Ganz schön bissig ...
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November 2003
Damned old train
von Klaus Eylmann


Am Fuße der Ozarks liegt Van Buren. Lange schon hing Trauer über dem Ort wie eine unsichtbare Wolke, aus der Schmerz und Todessehnsucht in die Seelen und Herzen der Einwohner tropfte.
Es war Abend. Öllampen blakten in den Häusern, die noch bewohnt waren. Öllampen auch im Eisenbahndepot, in dem Ted Lemming mit einem Lappen über Kuppel- und Schubstangen der Lokomotive fuhr. Dann hörte er Schritte und sah, wie Ben Brinkley, der Bürgermeister, zur Tür hereinkam.
“Ted, morgen kommt die Kohle für den Tender, und wir haben die Brauerei wieder zum Laufen gebracht.” Brinkley bückte sich und zog vier Flaschen Bier aus seiner Tasche.
“Zwei nimmst du mit nach Hause,” sagte er und öffnete die beiden anderen.
“Auf das Erlösungsfest.”
Der kleine Mann richtete sich auf und wischte die Haare aus der Stirn. Ein Jahr war es her, dass er das letzte Bier getrunken hatte. Brinkley hatte alle Hände voll zu tun, das Fest vorzubereiten, und Ted wusste zu schätzen, dass der Bürgermeister jedes Jahr Zeit fand, bei ihm vorbei zu kommen. Brinkley sah an Ted vorbei, dann auf seine Schuhe, fuhr sich mit den Händen an den Hals und lockerte seinen Hemdkragen.
“Es ist traurig, dass sich wieder so viele im Rathaus haben registrieren lassen.” Brinkley trat mit einem Fuß gegen eines der Räder. “Weißt du, dass deine Tochter unter ihnen ist?”
Ted stand da, sah Brinkley aus leeren Augen an. Dann schlug er die Hände vors Gesicht. Er spürte nicht, wie Brinkley einen Arm um ihn legte.
“In all den Jahren hat sie es nicht verwunden, Ted. Es war ein Zugereister. Er hatte das Virus. Und danach hat sie keinen Mann mehr angesehen. Ted, es tut mir leid. Wir müssen ihren Entschluss respektieren, und du weißt wie es bei uns läuft. Jeder an seinem Platz.”
Ted wankte benommen zur Tür hinaus.

Schon draußen, bevor Ted ins Haus kam, hörte er Karens Saxophon. Sie übte für die Highschoolband.
Hilda, seine ältere Tochter, saß am Esstisch und sah zu Ted hoch, während Liz, seine Frau die Speisen auftrug und nach Karen rief.
Ted setzte sich ans Kopfende des Tisches. Er wartete, bis Karen Platz genommen hatte, sah sie der Reihe nach an, dann heftete sich der Blick auf seine Frau.
“Liz, hast du es gewusst?” Sie blickte auf den leeren Teller.
“Und warum hast du mir nichts erzählt?”
“Papa, es war meine Entscheidung.” Hilda hielt seinem Blick stand. Das rötliche Licht der Lampen warf Schatten auf ihr Gesicht. Ihre Augen glichen zwei dunklen Seen. “Ich kann so nicht weiter leben.”
“Es gibt doch in Van Buren genügend ungebundene Männer.”
“Aber nicht meinen.”
Liz liefen Tränen die Wangen hinab.
“Was sollen wir denn machen? Wenn du es nicht tust, kommt die ganze Familie ins Gefängnis und nächstes Jahr wären wir alle dran.”
Ted blickte zu Karen, die krampfhaft versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten.
“Und macht es dir Spaß, den Drinking Song zu spielen, wenn es passiert?”
“Natürlich nicht, Dad.”
Liz füllte die Teller, Ted faltete die Hände, blickte auf seinen Teller und sprach das Gebet. Sie redeten nicht, hielten die Köpfe gesenkt. Gabeln klirrten, Teller klapperten, und es war, als stünden ihre Gedanken im Raum.
Als die Töchter auf ihre Zimmer gegangen waren, verlor Liz ihre Haltung. Ihre Hände verkrampften sich ums Tischtuch, und die Knöchel traten weiß hervor.
“Ted, warum werden wir so bestraft? Hätte das Virus doch auch uns getötet!”
Ted blieb stumm.

In der Nacht träumte er, sein Freund Johnny sei mit einer Flasche Kirschwasser zu ihnen ins Haus gekommen. “Hol mal ein paar Gläser, habe ich selbst gemacht”, sagte er. Dann wurde die Tür eingetreten, Sheriff Milbrad stand mit gezogenem Revolver vor ihnen und führte sie beide ab. Dann änderte sich der Traum. Ted fuhr mit dem Touristenzug durch die herbstlichen Wälder der Ozarks. Der Ton der Dampfpfeife brach sich an den Hängen. Weiße Schwaden gaukelten über Baumkronen. Liz trug ihr luftiges Sommerkleid. Sie scherzte mit Hilda, während Karen ihren Oberkörper aus dem Fenster hängte und der Wind durch ihr blondes Haar blies. Auf einmal kamen Bürgermeister, Apotheker, Sheriff und der Gemeindearzt in ihr Abteil und riefen: “Hilda, auf die Geleise mit dir!”, und Ted wachte schweißgebadet auf. Er dachte an Brad, der vor ihm zum Erlösungsfest die Lokomotive gefahren hatte. Eines Tages war Brad verschwunden und hatte seiner Frau einen Abschiedsbrief hinterlassen. Er habe es nicht mehr tun können, stand darin. Und nach ein paar Wochen war er wieder in Van Buren aufgetaucht. In Fort Smith habe er es allein nicht ausgehalten, und der Sheriff hat ihn sogleich ins Gefängnis geworfen.
Liz wälzte sich hin und her. Ted hörte, wie sie im Schlaf redete und fragte sich, wie es um Hilda stünde. Er stand auf, zog sich an und öffnete ihr Zimmer.
Ted hörte ihren ruhigen Atem und wunderte sich, dass sie schlafen konnte. Dann ging er auf die Straße hinaus. Er holte sich das Amtsblatt aus der Druckerei und irrte mit der Zeitung durch die Stadt, nachdem er den Namen seiner Tochter auf der Liste gesehen hatte.
An allen Straßenkreuzungen standen Kästen mit Bier. Vorbereitung auf das Erlösungsfest. Ted griff nach einer Flasche, setzte sie an die Lippen. Gehetzt strich er an Schaufenstern entlang. Passanten riefen im aufmunternde Worte zu. Einige legten ihre Hand auf seine Schulter, sagten ihm: “Es tut mir leid.” Am Marktplatz setzte er sich auf eine Bank.
Tankwagen fuhren vorbei. Das Krankenhaus hatte seine eigenen Generatoren. Sie brauchten Treibstoff. Landwirtschaftliche Maschinen Dieselöl. Kraftstoff aus Fort Smith, wo das Virus, wie in allen anderen Teilen der Welt, menschliches Leben ausgelöscht hatte. Auch in Van Buren hatte es viele Tote gegeben. Zugewanderte ohne Resistenz-Gen. Hildas Mann war darunter gewesen. Leute, wie Ted, die überlebt hatten, waren über Generationen miteinander verwandt und immun geworden.
Ted hörte Klappern von Pferdefuhrwerken. Radfahrer machten sich auf den Weg zur Arbeit. Jeder an seinem Platz. Es war ein warmer Herbsttag. Ted ging zur Kreuzung, trug einen Kasten Bier zu seiner Bank. Stunden vergingen, und er trank. Der Schmerz ebbte langsam ab. Als es Nacht wurde, hatte er den halben Kasten geleert.

Als Ted am nächsten Morgen aufwachte, wusste er nicht, wo er war. Er lag auf der Bank. Wolken formten bizarre Muster in den Himmel. Ein Pferdekarren rumpelte vorbei, Betrunkene torkelten über die Bürgersteige, Tauben stoben hoch und ließen sich auf den Dächern der Geschäfte nieder. Bakteriologischer Krieg, Tiere waren davon verschont. Erinnerungen machten sich in seinem Schädel breit. Dann übermannte ihn wieder der Schlaf.
Lärm der Highschool Band schreckte ihn hoch. Er zitterte vor Kälte, und ihm wurde schwindlig, als er sich aufrichtete. Dann sah er sie: Sechs Frauen und drei Männer auf dem Weg zum Gottesdienst. Sie trugen weiße Umhänge und blickten zu Boden. Mit blutunterlaufenen Augen stierte Ted zu Hilda hinüber. Es war unsäglich.
“Hilda! Lass davon ab! Lauf weg!”, brüllte er und heulte wie ein Hund. Hinter der Gruppe gingen die Jungen und Mädchen der Highschool Band. Karen mit ihrem Saxophon in der dritten Reihe. Ted blickte ihnen nach. Als sie nicht mehr zu sehen waren, erhob er sich. Schleppend war sein Gang, als er die Straße hinunterging.
Auf dem Weg zum Lokomotivschuppen kam er an einem Trupp Gefangener vorbei. Mörder, Schnapsbrenner, Hühnerdiebe und Bürger, die sich unregistriert das Leben hatten nehmen wollen. Vergehen oder Verbrechen. Es machte keinen Unterschied. Aneinander gekettet, waren sie auf dem Weg zu den Bahngeleisen. Hilfspolizisten begleiteten sie. Sie hielten Knüppel in ihren Händen.

Ted öffnete die Tore des Schuppens, dann kletterte er in den Führerstand und heizte den Kessel der Lokomotive an. Er wartete, bis genügend Druck da war und fuhr die Lok aus dem Depot. Er nahm Wasser auf, schaufelte Kohle, betätigte die Dampfpfeife, und die Lokomotive schob sich mit ihrem Waggon in die Bahnstation.
Ted blickte durch das Vorderfenster, dorthin, wo die Geleise in einer flammenden Wand von Ahornbäumen verschwanden. Er sah, wie Männer die Gefangenen auf die Schienen pressten, und der Schmied ihre Fuß- und Handketten in den Grund dübelte. Etwa hundert Meter vor der Lokomotive legte sich Hilda mit den anderen Kandidaten auf die Gleise. Der Priester sprach ein letztes Gebet. Ted wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Er wollte weg laufen. Doch dann würde es jemand anders machen.
Sein Blick trübte sich, als er durch das Seitenfenster die gaffende, betrunkene Menge sah. Sie wogte auf dem Bahnsteig hin und her. Ein Mann sprang auf die leeren Bierkästen. Frauen und Männer des Kirchenchors versteckten sich in ihren schwarzen Umhängen und sangen fromme Lieder. Blasinstrumente glänzten. Die Highschool Band war angetreten und wartete auf ihren Einsatz. Dann erschienen die Honoratioren. Der Sheriff und der Gemeindearzt schleppten den Apotheker untergehakt heran und schoben ihn in den Waggon, dann kletterten sie selbst hinein. Bürgermeister Brinkley schwankte zur Lokomotive. In einer Hand eine Flasche Bier, in der anderen die Fahrkelle. Ted steckte seinen Kopf durch das Fenster.
“Will noch mal sagen, Ted, wie leid es mir tut.” Brinkley sah sich um und winkte der Menge zu, die sich gegen den Kordon der Hilfspolizisten drängte, dann hielt er die Fahrkelle hoch. Sie zeigte Rot, die Band fing an zu spielen, die Menge grölte:

“I was drunk the day my ma got out of prison.”

“Du weißt Ted,” brüllte Brinkley. “Wir mussten das mit den Selbstmorden kanalisieren. Dafür haben wir dieses Fest. Und du weißt auch: Jeder an seinem Platz.”

“And I went to pick her up in the rain.”

Menschen auf dem Bahnsteig sangen, brüllten und schwenkten ihre Bierflaschen.

Brinkley wankte zum Waggon, kletterte auf die Stufen und hielt die Kelle hoch. Sie zeigte Grün, dann verschwand auch er im Zug. Karen hatte sich mit ihrem Saxophon von den Geleisen weggedreht. Ted ließ die Pfeife schrillen, löste die Bremsen und gab Dampf auf die Kolben. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung.

“But before I could get to the station in my pick-up truck.”

Ted sprang auf der anderen Seite von der Lokomotive und rannte los. Niemand sah ihn, als er die Lokomotive überholte. Er ließ das stampfende Ungeheuer hinter sich, doch dann kam es immer näher an ihn heran.

“She got run over by a damned old train.”

Ted hörte das Fauchen der Lok, als er sich keuchend neben Hilda auf die Geleise fallen ließ.
“Hilda!,” rief er. “Ich kann so nicht weiter leben. Dies ist die letzte Fahrt.”
Seine Tochter drehte ihr Gesicht zu ihm. Er nahm noch einmal ihr Gesicht in sich auf, ihr liebevolles Lächeln, dann wurde es Nacht um ihn.

“So I hang around as long as you will let me.
And I never minded standing in the rain
You don’t have to call me darlin’, darling.
You never even called me by my name.”

Der Zug verschwand zwischen den Ahornbäumen und wurde nie mehr gesehen.



David Allen Coe: You never even called me by my name















Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.49 Uhr
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