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Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
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November 2003
I can't live - with or without you
von Monique Lhoir


(from:U2)

„Alexej Iwanowitsch, ich muss jetzt gehen. Die Zeit ist gekommen.“ Dunja blickte nicht auf, sondern sah auf ihre gefalteten Hände im Schoß.
Alexej schaute sie stumm und traurig an. Tiefe Falten zogen sich von der Nase zu den Mundwinkeln hinunter. „Es ist Winter“, sagte er nach einer Weile ruhig.
„Er ruft mich, Alexej. Ich spüre es ganz deutlich. Er braucht Hilfe. Es geht ihm nicht gut. Er friert.“
„Du spürst es? Wie kannst du so etwas spüren? Du hast ihn zehn Jahre nicht gesehen. Und wir frieren alle.“ Alexej stand auf, ging zu dem niedrigen Fenster der Stube und starrte hinaus. „Wir haben Schneesturm.“
„Wir haben seit Tagen Schneesturm“, stellte Dunja tonlos fest.
„Wann wirst du gehen?“ Alexej stützte seine Hände hart auf den Rahmen.
„Morgen früh.“
„Nimmst du auch Mischa mit? Er ist doch sein Sohn!“ Das Vibrieren seiner Stimme entging Dunja nicht. Sie gab keine Antwort. „Lass Mischa bitte hier“, sprach Alexej sanfter weiter. „Marja wird sich um ihn kümmern. Hier ist seine Heimat.“ Dann drehte er sich müde um und sah Dunja wie ein verwundetes Tier an. „Ich lasse dir den Karren fertigmachen und Felle bereitlegen. Es ist ein langer Weg. Bei dem Wetter wirst du mindestens drei Tage unterwegs sein.“ Seine Schultern hingen herab, als er so vor ihr stand. „Dunja, warum? War ich dir in all den Jahren nicht ein guter Mann?“
Sie blickte lächelnd auf. „Der beste, Alexej Iwanowitsch, der allerbeste. Keine Frau könnte sich einen besseren Mann wünschen.“ Abrupt drehte er sich um und rannte hinaus. Für einen kurzen Moment wirbelten Schneeflocken in die Stube und ein eiskalter Wind erreichte Dunja; dann fiel die Tür mit einem Krachen ins Schloss. Dunja zuckte zusammen, stand auf, lief zum Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Im Schneetreiben konnte sie schemenhaft Alexej erkennen, der verzweifelt gegen den Sturm ankämpfte und in Richtung Wald verschwand.
‚Lieber, guter Alexej’, dachte Dunja und Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. ‚Ich will dir doch nicht wehtun, aber bitte, bitte verstehe mich, ich kann doch nicht anders. Er ruft mich!’ Sie wandte sich ab und begann, hastig ein paar warme Sachen in einen alten Koffer zu packen. Dann kleidete sie sich aus und legte sich in die Schlafkoje, die direkt neben dem Kachelofen stand. Das Schaffell wärmte sie - und doch konnte sie keine Ruhe finden, schreckte immer wieder hoch.

Als Dunja früh morgens erwachte, stellte sie fest, dass Alexej nach all den Jahren das erste Mal nicht neben ihr lag. Schwer waren ihre Glieder, als sie aufstand. Sie zog sich zwei paar wollene Strümpfe und mehrere Unterröcke an, setzte einen Tee auf, trank ihn hastig aus. Dann band sie sich das große Tuch um den Kopf und nahm den kleinen Koffer. Als sie die Tür öffnete, kam ihr eisige Kälte entgegen. Der Schnee lag kniehoch und nur unter großer Mühe erreichte sie die Ställe.
‚Alexej hat schon anspannen lassen’, stellte sie fest, als sie vom Wiehern der robusten Stute begrüßt wurde. ‚Warum verabschiedet er sich nicht von mir? Wo war er nur die ganze Nacht gewesen?’ Ihr Herz tat weh, und gerade deshalb konnte sie ihn verstehen. Es musste nicht leicht für ihn sein - dieser Abschied. Sie legte den Koffer in den Karren und bestieg den Kutschbock.
„Ich bringe dich nach Irkutsk.“ Alexej trat aus der Dunkelheit. „Du wirst es bei dem Sturm nicht alleine schaffen.“ Er setzte sich neben Dunja, so dass sie ein Stück zur Seite rücken musste.
„Aber ... ich ...“, versuchte Dunja einzuwenden.
„Ja, ich weiß. Ich werde dich trotzdem zu ihm bringen.“ Er löste die Bremse des Karrens. „Wickel dich in die Felle“, befahl er. „Es weht ein kalter Wind und das Schneetreiben hat noch nicht nachgelassen.“

***

„Die Wölfe kommen täglich ein Stück näher“, stellte der alte Wassilij müde fest und rieb sich seine Hände über dem Feuer.
„Sie warten darauf, dass wir aufgeben.“ Sergej versuchte, die zerlumpten Stiefel von seinen Füßen zu ziehen. „Aber den Gefallen werden wir ihnen nicht tun, nicht war Wassilij? Zehn Jahre haben wir durchgehalten, aber doch nicht, um am Ende von den Wölfen gefressen zu werden.“
„Sie mache mich nervös.“ Wassilij stand auf, nahm einen glimmenden Ast aus dem Feuer. „Heya, heya“, brüllte er in die Dunkelheit und rannte wild hin und her. „Haut endlich ab, ihr verdammten Biester.“ Doch das Heulen der Wölfe verstummte nicht.
„Dieser elende Schneesturm hört überhaupt nicht mehr auf.“ Er setzte sich wieder zu Sergej an Feuer. „Jetzt sind wir schon seit zehn Tagen unterwegs. Sergej, wir hätten in Beresovo bleiben sollen, bis es Frühling wird.“
„Nein Wassilij, ich muss zu ihr. Wir haben keine Zeit mehr. Ich weiß, dass sie auf mich wartet. Ich spüre es. Hier, ganz tief in mir drinnen.“ Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. Dann griff er mit steifen Fingern in die Innentasche seines alten Mantels und zog ein verknittertes Foto heraus. „Schau Wassilij, wie schön sie ist. Wie ein Engel sieht sie aus. Und sie ist treu, ich weiß es. Siebzehn war sie damals. Wir hatten einen so harten Winter wie diesen hier und sie fror. Sie fror so sehr, dass sie blau anlief. Ich hatte eine fürchterliche Angst, dass sie sterben würde.“
„Zehn Jahre Sibirien für einen Pelz! Sergej, hat sich das gelohnt? Für eine Frau?“
„Ich habe ihn gern für sie gestohlen. Dunja ist keine Frau, Wassilij, sie ist ein Engel. Du wirst sie sehen, wenn wir in Irkutsk sind.“ Sergej näselte wieder an seinen zerfetzten Stiefeln. „Wassilij, ich bekomme sie nicht mehr aus. Hilf mir bitte. Ich spüre meine Füße nicht mehr.“ Wassilij stand auf und zog an den Stiefeln. Dann wickelte er die Lappen von Sergejs Füßen. „Ich muss sie am Feuer aufwärmen, Wassilij, damit ich morgen nach Irkutsk komme. Sie wartet dort auf mich.“
Wassilij starrte auf Sergejs Füße, die blau-schwarz gefärbt waren. Dann blickte er seinen Freund an. „Du solltest die Füße nicht ans Feuer halten. Ich wickele sie dir wieder warm ein. Komm, stecke deine Füße in meinen Mantel.“
„Wassilij, du wirst sehen, wie schön es im Winter am Baikalsee ist. Er ist zugefroren und man kann darauf Schlitten fahren. Ja, ich werde Dunja zu einer Schlittenfahrt einladen. Schon damals wollten wir es, aber es war viel zu kalt und sie hatte doch keinen Pelz.“
„Sergej, Junge, du solltest dich ausruhen. Wir haben morgen noch einen weiten Weg.“
„Ausruhen! Ich habe soviel Zeit verloren. Sibirien war hart, mein alter Freund, du weißt es. Aber wenn ich in meinem Haus in Irkutsk bin, dann werden Dunja und ich eine Familie haben. Einen Sohn, Wassilij. Ich wünsche mir so sehr einen Sohn.“
Wassilij sah seinen Freund an. „Sicher wirst du eine Familie haben und einen Sohn - Sergej?“ Doch der gab keine Antwort. Vorsichtig krempelte Wassilij die Hosen seines Freundes hoch. Die blau-schwarze Verfärbung war schon bis zu den Knien zu erkennen.
„Armer Sergej“, murmelte er und zog langsam die Hose wieder zurück. Er wachte die ganze Nacht, lauschte auf das Heulen der Wölfe.
Als der Morgen anbrach löschte er sorgfältig das Feuer.
„Sergej, Junge, bist du wach?“, fragte er vorsichtig.
„Wassilij, sie ist ein Engel, ich schwöre es dir. Du wirst sie sehen“, flüsterte Sergej.
„Natürlich, Junge. Ich werde sie sehen. Aber nun müssen wir weiter.“
„Ja, Wassilij, gehen wir.“ Sergej schloss seine Augen. Wassilij schulterte seinen jungen Freund. Der Schneesturm hatte etwas nachgelassen und so stapfte er mit Sergej monoton durch den kniehohen Schnee.
Gegen Abend erkannte er die ersten Lichter der Stadt Irkutsk.
„Sergej, wir sind da! Wir sind in Irkutsk!“, jubelte er und seine Schritte wurden schneller. Als er die ersten Häuser erreichte, schauten ihm die Leute des Ortes verwundert nach. Ja, sie waren zerlumpt, zehn Jahre Beresovo in Sibirien gehen nicht spurlos an einem vorüber. Ein alter Mann kam ihnen entgegen.
„Gib mir den Mann. Ich helfe dir, Brüderchen.“ Wassilij reichte erleichtert seine Last weiter. „Wir haben hier ein kleines Krankenhaus. Er sieht nicht gut aus. Kommt ihr aus Beresovo?“
Wassilij nickte. „Zehn Jahre haben wir dort verbracht, Väterchen.“
Der alte Mann erwiderte: „Ich war lange Jahre in Beresovo. Ich weiß, wie weit der Weg ist.“

Als Sergej nach zwei Tagen erwachte, saß Wassilij an seinem Bett. „Ah, mein Freund“, sagte Sergej matt. „Ich spüre meine Beine nicht mehr, du musst das Feuer schüren. Aber die Wölfe heulen nicht mehr und der Schneesturm hat nachgelassen. Nun können wir weitergehen.“
„Nein, Sergej, wir sind angekommen. Wir sind in Irkutsk.“
„In Irkutsk? Hast du Dunja gesehen? Ist sie da?“
„Sergej, du bist in einem Krankenhaus. Man hat dir ...“ Er sprach nicht weiter. Wie sollte er seinem sterbenden Freund erklären, dass man ihm beide Beine amputiert hatte.
„Wassilij, geh zu meinem Haus. Du wirst dort Dunja treffen. Bringe sie zu mir. Sage ihr, dass wir mit dem Schlitten über den Baikalsee fahren werden, so, wie wir es immer wollten. Seit zehn Jahre warte ich darauf. Wassilij – seit zehn Jahren!“
Wassilij senkte den Kopf und legte seine Hände auf die seines Freundes. „Ja, Sergej, ich bringe dir Dunja.“

Wassilij erkundigte sich nach Sergej Alexandrowitsch Boskowskys Haus. Als er dort ankam, sah er davor einen Karren stehen. Eine junge Frau, in einen Pelz gehüllt, stand vor der Hütte.
‚Dunja’, dachte er und konnte es nicht glauben. Er trat näher an sie heran. ‚Sergej hatte Recht, sie ist ein Engel. Wie konnte er nur wissen, dass sie hier ist?’
Sie schaute ihn befremdet an. „Sergej?“, fragte sie.
„Nein, mein Name ist Wassilij. Kommen Sie, Dunja. Ich bringe sie zu Sergej.“

***

Ein weißer Schlitten bewegte sich langsam über den Baikalsee, geschmückt mit bunten Blumen. Dunja ging mit gesenktem Kopf hinter dem Sarg her. Wassilij folgte ihr in gebührenden Anstand und bewunderte die starre Gestalt dieser stolzen Frau. Jetzt verstand er, warum Sergej die Qualen von Beresovo auf sich genommen hatte. Für diese Frau hätte er auch einen Pelz gestohlen, damit sie nicht friert – in dieser Verlorenheit der unendlichen Taiga.

Als der Sarg in die Erde versenkt wurde, schaute sie traurig in die Tiefe. Sie zog ihren Pelz aus und warf ihn auf den Sarg. „Damit er nicht erfriert“, sagte sie tonlos zu Wassilij, der neben sie getreten war. „Es ist im Winter sehr kalt in Sibirien. Er braucht einen Pelz.“ Schweigend schaute Wassilij Dunja an. Dann nahm er sie anstelle von Sergej in den Arm.

„Dunja?“ Eine Stimme erklang aus dem Hintergrund. Alexej Iwanowitsch stand in einiger Entfernung. Sie wandte sich um. Langsam kam Alexej auf sie zu. „Dunja, möchtest du heimfahren?“
Dunja lächelte ihn an. „Ja, Alexej, jetzt fahren wir nach Hause. Endlich nach Hause.“ Sie lief auf ihn zu und hakte sich unter. „Ach Alexej, Mischa wird sich freuen, wenn wir wieder daheim sind und Maja hat bestimmt schon eine warme Suppe für uns bereitgestellt. Lieber, lieber Alexej, endlich bin ich zu Hause angekommen.“

Wassilij blickte beiden nach. Sergejs Traum von einer Schlittenfahrt mit Dunja war in Erfüllung gegangen. Aber wie konnte es sein, dass zwei Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren? Nach zehn Jahren, ohne sich zu verständigen? Er schüttelte den Kopf. Und er sah Sergejs letztes Lächeln, als Dunja ihm das Foto seinen Sohnes zeigte. Ja, allein nur für diesen Moment der Glückseligkeit hatten sich alle Mühen und Qualen der letzten Tage gelohnt.
Dem alten Wassilij gefroren die Tränen auf den Wangen. Er blickte in die endlose Weite der Taiga, die immer ein Geheimnis bleiben würde – aber es war sein Land und er liebte es.

I can't live - with or without you

© Monique Lhoir


Lyrik zum Text:

See the stone set in your eyes
See the thorn twist in your side
I'll wait for you


Sleight of hand and a twist of fate
On a bed of nails she makes me wait
And I'm waiting for you


With or without you
With or without you


Through the storm we reach the shore
You give it all but I want more
And I'm waiting for you


With or without you
With or without you
I can't live
With or without you


You give yourself away
And you give yourself away
And you give
And you give
And you give yourself away


My hands are tied
My body bruised, she got me with
Nothing to win and
Nothing left to lose


And you give yourself away
And you give yourself away
And you give
And you give
And you give yourself away


With or without you
With or without you
I can't live
With or without you


With or without you
With or without you
I can't live
With or without you
With or without you


Yeah, we'll shine like stars in the summer night
We'll shine like stars in the winter night
Oh, in the winter night...


We'll shine like stars in the summer night
We'll shine like stars in the winter night


Love, love will tear us apart...again
Love, love will tear us apart...again
Love, love will tear us apart...again
Love, love will tear us apart...again


With or without you
With or without you
I can't live
With or without you
With or without you



Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.43 Uhr
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