Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Oktober 2003
Komm, tanz mit mir!
von Elsa Rieger


Beschwingt tanzte sie die steile Gasse vom Cottage hinunter Richtung Hauptstrasse.
Sie sang leise vor sich hin:
I just wanna feel real love
In a life ever after
There's a hole in my soul
You can see it in my face …

Fast den ganzen Abend hindurch wurde dieser Song von Robbie Williams auf der Party gespielt, von der sie eben kam. Nur widerstrebend hatte sie sich von ihren Schulfreunden dort verabschiedet. Doch sie musste sich beeilen, um den letzten Bus nach Hause zu erwischen.
Sie hatte das Pech, aus einem anderen Stadtteil zu kommen; die meisten ihrer Freunde wohnten hier, in der Nähe des Gymnasiums, das sie alle besuchten. Klara warf einen Blick auf die Armbanduhr und begann zu laufen. Sie hatte die Strecke unterschätzt, da sie auf dem Weg zur Party am Nachmittag von einem der Gäste mit dem Skooter beim Bus abgeholt worden war. Zu Fuß hieß das jetzt allerdings eine gute halbe Stunde marschieren.

Außer Atem kam sie bei der Bushaltestelle an. Sie studierte die Abfahrtstafel.
‚Shit!’, knirschte sie, als sie feststellte, dass der letzte Bus vor zehn Minuten abgefahren war. Sie setzte sich ärgerlich auf die Bank bei der Haltestelle und kramte in ihrer Tasche herum. Nein, sie hatte nicht genug Geld für ein Taxi bei sich und zurückgehen mochte sie diesen steilen, langen Weg bergauf auch nicht mehr.
Sie entdeckte auf der anderen Straßenseite eine Telefonzelle und ging hinüber. Erst als sie die Münze eingeworfen hatte, um ihre Eltern anzurufen, bemerkte sie, dass das Telefon nicht funktionierte. Das Party-Hochgefühl, von dem sie eben noch erfüllt gewesen war, wich einem Hauch von Tränen und Ratlosigkeit.
Das Mädchen hörte bereits die vorwurfsvolle Stimme ihres Vaters, der sicher schon im Vorzimmer ruhelos auf und abwanderte, wie er es jedes Mal machte, wenn seine ‚Puppe’ – wie er sie zärtlich nannte - ausgegangen war.
Wenn sie sich darüber ärgerte, sagte er: ‚Du bist fünfzehn, kleines Fräulein, also sei froh, dass du überhaupt schon ausgehen darfst.’

Energisch schüttelte sie den Kopf, wie um diese Gedanken zu verjagen, atmete kräftig durch, verweigerte, sich diesem Anflug von Schwäche hinzugeben und lenkte ihre Schritte stadteinwärts.
Diese Villengegend war um die Zeit wie ausgestorben, nur ab und zu fuhr ein Wagen rumpelnd über das Kopfsteinpflaster. Das nächste Auto, das herankam, verlangsamte das Tempo auf ihrer Höhe.
Ein Bursche streckte seinen Kopf aus dem Fenster: ‚Na, magst nicht mitfahren?’
Aus den Augenwinkeln versuchte Klara einen Eindruck von dem Kerl zu bekommen, während sie schneller ging. Der Wagen fuhr neben ihr her. Dann trat sie ungeschickt zwischen zwei Pflastersteine und knickte mit dem linken Fuß um.
‚Bist müde, hm?’, kommentierte der Fahrer. ‚Na komm, steig ein, wir bringen dich - ’, sagte er freundlich.
Ja, sie war müde, unsicher, frustriert. Als sie sich bückte, um den irritierten Knöchel zu reiben, riskierte sie einen Blick in den Wagen. Außer dem Fahrer waren noch zwei Burschen im Fond, sie winkten ihr vergnügt zu. Weder unterschieden sie sich in ihrem Verhalten, noch im Aussehen von ihren Mitschülern, etwas älter mussten sie sein, zumindest der Wagenlenker, doch das war schon alles, kurzentschlossen stieg sie ein.
Sogleich fiel die dunkelgraue Stimmung ab von ihr, und sie plauderte drauf los, nachdem sie Timmy – so stellte sich der Fahrer vor – die Wohnadresse genannt hatte. Sie erzählte von der Party und ihren Freunden, von der Schule und ihren Leistungen. Klara sprach von ihren Plänen, Psychologie zu studieren, ihr Tonfall war voll brennender Leidenschaft, als sie über die menschlichen Emotionen und Abgründe der Seele philosophierte.
Die leise mahnende Stimme in ihrem Inneren, die langsam hoch kroch und flüsterte: pass auf, Puppe, keine gute Idee, Puppe ... übertönte sie mit ihrer Suada. Die Musik aus dem MP3 Player war cool, die Jungen schnippten gut aufgelegt den Rhythmus mit.
Irgendwann wusste das Mädchen nichts mehr zu sagen und blickte auf die Strasse.
Shit, dachte sie und das warnende Geflüster füllte ihren Kopf gänzlich aus: Ja, Puppe, Shit, Puppe ....
Sie räusperte sich und sagte mit fester Stimme und lauter, als sie wollte: ‚Hey, du, da bist du aber falsch gefahren!’
‚So? ...’, sagte der Fahrer und grinste. Die beiden im Fond des Wagens kicherten vergnügt.
Kalter Schweiß sammelte sich zwischen ihren Brüsten und sickerte abwärts auf ihren Bauchnabel zu. Sie hatte keine Idee, wo sie waren, jedenfalls keine Ahnung mehr von Innenstadt, sondern irgendwo an der Peripherie, da sie bereits an Wiesen und Waldstücken vorbeifuhren. Klara wusste, sie war in großer Gefahr und durchwühlte ihr Gehirn nach einer Lösung, wie sie da heil herauskommen könnte.
Ihr Körper reagierte mit einer ganzen Palette von Signalen der Angst.
Das Herz schlug so heftig, dass die Bluse vibrierte, ihre Hände waren kalt wie Eis, sie stemmte ihre Füße gegen den Boden, um die Schenkel ruhig zu halten, die gegeneinander schlagen wollten. Klara schluckte trocken und sagte: ‚Das wird aber ein ziemlicher Umweg -’. Hinter ihr gluckste verhaltenes Kichern.
Timmys Blick wanderte flackernd über ihren Körper. ‚Wir bringen dich dann schon heim, Puppe ...’, sagte er gedehnt.
Als er nun ihren Kosenamen aussprach, den sie beim Einsteigen genannt hatte, kämpfte sich neben der Angst Wut nach oben. Sie biss die Zähne zusammen, ballte ihre Hände zu Fäusten und befahl sich streng, ruhig zu bleiben. Gegen die Bilder von blutig zerkratzten Männergesichtern, die vor ihrem inneren Auge entstanden, konnte sie nichts zu tun. Doch war sie klug genug, es gar nicht erst zu versuchen.
Die Straße wurde holpriger, schließlich zum Schotterweg und dann blieb der Wagen stehen.
Das Mädchen registrierte hinter dem kleinen Wäldchen am Rand des Wegs Licht, das aus einem Wohnhaus kommen musste.

Der Junge am Steuer drehte sich dem Mädchen zu: ‚Jetzt machen wir Party, jou?’
Klara verbarg ihr blankes Entsetzen hinter einem Lächeln und meinte, so freundlich es ihr möglich war: ‚Ich glaube, das ist jetzt keine gute Idee, ich sollte nämlich längst zu Hause sein. Könnten wir nicht morgen ...? Da hätte ich gut Zeit, ja?’
Die drei Burschen schütteten sich aus vor Lachen und Timmy, der offenbar der einzige von ihnen war, der sprechen konnte – die anderen beiden lachten nur – schüttelte den Kopf. ‚ Ach ne, du! Wir feiern die Feste, wie sie fallen, und heute fällst sozusagen du, süße Puppe!’, sagte er und schob seine Hand unter ihren Rock.
‚Was denn, hier?’, meinte sie und bot all ihre Selbstbeherrschung auf, um gelassen zu klingen. Sie griff nach dem Türöffner, doch die Hand des Kerls war schneller. ‚Ja, hier.’, sagte er bestimmt. Dann wandte er sich um zu seinen Kumpels und fragte: ‚Wer fängt an?’
Die beiden grinsten immer noch blöde und zuckten mit den Achseln.

Klara atmete tief ein. Sie ließ ein schrilles Lachen ertönen und versuchte dann ihre Stimme unter Kontrolle zu behalten. Sie sagte: ‚ Ach ihr! Ich würde sagen, ich fange an!’
Sie drehte die Musik zur vollen Lautstärke auf und schrie: ‚Sichert euch die guten Plätze, meine Herren!’
Diesmal wurde sie nicht daran gehindert, die Wagentüre zu öffnen, zu seltsam war den Jungen ihr Tun.
Sie stieg aus und begann zur dröhnenden Musik zu tanzen, sie tat so, als würde sie sich sehr amüsieren dabei und lachte so laut, dass ihre Kehle schmerzte.
Zugleich benetzten bittere Tränen ihre Wangen, die sie immer wieder wegwischte, doch sie versiegten nicht, quollen stetig nach.
Klaras kurzes Röckchen schwang ahnungslos fröhlich im Rhythmus ihrer Bewegung mit, ihre Arme flatterten hoch, streckten sich sehnsüchtig nach dem dunklen Sternenhimmel über ihr aus. Tanzschrittchenweise bewegte sie sich Zentimeter um Zentimeter vom Wagen fort auf das Wäldchen zu, hinter dem das Licht warm und heimelig leuchtete. Die drei waren mittlerweile auch ausgestiegen, lehnten am Auto und schauten mit offenem Mund zu.
Nur wenige Meter trennten Klara noch von den ersten Bäumen, da rief Timmy, der Klevere: ‚Hey, komm zurück!’ Mit wenigen Schritten war er neben ihr und packte sie am Nacken. Er legte seinen Mund an ihr Ohr und sie hörte sein scharfes, heiß zischendes Flüstern: ‚Ich warne dich, Puppe -’.
Das Mädchen neigte den Kopf zur Seite, riss verwundert die Augen auf und kicherte dümmlich: ‚Aber Timmy, was meinst du denn? Komm, tanz mit mir! Allein ist das so was von öd -’. Sie schüttelte seine Hand ab und zerrte den Burschen zum Auto zurück, innerlich förmlich auseinanderfallend angesichts der Vereitelung ihres Fluchversuchs. Fest umklammerte Timmy ihre Hüften und sang den nächsten Song bruchstückhaft mit: ‚I just wanna feel real love tatatamtam, there's a hole tamtatam, you can see it in my face …’.
Blitze der Erinnerung zuckten durch ihr Hirn, ihr Herz, sie sah die Party vor sich und den Jungen, der ihr dort vor wenigen Stunden seine ‚real love’ offenbarte. Sie spürte seinen zärtlichen ersten Kuss auf den nun ausgedörrten Lippen und hörte noch einmal seine Worte:‚Wir werden uns Zeit lassen, Klara, ja? Lassen wir die Liebe wachsen zwischen uns, ich will nichts, was du nicht auch möchtest-’. Sanft war sein Abschiedskuss, samtigweich wie zitternde Schmetterlingsflügel.
In diesem Moment wurde ihr Kiefer von Timmys Hand zusammen gedrückt, er zog ihr Gesicht zu sich, wollte seine Zunge in ihren Mund stecken. Klara stieg ihm kräftig auf den Fuß und Timmy ließ überrascht los. Sie prustete: ‚Oops! Verzeihung -’ und drehte sich weg von ihm. Nun zog er sie von hinten an sich, sie spürte wie er sein hartes Geschlecht an ihrem Po rieb. ‚Na, Puppe, bringen wir’s hinter uns ...’, grinste er in ihrem Rücken und griff nach Klaras Brüsten.
Ihr Blick glitt zu den vor Gier verzerrten Gesichtern der beiden Zuseher und über deren Köpfe hinweg.
Da veränderte sich plötzlich das mühsam aufrecht erhaltene, eingefrorene Bühnenlächeln auf Klaras Gesicht und ihr panisches, nervenzerfetzendes Schreien gellte scharf wie splitterndes Glas durch die Nacht, als sie ihren Tänzer zu Boden riss, er auf ihr zu liegen kam und sie unter seinem Gewicht strampelte und zuckte. Sie schrie weiter, wand sich, schlang ihre Beine um Timmys Körper und verkrallte ihre Hände in seinem Haar. Nun schrie auch er, schmerzgepeinigt unter Klaras mörderischem Griff.
Geradezu lustvoll erklang ihr Brüllen – eine Tigerin, die ihr Opfer umhalste und nie mehr freigeben würde. Mit funkelnden Augen schickte sie ihr Halali in die Sternennacht, wartend auf das letzte Erzittern, den allerletzten Atemzug der geschlagenen Beute.
Die beiden Polizisten hatten Mühe, die Finger des Mädchens aus den Haaren von Timmy herauszulösen, immer noch wollte sie festhalten, die Umklammerung der Rache genießen.

Der Besitzer des Waldhauses alarmierte die Polizei sofort, als er die laute Musik durch sein Wäldchen dröhnen gehört hatte. Klaras Rechnung war doch noch aufgegangen. Die Hoffnung, die in ihr aufgekeimt war, als sie das Licht durch die Bäume schimmern sah, hatte ihr die Kraft gegeben, sich zu weigern, Opfer zu sein.
Der Leiter des Einsatzkommandos sagte zu ihr, ehe er sie nach Hause bringen ließ: ‚Wissen Sie, diese Mistkerle suchen wir schon seit längerem, es liegen mehrere Anzeigen wegen Vergewaltigungen vor, die nicht so glimpflich ausgegangen sind und wenn mich nicht alles täuscht, haben wir endlich die Richtigen erwischt. Natürlich haben Sie auch sehr viel Glück gehabt, junge Dame.’
Klara nickte stumm.

‚Dumm gelaufen, was? Wird jetzt einige Zeit dauern, bis ihr wieder Party machen könnt ...’, sagte der Justizbeamte, der die verurteilten drei Männer nach der Verhandlung aus dem Gerichtssaal abführte. Dann meinte er noch, während sie in den Bus stiegen, der sie zur Haftanstalt bringen würde, er konnte es sich einfach nicht verkneifen: ‚Nein, klar, man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Passt nur auf, dass ihr nicht fallt, gell?’
Dann rumpelte die Bustür zu.

©Elsa Rieger

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 09.07 Uhr
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