Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2003
Bestialisches Gemetzel
von Anne Zeisig


„Leute! So geht das nicht! Ihr müsst das Gelände für die Spurensicherung weiträumiger absperren! Und wir brauchen mehr Licht! Ich will, dass dieses unwegsame Gelände bis auf den letzten Winkel ausgeleuchtet wird, verdammt noch mal!“ Daniel Düsing überquerte die schmale Holzbrücke, spuckte das Kaugummi in den Teich und verscheuchte die Mücken, welche sirrend seine Ohren umkreisten. Ein schmaler Kiesweg führte zur Treppe des Gebäudeeinganges, der schwach von einer Wandlaterne ausgeleuchtet wurde. Er blieb stehen und ließ seinen Blick über die Putz-Fassade streifen. Von außen konnte diese Bestie unmöglich in das Zimmer des Hochparterre gelangt sein.
Verena Wegrich, Düsings Kollegin, eilte die Stufen hinunter und knickte beim Gehen mehrmals um. Sie fluchte: „Scheiß Kies! Scheiß Nachtdienst!“, und wäre fast in Düsings Arme gefallen. Fast. Schade für Düsing, der einen Streifen Chewing-Gum aus dem Stanniol pellte, zwischen seine Zähne klemmte und kauend „scheiß Mücken“ lispelte.

„Chef“, begann sie, hielt sich am rechten Arm Düsings fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, bückte sich, zog einen Schuh aus und schüttelte die Kieselsteinchen raus, „also, es ist so“, sie schlüpfte in den Schuh hinein, ließ ab von seinem Arm und stand nun aufrecht vor ihm, „diese Bestie kann unmöglich durchs Fenster hinein gelangt sein, weil das geschlossen war und Aufbruchspuren sind nicht vorhanden.“
Düsing zeigte zur Tür.
„Auch keine Einbruchspuren, Chef.“
„Kellerfenster?“
„Nichts!“
„Keine Kellerfenster?“
„Doch! Da ist alles okay. Ich meine, ich will sagen, da unten im Keller steht so viel Gerümpel vor den Fenstern, da ist diese Bestie nicht rein, Chef.“
„Daniel.“
„Was? Chef.“
„Daniel! Sie können mich beim Vornamen nennen.“ Er bot ihr einen Kaugummi an. Sie nahm es und steckte es in ihre Hosentasche.
„Sie mögen kein `Fresh-Mint´?“
„Später Chef, äh, Daniel“, sie zog ihn am Ärmel, „das müssen Du, äh, Sie sich ansehen, Chef, äh, Daniel, wie diese Bestie ihre Opfer zugerichtet hat. Die Beiden wurden quasi im Schlaf überrascht.“ Sie blieben vor der Treppe stehen. Daniel Düsing spuckte das Kaugummi auf die erste Stiege. Seine Kollegin verzog das Gesicht.
„Sorry, ist so eine Marotte von mir“, entschuldigte er sich rasch.
Sie wehrte ab und lachte: „Ich hab `s mir längst abgewöhnt. Aber wenn ich sehr nervös bin, dann greife ich schon noch zu so einem Kaufstreifen.“
„Hm“, er sah zu ihr hinauf. Verena Wegrich war gut einen Kopf größer als er. Aber vielleicht lag ´s ja auch nur an ihren Schuhen.
Ein erschütternder Schrei drang vom oberen Fenster hinunter: „Diese Bestie hat meine beiden Kleinen umgebracht!“
Düsing zeigte nach oben.
Verena Wegrich nickte: „Eine Angehörige der Opfer. Ist derzeit teilweise vernehmungsunfähig, deshalb konnte sie mir kaum Aufschlussreiches mitteilen.“
„Aha. Was ist mit dem Vordereingang?“
Die Wegrich wehrte ab und zuckte mit den Schultern: „Auch nichts.“ Sie drehte sich um, „aber vielleicht finden die Kollegen von der Spurensicherung ja noch was Verwertbares auf dem Grundstück.“
Düsing kniff die Augen zusammen: „Das kann dauern. Undurchdringliches Buschwerk, dann da vorne der Wasserlauf zum Teich und weiter hinten meterhohes Unkraut. Und wie immer zu wenig Leute abkommandiert.“
„Stimmt, Chef, zu wenig Leute.“ Sie ging vor ihm die Treppe hoch, öffnete die Glastür, knipste das Licht an und zeigte nach links: „Da geht ´s zum Keller, die Tür war verschlossen und dort“, sie wies gerade aus, „geht ´s in die oberen Räume.“
„Gute Leute sind halt rar“, Düsing beäugte die unversehrte Kellertür, „und die Bezahlung ist ja auch nicht üppig.“
„Bin Ihrer Meinung, Chef. Übrigens wohnt im Haus noch ein älteres Ehepaar, aber die sind zur Zeit abwesend.“
„Hm. Aber die haben Schlüssel zum Haus, könnten also theoretisch... „
„Chef!“, Verena Wegrich kramte den Kaugummistreifen aus ihrer Hosentasche, „das sollen zwei herzensgute Menschen sein! Haben einen Sohn und eine Tochter. Die Kids sind aber während der Ferien in einem Zeltlager. Diese Leute? Ausgeschlossen! Das hier ist die Tat einer kaltblütigen, blutrünstigen Bestie! Du, äh, Sie müssen sich die zerfleischten Leiber mal ansehen!“
Düsing hielt die Kollegin zurück und zischte: „Was ich muss, liebe Kollegin, das sollten Sie mir überlassen! Und das Alibi dieser Leute wird eh routinemäßig überprüft!“
Verena Wegrich presste ihre Lippen zusammen und drohte leise: „Ich kann mich auch gerne versetzen lassen, dann hat ´s hier noch eine gute Mitarbeiterin weniger“, und ging entschlossenen Schrittes an ihm vorbei ins Hochparterre. Er folgte ihr: `Dass Frauen aber auch immer so emotional reagieren müssen.´

Die Glastür wurde aufgerissen.
„Chef!“, hallte es durch das Treppenhaus, „die Spurensicherung hat ein wichtiges Indiz gefunden!“ Kollege Jens Jansen wischte sich den Schweiß aus seinem hochroten Gesicht, „komm mal mit raus, das musst Du Dir ansehen!“
„Verena! Ich komme gleich!“, rief Düsing und wandte sich Jansen zu, „ist ja prima, dass Ihr so gute Arbeit geleistet habt, wir wollen schließlich alle unseren wohlverdienten Feierabend haben“, und ging mit ihm nach draußen.
„Hier!“, Jens Jansen zeigte auf die unterste Stufe, „Kaugummi! Auf der Brücke, äh, ich meine, da unten im Teich, am Wasserlauf, wieder ein Kaugummi und weiter hinten am ... „
„Auch wieder ein Kaugummi“, wiederholte Düsing und setzte sich auf die unterste Stiege.
„Genau Chef! Und wo Kaugummi ist, da ist auch Speichel! Und dieser Speichel könnte auch an den zerfleischten Leichen sein!“
„Eben nicht.“
„Nicht?“
„Nein.“
„Warum nicht? Chef.“
Düsing holte ein Päckchen Chewing-Gum aus seiner Hosentasche und hielt es Jansen vor die Nase: „Weil das MEINE Sorte Kaugummi ist: `Fresh-Mint´ samt meiner Spucke.“
Jansen setzte sich neben Düsing: „Chef, das ist ein scheiß Job“, zog seine Gummistiefel aus und ließ das herausfließende Wasser auf den Kiesweg laufen.
Düsing nickte und bot dem Kollegen einen Streifen an.
„Nee, thanks Chef, das habe ich mir längst abgewöhnt.“
„Außer wenn Du nervös bist.“
Jens Jansen sah Düsing stirnrunzelnd an: „Aber Daniel, Du kennst mich doch schon seit Jahren. Ich lasse mich nie aus der Ruhe bringen.“ Er zog die Gummistiefel wieder an.
Düsing zeigte nach oben: „So eine Horrortat hatten wir noch nie in unserem Bezirk. Du hast das Gemetzel da oben schon besichtigt?“ Er schob sich einen `Fresh-Mint´ in den Mund.
„Klar, Chef! Zusammen mit der Wegrich. Das ist ein klasse Weib, kann ich Dir sagen. Die hat nicht mit der Wimper gezuckt. Wir können froh sein, dass die in unserer Truppe ist. Gute Leute sind selten. Und Du, Chef?“
„Was ich?“
„Warst Du schon oben?“
Daniel Düsing schwieg und malte mit den Schuhspitzen Kreise in den Kies.
„Na ja“, Jansen stand auf und klopfte Düsing auf die Schulter, „ein Kaugummi von Dir habe ich jedenfalls nicht neben den Leichen gefunden, aber jede Menge Material für das Labor. Das Biest hat Spuren hinterlassen, sage ich Dir, da... “
Düsing stand ruckartig auf: „Ich wollte gerade mit der Wegrich hoch gehen, aber dann bist Du ja gekommen mit Deiner ach so hervorragenden Spur!“
Jansen grinste: „Daniel, ich sage Dir, diese Bestie hat ganze Arbeit geleistet. Und wenn wir die nicht dingfest machen, dann war das nicht das letzte Gemetzel.“

Ein Auto bog in die Einfahrt ein, die Beiden wurden kurz von dem Scheinwerferlicht gestreift.
Düsing sah Jansen an, beide nickten sich zu. Die Tür hinter ihnen wurde aufgerissen, Verena schnellte die Außentreppe hinunter: „Jungs! Ich habe die Bestie! Das blutrünstige Biest hat sich auf dem Dachboden versteckt!“
„Nicht so laut!“, Düsing stieß Verena Wegrich in die Seite und zeigte auf das Auto, dem gerade ein Paar entstieg.
„Scheiße“, zischte Jansen leise, „Chef, das überlasse ich nun Dir!“
„Was ist denn hier los?“, hallte die sonore Stimme des Mannes über das Gelände.
„Das will ich auch gerne wissen, was hier los ist!“, rief die Frau und sie eilten gemeinsam über den Kiesweg Richtung Haus.
Im Hochparterre wurde wieder das Fenster aufgerissen. Daniel Düsing, Jens Jansen und Verena Wegrich schauten hoch.
„Mama!“, gellte es hinunter, „Papa! Dieses Biest hat meine zwei kleinen Puppen zerfleischt!“
Das Ehepaar stand vor den Dreien: „Was ist passiert? Warum sind im Garten alle Party-Lichterketten an?“
„Meine Puppen! Mama!“
Daniel schaute verdutzt nach oben: „Diese scheiß Katze hat sich lediglich an ihren Puppen vergriffen?“
Verena grinste: „Was dachtest Du denn! Weswegen sollte Deine kleine Schwester denn sonst so einen Aufstand veranstalten?“
Daniel setzte sich auf die Stufe und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: „Ich dachte, dieses Katzenvieh hätte ihre beiden Meerschweinchen zerfleischt!“
Frau Düsing stemmte ihre Hände in die Hüfte: „Daniel, mein Sohnemann! Ich glaube, Du und Deine beiden Freunde, ihr seid uns eine Erklärung schuldig!“
„Wir mussten dieser Katzenbestie doch kriminaltechnisch auf die Spur kommen“, sagte Jens entschuldigend.
„Sind doch Ferien, Frau Düsing, und wo wir doch sowieso hier in ihrem Garten zelten durften“, flüsterte Verena leise und zwinkerte ihren beiden `Kollegen´ zu.
Daniel schob sich einen Kaugummi zwischen die Zähne.


Oktober 2003, Anne Zeisig

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.18 Uhr
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