Honigfalter
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Oktober 2003
Krötenjagd
von Hans Maria Doé


»Mama? Gehst du ans Telefon?«
»Das kann nur für dich sein. Da kannst du selbst rangehen. Ich bin nicht dein Dienstmädchen«, keifte meine Mutter zurück. Aber so redet sie immer mit mir.
Ich schleppte meine morgensteifen Beine in Richtung Vorzimmer. Ich war zweiundvierzig. Wenn ich gewusst hätte, dass ich so alt werde, hätte ich gesünder gelebt.
Der Anruf war von meinem Kollegen Conrad. Conrad wusste, dass ich längst auf war.
Conrad kennt mich. Er wusste besser Bescheid über mich als Mama und meine Kinder.
»Guten Morgen, Herr Doktor. Du bist doch am Telefon, oder?« fragte er scherzend.
»Ich schlafe noch. Mein Geist spricht mit dir. Erzähl mir war Schönes«, brummte ich in den Hörer.
»Ein Mord. Scheint unser Freund gewesen zu sein. Sie warten auf uns. Die halbe Stadt ist schon da.«
So wollte ich den Tag nicht beginnen. Es war noch zu früh für einen Leichenwagen.
Mein Magen verkrampfte sich. »Du kannst mich mal!«
Mama blickte böse von dem dampfenden Kaffee und dem Butterkipferl auf. Sie war schon angezogen um später die Kinder in die Schule zu begleiten. Conrad lieferte mir weitere blutige Einzelheiten über den heutigen Mord.
»Pass auf, was du sagst, Herbert Stark«, grollte meine Mutter. »Bitte, pass auf, wie du sprichst, solange du vorhast, in dieser Wohnung zu leben.«
»Ich bin in einer viertel Stunde da«, gab ich Conrad Bescheid und legte heftiger als ich wollte den Hörer auf. »Diese Wohnung gehört mir, Mama.«
Sie stöhnte, als höre sie diese Tatsache zum ersten Mal.
»Ein Mord in der Seebachsiedlung. Scheint ein Lustmord zu sein. Conrad tippt auch auf die ›Kröte‹. Ich fürchte er hat wieder zugeschlagen.«
Mamas sanfte blauen Augen suchten meine und hielten sie fest.
»Furchtbar«, murmelte sie. Ihr weißes Haar hatte sie noch nicht gekämmt.
Ihr fröhliches Gesicht wurde traurig und nun sah sie wie ein begossener Pudel aus.
»Manchmal denke ich, wir sollten aufs Land ziehen, Herbert.«
»Manchmal denke ich das auch«, sagte ich leise, »aber wahrscheinlich stehen wir es durch.«
»Ja, die Starks tun das immer. Wir sind hartnäckig. Wir leiden immer schweigend.«
»Nicht immer, Mama. Nicht immer«, wiedersprach ich ihr.
Ich hatte schon beschlossen, meine alte Lederjacke anzuziehen. Es war ein Mordtag, und das hieß, ich würde es mit einigen höheren Beamten zu tun haben. Da wäre es doch besser ein Boss- Sakko anzuziehen und einen Mantel überzuwerfen. So würde ich besser zu den Leuten passen.
Auf den Weg zur Küche gab ich meiner Mama einen Kuss. Das mache ich seit ich denken kann. Und wir sagen uns Lebewohl, für den Fall der Fälle. So ist das seit Mama mich vor dreißig Jahren aufnahm und meinte, sie könne etwas aus mir machen. Sie hat einen Doktor der Psychologie mit einem Posten bei der Mordkommission aus mir gemacht.
Ich bin offiziell der stellvertretende Leiter der Kriminalpolizei. Ein Kommissar. Der Titel machte mich zum Vierten in der Polizeihierarchie. Intern war es nicht so. Aber immerhin warten die Kollegen auf mein Erscheinen am Tatort.
Ein Polizistentreffen aus Metall, wie es so manche Zufahrt zum Tatort blockiert, parkte chaotisch vor dem Tatorthaus. Ein Lieferwagen der Spurensicherung war eingetroffen. Außerdem ein Leichenwagen. Die Schaulustigen der Wohnsiedlung, überwiegend Hausfrauen, mit neugierigen Blicken standen herum. Ältere Frauen und Männer mit Wintermäntel über Schlafanzügen und Nachthemden fröstelten in den Hauseingängen.
Die Wohnhausanlage war ein heruntergekommener Gemeindebau, mit einer schmutzgrauen Fassade. Ein alter Mercedes ohne Hinterräder stand aufgebockt da und sah aus, als hätte jemand die Gasse mit einem Schrottplatz verwechselt.
»Verdammter Mord. Gehen wir wieder nach Hause«, fluchte Conrad. »Mir ist eben wieder eingefallen, was uns erwartet. Seit dieser Kerl sich herumtreibt hasse ich diesen Job.«
»Ich liebe die Mordkommission. Ich liebe meine Arbeit«, raunte ich spöttisch. »Komm. Da ist schon der Gerichtsmediziner. Und da sind die Jungs von der Spurensicherung.«
Ein Polizist in einem dicken grünen Parka mit Wulstkragen watschelte auf Conrad zu, als wir uns dem Hauseingang näherten. Er ließ beide Hände zum Wärmen in den Taschen gestopft. Der junge Mann war ein runder, schwammiger Bauerntyp. Sein Gesicht sah einer Kürbistorte ähnlich die über dem Winter auf dem Feld liegen geblieben ist. Mein Boss-Sakko und der schnittige übergeworfene Armani-Mantel schien keinen Eindruck auf ihn zu machen.
»Wohl nicht aus dem Bett gekommen was? Ich frier mir hier den Arsch ab«, schniefte er in sein Taschentuch.
»Dein Arsch könnte ruhig etwas abspecken«, riet ihm Conrad.
»Leck mich.«
»Nestroy lässt Grüßen.« Conrad grinste mich an. »Hast du gehört, was er gesagt hat? Leck mich?« Wir sollten über solche Auseinandersetzungen erhaben sein. Manchmal sind wir’s auch.
Conrad und ich sind kräftig. Zusammen wiegen wir an die zweihundert Kilo. Wir trainieren nicht nur bei der Polizei, sondern auch noch privat in einem Fitnesscenter und machen dort jeden Schnickschnack mit, um unsere Muskel zeigen zu können. Wir können einschüchternd wirken, wenn wir wollen. Und manchmal ist das auch nötig.
Ich bin nur einsneunzig. Conrad ist noch um einen Kopf größer und wächst noch. Er trägt eine Brille. Eine dieser Dinger wo er die Sonnenabdeckung auf und zu klappen konnte. Selten war das Ding aufgeklappt. Manchmal trug er einen etwas aus der Form gekommenen schwarzen Hut. Dann nannten ihn manche Leute „ConCon“, weil er so groß wirkt, als ob man zwei Conrads aus ihm machen könnte.
Wir ließen den Polizisten stehen und marschierten auf die Mordwohnung zu. Zwei Uniformierte waren schon in der Wohnung gewesen.
Die Tür zur Küche war angelehnt. Ich stupste sie auf. Jede Tür in der Wohnung hatte beim Öffnen und Schließen ein eigenes Geräusch. Die hier kreischte wie eine zornige Katze.
Die Wohnung war fahl vom Gassenlicht erleuchtet. Die offene Wohnungstür saugte den kalten Wind durch das Stiegenhaus ein, und ich hörte etwas klappern.
»Wir haben kein Licht gemacht«, sagte einer der Uniformierten hinter mir. »Sie sind bestimmt Doktor Stark?« Ich nickte. »War die Wohnungstür offen, als Sie gekommen sind?« Ich schaute den Polizisten an der sich mir zuwandte. Strohblonde Haare lugten unter seiner Dienstkappe hervor, die zu groß für sein milchiges Babygesicht war, und er ließ sich einen zarten Schnurrbart wachsen. Ein Versuch etwas mehr Autorität zu erheischen. Als Psychologe hätte ich ihm sagen können, dass dieses mit blondem Haar, kaum gelingt. Er war vermutlich zwei bis dreiundzwanzig Jahre und hatte richtig Schiss. Doch ich konnte ihm das nicht verübeln.
»Nein, nein. Kein Hinweis, dass die Tür aufgebrochen wurde. Es war nicht abgeschlossen, Herr Doktor.« Der Bursche war äußerst nervös.
»In der Wohnung sieht es wirklich ganz übel aus, Herr Doktor. Eine Familie...«
Er knipste eine Taschenlampe an und wir schauten in die Küche. Dort stand ein billiger Tisch vor einer Eckbank, umstellt von zwei Stühlen und einem Babyhochsitz. Eine batteriebetriebene Pendeluhr aus goldenem Plastik tickte leise an der Wand. Der Geruch nach Spülmittel und verbranntem Frittierfett vermischte sich zu etwas angenehm Seltsamen. Bei Mordfällen gibt es meist schlimmeren Gestank.
Conrad und ich schwiegen kurze Zeit, nahmen alles in uns auf, wie es vor ein paar Stunden der Mörder getan haben musste.
»Er ist durch die offene Wohnungstür gekommen und dann stand er hier. Genau hier wo wir jetzt stehen.«
»Rede nicht so, Doktor. Da krieg ich ja eine Gänsehaut.«
Egal wie oft man so etwas machen muss, leichter wird es nie. Man möchte nicht reingehen. Man will nicht sein Leben lang, grausame Bilder vor Augen haben, die unangenehme Träume verursachen.
»Sie sind im Schlafzimmer«, sagte der Polizist mit dem zartblonden Schnurrbart, und er erzählte uns, wer die Opfer waren. Zwei Frauen namens Horvath, und ein kleiner Junge. Sein Partner, ein kleiner, aber kräftig gebauter Bursche, hatte bis jetzt noch nichts gesagt. Er schien ein sensibler junger Typ zu sein. Conrad und ich gingen voran. Jeder von uns holte tief Luft. Auch die beiden uns folgenden Polizisten. Conrad klopfte mir leicht auf die Schulter. Kindermord erschüttert mich – das wusste er.
Die drei Ermordeten lagen im Schlafzimmer. Da war die Mutter, Helene Horvath, vierzig. Noch im Tod war ihr Gesicht unvergesslich. Sie hatte große blaue Augen, ein schön geformtes Gesicht, volle Lippen, die schon blau waren. Ihr Mund war in einem Schrei erstarrt. Helenes Tochter, Elisabeth Horvath, hatte dreizehn Jahre diese Welt erlebt. Sie war eine junge Frau, aber noch hübscher als ihre Mutter gewesen. Sie trug ein Piercing in der Nase, um zu beweisen, dass sie freier und älter war als ihre Jahre. Elisabeth war mit einem Büstenhalter geknebelt worden.
Der kleine Sohn, Lukas Horvath, zwei Jahre alt, lag ebenfalls mit dem Gesicht nach oben da, und sein kleines Gesicht schien tränenbefleckt zu sein. Er hatte einen blau geblümmelnden Strampler an, wie ihn auch meine Kinder einmals trugen.
Es war auf den ersten Blick so, wie meine Mama stets sagte. Es war ein schlimmer Teil in der Stadt, den die Obrigkeit zu einem üblen Wohnort verkommen hatte lassen. Meiner Meinung nach, waren es aber verkommene und übelste Menschen, die Mieter hier waren und diese Gegend so furchtbar machten. Mieter die keine Nachbarn mehr waren. Egoistische menschenfeindliche Habenichtse, aber arrogant bis zum Kotzen. Arbeitsscheu und zu fünfzig wenn nicht gar zu neunzig Prozent dem Suff verfallen.
Helene Horvath und die Tochter waren gefesselt. Satinunterwäsche, schwarze Netzstrümpfe und ein Leinentuch waren dafür benutzt worden.
Ich nahm mein Diktaphon heraus, das ich stets bei mir trage, und zeichnete meine ersten Beobachtungen auf.
»Mordfall 15. Dezember 2001 Tulpengasse 3 bis 5 Seebachsiedlung. Mutter, Teenagertochter, kleiner Bub. Die Frauen sind mit einem scharfen Gegenstand aufgeschlitzt worden. Möglicherweise mit einem Tapeziermesser. Die Brustwarzen wurden abgeschnitten, und sind nirgendwo im Raum zu sehen. Das Schamhaar der Frauen ist abrasiert worden. Unzählige Stichwunden, das, was die Pathologen ein „Muster unbändiger Wut“ nennen. Überall ist Blut, außerdem Fäkalien. Ich vermute, dass Mutter wie Tochter, Prostituierte waren.«
Meine Stimme war zögerlich und leise. Ich fragte mich, ob ich die Worte vom Band später noch verstehen würde. »Der kleine Lukas Horvath scheint einfach beiseite geworfen worden zu sein. Er ist ein winziges, zufälliges Bündel im Zimmer.«
Ich konnte mich nicht gegen die Wut und meiner Trauer wehren, als ich auf den kleinen Kerl hinunterschaute, dessen leblose Augen zu mir aufsahen. Das Herz tat mir weh. In meinem Kopf gab es lauten Streit zwischen Vernunft und haltlosem Ausrasten.
Armer kleiner Lukas.
»Ich glaube nicht, dass er das Kind töten wollte«, sagte ich zu Conrad.
»Er oder sie?«
»Oder – Es.« Conrad schüttelte den Kopf. »Ich bin für Es. Das ist ein Ungeheuer, Herbert. Dasselbe Monster, das Anfang des Monats schon einmal zugeschlagen hat.«
*
Gegen Mittag bekam ich in der Wohnung der Horvaths einen ›Notruf‹. Ich wollte mit niemandem über weitere Notfälle sprechen.
Eben hatte ich eine halbe Stunde mit der Presse verbracht. Als es zu den ersten Morden durch dieses Monster kam, waren manche Journalisten meine Freunde gewesen. Ich war ein Liebling der Presse. Es gab nun viel zu schreiben und ich versorgte sie mit allen Einzelheiten. Sogar in der Sonntagsbeilage der ›Aktuell‹ war über die ›Kröte‹ wie sie den Mörder und den ›Krötenjäger‹,ausführlich berichtet worden. Wieder ein Mal sprach ich über die ansteigende Mordrate. In diesem Jahr waren in unserer Stadt schon über dreißig Menschen ermordet worden.
Ich nahm den Hörer von dem schmächtigen Polizisten entgegen. Geistesabwesend spielte ich mit einem winzigen Teddybären, der Lukas gehört haben musste, dabei überkam mich ein seltsames Gefühl. Warum war dieser kleine Kerl auf diese Weise ermordet worden? Mir fiel keine Antwort ein.
»Es ist der Chef«, der Polizist runzelte die Stirn und strich über sein zierliches Bärtchen. »Er macht sich Sorgen.«
»Ja, Stark hier. Was gibt es?« fragte ich in das Telefon. Der Hörer roch nach billigem Frauenparfum. Mein Kopf war voller Gedanken und ich wollte das Gespräch schnell hinter mich bringen. Auf dem Telefontischchen neben dem Telefon stand im roten Rahmen ein Bild von Lukas, aus seinen ersten Lebenstagen. Erinnerte mich an meine Kinder und an meine Fotografierwut die ich hatte wenn der Nachwuchs lächelte.
»Hier ist Gross. Wie ist die Lage bei euch?«
»Ich vermute, – nein, ich bin mir sicher, dass es wieder die ›Kröte‹ war. Mutter, Tochter, kleiner Bub. Die zweite Familie innerhalb weniger Tage. Der Strom war abgedreht. Er scheint gern im dunkeln zu arbeiten.« Ich gab ihm noch ein paar blutige Einzelheiten durch. Normalerweise genügte das Gross. Der Chef würde mich bei diesem Fall in Ruhe lassen. Ein paar Sekunden befangenen Schweigens folgten. Ich konnte den Christbaum der Horvaths, den sie nach Hause geschafft hatten im Wohnzimmer sehen. Er war aufgestellt und wartete, um sorgfältig glanzvoll geschmückt zu werden. Auf der Spitze thronte bereits ein goldener Stern.
»Ich hab’ gehört, ein Zuhälter ist erschossen worden. Ein Zuhälter und zwei Prostituierte.«
»Nein, das stimmt nicht, Chef. Sie haben einen hübschen Christbaum.«
»Machen Sie keine Scherze. Verscheißern Sie mich nicht, Stark. Nicht heute. Nicht jetzt.«
Falls er versuchte mich zu ärgern, gelang ihm das. »Ein Opfer ist ein kleiner Bub in einem Strampler. Vielleicht war er der Zuhälter. Ich werde es mal nachprüfen.« Das hätte ich nicht sagen sollen. Eine ganze Menge hätte ich nicht sagen sollen. Aber in letzter Zeit war ich sehr explosiv.
»Ich meine es ernst«, sagte ich zu meinem Chef. Ich versuchte ruhig zu sprechen. »Ich bin mir sicher, dass das unsere ›Kröte‹ war. Hier sieht es furchtbar aus. Die Leute im ganzen Haus und auch die auf der Straße weinen. Es ist kurz vor Weihnachten.«
Gross bellte seinen Befehl ins Telefon. Wir sollten uns schleunigst aufmachen und zu seinem Büro fahren. Die Hölle sei losgebrochen, wiederholte er öfters und immer lauter.
Mir war klar, dass es für alle Beteiligten hier, ein trauriger, tragischer Tag war. Lass es dabei bewenden, sagte ich mir. Tu einfach deine Arbeit. Und wir machten uns an die Arbeit. Wir versuchten, den Zorn und die Wut die wir empfanden, zu unterdrücken, aber es fiel uns nicht leicht. Ich sah ständig die kleinen traurigen Augen von Lukas Horvath.
*
»Reiß dich zusammen«, riet Conrad. »Nimm es hin, damit du einen weiteren Tag lang kämpfen kannst.« Ich sah mein Spiegelbild in seiner Sonnenbrille. Ich sah winzig aus, und ich fragte mich, ob von Conrads Beobachtungsposten aus die ganze Welt klein aussah.
Mein Chef Gross trägt bei der Arbeit meistens einen schwarzen Anzug.
Er bevorzugte hellblaue Hemden mit modernen bunten Krawatten. Sein graues Haar war schulterlang und gewellt. Würde er es zu einem Rossschwanz gebunden und eine Sonnenbrille tragen, wäre er ein Zwilling von Karl Lagerfeld. Er wird von allen der ›Chef‹ genannt, der Boss der Bosse...
Ich glaube zu wissen, wann meine Schwierigkeiten mit dem Chef anfingen.
Es war nach dem Artikel über mich, den der ›Aktuell‹ in der Sonntagsbeilage brachte. Der Artikel stellte heraus, ich sei Psychologe, bearbeite aber Mordfälle. Und zwar jene Mordfälle, bei denen die Kriminalpolizei ohne meiner Mithilfe nicht vorankommt.
Was Chef Gross, und etliche andere in der Abteilung, verärgerte und was ihnen den Rest gab, war der Titel des Artikels über meinem grüblerischen Foto: ›Der wahre Mordaufklärer‹. Die Geschichte führte in unserer verklemmten Abteilung zu großen Problemen. Chef Gross nahm besonderen Anstoß daran. Ich konnte es nicht beweisen, aber ich glaubte jemand im Büro des Innenministerium habe den Artikel lanciert.
Ich klopfte kräftig an die Tür und ohne auf eine Antwort zu warten betraten Conrad und ich das Zimmer. Ehe ich ein Wort sagen konnte, hob Gross die rechte Hand. »Stark, hören Sie sich an, was ich zu sagen habe«, sagte er, als er zu uns herantrat. »Es hat einen weiteren Mord gegeben. An einem Stadtpolitiker...«
»Das ist eine schlimme Sache«, unterbrach ich ihn. »Unglücklicherweise hat außerdem mit höchster Wahrscheinlichkeit unsere ›Kröte‹ zugeschlagen. Conrad und ich sind bei diesem Fall die leitenden Ermittler. Im Grunde die einzigen.«
»Ich bin über die Morde in der Seebachsiedlung unterrichtet worden. Ich habe schon Ermittler abgestellt. Wir kümmern uns um den Fall.«
»Zwei Frauen sind heute nacht die Brustwarzen abgeschnitten worden. Ihnen wurde das Schamhaar abrasiert, während sie ans Bett gefesselt waren. Wissen Sie darüber Bescheid? Ein kleiner Bub ist ermordet worden, in seinem Schlafanzug!« Ich brüllte wieder. Ich warf Conrad einen Blick zu und sah wie er den Kopf schüttelte. »Zwei junge Frauen sind die Brustwarzen abgeschnitten worden«, wiederholte ich zu seiner Erbauung. »Jemand läuft heute morgen irgendwo mit abgeschnittenen Brustwarzen in der Jackentasche herum ... Der Kerl ist verrückt! Besessen. Er wetzt sein Messer. Jetzt ist ein Politiker ermordet worden, und das ist schrecklich! Aber ich habe schon einen Scheißfall!«
Gross stach plötzlich mit dem Zeigefinger nach mir. Sein Gesicht wurde knallrot. »Doktor Stark! Ich entscheide, welchen Fall Sie bearbeiten! Ich entscheide! Sie sind unser Psychologe. Und ich habe entschieden, andere Männer für den Fall ›Kröte‹ anzusetzen. Außerdem hat der Innenminister ausdrücklich Sie angefordert.«
Das war es also.
»Was ist mit Conrad? Lassen Sie wenigstens ihn weiter an der ›Kröte‹ dran.«
»Falls Sie irgendwelche Beschwerden über diese Dienstentscheidung haben, wenden Sie sich an den Innenminister. Sie arbeiten beide, ab jetzt, an diesen Politikermord. Das ist alles.«
Gross drehte uns den Rücken zu und ging aus dem Zimmer. Nun waren wir auf den Politikermord angesetzt, ob es uns gefiel oder nicht. Es gefiel uns nicht.
*
Jede Stunde gingen Nachrichten über den Bildschirm. Ludwig Schicho sah sich in der allmächtigen Glotze. In jeder Nachrichtensendung wurden Fotos von ihm gezeigt. Das also war Berühmtheit! So fühlte sich Berühmtheit an. Es gefiel ihm ungeheuer gut. Auf das hier hatte er Jahre lang hingearbeitet. Nur eines verdarb ihm an jenem Tag die Freude, und das war die Pressekonferenz eines Sonderkommandos. Ein Mann von der Sondereinheit namens Gerhard Maier hat gesprochen, und dieser Mann hielt sich offenbar für einen tollen Hecht. Er wollte eine Scheibe von seinem Erfolg abhaben. »Du glaubst wohl, das ist deine Geschichte, Maier? Irrtum, mein Herr!« brüllte er den Fernseher an. »Hier spiele ich die Hauptrolle! Ich bin hier der Star!«
Danach war er mehrere Stunden in seinem Versteck, eines baufälligen Bauernhofes herumgeschlichen und hatte beobachtet, wie die Dunkelheit einbrach. Nichts war zu sehen. Niemand würde ihn stören. Er ging in das Haus zurück.
»Mach weiter so.« Er schlich im Haus herum wie ein schüchterner Mann, der eine Frau zum Tanz auffordern möchte. »Zieh es durch! Zieh es durch!« feuerte er sich an. Er war überzeugt davon, dass er einer der intelligentesten Verbrecher war. Der Gedanke brachte ihn zum Lächeln.
Wenn die wüssten wie viel er noch töten wird! Er zündete eine der Petroleumlampen an, die er schon vor Tagen hierher gebracht hatte.
Dann ging er damit in die kleine Küche. Zum Glück gab es dort noch fließendes Wasser. Zwar eisiges Wasser, aber immerhin. Er zündete eine weitere Lampe an und machte sich an die Arbeit. Er brauchte eine volle Stunde, ehe er fertig war.
»So, so, ja wenn haben wir denn da?« sagte er zu dem Gesicht im Spiegel.
Als die Glatzkopfperücke und weitere Schminke weg waren, kam ein Haarschopf zum Vorschein. Wellige dunkelblonde Locken.
»Herr Ludwig Schicho? Bist du das, Junge?«
Dann wurden die Kontaktlinsen entfernt. Aus den braunen Augen wurden wieder grüne.
»Da. Schau dich an. Schau dich jetzt an.« sprach er in den Spiegel, und polierte mit dem Jackenärmel übers Glas. »Erfolg liegt im Detail, oder was sagst du, Ludwig Schicho?«
Das Bild, das man im Fernsehen sah war ganz ausgelöscht. War tot und auf immer verschwunden. Was für eine herrliche Geschichte war das doch gewesen. Was für ein frecher Plan. Ein Jammer, dass er niemanden davon erzählen konnte. Er war stolz. Ja, er war stolz auf sich.
Ludwig Schicho verließ das alte Bauernhaus gegen zweiundzwanzig Uhr, genau nach seinem Zeitplan. Er ging zu einem geheimen Ort in der Scheune. Sein Geheimversteck. Da hatte er achtzigtausend Euro versteckt. Es war Geld, das er im Laufe der Jahre gestohlen hatte. So weit, so großartig. Dann setzte er sich in seinen roten BMW. Er hatte heute Nacht noch Arbeit vor sich. Seine tolle Vorstellung ging weiter. Einfach herrlich.
*
Kommissar Gerhard Maier, der nunmehr abgestellte Leiter der Kröte- Sondereinheit wohnte in der Nähe des Stadtparks. Maier war groß und körperlich eindrucksvoll, mit kurzgeschorenen braunem Haar. Er hatte an mehreren schweren Mordfällen gearbeitet, aber keiner war so verzwickt gewesen wie die der ›Kröte‹.
Kurz nach Mitternacht kam Gerhard Maier endlich nach Hause. Zu Hause war eine Wohnung, erster Stock mit vier Zimmer, ein Bad, aber mit WC am Gang, in einem fünfstöckigem Gebäude aus der Jahrhundertwende. Unglücklicherweise war es kein normaler Tag gewesen. Der Kommissar war ausgepumpt, angeschlagen und nach vierundzwanzig Stunden Einsatz hundemüde.
Manchmal dachte er darüber nach, warum er nicht schon längst nur Innendienst machte, oder warum er sich nicht vorzeitig pensionieren ließ. Seine zwei Kinder kennenlernte, ehe sie ganz erwachsen waren und das Haus verließen.
Die Straße um den Park war verlassen. Straßenlichter schienen am Gehsteig, und sie waren ein tröstlicher, freundlicher Anblick. Im Rückspiegel von Maiers VW Golf tauchten Scheinwerfer auf. Er stellte den Motor ab, und wollte zu seiner Wohnung gehen. Das fremde Auto hatte hinter seinem gehalten. Die Scheinwerfer blieben an und der Motor schnurrte im Lehrlauf. Ein Mann stieg aus und wedelte mit einem Platt Papier.
»Kommissar Maier? Karl Hattinger vom ›Aktuell‹«, rief der Mann, als er den Wagen entlang kam. Er zückte einen Presseausweis.
Diese gottverfluchten Zeitungen, dachte Maier.
Der Zeitungsmann trug einen grauen Anzug, weißes Hemd ohne Krawatte.
Er war der typische Presse-Yuppie im Einsatz. Für Maier waren alle Presseleute Lügner und arrogante Arschlöcher, egal von welcher Zeitung, und alle sahen für ihn gleich aus. Unter ihnen gab es keine richtigen Reporter mehr.
»Der Weg um diese Zeit war umsonst, Herr Hattinger: kein Kommentar. Tut mir leid. Ich kann Ihnen nichts über die Morde sagen. Ehrlich gesagt, gibt es nichts zu sagen.«
Es tat ihm nicht leid, aber wer wollte sich schon Feinde bei einer Zeitung machen? Diese Arschlöcher waren mit giftigen Fühlfedern ausgestattet, die einem fertigmachen konnten.
»Nur eine Frage. Sie ist sehr wichtig. So wichtig, dass ich um diese Zeit hier bin.«
»Gut. Wie lautet Ihre Frage? Aber machen Sie schnell.« Maier machte die Tür seines Auto zu und schloss ab.
»Warum seid ihr alle so unglaubliche Dummköpfe?« fragte ihn Ludwig Schicho. »Das ist meine Frage, du Arsch.«
Ein scharfes Messer blitzte im Licht der Scheinwerfer auf. Kurz, und dann wieder. Beim ersten Aufblitzen fuhr die Klinge tief in des Kommissars Kehle. Sie schlitzte seine Halsschlagader auf. Das zweite Aufblitzen der Klinge erlosch mitten im Herz. Der Kommissar fiel neben seinem Auto tot um.
»So wie ich das sehe, Herr Kommissar, wolltest du der Star sein? Du wolltest für meine Morde der Star sein. Angeblich solltest du um Klassen besser sein als ich. Dafür sehe ich keine Beweise. Nichts sehe ich, gar nichts. Ich brauche die besten Gegner. Ich brauche die Herausforderung durch die Besten und Klügsten, aber du bist nur ein dummes Arschloch.« Schicho hatte sich gebückt und zischte diese Worte in das starrende Gesicht des Kommissars.
Er tätschelte die Wange des Toten. »Hör mal, du arroganter Arsch, würde denn ein Reporter um diese Zeit hier herkommen? Bloß um mit einem Schwachkopf wie mit dir zu sprechen.«
Ludwig Schicho stieg in seinem Wagen und fuhr ohne Hast davon. Der Tod des Kommissars war für ihn keine große Sache. Er hatte vor ihm schon viele Menschen umgebracht. Übung macht den Meister. Und außerdem wird es nicht das letzte Mal gewesen sein. Doch dieser Mord würde alle aufrütteln. Er hoffte, dass hinter den Kulissen der Polizei ein besserer Gegner wartete.
Wo bleibt sonst der Kick? Der Spaß, denn er dabei empfand. Die Herausforderung?
*
Um halb sechs Uhr morgens verließ Ludwig Schicho seine Absteige. Er erhaschte sein Spiegelbild in der Glastür.
Der neue Ludwig – der Ludwig du jour – schaute ihn an. Schwarze Mähne und ein struppiger Bart; schmutzige Arbeiterkleidung. Er wusste, er konnte die Rolle spielen. Jedenfalls so lange, wie es nötig war. Sperrt alle die Augen auf.
Er stand völlig unter Strom. Diesen Teil seines Vorhabens liebte er mehr als sein Leben.
Er konnte beides nicht mehr auseinanderhalten. Das war der kühnste Teil des ganzen Abenteuers. Ein wahrer Drahtseilakt.
Warum war er so aufgedreht? fragte er sich, während er die Gedanken schweifen ließ. Bloß weil die halbe Polizei der Stadt hinter ihm her war?
Die Dunkelheit ging langsam in ein samtiges Grau über. Er kämpfte gegen den Impuls, aufs Gaspedal zu treten. Als er auf der A2 in Richtung Süden fuhr kam schließlich ein schwacher Orangenschein des Morgens.
Er hielt an einer Shell Tankstelle. Bevor er ausstieg, überprüfte er im Außenspiegel des BMW, wie er aussah. Aus dem Spiegel schaute ihn ein schmuddeliger Arbeiter an. Ein ganz anderer Ludwig. Er beherrschte alle Eigenheiten eines Arbeiterlümmels aus dem Effeff.
Er schüttete an der Imbisstheke starken Kaffee in sich hinein und aß ein Schinkenbrötchen mit einer Extraportion Käse. Die Morgenzeitungen waren noch nicht da. Eine saublöde, hochnäsige Verkäuferin bediente ihn. Er hätte sie am liebsten abgemurkst. Er phantasierte fünf Minuten lang, sie mitten in dem Laden alle zu machen.
Zieh die weiße Bluse aus, Schätzchen. Zieh sie runter bis zum Nabel. Okay, jetzt muss ich dich vermutlich fertig machen. Vielleicht aber auch nicht. Sprich nett mit mir und fleh mich an, es nicht zu tun. Wie alt bist du – einundzwanzig, zwanzig? Setz das als emotionales Argument ein. Du bist zu jung zum Sterben, unerfüllt, in einem beschissenen Tankshop.
Ludwig beschloss schließlich, sie leben zu lassen. Sie hatte keine Ahnung, wie nahe sie dem Tod gewesen war.
»Einen schönen Tag noch. Kommen Sie bald wieder«, sagte sie.
»Bete, dass ich nicht wiederkomme.«
Als Ludwig die A2 entlang fuhr, erlaubte er sich wütender zu werden, als er es seit langer Zeit gewesen war. Schluss mit dem sentimentalen Scheiß. Niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit – nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient hatte.
Glaubten die Vollidioten und Inkompetenten da draußen sie könnten ihn aufhalten? Ihn aus eigener Kraft fassen? Ihn im Fernsehen vorführen? Es war an der Zeit, ihnen eine Lektion zu erteilen; es war an der Zeit für wahre Größe. Schlag zu, wenn die Welt von dir erwartet, dass du kneifst.
Ludwig nahm die Ausfahrt zu einem Fastfood Restaurant und hielt auf dem Parkplatz.
Kinder aller Alterstufen waren da. Essen mit Spaß. Die üblichen Trottel gingen zur Mittagszeit scharenweise ein und aus. Alle gefangen im täglichen Trott, täglich mehr vertrottelnd. Mampfen diese Viertelpfünder und die fetten, streichholzdünnen Fritten.
War er der einzige, der sein Potential ausschöpfte? fragte er sich. Zum Teufel, es sah ganz danach aus.
Er betrat das Restaurant. Jede Menge Frauen waren da. Frauen und ihre ach so kostbaren Kinder, die sie mit minderwertigem Fraß voll stopfen. Diese Spatzenhirne, diese dummen Gänse mit ihrer übergewichtigen Brut.
Auch Ronald McDonald war da, in Form eines Pappkameraden. Was für ein Tag! Ronald McDonald trifft Ludwig Schicho.
Ludwig holte sich zwei Becher schwarzen Kaffee und wandte sich wieder der Menge zu. Er glaubte, ihm werde die Schädeldecke wegfliegen. Sein Gesicht und sein Hals waren rot angelaufen. Er atmete stoßweise. Seine Kehle war trocken, und er schwitzte stark.
»Ist Ihnen nicht gut?« fragte die junge Frau hinter der Kasse. Er dachte nicht daran, ihr zu antworten. So viele Gedanken und Wahrnehmungen schlugen auf ihn ein, blitzten in seinem Hirn. Wenn diese Leute auch nur zehn Sekunden in seinem Gehirn hätten verbringen können, wäre es für sie unfassbar gewesen.
Er stieß mit Absicht Leute an, als er vom Tresen wegging.
»Hey! Passen Sie doch auf! Lassen Sie das«, sagte jemand zu ihm. Schicho blieb stehen. »Was muss ich tun, um mir ein bisschen Respekt zu verschaffen? Dir das rechte Auge wegpusten?« Er trank beide Kaffeebecher auf dem Weg durch das Restaurant leer. Durch alle Leute in seinem Weg. Durch die schäbigen Resopaltische. Wenn er es gewollt hätte, auch durch die Wände.
Ludwig Schicho zog einen Revolver mit kurzem Lauf unter seiner Jacke hervor. Das war es: der Anfang des Weckrufs. Eine Sondervorstellung für das Kinderklein und die Mammis.
*
Weder Conrad noch ich, hatten mehr als ein paar Stunden geschlafen. Wir waren kaputt, als wir die A2 entlang rasten. Kurz nachdem ein Mann in einem Fastfood Restaurant begonnen hatte mit einer Schusswaffe herumzufuchteln, wurden wir angerufen. »An alle Einheiten, es geht um einen Mehrfachschützen!« sagte der Funker mit knisternder Statik. »Ein Mann, der behauptet, die ›Kröte‹ zu sein, hat bereits sechs Menschen erschossen, und hält im Augenblick noch mindestens fünfzehn Geiseln im Restaurant fest.«
Keine halbe Stunde später trafen wir am Tatort ein. Gegenüber dem Restaurant, am Parkplatz, sah ich Scharfschützen der Polizei hinter, und einige auf den Dächern von vier Lastkraftwagen, sie richteten Präzisionsgewehre auf das Gebäude.
Wir rannten auf den Eingang zu. Nach allem, was passiert war, wollten wir nicht, dass dieser Kerl erschossen wurde. Ein Polizist lief auf uns zu. »Ist einer von euch Doktor Stark?« rief er keuchend.
»Ja ich, was gibt es?«
»Er hat nach Ihnen verlangt. Er weiß das Sie die Fahndung nach ihm leiten.«
»Ich werde mal einen Blick hineinwerfen«, sagte ich zu den Polizisten. Ehe er antworten konnte, ging ich an ihm vorbei auf den Eingang zu. Ich schob mich neben einen Polizisten und zwei von der Zivilstreife, die neben dem Eingang hockten. Ich zeigte ihnen meine Marke.
Ich musste diesen Kerl da drinnen zur Vernunft bringen. Kein Massaker. Kein Selbstmord.
»Sagt er irgendwas Verständliches?« fragte ich den Polizisten. »Er hat auf meinem Kollegen geschossen. Er liegt da drinnen. Ich glaube er ist tot ... Er sagt das er die ›Kröte‹ sei. Er prahlt damit. Sagt, er will jemand Wichtiges sein.
Ich sah wieder durch das Türglas. Ich dachte an den kleinen Lukas Horvath, und an die vielen anderen furchtbaren Bilder.
»Hey Kröte!« rief ich durchs Glas. »Sind Sie die ›Kröte‹?«
»Wer will das wissen?«
»Ich bin Doktor Stark. Ich habe das Gefühl Sie wissen Bescheid!«
»Ja, ich weiß Bescheid.«
»Gut, dann kennen Sie ja die Regeln. Wir verhandeln nicht mit Ihnen. Sie wissen also, was von jetzt an passiert.«
»Ich kenne alle Regeln. Aber die Regeln gelten nicht immer«, rief die ›Kröte‹ zurück. »Für mich gelten sie sowieso nicht. Haben nie gegolten«.
»Hier schon«, erwiderte ich entschieden. »Darauf können Sie Ihr Leben verwetten.«
»Ich kenne noch eine Regel. Frauen und Kinder zuerst! Können Sie mir folgen? Frauen und Kinder haben bei mir Vorzugsstellung.«
Mir gefiel der Klang seiner Stimme nicht. Mir gefiel nicht, was er sagte. Er klang, als hätte er nichts zu verlieren. Ich musste diesem Kerl begreiflich machen, dass er auf gar keinen Fall davonkam. Es würde keine Verhandlungen geben. Falls er wieder schoss, würden wir ihn zur Strecke bringen. Ich milderte die Stimme. Ich sprach als ob er ein verängstigter Patient wäre. »Hier draußen sind eine Menge Männer mit Schusswaffen. Lange werden sie sich nicht mehr zurückhalten. Das wollen Sie doch nicht, oder?«
Drin war es still. In meinem Kopf hämmerte der Gedanke, falls der Kerl Selbstmordabsichten habe, das letzte Aufflammen seines Ruhmes würde hier stattfinden.
»Hallo, Doktor Stark.«
Plötzlich stand er auf der Schwelle, etwa anderthalb Meter von mir entfernt. Direkt vor mir. Zielte mit dem Revolver in mein Gesicht.
»Bumm!« schrie Ludwig Schicho. Gleichzeitig zog er den Abzug durch. Ich schloss meine Augen, hörte ein metallisches Klicken, gefolgt von einem Knall.
Die ›Kröte‹ wirbelte herum und klammerte sich an meine Schulter. Wir stürzten beide zu Boden. Vom Dach eines Lastwagen hatte ein Scharfschütze ihn an der Schulter getroffen. Conrad kam gelaufen, und packte den Kerl und zog ihn von mir weg. »Welch Glück für dich, du Doktorarsch«, spuckte mir die ›Kröte‹ verächtlich entgegen. »Welch Glück, dass ich schon sechs Arschlöcher vor dir erledigt habe.«
Ja, welch Glück. Ich gab meiner Mutter und meinen Kindern in Gedanken einen Kuss.

© 10. 2003 by Hans Maria Doé

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.54 Uhr
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