Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Oktober 2003
Warum
von Fran Henz


„Warum haben Sie es getan?“
Das fragte ich all meine Klienten, wenn der Prozess vorbei und sie dank meiner Verteidigung freigesprochen worden waren. Wenn der schöne Schein nicht länger aufrechterhalten werden musste.
Mein Chef hatte mir vor vier Jahren, anlässlich meines Vorstellungsgespräches, eindeutig zu verstehen gegeben, dass weder meine persönliche Überzeugung noch meine moralische Einstellung gefragt waren. Die Kanzlei Wiegeloff & Tatz verteidigte jeden, der sich ihren horrenden Stundensatz leisten konnte. Ferner hatte er mich darauf hingewiesen, dass mein Aussehen der Hauptgrund für eine Anstellung in seiner Kanzlei war. „Kleines Fräulein, Sie sehen aus wie eine Madonna von Botticelli. Niemand wird glauben, dass jemand, den Sie verteidigen, ein anderes Verbrechen begangen hat als falsch zu parken. Und damit sind Sie genau das, was ich suche.“
Wegen – oder trotz – dieser Umstände hatte ich so großen Erfolg, dass ich bald nicht mehr nur den alteingesessenen Kollegen bei ihren Fällen assistieren durfte, sondern von meinem Chef eigene Klienten zugeteilt bekam.
Vorzugweise Frauen, die blutiger Verbrechen beschuldigt wurden: tätlicher Übergriffe auf untreue Ehemänner mit schwerwiegenden Folgen für deren Gesundheit; Anschläge auf Rivalinnen im Privat- oder Berufsleben; handgreifliche Auseinandersetzungen bei Sorgerechts- und Scheidungsprozessen.
Ich war gut. Ich bekam sie alle frei. Justitia war blind und ich ihr Blindenhund. Manchmal fragte ich mich, ob es das alles wert war; ob ich mein Leben seinerzeit völlig meinem Studium untergeordnet hatte, nur um Verbrecher, die über das nötige Kleingeld verfügten, vor dem Knast zu bewahren. Ein Schluck Cognac tat in solchen Fällen ganz gut, und nachdem ich das erkannt hatte, trug ich immer einige 20-cl-Fläschchen aus dem Supermarkt bei mir, um mir über den Tag zu helfen. Und natürlich verscheuchte auch der Kontoauszug am Ende des Monats meine trüben Gedanken.
Manchmal allerdings, wenn ich beladen mit Plastiktaschen aus meiner Stammboutique kam, und in der Eisdiele nebenan Kinder lachen hörte, gab es mir doch einen Stich. In diesen Momenten erinnerte ich mich daran, dass ich mein eigenes Baby gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben hatte.
Fast sechs Jahre waren seither vergangen, und damals schien keine andere Lösung akzeptabel. Ich kannte von ihrem Erzeuger, mit dem ich berauscht von der Schönheit des Augenblicks und einer Flasche Samos die Matratze malträtiert hatte, gerade den Vornamen. Nur drei Semester trennten mich vom Traum, Anwältin zu werden als ich entdeckte, dass ich schwanger und der Termin für eine Abtreibung längst verstrichen war. Die Beraterin vom Jugendamt bestärkte mich in meinem Vorhaben. „Hunderte von kinderlosen Ehepaaren wären glücklich, Ihrem Baby ein Zuhause geben zu dürfen, wo es ihm an nichts mangeln wird.“
So oder so ähnlich lauteten ihre Worte und sie musste sie nicht oft wiederholen, um mich zu überzeugen. Ich unterschrieb die nötigen Papiere und die Kleine wurde direkt aus dem Kreissaal an die neuen Eltern übergeben.
Mir war es recht. Je weniger ich mich mit dem Ganzen beschäftigen musste, desto eher konnte ich die Sache vergessen und mich daran machen, mein Studium zu beenden.
Die ersten Jahre hatten mich so in Atem gehalten, dass ich an das Kind, das neun Monate lang meines gewesen war, keinen Gedanken verschwendete. Erst in letzter Zeit dachte ich häufiger daran, deshalb traf mich der Fall, den mir Dr. Wiegeloff gestern auf den Tisch knallte, auch an einer empfindlichen Stelle.
Eine Frau hatte nach der Scheidung ihr Kind vernachlässigt, es ohne Essen und Trinken in seinem Zimmer eingesperrt. Dort war es tot aufgefunden worden, nachdem die Kindergärtnerin die Polizei alarmierte, weil Nadine lange Zeit in der Gruppe gefehlt hatte. Die Obduktion ergab, dass das Kind an Austrocknung gestorben war. Die Fotos vom Fundort hatten sogar einem abgebrühten Anwalt wie Dr. Wiegeloff einen Anflug von Entrüstung entlockt.
Ich hatte die Unterlagen während der letzten Nacht studiert, um heute morgen mit allen Informationen versorgt zu sein, da ich den ersten Termin mit der Klientin im Untersuchungsgefängnis wahrnehmen musste. Der Pförtner begrüßte mich überschwänglich und geleitete mich zum Besprechungszimmer, das er mit großer Geste aufschloss.
An dem großen quadratischen Tisch saß eine Frau in Jeans und Sweater und sah mir entgegen. Ich streckte den Arm aus. „Mein Name ist Dr. Gerda Steiner, ich bin Ihre Verteidigerin, Frau Wernheim.“
Sie nahm meine Hand nicht, sondern musterte mich abschätzend. „Sie sehen teuer aus. Geschieht meinem Ex ganz Recht, dass er etwas von seinem Zaster locker machen muss, um seinen Namen halbwegs sauber zu halten. Schließlich war das alles seine Idee.“
Der Beamte räusperte sich. „Frau Doktor, wenn Sie etwas brauchen, ich bin im Dienstzimmer. Sprechanlage und Video sind wie immer eingeschaltet.“
Ich nickte. „Gut. Wenn ich fertig bin, werde ich Sie rufen.“
Die Tür fiel zu und wir waren allein. Über den Tisch hinweg sahen wir uns an. Frau Wernheim war eine gepflegte Erscheinung, 43 Jahre alt wie ich aus den Unterlagen wusste. Sie hätte junger gewirkt, wenn nicht der Hass tiefe Falten in ihr Gesicht gegraben hätte.
„Erzählen Sie mir, wie es war“, forderte ich sie auf.
Sie zuckte die Achseln. „Was wollen Sie wissen? Steht doch alles in den Akten. Ich hab den kleinen Bankert verhungern lassen. Ich gestehe. Und wie wollen Sie mich jetzt verteidigen? Auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren?“
„Wenn Sie den Rest Ihres Lebens in der geschlossenen Abteilung verbringen wollen ... geben Sie mir etwas, womit ich arbeiten kann, Frau Wernheim. Wie war das mit Ihrem Exmann, was genau war seine Idee?“
Ihre Finger schlangen sich auf der Tischplatte ineinander. „Ich habe das alles schon ausgesagt. Sie haben doch die Akte vor sich ...“
„Ich will es aber aus Ihrem Mund hören“, unterbrach ich sie hart, obwohl ich natürlich alles Wesentliche den Akten entnommen und deshalb eine schlaflose Nacht hinter mir hatte.
Sie fixierte einen Punkt über meinem Kopf. „Er wollte unbedingt ein Kind. Für ihn war es das Größte überhaupt. Aber ich kann keine Kinder bekommen. Deshalb hat er mich überredet, eines zu adoptieren. Ich wäre auch über glühende Kohlen gegangen, um ihn nicht zu verlieren.“
Sie schwieg für einen Moment. „Es war lächerlich, wie er sich mit dem Balg aufgeführt hat. Wenn er zu Hause war, schleppte er es in einem Tragetuch mit sich herum. Nachts musste es in unserem Bett schlafen, damit es nicht womöglich an Erbrochenem erstickte“, erzählte sie kopfschüttelnd.
„Waren Sie eifersüchtig?“
Sie starrte mich an. „Eifersüchtig - ich bitte Sie. Er hatte einfach ein neues Spielzeug, das seine Aufmerksamkeit fesselte. Ich wusste, dass es vorübergehen würde. Und ich hatte Recht.“
„Sein Interesse an dem Kind erlosch?“
„Genau. Stattdessen wandte er seine Aufmerksamkeit der neuen Marketing-Assistentin in seiner Firma zu.“ Sie begann mit dem Finger Rechtecke auf die Tischplatte zu zeichnen. „Eine kleine Affäre, nichts von Belang. Nur wusste die Schlampe genau, welches Fädchen sie ziehen musste, um den Chef nicht nur in ihr Bett sondern auch in ihr Leben zu bekommen.“
„Sie wurde schwanger“, ergänzte ich.
„Genau. Und für Henning konnte die Steigerung von „ein Kind“ nur „sein Kind“ heißen. Er ließ mich mit dem verdammten Balg sitzen, um zu bewundern, wie sich seine Gene in die nächste Generation schleppten.“
„Hat er sich überhaupt nicht mehr um die Kleine gekümmert?“
„Er hat gezahlt. Zu Weihnachten und an ihrem Geburtstag das Doppelte. Aber er hat uns nach der Scheidung kein einziges Mal besucht. Wozu auch? Er hatte alles, was er wollte. Ich hingegen hatte alles, was ich nicht wollte.“
Sie warf ihr Haar zurück. „An den Stadtrand in ein Reihenhaus hat er mich abgeschoben. Ich musste in aller Herrgottsfrühe aufstehen, weil mich das Kind weckte. In der ersten Zeit schrie sie Tag und Nacht, später wollte sie nichts essen und ich musste mich im Kindergarten blöd anreden lassen, weil sie so dünn war. Hätt’ ich es ihr reinstopfen sollen? Ich dachte, wenn sie Hunger hat, wird sie schon kommen und sich etwas nehmen.“
Ich zog eines der Fotos aus der Akte. Ein bis auf das Skelett abgemagerter Kinderkörper lag auf dem Obduktionstisch. Solche Bilder hatte ich vorher nur aus Konzentrationslagern gekannt.
„Als man Ihre Tochter fand, wog sie 14 kg bei einer Körpergröße von 110 cm. Sie hatte Tapetenreste unter ihren Fingernägeln und in ihrem Magen. Ihre Notdurft muss sie mindestens drei Tage lang in einer Ecke des Zimmers verrichtet haben. Wie können Sie allen Ernstes behaupten ...“
Sie unterbrach mich mit einer Handbewegung. „Ich habe ihr nie etwas getan, nicht einmal eine Ohrfeige hat das undankbare Balg bekommen, als es mitten in der Nacht plötzlich in meinem Schlafzimmer stand und ...“
„ ... und Sie dort in Aktion mit einem Mann antraf“, ergänzte ich sarkastisch.
„Ich bin fast Vierzig. Worauf soll ich warten?“, gab sie zurück. „Außerdem hatte er genau den Hintergrund, den ich mir für eine zweite Ehe vorstellte.“
„Deshalb sperrten Sie Ihre Tochter im Kinderzimmer ein. Um ungestört zu sein, nicht wahr?“
Sie zuckte die Achseln und sah mich gleichgültig an.
Ich beugte mich vor und versuchte, die Emotionen in meiner Stimme unter Kontrolle zu halten. „Und dann haben Sie sie einfach vergessen. Die Kleine war Ihnen so egal, dass sogar eine Ohrfeige zu viel an Mühe bedeutete.“
„Beschweren Sie sich etwa darüber, dass ich Nadine nicht misshandelt habe?“
„Nein, darüber beschwere ich mich nicht“, sagte ich müde, schob die Unterlagen auf dem Tisch zusammen und öffnete meinen Aktenkoffer.
„Das will ich auch stark hoffen. Schließlich sind Sie meine Verteidigerin“, bemerkte Frau Weinheim spitz.
„Das bin ich. Aber nicht mehr lange.“ Die Pistole lag glatt und kühl in meiner Hand. Ich hatte sie vor zwei Jahren von meinem Chef bekommen – für alle Fälle – und sie heute früh geladen, nach einem gründlichen Studium der Betriebsanleitung.
Sie riss ungläubig die Augen auf, als ich die Waffe mit beiden Händen festhielt und abdrückte, ehe sie aufspringen konnte. Ich ging um den Tisch und blickte auf den Körper, der vor mir lag. Aus einer erstaunlich kleinen Wunde in der Brust sickerte Blut und die Augen waren bereits starr zur Decke gerichtet. Meine schweißfeuchten Finger hielten die Pistole umklammert, damit sie nicht mir nicht entglitt. Ich hatte nur mehr wenige Sekunden, denn Gegensprech- und Videoanlage waren die ganze Zeit über im Einsatz gewesen.
Niemand würde je erfahren, warum ich es getan hatte.
Niemand würde je erfahren, dass ich gestern ein Dokument verbrannt hatte, auf dem „Adoptionsfreigabe“ stand und das meine Unterschrift trug.
Niemand würde je die Aktenzahl dieses Dokuments mit jener auf der Adoptionsurkunde von Nadine Wernheim vergleichen können. Oder das Geburtsdatum.
Ich richtete die Mündung der Pistole auf mich und schloss die Augen. Niemand würde je erfahren, warum ich es getan hatte, weil mich niemand mehr danach fragen konnte.


© Fran Henz

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.13 Uhr
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