Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Oktober 2003
Reise zum Mittelpunkt der Metafiktion
von R. Funke


(Subtitel: Terzianas Krimi)

(Anmerkung des Autors: Eine Kriminalgeschichte zu schreiben, ist eine schier unmögliche Aufgabe für jemanden, der sich in diesem Genre absolut nicht auskennt. Der innere Schweinehund spielt gleich einen kompletten Katalog von eingebildeten Hindernissen aus – die sich als Erotik, SF und Satire in den Weg stellen. Doch am Ende zählt doch nur der Versuch und die Phantasie, oder? ;-)

Samstags war Showtime.
Man konnte die Uhr nach mir stellen – um Punkt acht betrat ich mein Stammcafé und hastete zum Klavier. Ein kurzer Blick hier, ein knappes Hallo dort, gespannte Erwartung in den Gesichtern der ersten Reihe: Was hat er diesmal in petto? Womit wird uns der Autor, der eigentlich Pianist werden wollte, heute überraschen? Wird es einen Bezug zwischen Musik und anschließender Lesung geben?
Meine Fans.

Dem gegenüber stand die Barfraktion der Kritiker und Berufsnörgler. Sie lehnten lässig am Tresen und kämmten sich die schmierig-schöngeistigen Haarstränen aus der Stirn - unrasiert, wie U-Bootkommandanten der Kriegsmarine – bereit für ihren ersten Schuss vor meinen Bug.
Ich lockerte meine Finger und zog ein hämisches Grinsen über mein zweites Gesicht. Meine Hände erhoben sich über das Schwarz-Weiß und stießen herab. Der Schlussakkord von Wagners Götterdämmerung ertönte gewaltig in seiner ganzen, pathetischen Grabesschwere. Ich ließ es mit durchgedrücktem Pedal bis ins Pianissimo schweben und jenseits der menschlichen Hörschwelle entfliehen. Dann schloss ich den Deckel, strich liebevoll über den wolkenlosen, schwarzen Schellack und drehte mich in Richtung Publikum. Die Fans strahlten verzückt – den Kritikern stand das übliche Fragezeichen auf der Stirn. Das war meine Welt – differenziert in den Farben der Klaviatur, passend zwischen zwei Buchseiten.
So einfach kann es sein, wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt, den Gläubigen ihre Phantasien belässt und den Gegnern wenig Angriffsfläche bietet.

Ich stieg auf den Klavierhocker, balancierte auf einem Bein und breitete meine Arme wie Rios steinernes Wahrzeichen aus.
„Freunde, Protagonisten und andere Figuren aus den Tiefen der Ozeane!“, begann ich meine Rede; und jeder wusste sich einzuordnen.
„Kein Chopin, kein Schönberg. Romantiker und Mathematiker mögen mir vergeben. Statt dessen: Des Teufels Komponist. Kommen wir zum zweiten Akt.“
Ich stieg wieder hinab, schob den Klavierhocker an meinen runden Stammtisch, zog einen Stapel Papier aus meiner Aktentasche und breitete vier Blätter auf dem Tisch aus. Sie strahlten noch in jungfräulichem Weiß – kein Tintenfleck hatte sich bisher ihrer Reinheit bemächtigt - der Alptraum vieler Schriftsteller, doch für mich wie ein Schwamm, der sich gierig meiner Phantasie bediente.
„Heute werde ich nichts zum Besten geben. Heute werde ich mit euch gemeinsam schreiben. Über euch und mich, die Gegenwart und ihre mögliche Metafiktion im Rahmen dieses Experiments.“
Wohlwollende Zustimmung aus der ersten Reihe, stummer Beifall – starre, ablehnende Blicke vom Tresen.
„Oh, ihr seit alle beteiligt. Auch ihr Nihilisten an den Zapfhähnen. Ob aktiv oder passiv bleibt jedem selbst überlassen, doch entziehen kann sich niemand.“
Der Zerstörer wechselte seinen Kurs, ging auf volle Fahrt und lauschte dem Echolot. Noch gab es keine verräterischen Resonanzen meiner Gegner.
Ich schrieb die erste Zeile auf das Papier: Man konnte die Uhr nach mir stellen – um Punkt acht betrat ich mein Stammcafé und hastete zum Klavier.
Dann zog ich einen Strich, der das Ende der Einleitung kennzeichnete und fügte hinzu: ... Dann zog ich einen Strich, der das Ende der Einleitung kennzeichnete und fügte hinzu:
Der kaleidoskopische Aufbau war somit gegeben, nun bedurfte es nur noch eines aktiven Antagonisten.


Es war meine Art, mich von Vorgaben und Terminen abzulenken. Mein Verlag verlangte seit Wochen einen Krimi von mir – ich hatte jedoch nie einen Krimi geschrieben, und ehrlich gesagt hatte ich auch weder Lust noch Ideen, was dieses Genre betraf. Ich war urlaubsreif und wollte frei sein, meine eigenen Vorstellungen befriedigen, auch wenn sie zum Teil ins Absurde führten und Gebilde in Form und Darstellung erschufen, die nicht jeder im Stande war, nachzuvollziehen.
Auf Rechtschreibung und Zeichensetzung legte ich auch schon lange keinen Wert mehr – zum einen, weil die Regeln ständig reformierten und zum anderen, weil Orthografie und Interpunktion mir kreative Lebenszeit raubten. Schließlich machte es auch keinen Sinn, mit der Lektorin in Konkurrenz zu stehen, da ich auf sie angewiesen war und der Qualität ihrer Arbeit vollends vertraute ... doch das war eine andere Geschichte.

Ich schaute gespannt in die Runde. Wer würde sich trauen, aktiv an meinem Experiment teilzunehmen?
Eine Frau nahm direkten Augenkontakt zu mir auf. Sie lehnte am Rahmen der Zwischentür und hielt ein halbvolles Sektglas in der Hand. Eine asiatische Dame mit dunklem Teint und von zierlicher Gestalt. Sie kam auf mich zu, blieb an meinem Tisch stehen und griff ohne Scheu nach meinem Arm.
„Komm, wir schreiben eine Geschichte. Über dich, dein Umfeld und Terziana, die man auch Zina nennt.“
Ich wand mich von den leeren Blättern ab – brauchte sie nicht, um meine Gedanken zu fixieren und ließ mich von Terziana entführen.
Die Fans klatschten, die Kritiker rollten mit den Augen – Zina und ich eroberten die Nacht mit all ihren Gefühlen und Geheimnissen.
„Vor 25 Jahren in Paraguay als Tochter japanischer Einwanderer geboren, falls es dich interessiert“, sagte sie beim Durchschreiten des Lichtkegels einer Straßenlaterne. Ich wollte der Exotik und ihrem ungewöhnlichen Akzent meine Stadt zeigen - das romantische Nachtleben eines vor Jahrhunderten im Dornröschenschlaf erstarrten Ortes. Die Fixierung auf ihre Figürlichkeit stand im krassen Gegensatz zu meiner sonst eher abgeklärten Haltung.
Protagonist und Autor verschmolzen zu einer Einheit, in der die personelle Hingabe die prosaische Grundregel der fiktionalen Distanz aufs Gröbste verletzte.
Die Stadt erwachte und erwuchs mit jedem unserer Schritte. Wir tingelten durch Bars und Szenekneipen, amüsierten uns zwischen Köstlichkeiten und geistigem Austausch.
Zina erzählte mir Dinge über mich, die nur ich wissen konnte; und ich berichtete über ihre Kindheit, als hätte ich sie selbst erlebt. Nun vereinigten sich Pro- und Antagonist und ihr gemeinsamer Autor schwang den Taktstock des Duetts und notierte im Geiste: ... und schwang den Taktstock des Duetts ...

Im La Bouche bestellte ich Hummer am Stück, war grade im Begriff, den Panzer zu öffnen, als Zina fragte: „Und was ist dein Problem?“
Ich legte die Gabel bei Seite und versuchte die Motivation ihrer Frage zu ergründen, weil ich sie ihr nicht in den Mund gelegt hatte. Zina stahl sich aus der Kontrolle meiner auktorialen Ebene.
„Diese Frage entzieht sich der Perspektive. Wer erzählt hier über wen?“
Meine Antagonistin schien unbeeindruckt meines Einwands und wiederholte ihren Dialog: „Und was ist dein Problem?“
Ich ahnte die Einmischung einer dritten Figur, die sich als Selbstreflexion meines Autoren-Ichs erweisen könnte und antwortete: „Ich kann keine Krimis schreiben. Ich finde keinen Bezug zu diesem Genre.“
„Fehlt es dir an Phantasie und Vorstellungskraft?“
Der durchgegarte Hummer auf meinem Teller öffnete seine Scheren, fuhr seine Stilaugen in Richtung Terziana aus und antwortete für mich: „Ich glaube nicht, dass es etwas mit Phantasielosigkeit zu tun hat.“ Daraufhin krabbelte das Tier vom Tisch, schlängelte sich zwischen den Beinen der Bedienungen hindurch und rief: „Nein, ich glaube auch nicht, dass es ihm an Vorstellungskraft mangelt!“
Zina schien amüsiert von meiner kleinen Darbietung phantastischer Dialogik. Sie lächelte und ihre Mandelaugen verengten sich zur letzten Phase des abnehmenden Mondes. In dieser Mimik hätte ich sie gerne eingefroren und aus dem Korsett meiner Phantasien befreit ... sie zu einem realen Wesen als Materialisation meiner Vorstellung erhoben.
„Was ist es dann, was dich zurückhält? Ein Krimi ist, wenn ein Verbrechen geschieht.“, dozierte mein Gegenüber.
„Schon klar. Doch Verbrechen geschehen überall und andauernd. Und nicht wenige davon mit Duldung ihrer Umwelt. Der Moralkodex unserer Gesellschaft sieht jedoch vor, dass es kein perfektes Verbrechen gibt, und dass die Aufklärung der Tat und die Überführung der Schuldigen im Mittelpunkt dieses Genres stehen. Zugegeben, die Herangehensweise und die spezielle Logik kriminalistischer Autorenhirne ist bewundernswert – aber es ist nicht meine Welt, Zina.“
Sie öffnete ihren Hummer und schälte das rosa-weiße Fleisch heraus, ohne Reaktion des Schalentiers. Ich hätte mit ihr über das Thema Umweltschutz, Artenerhaltung oder das Vorhandensein von Tierseelen und deren Empfindungen diskutieren können, wollte ihr aber nicht den Genuss verderben. Es war die Inkonsequenz von Überzeugung und Handlung, die den Protagonisten mit seinem Autor verband, mit gleichzeitigem Wissen, dass Zina eine Antagonistin war, die begann, sich meinem Einfluss zu entziehen.
Ich bestellte einen Salat.
„Vielleicht sind es die notwendigen Handlungen der Figuren, die dich abschrecken, einen Krimi zu schreiben“, sprach sie mit vollem Mund, sprang auf, lief zum Nachbarstisch und stieß ihre Gabel in den Hals eines Gastes.
„Gestatten, Reinhardt Maier“, sagte jener unbeeindruckt des Blutschwalls, der seiner Halsschlagader entsprang, „Krimis bedürfen Opfer und gewalttätiger Handlungen.“
„Ja, vielleicht liegt es wirklich darin begründet, warum ich dieses Genre nicht bediene“ erwiderte ich, während Zina sich wieder ihrem Hummer zuwand und ich gelangweilt im Eisbergsalat nach Vitaminen stocherte.
Als wir das Lokal verließen, war bereits ein Rettungswagen eingetroffen, um das Opfer Zinas Demonstration einzuladen. Seine Überlebenschancen schienen nach Meinung der zivildienstleistenden Sanitäter nicht sehr realistisch. Uniformierte Hiwis der Schutzorgane spannten weiträumig Dressierband und hoben die Absperrung dienstbeflissen, sobald ein ziviler Beamter den Tatort betreten wollte. Sie malten weiße Kreidestriche und kämmten die Umgebung nach Blut-, Haar- und Speichelproben ab, befragten Gäste, Ober und sonstige Verdächtige. Es war ein hektisches Gewusel und Gepinsel unterlegt vom Klicken der Kameras und dem Geräusch von Graphit auf holzfreiem Papier.
Ich teilte mir mit Zina einen Platz in der ersten Reihe hinter der Absperrung – zusammen mit anderen Schaulustigen und jenen Figuren, denen die Gier zur Befriedigung des Morbiden ins Gesicht geschrieben war.
„Vielleicht ist es auch die übliche Routine der Handlung, die Location und das Vorgehen ihrer Helden, die mein Interesse am Crime unterminieren.“
Meine Begleiterin hatte derweil zwei Vanille-Milchshakes aus einem angrenzenden Fastfood-Imbiss organisiert – niemand in dieser Szene konnte wissen, dass der Autor auf Vanille stand.

Dann rief jemand der Gäste: „Das sind die beiden! Sie hat auf ihn eingestochen - er hat zugesehen!“, und zeigte auf uns, woraufhin die Uniformierten sogleich losstürmten und meine Gefährtin und mich überwältigten. Die Polizisten drückten ihre Hände auf unsere Scheitel, um uns beim Verfrachten in den Steifenwagen nicht zu verletzen – Rücksichtnahme, auf Grund korrekter Verhaftungsrichtlinien. Nichts könnte peinlicher sein, als dass der Prozess wegen brutaler Vorgehensweise seitens der Staatsorgane geplatzt wäre.
Zina pfiff eine Melodie von Chopin, mit der ich für gewöhnlich meine samstäglichen Lesungen einleitete. Zwischen meinen Zähnen klemmte noch ein Salatblatt, der Milchshake war mir beim Zugriff aus der Hand gerissen worden und langsam bekam ich Hunger.
Wir schauten durch die Gitter in den Vorderraum des Polizeiautos und ich sagte zu Zina: „Ist es das, was du normalerweise durchlebst?“
„Yepp“, antwortete sie knapp, grinste und nahm mich nymphomanisch auf dem Rücksitz unter Beschlag. Die Fahrt verlief mit kreisenden, blauen Lichtern ohne Rücksichtnahme jedweder Verkehrsregeln. Bei der Ankunft vor dem Präsidium musste man uns mit Gewalt und Wasserstrahl, wie zwei ineinander verbissene, notgeile Kampfhunde trennen und ich stolperte die Treppen des Portals hinauf, während ich versuchte, Hosenschlitz und Gürtel zu schließen. Zina war einfach nur heiß, und ich fragte mich, warum mir solche Figuren nicht in meinen SF-Stories einfielen.

Fingerabdrücke – rechte Hand, linke Hand - Fotos mit Nummer – von links, von rechts und frontal. Bitte lächeln. Ich war mir bewusst, dass ich hier als Autor der Szene stand, also lächelte ich. Im Verhörraum trafen wir uns wieder. Guter Bulle, böser Bulle auf einer Seite des Tisches – böse Antagonistin und guter Autor auf der anderen Seite.
Das Starsky&Hutch-Gespann stellte die üblich dämlichen Fragen, versuchte uns mit Einschüchterung, Überzeugung, Nettigkeiten und Drohungen weich zu kochen. Ich wünschte mir, mit Zina fünf Minuten allein zu sein, um zu beenden, was im Streifenwagen begonnen hatte. Und Zina sah so aus, als würde sie es auch wollen.
„Das ist langweilig“, sagte ich mitten im Verhör zu ihr, „lass es uns lieber tun. Wie wäre es mit einem Liebesroman im Groschenformat oder vielleicht einem theatralischen Dr. Schiwago? Einer Romanze auf einem fernen Planeten oder als Gestrandete der blauen Lagune? Wir könnten uns natürlich auch auf die neurotisch-komplizierte Art eines Woody Allen oder einer Barbara Streisand nähern. Also sag an, Zina. Sex oder Cime? Deine Zustimmung genügt, und wir könnten sofort das Genre wechseln.“
Anstelle von Zustimmung erntete ich nur einen kritischen Blick und ein gereiztes: “Hör mal, schließlich bist du es doch, der einen Zugang zu diesem Genre sucht!“
Ja, ok, also lass ich es über mich ergehen.
Das Verhör zog sich hin. Ich bestellte Pekingente mit Camembert und Glückskeksen. Zina rollte mit den Augen. Mein Magen füllte sich und ich begann mich zu amüsieren, während die Bullen Zina in die Mangel nahmen, ihr eine Plastiktüte über den Kopf zogen und Weihnachtsmärchen aus ihrer Kindheit vorlasen. Ich öffnete einen Keks und entrollte den Sinnspruch des Tages: Achte, mit wem du dich umgibst.
Ha, zu spät, dachte ich.

In der nächsten Szene befanden wir uns schon vor Gericht. Uns zierten Hand- und Fußfesseln sowie ein orangener Overall mit der Aufschrift Böses Mädchen, beziehungsweise Ich war als Kind schon Scheiße. Der Pflichtverteidiger plärrte sein unverständliches Kauderwelsch in den Saal, und Staatsanwalt, Richter und Zeugen plärrten zurück. Ich schlurfte zur Gerichtsschreiberin und schaute ihr interessiert über die Schulter. „Das sind ja mega-viele Anschläge pro Minute. Schon mal daran gedacht, Literatur zu verfassen?“
Zina pfiff mich zurück: „Konzentriere dich auf die Handlung!“
Ich begriff weder Ver- noch Handlung und dachte an all die Abenteuer, die ich an Bord eines intergalaktischen Raumkreuzers hätte zwischenzeitlich erleben können, wenn ich mich nicht auf diesen kriminalistischen Diskurs eingelassen hätte.
„Gibt es irgendwelche Verfahrensfehler oder Verstöße gegen die Haftbestimmungen anzumelden“, fragte Richter Gleichistmittagspause.
Das verstand ich. „Ja, euer Ehren“, meldete ich mich zu Wort, „mein Milchshake wurde mir bei der Verhaftung entwendet und meine Freundin wurde mit gefühlduseligen Weihnachtsmärchen zu einem Geständnis gezwungen! Eigentlich hatte ich nur vorgehabt, eine metafiktionale Story zu schreiben, aber nun fängt mir der ganze Mist langsam an, auf die Nerven zu gehen. Ich beantrage Freispruch.“
Staatsanwalt Nocheineminutebiszurmittagspause stimmte überraschenderweise meinem Antrag zu, und keine zehn Minuten später atmeten Zina und ich wieder den ungefilterten Duft der Freiheit – die coolen Overalls durften wir als Haftentschädigung behalten.

Wir schlenderten durch die Gassen meiner aus dem Dornröschenschlaf erwachten Stadt. Ein virtuelles Paar, das niemals hätte aufeinandertreffen dürfen – zumindest nicht in dieser metafiktionalen Verbundenheit – und schon gar nicht in diesem Zweig der Literatur.

Kurz bevor wir mein Stammcafé wieder erreichten, blieb sie unter der Laterne stehen und hielt mich am Arm fest. „Bitte“, sagte sie, „ich weiß nun, wer und was du bist. Bitte befreie mich aus diesem fiktiven Kosmos als Figur des kriminalistischen Genres und nimm mich mit in die Realität. Zeige mir, was außerhalb der Mauern von Phantasie und Vorstellung geschieht. Du hast doch die Macht dazu – schließlich bist du der Autor dieser Kurzgeschichte ...“
Hinter den Fenstern des Café gestikulierten die Schatten von realen Bewunderern und Gegner in ihrem samstäglichen Glaubenskrieg. Ich wand mich Terziana zu. „Ich denke, meine Liebe, ein Entfliehen aus deiner eigenen Welt ist dir nicht möglich. Die Perspektiven und Seinsebenen von Autor und Figur sind semipermeabel ... aber was würdest du davon halten, wenn ich bei dir bliebe, weil es vielleicht ein Verbrechen wäre, dich mit dieser Erkenntnis allein zu lassen? – Ein Vergehen, wie in einem Krimi ... und am Genre selbst.“
„Ach du ...“, erwiderte sie mit einem bezaubernden Lächeln, „geh nur. Ein Romantiker und Phantast hat nichts in der Welt von Betrug, Mord und Totschlag zu suchen. Du würdest am Ende nur verzweifeln und in all dem Bösen deinen Glauben an das Gute verlieren.“
Die Fassaden der alten Stadt verschwanden im Boden und an ihrer Stelle schossen Glaspaläste in den Himmel. Sprechende Ampeln leiteten Massen von außerirdischen Besuchern über mehrstöckige Highways. Robocops verteilten Strafzettel an falschparkenden Raumschiffen oder flirteten ganz ungeniert mit dreibusigen Dirnen. Am Ende löste sich auch die Straßenlaterne auf – und mit ihr Terziana.
Eine Mischung aus Frosch und Friedhofsglypte zupfte an meinem Ärmel und fragte in einem primitiven Retrodialekt nach dem Weg zum Raumflughafen. Ich starrte immer noch auf die Stelle, an der sich Terziana einst befunden hatte und dachte an die schöne Zeit, die wir zusammen auf dem Rücksitz eines Streifenwagens verleben durften.
„Pass auf“, fauchte ich den Passanten an, „quatsche nie, ich meine niemals, einen Schriftsteller blöd von der Seite an, wenn er versucht, seine Phantasien aufrecht zu erhalten!“
Die Froschglypte hüpfte erschrocken davon und ich kehrte in mein Stammcafé zurück.

Die Fans empfingen mich mit Begeisterung – ich musste einige Runden verschiedener Alkoholika über mich ergehen lassen. Um die Augen der Kritiker hatten sich derweil blaue Ringe von den Abdrücken der Periskope gebildet.
Gelöst, doch von leichter Tristesse berührt, setzte ich mich ans Klavier und spielte für die guten Menschen Chopin mit einem improvisierten Touch von Schönberg.
Romantiker und Phantast hat sie mich genannt.
Salzige Tropfen fielen auf die Klaviatur.
Ein Kritiker stand hinter mir und legte seine Hand auf meine Schulter: „Wir sind nach Sichtung des Materials zu dem Schluss gekommen, dass ihr Beitrag anerkennenswert ist. Selbst für einen Science Fiction Autor.“
Daraufhin legte er vier lose Blätter auf die Notenablage und ich las: „Terzianas Krimi. Anmerkung: Semipermeabilität ist Illusion – nichts ist unmöglich. Schau dich um, dann erkennst auch du es.“
Und ich schaute mich um.
Am Rahmen der Zwischentür lehnte das bezaubernde Wesen, das ich nächste Woche zu heiraten gedachte und proste mir mit einem Glas Sekt zu. Ihre asiatisch-paraguayanische Abstammung entsprang nur meiner Einbildung, meinem Wunschdenken, in der ich sie als Figur meiner Geschichte eingebunden hatte. Sie besaß nur noch wenig menschliche Züge. Ihre Stirn war blau und wölbte sich wie eine verwachsene Zucchini zum Nacken und ihre großen, starrenden Augen besaßen keine Lider – dort wo sie herkam, gab es keinen Grund, die Augen zu schließen.
Sie war ein Supervisor der Metafiktion, meine heilige Muse und entstammte einem Planeten, über den man nur hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln wagte. Borderless war sein Name und Programm – beschienen von einer schwarzen Sonne, die niemals unterging und deren Licht und Schatten für Homanoide nicht zu differenzieren war.
Ich lief ihr entgegen, kniete vor ihr nieder und küsste ehrfurchtsvoll die dürre Extremität, die zwischen ihren vielen Brüsten und Bauchnabeln erigierte.
„Danke für dein Erscheinen, Meisterin der perspektivischen Grenzüberschreitung. Ich hätte ahnen sollen, dass du dich hinter Terziana verbirgst. Eine gelungene, geschmackvolle Überraschung, meine Liebe.“
Sie zog mich hoch, zu sich, ganz nah heran, steckte ihre lange Zunge in mein Ohr und flüsterte mir mit der feuchten Spitze direkt in den Frontallappen: „Weißt du nun, was ein Krimi ist?“
„Nein, Eure Herrlichkeit“, antwortete ich benommen von der Anwesenheit ihrer geistigen Omnipotenz, „aber ich weiß nun, dass mich kein Genre wirklich schrecken kann, und dass die grenzenlose Phantasie alles ermöglicht.“
„Fein, „sagte sie nach einer Weile, legte ihren Kopf auf meine Schulter und bat mich: „Spielst du noch etwas von Chopin? Nur für mich? Ein letztes Mal?“
„Nichts lieber als das, wenn du mir beim Abschluss meines heutigen Vortrags hilfst.“
„Wie hättest du es denn gerne?“
„Füll den Raum ein wenig mit deiner Einbildungskraft, Göttliche. Wie wäre es mit einem Alptraum in Form eines kleinen Einblicks in die Realität?“
„Individuell?“
„Ja, für jeden soviel, wie er grade mal ertragen kann. Und für die Kritiker noch ein Quäntchen mehr.“
Während ich zum Klavier ging, beobachte ich die angsterfüllten Blicke der Kritiker und Fans. Wir alle sind Menschen, dachte ich. Sie alle – nur außerhalb unseres Cafés gab es keine Menschen. Meine Schritte verlangsamten sich und plötzlich wurde auch ich mit der bestürzenden Wahrheit konfrontiert. Das Wesen, das sich heute Zina nannte, öffnete mit ihrer alles durchdringenden Sendung einen winzig kleinen Spalt zur Realität in meinem Geist.
Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. Meine Stimmung wechselte von Hingabe zu Erschrecken. Die Angst besaß keine Objekte mehr, an denen sie sich hätte festmachen können – sie konzentrierte sich hingegen auf eine endlose Leere und Geräuschlosigkeit.
„Sie sind es, die uns hier gefangen halten!“ schrie ich hysterisch wie von Sinnen und zeigte auf Zina. „Sie manipulieren und pferchen uns in ihrer Gedankenwelt ein.“ Ich hob den Klavierhocker und warf ihn durch die Frontverglasung des Cafés. „Seht ihr? Dort draußen existieren keine mehrstöckigen Highways.“ Das Loch in der Scheibe bot einen Blick ins abgrundtiefe Schwarz. „Dort draußen existiert rein gar nichts! Wir sind nur eine Blase ihrer Fantasien.“
Als ich zum letzten Mal Chopin spielte, beendete mein geliebtes, göttliches Wesen ihre Demonstration und ich flüsterte: „Wir sind die Figuren, und sie sind die Autoren – Fügung und Lenkung – doch wer sind dann die Leser und welchem Universum entstammen sie? ... “
Um mich herum zerkleinerten Fans und Kritiker im Vollrausch das Café und waren, von meiner Erkenntnis angesteckt, ausnahmsweise mal einer Meinung. Sie hatten den Weg in ihre persönliche Fiktion nicht mehr zurückgefunden und benahmen sich wie Geistesgestörte.
Ich bedauerte sie nicht – schließlich endeten meine samstäglichen Lesungen immer mit Tumult und Wahnsinn für die anwesenden Zuhörer.
Terziana saß auf meinem Schoß, ich küsste ihren Nacken, wir spielten eine Arabeske für drei Hände – ihre auf den Tasten, meine zwischen ihren Schenkeln. Sie hatte mir heute eine erkenntnisreiche Vorstellung geliefert – ich liebte sie für ihre Ehrlichkeit und Bereitschaft, mir ihre Art der Realität schonend zu vermitteln.
„Der Leser, mein Liebster“, sagte sie erheitert von ihrer neuentdeckten menschlichen Leidenschaft, „ist ein unbekanntes Wesen – selbst für uns Metafiktionen in den Schatten der schwarzen Sonne von Borderless.“
„Nun gut, aber eines würde mich noch interessieren: Wer schrieb diese Kurzgeschichte – du oder ich?“
Ihr Körper bebte in Ekstase und schien es zu genießen, in seiner jetzigen Form die Augen schließen zu können. „Ist das wirklich wichtig?“, hauchte auf dem Gipfel ihrer Lust, während meine Saat zum Mittelpunkt der Metafiktion reiste.


Tagebucheintrag: Sonntag 10:30.
Bin heute neben einer schönen jungen Frau mit Mandelaugen aufgewacht.
Nächsten Samstag werde ich mich zurückhalten. Auf Dauer übersteigen sonst die Schäden der Lesungen die spärlichen Tantiemen meiner SF-Romane ... Nächster Termin: Abgabe dieser Kurgeschichte – anschließend die Overalls in die Reinigung bringen, zwei Tickets nach Borderless kaufen [ein Humanoid, eine Außerirdische] Aufgebot bestellen und Zina in einer weißen Kutsche zum Raumflughafen fahren ... ich hoffe, sie behält ihre jetzige Form ... ich steh auf Asiatinnen aus Paraguay – lass mich aber auch gerne von ihrer Instabilität überraschen – schließlich gibt es noch viel zu entdecken, wofür ein einfaches Menschenleben zu kurz erscheint.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.02 Uhr
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