Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Oktober 2003
Unter dem Mantel Seiner Lordschaft
von Heidi Hoppe


Wie eine Trutzburg lag es dort aus grauschwarzem Granit, das viktorianische Schloss Lanhydrok, hineingepflanzt in die cornische Hügellandschaft nahe des River Fowey.
Die Hortensien des Schlossgartens wirkten auf die Entfernung wie die auf- und abgleitenden Wogen des Meeres in nuanciertem Pink. Der Himmel war bewölkt, doch plötzlich schickte die Sonne ihre gebündelten Strahlen durch ein Wolkenfenster. Wie ein Suchscheinwerfer, der das gesamte Anwesen von West nach Ost ableuchtete.

Gwendolyn war beunruhigt. Sie war nicht mehr die Jüngste und bereits kleine Veränderungen in ihrem Tagesablauf brachten sie durcheinander.
Sie leistete hier im Hause zusammen mit Sally, Harold und anderen älteren Herrschaften die ganz in der Nähe wohnten, ehrenamtliche Arbeit, erzählten den Touristen die das Museum besuchten, über das Leben von Lord und Lady Robartes und empfingen die Gäste in den jeweiligen Zimmern.
Gwendolyns Schritte hinterließen auf dem Parkett des Schlosses den ihr eigenen Rhythmus. Es dauerte eine Weile bis sie den Korridor des Westflügels durchschritten hatte. Sie öffnete die Tür des Speisezimmers und war erleichtert, hier ihre liebe Freundin Sally anzutreffen, die gerade –verbotener Weise- damit beschäftigt war, das Symphonium* aufzuziehen.
„Oh Sally, meine Liebe,” ihre Stimme klang brüchig. “Ich befürchte, ich habe meine Brille verloren.” Und wegen dieses Verlustes leicht zittrig
“Gwenny darling, mach dir keine Sorgen. Ich bin mir ganz sicher, sie gerade eben noch gesehen zu haben.“

antwortete diese.
Sally war sich dessen gar nicht sicher, jedoch versuchte sie, ihre Leib- und Magenfreundin zu beruhigen.
„Gwendolin, deine Brille werden wir finden. Da gibt es ganz
andere Dinge, um die wir uns sorgen sollten.“ Sie legte ihre
Stirn in Falten, zog die streng schwarz nachgezogenen
Augenbrauen nach oben und schaute in das rosa bepuderte Antlitz ihrer Freundin.
„Mir wurde zugetragen, dass sich Chief-Inspector Miller angekündigt hat.“
„Ach, Sally, der Chief-Inspector…. Es wäre nicht das erste Mal, dass der hier herumschnüffelt.
Meine Brille Liebes, meine Brille… .“
Sallys Blick wanderte zum Fenster, fixierte die cremeweißen Trompetenblüten des Stechapfels und sagte besorgt:
„Wir sollten Harold unterrichten.“
„Ich denke, er wird noch im Ankleidezimmer seiner Lordschaft sein. Wir sollten ihn fragen, ob das Gepäckzimmer abgeschlossen ist.“ entgegnete Gwen

In regelmäßigen Abständen kamen Inspektoren des Districts Bodmin ins Schloss. Es gab eine Reihe unaufgeklärter Vermisstenfälle und immer wieder führte die Beamten der Weg gerade in dieses Schloss. Seit Jahren biss sich Ron Miller die Zähne bei den Ermittlungen aus. Die Mehrzahl der vermeintlichen Opfer hatte sich um den Tag ihres Verschwindens herum auf Lanhydrok aufgehalten. Doch seine Spurensuche verlief bisher ins Nichts.

Die Alten schalteten und walteten in dem Gemäuer und fühlten sich wie die Bediensteten der einstigen Besitzer. Gwendolyn legte gar einen Gemüsegarten an. Das Besondere daran war, dass das Gemüse auf Hügelbeeten angepflanzt wurde. Sie wurde dabei von Harold unterstützt der unter den bewundernden Blicken der Damen seine Muskeln spielen ließ so gut es eben ging und –sollte ein neues Beet angelegt werden – den Boden halbmetertief aushob. Gwen wollte sich nicht von anderen in die Karten gucken lassen und schwieg sich über den genauen Aufbau der Beete aus.

Sally hatte Augen wie ein Luchs trotz ihres hohen Alters. Das war auch vonnöten, denn sie bewachte den Esstisch im Speisezimmer vor den allzu gierigen Gelüsten der Touristen.
Die Tafel war eingedeckt für das Abendessen mit einem Dessertservice von Spode um ca. 1820 und reich bestückt mit Silberbestecken, Kristallschalen mit exotischen Motiven, goldumrandeten Sammeltassen und derlei mehr. Eine rundumlaufende Kordel gab einen schrillen Warnton von sich, wurde diese berührt oder kam man den Kostbarkeiten allzu nahe.

Oft erbosten sie sich über dreiste Gäste, die sich pöbelhaft benahmen und es gar wagten, Einrichtungsgegenstände zu benutzen oder versuchten, das eine oder andere wertvolle Stück einzustecken. Sie fühlten sich Seiner Lordschaft verpflichtet und sahen sein Andenken durch derlei ungebührliches Verhalten beschmutzt. Aus bloßem Ärger wurde über die Jahre Hass.

Die betagten Freundinnen waren nun auf dem Weg zu Harold und mühten sich die Teakholztreppe herunter, vorbei an den Gemälden der Ahnengalerie von denen dumpfe Blicke jedem nachzublicken schienen.

Harold war ein Gentleman alter Schule. Er hatte die siebzig bereits überschritten - aber seine Arme waren noch stark! Harold legte Wert auf sein Äußeres. Sein wüchsiges Haar war von feinen silbernen Fäden durchzogen und stets gekonnt frisiert. Er trug einen braunkarierten Anzug und blank geputzte Lederschuhe in passender Farbe.

Endlich nun hatten die Zwei ein wenig außer Atem das Ankleidezimmer erreicht. Es war kurz nach Schließung des Museums und die letzten Touristen hatten das Schloss verlassen. Harold ordnete gerade die Utensilien auf der Frisierkommode des ehemaligen Hausherren, als die Tür sich öffnete.
„Chief-Inspector Miller hat sich angekündigt. Ist das Gepäckzimmer verschlossen?“ fragte Sally aufgeregt
„Was will der Chief-Inspector hier? Kann man uns denn nicht in Ruhe lassen?“ Harold war erbost.
Er öffnete sein Jackett, zog ohne ein Wort zu verlieren den überdimensionalen Schlüssel ein wenig hervor und ließ ihn wieder in der Innentasche verschwinden.
„Da ist er ja, unser lieber Schnüffler.“ Gwendolyn wies gelassen zum Fenster.
Sie sahen, wie Ron Miller seinen Vauxhall gleich neben dem Pförtnerhaus parkte, ausstieg, sich gemächlich eine Pfeife anzündete und auf den Haupteingang zuging. Er stoppte kurz an dem reich blühenden Trompetenbaum, umrundete ihn, bückte sich kurz und ging dann weiter.

Auch Sally frönte hier am Schloss einer ihrer Leidenschaften. Sie pflegte die Trompetenblumen, auch Stechapfel oder Datura genannt, eine hoch wachsenden Pflanze mit trompetenartigen Blüten deren Duft unzählige Besucher betörte. Sally war eine wahrhaftige Liebhaberin dieses Blickfanges. Im Laufe der Jahre hatte sie sich allerlei Wissen über dieses Gewächs angeeignet. So wusste sie zum Beispiel, dass im Samen ein hoher Anteil an Alkaloiden vorhanden war, ein Gift, das zu Atemlähmungen führen konnte.

Ron Miller öffnete die Tür zum Ankleidezimmer und wurde mit den Worten empfangen:
„Lieber Chief-Inspector. Schön, Sie zu sehen.“ Gwendolyn ging auf ihn zu und begrüßte ihn überschwänglich. Sie verstand es mit ihrer herzlichen Art, Menschen für sich zu gewinnen.
Ron Miller war angetan von den älteren Herrschaften, die so selbstlos ihren Dienst taten.
„Guten Abend Mrs. Dexter.“ Er reichte Gwen die Hand, begrüßte die anderen und wandte sich an Sally:
„Ich habe ein Anliegen. Meine Frau hatte mich gebeten, nach Feierabend hier noch vorbeizuschauen. Ich solle nach der Trompetenblume fragen. Diese Pflanze hat sie in ihr Herz geschlossen Und als ich gerade daran vorbeigehe, sehe ich doch diese Brille dort am Boden liegen.“
„Meine Brille. Mr. Miller, sie wissen gar nicht, wie hilflos ich ohne diese bin. Ich suche sie schon seit Stunden.“ Mischte Gwen sich ein.
„Meine bescheidene Bitte wäre, ob sie nicht einen Ableger davon hätten? Ich denke, Sie, liebe Mrs. Wood, sind die Expertin gerade für diese Pflanze?“
Sally ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Was brachte ihn dazu, diese Behauptung aufzustellen? Hatte er sie etwa dabei beobachtet, als sie die Samen dieser Pflanze absammelte?
„Ach, lieber Chief-Inspector, was Sie nicht sagen. Sie schmeicheln mir.“ Flötete sie ihm zu.

Eigentlich hatte er ja Recht. Doch wusste er auch, dass ihre Pflanzenkenntnisse über das Übliche hinausgingen?
„Nun kommen Sie, lieber Mr. Miller. Ich habe noch einige Jungpflanzen. Davon kann ich Ihnen gern eine mitgeben.“
Gwendolyn unterbrach sie nervös:
„Ach Sally, ich werde mit Mr. Miller hinausgehen.“
Sie reichte ihm kurzerhand ihren Arm und beide gingen nach draußen. Gwendolyn gab sich gebrechlicher als sie war, hängte sich an ihn und fragte nebenbei:
„Was machen eigentlich die Vermisstenfälle? Haben Sie da schon…?“
„Erinnern Sie mich nicht daran, liebe Mrs. Dexter. Letzte Woche hatten wir wieder einen solchen Fall. Vielleicht taucht der Mann ja noch auf, aber unter uns: Wir sind nicht ein Stück weitergekommen. Jetzt haben wir schon zwölf Vermisste.
„Mein Gott, lieber Robert! Das ist ja schrecklich. Übrigens die Möhrenernte ist in diesem Jahr wieder außerordentlich üppig ausgefallen und der Geschmack…. kommen Sie doch kurz mit zu den Hügelbeeten. Dann gebe ich Ihnen noch ein paar mit einer Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin. Der Inspektor sah sich den Gemüsegarten an. Er war beeindruckt von der üppigen Pracht der Gemüsesorten, wunderte sich aber nicht, dass ein Beet noch nicht fertig gestellt, sondern lediglich der Boden ausgehoben war.

Sally und Harold standen am Fenster. Sie waren wie vom Donner gerührt als sie sahen, wohin Gwendolyn den Inspektor zerrte.
„Sieh nur. Typisch Gwen! Sie treibt es auch immer auf die Spitze. Wenn sie ihre Brille verliert, ist sie am Boden zerstört, aber den Nervenkitzel da, den braucht sie,“ empörte sich Harold.

*Spieluhr

©Heidi Hoppe
10/2003














Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.11 Uhr
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