Der Tod aus der Teekiste
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Oktober 2003
Hippokratest
von Birgit Erwin


Die Villa Snow lag einsam und prunkvoll inmitten von nächtlich schwarzen Grünflächen. Licht und laute Tanzmusik strömten aus den Fenstern, und die Eingangstüre stand offen. Eine betrunkene Nutte stolperte den beiden Männern entgegen und verschwand kichernd zwischen den Büschen.

Doc sah ihr nach. Das Mondlicht zeichnete einen fahlen Streifen auf sein graues Gesicht. Er vollführte eine unsichere Bewegung, doch für eine Umkehr war es längst zu spät. Das machte ihm die Hand seines Begleiters klar, die ihn wie eine Puppe ins Haus zerrte. Ihre Schritte auf dem Parkettfußboden knirschten. Doc blickte zu Boden und sah, dass seine billigen Lederschuhe durch Scherben und Blut traten. Beim Anblick der roten Flecken atmete tief. Hier wurde er gebraucht, ein Mann, dessen Hände nicht mehr zitterten. Sie passten nicht mehr zu ihm, diese Hände, denn er war ein kleiner, verbitterter Mann geworden, ein Säufer, der alles verloren hatte, auch seinen Namen. Aber es waren schöne Hände. Er folgte der der Blutspur wie ein Hund mit den Augen am Boden, bis sie vor drei Paar Füßen endete. Doc hob den Blick.

Es war die gespenstischste Orgie, die er in seinem Leben gesehen hatte. Die blutigen Füße gehörten zu drei verklammerten schweigenden Leibern in schmutziger Kleidung, die sich im Takt der Musik langsam bewegten. Der Hausherr tanzte Blues mit zwei Prostituierten in zerrissenen Abendkleidern. Er schwankte ein bisschen, und der rote Fleck auf der Schulter seines weißen Hemdes erstreckte sich vom Kragen bis fast hinunter zum Gürtel. Auch seine Hose war verschmiert; so als habe er sich in dem Blut auf dem Boden gewälzt. Die beiden Mädchen waren so weggetreten, dass sie nicht einmal merkten, wie sie mit ihren Absätzen rote Schlieren über das Parkett zogen.
„Charlie“, flüsterte die eine immer wieder. „Oh Charlie, ja, Liebling…“ Sie lächelte selig, während sein Blut unter ihren Fingernägeln trocknete.
Die schwarze Tasche war schwer. Doc stellte sie vorsichtig zwischen zwei verkrusteten Flecken ab. Als er sich aufrichtete, begegnete er dem Blick des schweigenden Tänzers. Er hatte das Kinn auf die Schulter der kleinen Blondine gestützt und grinste Doc an. Der rührte sich nicht. Plötzlich schob Charlie die Mädchen auseinander, so dass sie eine schwankende Gasse bildeten, und ging dem Arzt mit ausgestreckter Hand entgegen.
„Sie haben also den Test bestanden.“
Seine Stimme war warm und dunkel. Doc ließ es zu, dass er ihm die Hand schüttelte. Sein Blick war immer noch auf die beiden Mädchen geheftet, die sich wieder in die Arme gesunken waren und eng umschlungen weitertanzten.
„Charlie, mein Liebling…“, wisperte die Blonde, als habe sie nicht gemerkt, dass er sie längst verlassen hatte. „Oh Charlie…“
Wie sein richtiger Name war, wusste niemand. Die ganze Stadt kannte ihn nur als Charlie Snow, den mächtigsten Drogendealer, den, dem man nie etwas nachweisen konnte. Auf den Polizeirevieren war er ebenso bekannt wie in den Schlagzeilen der Boulevard-Blätter. Doc bückte sich schwerfällig nach seiner Tasche. Neben Charlie sah er mit seinen knapp fünfzig Jahren aus wie ein frühzeitig gealterter Buchhalter. Aber seine Hände waren schön, seit sie nicht mehr zitterten.
„Ja, diesen Test habe ich wohl bestanden“, sagte er tonlos.
„Wie heißen Sie?“
„Doc“, hörte Doc sich sagen. „Nennen Sie mich Doc. Das tun jetzt alle. Wer hat mich Ihnen empfohlen? Wenn ich fragen darf?“
Charlie grinste sanft. „Alle, Doc.“

„Sie kennen die Regeln?“, fragte Charlie Snow, während er den Arzt durch das Haus führte.
„Wenn Sie den Preis kennen.“
Diese Frage schien Charlie erwartet zu haben. Er hob die Hand, und aus dem Nichts tauchte ein Mann auf. Er war namenlos wie jeder in Charlies Gesellschaft. Wichtig war nur die Sporttasche, die er in der Hand hielt. Docs Gesicht blieb ausdruckslos. Charlie lachte laut. Das Echo tanzte an den hohen, weißen Wänden.
„Zählen Sie es ruhig. Es ist kein schlechtes Honorar für einen Kurpfuscher, der seine Zulassung verloren hat, nicht wahr? Was haben Sie eigentlich angestellt? Wenn ich fragen darf?“
Doc warf einen flüchtigen Blick in das Gesicht des Dealers. Wenn ihm die grausame Parodie aufgefallen war, ließ er es sich nicht anmerken.
„Ein Kunstfehler. Ich habe getrunken. Meine Hände haben gezittert. Ich trinke nicht mehr.“
Für einen Augenblick verrutschte die Maske, die Charlies zweites Gesicht geworden war, aber der Augenblick verging, und Charlie lachte wieder sein lautes, jungenhaftes Lachen.
„Dann ist es ja gut, Doc. Ich bin sicher, Sie werden nicht versagen. Und hier sind wir auch schon. Es ist alles für die Operation vorbereitet.“
Seine Augen funkelten. Er blickte Doc mit hungriger Vorfreude in das graue Gesicht, während seine Finger den Lichtschalter suchten. Als das kalte Neonlicht die Gestalt der Nutte, deren Brüste aus dem halb offenen Schwesternkittel quollen, beleuchtete, warf er den Kopf in den Nacken und lachte schallend.
„Schwester Vivy ist eine wunderbare Krankenschwester“, grölte Charlie und tätschelte grob die verblühte Wange der Prostituierten. „Sie hat außerordentlich geschickte Finger.“
Doc hob den Blick von seinen Händen. Zum ersten Mal zitterten sie wieder.
„Schicken Sie sie raus“, flüsterte er heiser.

„Mögen Sie keine Frauen, Doc?“ Charlie kicherte immer noch, während er die Fetzen seines Hemdes vom Körper schälte. Er hatte einen perfekten Körper, und er wusste es. Er stellte ihn gern zur Schau, sogar im kalten Neonlicht vor den Augen des kleinen Buchhalterarztes, dessen schöne Hände Nadeln und Spritzen aus der schwarzen Tasche holten.
„Nur örtliche Betäubung“, warnte er, während er sich auf den Operationstisch flegelte.
Doc zog eine Spritze auf. Er nickte stumm, während er versuchte, nicht auf die Handschellen zu blicken, die an den Seiten der Liege baumelten. Das schabende Geräusch des Metalls machte ihn unruhig. Aber er wusste, dass er diesen Test.bestehen musste
„Ich mag Frauen“, fuhr Charlie fort. „Frauen sind das wunderbarste, was Gott geschaffen hat. Aber so ein Mickerling wie Sie…autsch…“ Er zuckte zusammen und lachte lauter, als sich die Spritze in seine Haut bohrte. „Nichts für ungut, Doc. Ich sollte wohl aufpassen, solange ich in Ihrer Hand bin.“
Doc lächelte ruhig, während er die Nadel herauszog und den tiefroten Blutstropfen zart abtupfte.
„Machen Sie sich keine Sorgen, Charlie. Alles wird gut. Ich werde jetzt die Kugel entfernen.“
Er beugte sich über den harten Muskelberg Schulter, den Charlie ihm hinhielt. Der Dealer hatte die Augen geschlossen. Sein Atem ging flach und konzentriert, aber er redete unaufhörlich, während Doc den Druck der Handschellen an seinem Bein fühlte.
„Die Weiber sind verrückt nach mir. Haben Sie die Kleine gesehen, mit der ich getanzt hab? Sylvie heißt sie. Sie ist sechzehn. Die liebt mich. Kann gar nicht genug von mir kriegen. Aber eigentlich bin ich nicht so scharf auf Liebe.“
Er presste die Lippen aufeinander. Er tat das nicht oft, denn es machte seinen sinnlichen Mund hart und grausam.
„Warum nicht?“, fragte Doc. Er hatte den echten Charlie gerade noch gesehen, auch wenn jetzt die jungenhafte Maske wieder über seinem Gesicht lag.
„Wegen der Komplikationen. Ich bin ein Spieler, ich brauch den Kitzel. Aber ihr Spießer kennt das ja nicht. Ihr wollt ja den Trauschein und die Frau in der Küche und die Bälger. Irgendwann sind die Weiber immer schwanger, und dann kommen sie an und heulen und sagen, es ist dein Kind. Und alles, was du wolltest, war Spaß und ein bisschen Koks. He, was…“
Er zuckte zurück, als Doc ihm mit einer blitzschnellen Drehung seines Handgelenkes die Zange vor das Gesicht hielt.
„Nur die Kugel. Es ist fast vorbei.“ Doc ließ das blutige Stück Metall in eine Blechschale fallen. „Nur noch vernähen, dann ist alles wie vorher.“
Charlie grinste schwach. „Das hab ich ihr auch gesagt. Hab ihr die Abtreibung angeboten. Stellen Sie sich vor, ich wollte alles bezahlen. Sie war verdammt hübsch… wie hieß sie doch? Aber sie hat mich nur mit diesen riesigen verheulten Augen angeschaut. Es war ihr nicht mehr anzusehen, dass sie mal richtig Klasse hatte, aber ich bin eben ein sentimentaler Kerl. Und dann hat das dumme Luder sich umgebracht. Vor meinen Augen hat sie so einen verdammten Revolver an ihre Schläfe gehalten. Ich hab’s bis zuletzt nicht geglaubt, dass sie abdrücken würde, aber sie hat’s getan. Und mich angeschaut mit ihren großen blauen Augen. Die ganze Zeit, bis sie abgedrückt hat. Aber nicht mal das konnte sie richtig machen. Du denkst, die Schlampe ist tot, wenn sie sich den halben Schädel wegpustet, aber die nicht. Wie eine Katze. Es war eine verdammte Schweinerei. Und ich weiß nicht mal mehr ihren Namen.“ Er kicherte plötzlich. „Wissen Sie, was Ihre letzten Worte waren?“
„Nein“, sagte Doc und zog einen Knoten. „Was waren ihre letzten Worte?“
Charlie kicherte wieder. „Passen Sie auf, Sie werden sich totlachen. Die Schlampe hat „Daddy“ gesagt. Ist das nicht komisch?“
„Ja“, sagte Doc. „Ich lache ja auch.“
Er hatte sich abgewandt und zog die zweite Spritze auf. Seine Hände zitterten nicht. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Charlie versuchte, sich aufzurichten. Der Dealer schwankte ein bisschen und fiel dann rücklings auf den OP-Tisch. Als das kalte Metall mit der verletzten Schulter kollidierte, jaulte er wütend. Doc begann zu lachen.
„Ja“, sagte er. „Das ist wirklich komisch.“
„He, das ist nicht witzig. He, Doc… was…“
Der Arzt beugte sich über seinen Patienten. Er beobachtete seine Pupillen genau, um nicht den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. In der Hand hielt er die Spritze. Charlie öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch, und feucht wie ein Fisch glänzte auch seine Haut. Langsam, ganz langsam begriff er.
„Du Scheißkerl… was… was hast du mir gegeben?“ Seine Zunge war schwer. Doc wusste, dass er Schwierigkeiten hatte, sein Gesicht zu fokussieren. Immer größere Schwierigkeiten.
„Nur ein Betäubungsmittel“, sagte er in dem beruhigenden Tonfall, den er früher bei den Kranken angewandt hatte. Er bewegte sich langsam, damit Charlie sehen konnte, wie er die Nadel der zweiten Spritze durch seine Haut stach. Ganz langsam entleerte er die farblose Flüssigkeit in Charlies Körper. Er lächelte, und seine Hände zitterten nicht.
„Claudia“, flüsterte er. „Sie hieß Claudia.“
Charlies Augen traten aus den Höhlen.
„Was…?“, lallte er. „Was…“
Docs mickriges Gesicht kam lächelnd näher. Sein Atem streifte Charlies Wange.
„Sie werden jetzt schlafen“, murmelte er sanft, als spräche er zu einem kranken Kind. Früher hatte er so zu seiner kleinen Tochter gesprochen. Die leere Spritze hielt er immer noch in der Hand, direkt vor Charlies glasigen Augen.
„Und wenn Sie aufwachen, verspreche ich Ihnen einen echten Nervenkitzel. Den ultimativen Kick. Machen Sie einen AIDS-Test. Aber ich sage Ihnen gleich, Ihre Chancen stehen nicht gut.“

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.59 Uhr
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