'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Susanne Schubarsky IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Oktober 2003
Rache ist PMS
von Susanne Schubarsky


Ich brauche dringend ein Stück Schokolade. Oder zwei. Oder fünf. Ich durchstreife die Küche und den Abstellraum. Nichts. Auch die Verstecke für meine Notfallsvorräte sind leer. Wenn ich nicht bald ein Stück zwischen meine Zähne bekomme, werde ich sehr, sehr ungehalten. Und dann kann ich für nichts mehr garantieren.
Es ist jeden Monat dasselbe. Niemand liebt mich. Alle lachen über mich und versuchen, mich fertig zu machen. Ich ertrinke in Selbstmitleid. Bildlich und auch buchstäblich, in den Tränen, die mir bei jeder, aber wirklich jeder, Gelegenheit kommen.
Und dann werde ich ungeduldig. Oder vielleicht sollte ich sagen: leicht reizbar. Sehr leicht reizbar. Ach was: Ich schäume vor Wut. Jede Kleinigkeit, die nicht nach meiner Vorstellung verläuft, ruft die Faust auf den Plan. Die Faust, die in meinen Eingeweiden wühlt und so fest zusammendrückt, dass mir die Luft wegbleibt.
Und dann hilft nur ein Stück Schokolade. So wie gerade jetzt. Das Fernsehprogramm wurde kurzfristig geändert, und statt meiner Lieblingsserie bringt der Sender heute Abend eine Volksmusikscheune, oder so ähnlich. Unsäglich. So eine Frechheit. Ich möchte am liebsten laut meine Wut hinausschreien und etwas zertrümmern. Etwas, das in viele tausend Stücke zerspringt. Im letzten Moment kann ich mich beherrschen und stelle die Tiffany-Lampe wieder zurück. Ich atme tief durch. Gut. Die roten Flecken vor meinen Augen verschwinden langsam wieder. Reiß dich am Riemen, sage ich mehrmals leise zu mir. Ich weiß schließlich selbst, dass ich mich völlig irrational verhalte. Das ändert aber genau gar nichts daran. Ich bin noch immer wütend, und irgendwo tief in mir drin, in den schwarzen Abgründen, die ich sonst nie zu besuchen wage, fühle ich eine perverse Befriedigung über meine Wut. Gerne würde ich mich diesem beinahe erotischen Gefühl hingeben, doch ein Rest Vernunft flüstert mir zu, dass ich mir doch lieber etwas Schokolade besorgen sollte, am besten gleich eine Familienpackung.
Also gut, ich höre auf mein Über-Ich, obwohl dessen Stimme nur mehr sehr leise zum Rest von mir durchdringt. Ich schlüpfe in Schuhe und Regenmantel und mache mich auf den Weg zum Supermarkt.
Ich stolpere durch den strömenden Regen zu meinem Auto. Ich stolpere, weil ich in der Eile Richards Schuhe erwischt habe, die nicht nur an meinem Platz gestanden waren, sondern mir auch fünf Nummern zu groß sind. Er merkt sich einfach nicht, wo er seine Schuhe abzustellen hat. Das ist wirklich ärgerlich. Ich muss ihm einmal deutlich klarmachen – Platsch. Ich sitze knapp vor meinem Auto im Schlamm. Ausgerutscht. Auf einem Scheißehaufen vom Nachbarhund. Ich vermute ja schon seit langem, dass es sein geheimes Hobby ist, mir das Leben schwer zu machen. Mehrmals täglich pinkelt er gegen die Reifen meines Autos, gleichmäßig verteilt auf alle vier. Und mindestens einmal erledigt er sein großes Geschäft vor der Fahrertür, egal wo ich parke. Meistens versuche ich es zu ignorieren, da ich Tiere wirklich liebe, und versuche mich davon zu überzeugen, dass es ein – zugegebenermaßen leicht verdrehtes – Zeichen seiner Zuneigung für mich ist. Aber nicht heute. Wenn ich ihn erwische, werde ich, werde ich... Ich beginne zu hyperventilieren. Mühsam rapple ich mich hoch und stolpere zurück zum Haus. Der Mantel ist versaut und mit den Schuhen komme ich auch nicht weit. Die Welt hat sich gegen mich verschworen. Alles geht schief. Ich kann mir nicht mal Schokolade kaufen, ohne dass eine Katastrophe passiert. Es ist so unfair. Ich bin blind vor Tränen und knalle gegen meine Haustür. Na klar, ich hatte auch gar nichts anderes erwartet.
Nachdem ich meine Schuhe gefunden habe, die Richard in einem Anfall von Bosheit hinter meinen Stiefeln versteckt hat, höre ich lautes Bellen vor der Tür. Nein. Er kann es nicht wagen. Ich schaue zum Fenster hinaus. Doch. Er wagt es. Nachbars Köter sitzt auf meinem Fußabstreifer und grinst mich höhnisch an. Ich schwöre es. Das Biest ist die Schadenfreude in Person, äh, Hund. Ich höre etwas klicken in meinem Kopf und raste aus. Nicht, dass ich nicht schon leicht gereizt gewesen wäre - ich bin die Letzte, die das abstreiten würde - aber jetzt wird es ernst. Ich reiße die Türe auf und brülle den Hund an. Ich beschimpfe ihn, ich bedrohe ihn und bin selbst überrascht darüber, was da aus meinem Mund heraussprudelt. Viele dieser Worte kannte ich vorher gar nicht. Frau lernt einfach nie aus.
Rex ist offenbar genauso überrascht wie ich und starrt mich entsetzt an. Schließlich zieht er seinen Schwanz ein und trottet davon. Ha! Dem habe ich es aber gezeigt. Doch irgendwie hat mir dieser Sieg nicht die erwartete Befriedigung gebracht, denn ich bin noch immer unwirsch. Aufgebracht. Ok. Fuchsteufelswild. Ich dresche die Tür hinter mir zu und merke erst draußen, dass ich vergessen habe, einen frischen Mantel anzuziehen. Und dass der Haustürschlüssel noch auf der Kommode liegt. Pfeif drauf. Ich brauche jetzt wirklich ein Stück Schokolade. Sofort. Den Autoschlüssel halte ich noch immer in der Hand, und diesmal gelange ich unfallfrei bis zur Fahrertür. Ich bin klitschnass und niese mehrmals heftig. Das hat mir gerade noch gefehlt.
Ich drehe die Heizung und die Musik voll auf. Die Stones. „19th nervous breakdown“. Na großartig. Gerade als ich losfahren will, schleicht sich Rex in mein Blickfeld. Langsam kommt er auf mein Auto zu und behält mich dabei genau im Auge. Schließlich bleibt er zwei Meter vor mir stehen, dreht sich um - und scheißt einen Riesenhaufen in meine Einfahrt.
Knallkörper gehen in meinen Ohren los und vor meinen Augen spielt sich ein Feuerwerk ab, mit dem Händel seine Freude gehabt hätte. Ich verkrampfe meine Hände um das Lenkrad und trete das Gaspedal voll durch. Rums!
Oh yeah! Danach habe ich gesucht. In meinem Bauch wird es plötzlich ganz heiß und die Hitze strahlt bis in meine Finger- und Zehenspitzen aus und fährt mir mit voller Wucht ins Hirn. Oh yeah! Ich fühle mich wie nach tollem Sex, aber noch um Klassen besser. Ich schiebe zurück – rums – und fahre noch mal los – rums. Ich muss schließlich sichergehen.
Mein High hält weiter an, ich jubiliere zu „Satisfaction“ und fahre los in Richtung Innenstadt.
„When I’m driving in my car, and the man...“ Meine Bremsen kreischen und protestieren gegen die Misshandlung, als ich mit beiden Füßen hinaufspringe. Aus einem winzigen Seitengässchen schleicht eine von diesen Zumutungen – ein Mikro-Car – auf die Hauptstraße. Der Typ, der selbstverständlich einen Hut trägt, hat mich offenbar nicht gesehen, und wäre ich nicht so geistesgegenwärtig gewesen, gleichzeitig zu bremsen und auszuweichen, hätte es furchtbar gekracht. Dennoch hat dieser Volltrottel die Frechheit, mir einen Vogel zu zeigen. Schleicht sich von rechts an mich an, obwohl er mich schon von weitem hätte kommen sehen müssen. Unglaublich. Eigentlich verlangt diese Situation nach drastischeren Maßnahmen, aber ich spüre immer noch das Glücksgefühl von vorhin und lasse es beim einfachen Fingerzeigen bewenden, als ich beim Überholen auf gleicher Höhe mit dem Rasenmäher-Auto bin.
Das Männchen mit dem Tirolerhut kurbelt aufgeregt sein Fenster hinunter und brüllt mir etwas zu. Ich lasse auch mein Fenster hinunter um ihn besser verstehen zu können.
„Trampel, blöder“, „Rechtsvorrang“ und „Frau am Steuer“ ist alles, was ich höre. Doch das reicht. Mein High weicht einem intensiven Gefühl von Zorn. Zorn über die männliche Unvernunft, die keine Niederlage verkraften kann, speziell nicht im Straßenverkehr, ihrer ureigenen Domäne.
Ich überlege nur kurz. Ich schwenke scharf nach rechts. Und noch einmal. In diesem Augenblick bin ich froh über mein SUV, dieses unmögliche Fahrzeug, das mir Richard zum Geburtstag geschenkt hat. Ein Snob Utilities Vehicle, oder noch besser Stupid Useless Vehicle. Um einiges höher als normale Autos ist mein Fahrzeug mindestens doppelt so hoch wie das des Mini-Manns. Und zehnmal so stark. Es ist ein kurzer und unfairer Kampf, aber das hätte er sich vorher überlegen sollen. Ich schicke noch einen bihändigen Mittelfinger-Gruß in den Straßengraben und düse weiter.
Ich muss schmunzeln, als ich die ersten Takte der nächsten Nummer höre. „Please allow me to introduce myself…”, singe ich voller Überzeugung mit. Ich bin teuflisch gut gelaunt, doch unter dieser hauchdünnen Oberfläche spüre ich, wie meine Wut weiter steigt. Ich ärgere mich nicht nur über den wahnsinnigen Hutfahrer, der seine Lektion ja geradezu herausgefordert hat; ich ärgere mich über all die unvernünftigen Männer, denen einmal jemand zeigen müsste, dass wir Frauen einfach überlegen sind, dass wir Frauen alles mit Vernunft angehen. Hm. Wenn ich ganz ehrlich bin, stimmt das nicht ganz. Es gibt leider auch – einige ganz wenige - gedankenlose Frauen, die andere wahllos verletzen. Eine Erinnerung trifft mich mit voller Wucht und ich verziehe vor Schmerz mein Gesicht. Die Verkäuferin in der Nobel-Boutique, die mich erst eisern ignoriert und dann auf meine Frage nach einer schwarzen Hose herablassend gelächelt hat. „Wir haben ganz bestimmt nichts für Sie. Gehen Sie doch zu C&A, das ist viel eher Ihre Preisklasse und auch Ihr Stil. Wir führen hier keine Proletenklamotten.“ Oh ja, es tut noch immer weh. Die Boutique ist eigentlich gar nicht weit von hier entfernt. Ich könnte doch... Ja, ich werde diese hochnäsige Verkäuferin zur Rede stellen, wenn ich gerade so gut drauf bin. Ich bremse und schiebe flott die hundert Meter bis zu der Seitengasse zurück, in die ich einbiegen muss. Ganz am Rand bemerke ich vereinzelte Huptöne und kleine Gesten anderer Autofahrer. Was die von mir wollen? Egal.
Langsam nähere ich mich dem Geschäft, fahre im Schritttempo daran vorbei. Die Verkäuferin steht hinter dem Ladentisch und bohrt in der Nase. Jetzt reicht es! Ich bremse und schiebe im rechten Winkel so weit wie möglich zurück um Schwung zu holen. Ich betrachte einige Sekunden lang die Schaufensterfront und die Verkäuferin, die noch immer hingebungsvoll den Inhalt ihrer Nase inspiziert. Und los! Mit quietschenden Reifen starte ich über die Straße und gebe Vollgas. Der Lärm des zersplitternden Schaufensters ist lauter als ich erwartet hätte. Die Verkäuferin kreischt auf und hechtet zur Seite. So nicht, meine Liebe, nicht mit mir. Ich reiße das Lenkrad nach rechts und setze ihr nach. Es wirkt geradezu komisch, wie sie versucht, sich mit einem Kopfsprung in die Umkleidekabine retten. Die Betonung liegt auf ‚versucht’. Ich erledige sie knapp davor.
Clint Eastwood würde jetzt ganz lässig auf seinen rauchenden Revolverlauf blasen – doch ich habe keine Zeit auszusteigen und den Auspuff anzupusten. Ich habe einen höheren Auftrag – und außerdem jammert im Hintergrund die Alarmanlage.
Ich schiebe durch die Überreste des Schaufensters zurück nach draußen. Dort stauen sich bereits einige Menschen und überschlagen sich dabei zu sehen, was hier passiert ist. Zwei ältere Frauen in geblümten Küchenschürzen zeigen mit dem Finger auf mich. Eine schlägt die Hand vor den Mund. Ich schlucke einmal. Die machen sich lustig über mich. Ich schlucke noch einmal, ganz fest. Sie lachen mich aus. Nein, nicht schon wieder. Feuchtigkeit breitet sich auf meiner rechten Hand aus. Zur Abwechslung heule ich mal.
Das. Ist. Anstrengend.
Warum müssen wir Frauen das Monat für Monat durchmachen? Dabei beherrsche ich mich ja und lasse mir nichts anmerken. Man stelle sich vor, wir Frauen würden uns dabei gehen lassen! Gut, dass ich mich so unter Kontrolle habe. Ein Mann würde diese Depressionen nicht verkraften, und erst recht nicht die ständige Reizbarkeit. Ich muss laut lachen, als ich mir das bildlich vorstelle: Hunderte, nein Tausende Männer, die sich jeden Monat über eine Brücke verzweifelt in den Tod stürzen – oder von genervten Frauen hinuntergeschubst werden. Eine amüsante Vorstellung. Doch plötzlich hüpft Richard in der Szene herum und brüllt dabei: „Reiß dich doch bitte zusammen!“ Sein Lieblingssatz. Ständig bekomme ich den zu hören. Jetzt bleibe ich nicht einmal in meiner Fantasie vor ihm verschont.
Ich liebe meinen Mann über alles. Wirklich. Aber manchmal fordert er meine Geduld aufs Äußerste heraus. So wie gerade jetzt. Was hat er in meinem Tagtraum verloren? Ich höre meine Zähne knirschen und öffne schnell meinen Mund, bevor ich mir eine Füllung ausbeiße. Richard. Womöglich muss ich wegen ihm nun auch noch zum Zahnarzt. Das ist wieder typisch. Mick Jagger jault: „Wild, wild horses could not drag me away“, und das erinnert mich daran, dass ich noch immer in einer Menschenmenge stehe, die mich aufmerksam beobachtet. Vielleicht sollte ich mich doch wegschleppen lassen, von den hundertfünfzig Pferden unter meiner Motorhaube. Ich lasse den Motor einmal kurz aufheulen und sofort wird ein Weg für mich freigemacht. Das heißt, sofort nachdem ich mein Reifenmuster auf den Zehen eines Schaulustigen verewigt habe.
Als ich losfahre höre ich in der Ferne eine Feuerwehrsirene. Wie bei dem Regen etwas brennen kann, ist mir ein Rätsel, aber vielleicht sind sie auch nur unterwegs um ein Kätzchen zu retten. „I’m free to do what I want any old time“, teilen mir die guten alten Stones mit. Und da haben sie völlig Recht. Es scheint fast, als gäbe mir mein CD-Player heute einen guten Tipp nach dem anderen. Natürlich kann ich tun was ich will. Und ich will jetzt meine Mission erfüllen. Die Welt leidet unter einer hochnäsigen Verkäuferin weniger – aber es gibt noch immer so viel zu tun. Ich denke da an den Finanzbeamten, der mich letzte Woche zu sich zitiert hat. Wie eine fette Spinne saß er in seinem Sessel und teilte mir genüsslich mit, dass ich dreitausend Euro an Steuer nachzahlen muss. Ekelhaft. Ohne ihn wäre die Welt eindeutig besser dran. Und ohne meine ehemalige Französisch-Lehrerin. Das würde Generationen von zukünftigen Schülern eine langwierige und teure Psychotherapie ersparen. Oder der aufdringliche Nachrichten-Moderator mit den fettigen Haaren. Oder der Mensch, der sich diese unsäglichen Tampon-Werbespots ausdenkt. Oder...
Die Feuerwehr heult ganz in meiner Nähe, und plötzlich überholt mich – ein Polizeiwagen mit Blaulicht. Uh oh. Diese Sirenen konnte ich noch nie auseinanderhalten. Der Wagen schwenkt scharf nach rechts und blockiert mir den Weg. Wieso er ausgerechnet hier parken muss, ist mir ein Rätsel, aber ich tue ihm den Gefallen und halte auch an. Wir stehen am Rand einer Ausfahrtsstraße in einem noblen Vorort. Ich betrachte die riesigen Grundstücke, die von hohen Mauern umgeben sind. Ein kleiner untersetzter Polizist steigt langsam aus dem Auto und kommt auf mich zu. Trotz seiner beginnenden Glatze wirkt er noch sehr jung. Ich lasse mein Fenster herunter, lehne mich hinaus und lächle ihm freundlich entgegen. „Hallo, Herr Inspektor. Gibt es ein Problem?“
„Nur für Sie“, brummt er mich an. „Sie sind mit 120 im Ortsgebiet gefahren.“
Ich schaue ihn verständnislos an. Wovon spricht er? Ich fahre nie schneller als 70 im Ortsgebiet, maximal 90. „Das muss ein Irrtum sein, ich fahre nie schnell.“
„Diesmal schon.“ Er klappt ein Notizbuch auf. „120 im Ortsgebiet.“ Er schreibt etwas. „Führerschein und Zulassung.“ Seine ausgestreckte Hand schießt zum Fenster herein und sein Zeigefinger sticht mir beinahe ein Auge aus. „Jetzt!“
Ich verschlucke mich vor Schreck und muss husten. Und husten. Und weiterhusten.
„’Jetzt’ bedeutet sofort, nicht erst nächste Woche“, schreit mich der Polizist an, dessen hässliches Gesicht seinem Zeigefinger gefolgt ist. Er ist wütend auf mich, dabei habe ich doch gar nichts angestellt. Fast nichts. Ich habe nur... nur... und er... Das Leben ist so ungerecht. Ich lasse meinen Kummer raus.
„Oh nein, diese Taktik funktioniert bei mir nicht, Lady. Sie sind nicht die erste, die es mit Weinen versucht. Aber es hat noch keiner geholfen.“ Er fuchtelt wild vor meinem Gesicht herum. „Ich will Ihren Führerschein und die Zulassung sehen.“ Seine Finger stinken nach ranzigem Hamburger und Zwiebeln. Ihh. Er könnte sich zumindest die Finger waschen, bevor er damit wildfremde Frauen drangsaliert. Das ist so typisch Mann, nimmt keine Rücksicht auf andere. Oh! Ich spüre, wie sich meine Fäuste ballen und am liebsten zuschlagen würden. Gute Idee! Aber ich habe eine noch bessere. „Herr Inspektor, bitte. Ich will Ihnen selbstverständlich meine Papiere zeigen. Aber sie sind im Kofferraum, in meiner Tasche.“
Mit einem Grunzen tritt er zurück und lässt mich aussteigen. Wie großzügig. Ich krame eifrig in den Bergen von Zeug, das meinen Kofferraum anfüllt. Der Polizist ist mir gefolgt und steht dicht neben mir. Er wartet.
„Ich warte“, informiert er mich ungeduldig. Endlich finde ich, wonach ich gesucht habe. Ich greife fest zu, hole aus und lasse den Wagenheber auf seinen Kopf niedersausen.
Na großartig. Jetzt kann ich meinen Mantel endgültig vergessen. Der ist hinüber. Da ich mich gut unter Kontrolle habe, ärgere ich mich gar nicht darüber, sondern ziehe ihn aus und lasse ihn am Straßenrand liegen. Beim Wegfahren beginnen die Stones gerade zu singen: „It is the evening of the day...“ Als mir im Takt dazu die Augen immer wieder zufallen, stelle ich fest, dass ich unermesslich müde bin. Vielleicht sollte ich nach Hause fahren und mir ein schönes heißes Bad einlassen. Das klingt nach einer ausgezeichneten Idee. Ich hatte zwar etwas vorgehabt, aber mir fällt im Augenblick nicht mehr ein, was. Es hatte etwas mit meiner Französisch-Lehrerin zu tun, weiß der Himmel warum. Doch das hat bestimmt noch Zeit. Ich gähne einige Male aus ganzem Herzen und freue mich schon auf mein Bad und eine Kuschelstunde mit meinem Richard.
... is the sound of rain falling on the ground. I sit and watch as tears go by…
Auf dem Heimweg werde ich noch ganz kurz stehen bleiben und mir Schokolade kaufen. Ich verspüre plötzlich Appetit darauf.


PMS (prämenstruelles Syndrom): physische und psychische Beschwerden vor Einsetzen der Menstruation, wahrscheinlich bedingt durch hormonale und neuro-vegetative Dysfunktion; umfasst vor allem erhebliche Stimmungsschwankungen mit depressiven und aggressiven Phasen, Ess- und Schlafstörungen, Kopfschmerzen uvm.


Susanne Schubarsky, Oktober 2003

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.00 Uhr
Dieser Text enthält 18007 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.