagt. Sie griff nach ihrer Haube, setzte sie ohne jeden Umstand auf den entblößten Kopf, als mache sie sich zum Ausgehen fertig.

Menschenmassen erwarteten sie vor der Conciergerie. Als sie den Karren bestieg, trug sie über ihrem weißen Kleid das rote Hemd der Vatermörder. Der Zug dauerte eine ganze Stunde, ehe sie am Schafott auf dem Place de la République anlangte. Interessiert schaute sie während der Fahrt um sich, begrüßte das zeternde Volk mit einem freundlichen Kopfnicken, das sofort angesichts ihrer Jungfräulichkeit schwieg. So hatte sie zum ersten Mal Gelegenheit, die Straßen der Stadt Paris zu betrachten, in der sie vor sechs Tagen angekommen war, um ihr Volk zu retten. Ohne Stütze bestieg sie dann die Bluttribüne. Erst, als sie sich die weiße Haube abnahm, errötete sie angesichts ihrer Blöße. Menschenmassen hatten den Platz gefüllt. Anschließend nahm sie ihr Brusttuch ab, trat an die Todesmaschine und legte ihren Kopf zurecht.
Das Eisen fiel herab und schlug den schönen Kopf ab. Sanson nahm das blutende Haupt und zeigte es dem Volke. Das Lächeln, dass Charlottes während der gesamten Fahrt gezeigt hatte, war immer noch zu sehen.

Hauer hatte sich durch die Menschenmassen gewühlt, unter seinem Arm noch das feuchte Bild von Charlotte. Er sah nur ihr Lächeln erinnerte sich ihrer Worte: „Wäre ich ein Mann, hätte ich gelernt, wie man richtig tötet ... – dann wäre ich jetzt ein Held“.
Er hatte vergessen sie zu fragen: „Warum haben Sie gerade Marat getötet? Warum gerade ihn? Hatten Sie es geplant oder sich erst in dem Augenblick entschlossen, ihn zu töten, als sie ihn vor sich sahen?“
Sie hätte es ihm bestimmt gesagt, so wie sie alle seine Fragen beantwortet hatte, doch nun war es zu spät und er würde es nie erfahren.


(Mord der Charlotte Corday an Jean Paul Marat am 13. Juli 1793 und der Mord der Franzosen an Charlotte Corday am 17. Juli 1793)

*12. Juli 1793
**13. Juli 1793



Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.04 Uhr
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