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November 2003
Inspiriert durch „Feierabend“ von Peter Alexander
von Fran Henz


Kurz vor fünf, die Zeit bleibt stehen,
alle woll'n nach Hause gehen,
jeder hat das Eine nur im Sinn,
und im Lande die Millionen,
ganz egal, wo sie auch wohnen,
schmeißen ihre Arbeit einfach hin.
Das ist die Zeit, wo auch der Pedro deutsch versteht,
wenn man ihm sagt, dass es in fünf Minuten ab nach Hause geht:

Feierabend - das Wort macht jeden munter,
Feierabend - das geht wie Honig runter,
Feierabend - und alle haben jetzt frei, frei, frei
Endlich
Feierabend - man sagt, na dann, bis morgen,
Feierabend - und all die kleinen Sorgen, die vergisst man,
denn bald schon ist man daheim.
… …
In der Fabrik

Uschi steckte den Schlüssel in ihren Spind. Sie war spät dran, wie jeden Morgen. Die große Entfernung der Fabrik war der einzige Nachteil ihres Jobs, denn die Arbeit selbst war leicht und sauber, und wurde anständig bezahlt. Auch musste sie sich dabei nicht mit Betrunkenen herumärgern, die sie ständig betatschten, so wie damals als Serviererin.
Ja, es war wirklich ein Segen, dass sie im Frauenhaus Hannelore kennengelernt hatte. Hannelore arbeitete schon seit Jahren in der Fabrik und wollte Vorarbeiterin werden. Uschi zweifelte keine Minute daran, dass sie dieses Ziel erreichen würde. Hannelore wusste auf alle Fragen eine Antwort, machte häufig Doppelschichten und war eine der flinksten Arbeiterinnen.
Uschi selbst hatte keinerlei Ehrgeiz in diese Richtung. Sie war zufrieden, wie die Dinge liefen. Mit 22 Jahren musste sie zwar auf eine gescheiterte Ehe blicken, aber darüber war sie hinweg, auch wenn die Psychologin im Frauenhaus ihr immer einreden wollte, dass sie noch reichlich Gesprächstherapie brauchte. Aber dieser Trampel behauptete auch nach wie vor, dass Uschis Ex-Mann ihr das Kind aus dem Leib getreten hatte, was ganz bestimmt nicht der Fall gewesen war. Sie hatte Georg einfach gereizt und natürlich war er wütend geworden, als er merkte, dass sie die Pille abgesetzt hatte, ohne ihm etwas zu sagen. Und wenn das Krankenhaus, in das man sie brachte, nicht Anzeige gegen ihn erstattet hätte, würden sie noch heute ein Paar sein. Aber sie verstand, dass er mit jemanden, von dem er sich so bloßgestellt fühlte, nicht länger zusammensein wollte.
Nun, die Tränen waren getrocknet und sie konnte mit Freude in die Zukunft sehen. Das verdankte sie Hannelore, die sie gefragt hatte, ob sie nicht auch in der Fabrik arbeiten wolle.
Uschi befestigte das dünne Netz an ihrem Haar und sperrte den Spind wieder ab. Die Vorteile dieses Jobs überzeugten sie schnell: die Mahlzeiten waren kostenlos und man konnte verbilligt in der Fabrik einkaufen. Außerdem gab es eine betriebliche Rentenversicherung.
So war sie also Sexerin geworden. Sie mochte diese Bezeichnung, die etwas Verruchtes hatte, gleichzeitig klang sie modern und trendy. Besser als Kellnerin oder Kassiererin.
Mittlerweile war sie an ihrem Arbeitsplatz in der Fabrikhalle angekommen: eines von 65 im Raum verteilten Pulten, die leicht erhöht am Fließband standen. Sie ließ sich auf den gepolsterten Drehstuhl fallen und überprüfte wie immer die Technik. Die Lampe vor ihr funktionierte, der Schacht neben ihrer rechten Hand war ausreichend mit Papierfaltschachteln gefüllt und der Schacht zu ihrer Linken surrte leise, sobald sie den Schalter umlegte. Alles bestens.
Ein Liedchen summend, machte sie sich auf den Weg zur Materialausgabe, die sich am anderen Ende der riesigen Halle befand.
„Morgen Uschi, auch wieder frisch am Werk?“, erkundigte sich Egon, der Herr über alle Listen, Container und Faltschachteln.
„Ja, das Wochenende ist immer zu kurz“, lachte Uschi, nahm den rechteckigen Behälter, den Egon ihr über die Theke zuschob und trug ihn zu ihrem Pult. Dort stellte sie ihn neben ihrem Sessel in die dafür vorgesehene Halterung und nahm den Deckel ab.
Der Anblick entzückte sie immer wieder. Hunderte flauschige Küken hüpften in dem Container auf und ab, piepsten leise und schlugen mit den kleinen Flügeln.
Uschi setzte sich wieder und streifte die Gummihandschuhe über. Sie griff nach dem ersten Küken, drehte es geschickt mit dem Bauch nach oben und drückte die Kloake – Hannelore hatte ihr diesen Begriff beigebracht – auseinander.
Das Küken war weiblich. Weibliche Küken wuchsen zu Hennen heran, die Eier legten. Sie waren nützlich. Deshalb wurden sie in kleine, gelöcherte Faltkartons gesteckt, die in größere Kisten verpackt und schließlich auf Paletten verladen wurden. Diese transportfertigen Paletten verschickte man an Hühnerfarmen und Bauernhöfe im In- und Ausland.
Uschi ließ das Küken in den rechten Schacht gleiten. Es rutschte direkt in den von der Maschine gefalteten Karton und fuhr auf dem Fließband weiter zur nächsten Abteilung.
Sie nahm ein anderes Baby-Hühnchen, hielt die Kloake ins Licht der Lampe und ließ es ebenfalls in den rechten Spalt rutschen. Auch beim Nächsten wiederholte sie diese Prozedur.
Dann zeigte die Kloake ein männliches Tier. Männliche Küken wurden zu Hähnen, die keine Eier legten und nicht weiter von Nutzen waren. Also lohnte sich deren Aufzucht nicht und sie wurden zu Dünger oder Tiernahrung verarbeitet.
Uschi warf es in den linken Schacht. Das Geräusch des Schredders wurde für einige Sekunden lauter und höher, dann rieselte das zerkleinerte Küken auf ein anderes Fließband, das zu einem Trockner lief. Dort wurden alle Überreste in große Plastiksäcke gefüllt.
Die Tätigkeit, die sie verrichtete, war wichtig und wertvoll. Darauf wiesen die Vorarbeiter immer wieder hin. Und Uschi betrachtete am Monatsende nicht ohne Stolz die Zahl der von ihr gesexten Küken. Zwar erfolgte die Bezahlung nicht nach Stück, doch ab einer bestimmten Anzahl gab es einen netten Bonus.
Diese Arbeit war das Beste, was ihr passieren hatte können. Schon nach den ersten Tagen wurde ihr das klar als sie merkte, dass ihr Körper beim Geräusch des Schredders zu kribbeln begann. Eine seltsame Spannung baute sich in ihr auf und bei jedem Küken, das sie in die Hand nahm, hoffte sie, dass es ein männliches Tier wäre. Wenn sie ihre Brüste mit den Oberarmen streifte, fühlten sie sich prall und heiß an, die Warzen waren hart wie Kieselsteine. Zufällig wehrte sich eines der Küken gerade da so heftig, dass Uschi fester zudrücken musste und der Flügel brach wie ein Streichholz. Das Knacken ging im Lärm der Fabrik unter, aber Uschi hätte es auch nicht gehört, wenn es still gewesen wäre. Mit dem gebrochenen Flügel in der Hand erlebte sie den ersten Orgasmus ihres Lebens.
Voller Scham blickte sie sich um. Aber da niemand etwas bemerkt hatte, warf sie das Küken erleichtert in den Schredder und arbeitete weiter.
Am Abend vor dem Einschlafen dachte sie wieder an dieses Erlebnis und ihr Körper reagierte sofort. Während sie sich streichelte, stellte sie sich die Situation in allen Einzelheiten vor, spürte den rasenden Herzschlag und die dünnen Knochen zwischen ihren Fingern und in ihrer Phantasie brach auch der zweite Flügel des Kükens. Der Höhepunkt, den sie dabei hatte, war noch heftiger als jener in der Fabrik.
Mit der Zeit ließ die Erregung nach, die sie ergriff, wenn sie die Flügel der Küken brach und Uschi begann neue Techniken auszuarbeiten. Sie stellte fest, dass mit einem kurzen Druck ihres Daumens das Brustbein zu knacken war. Noch besser funktionierte das, wenn sie den Daumennagel lang und spitz feilte. Natürlich dauerte es, bis sie den richtigen Dreh heraus hatte. Zu Beginn konnte sie den Druck nicht richtig dosieren und oft trat der Darm des Kükens beim After aus und das gab eine ganz schöne Schweinerei.
Aber mit einiger Übung schaffte sie es, das Brustbein zu brechen ohne die Innereien des Kükens auf ihrem Pult zu verteilen. Das nächste Ziel, das sie sich setzte, waren die Rippen. Aber sie waren so weich und standen so eng beisammen, dass es praktisch unmöglich war, sie einzeln zu brechen. Schon seit Wochen beschäftigte sie sich mit dem Problem, ohne eine Lösung zu finden.
Die Sirene kündigte das Ende der Schicht an. Uschi beeilte sich, den Container mit den restlichen Küken zu Egon zurückzubringen. Gabis Mann nahm sie mit in die Stadt, aber er wartete nicht gerne, und bei dem nasskalten Novemberwetter eine halbe Stunde an der Bushaltestelle stehen, war alles andere als erstrebenswert.

Am nächsten Morgen wurde Uschi durch einen Stoß geweckt. Unwillig öffnete sie die Augen und war im selben Moment hellwach. Alles um sie herum war gelb. Und fiepte. Und trat mit dünnen orangen Beinen um sich.
Uschi wollte die wogende gelbe Wand beiseite schieben und streckte die Arme aus. Oder das, was sie für ihre Arme gehalten hatte, jetzt aber kleine Flügel waren. Hilflos bewegte Uschi sie auf und ab, während sie versuchte, zu begreifen. Wieder traten orangene Beine auf ihren Kopf, ihre Schultern und drückten sie auf den Gitterboden. Der dünne Draht schnitt in ihre Zehen und die anderen Küken hüpften panisch auf und ab, flatterten mit ihren nutzlosen Flügelchen und piepsten schrill. Uschi wurde in die hinterste Ecke des Containers gedrängt, wo sie sich zitternd zusammenkauerte.
Sie träumte - das blieb die einzig logische Erklärung für ... für ... das hier. Ein Albtraum. Und sie musste zusehen, dass sie daraus erwachte, bevor sie in einer Faltschachtel saß und auf einem LKW quer durchs Land transportiert wurde, um in einer Legefabrik zu enden. Ohne eine Erklärung dafür zu haben, war sie fest überzeugt, dass sie hier und nur hier aufwachen konnte.
Uschi schloss die Augen, und versuchte sich zu konzentrieren, während die anderen Küken auf ihr herumtrampelten. Gebetsmühlenartig wiederholte sie in ihrem Kopf „aufwachen, aufwachen, Mädchen, du musst aufwachen“ und merkte deshalb weder, dass sie die Maschinen immer besser hören konnte, noch dass die Tritte und Stöße nachließen.
Erst als der Container geschüttelt wurde und sie aus ihrer Ecke rutschte, öffnete sie die Augen. Nur mehr eine Handvoll Küken saß zusammengedrängt an der Vorderseite des Containers.
Ein riesenhafter, faltiger Polyp stieß aus dem Nichts zwischen sie und zog ein sich heftig wehrendes Hühnchen mit sich. Uschi wich bis an die hinterste Wand zurück. Wieder betete sie darum aufzuwachen, und verfolgte mit starrem Blick, wie der Polyp ein Küken nach dem anderen ergriff. Solange, bis nur mehr sie selbst übrig war.

Hannelore kippte den Container, damit das letzte Hühnchen nach vorne rutschte und packte es mit sicherer Hand. Es fing an, wie wild auf den Handschuh zu picken, aber der Gummi bot vor solchen Attacken willkommenen Schutz. Gerade als sie die Kloake des Kükens auseinander drückte, kündigte die Sirene das Ende ihrer Schicht an.
Erleichtert wollte Hannelore das Hühnchen in den rechten Schacht werfen, aber die Maschine blockierte und eine Warnlampe blinkte auf.
Mist. Hannelore wusste, was das zu bedeuten hatte. Die Faltschachteln mussten nachgefüllt werden. Im Geist überschlug sie den Weg zu Egon und zurück, die Zeit, die sie brauchen würde, um die Kartons fachgerecht in die Maschine zu stapeln und sie wieder anlaufen zu lassen.
„Was soll’s“, dachte sie dann und warf das Küken in den linken Schacht. „Feierabend ist Feierabend.“


© Fran Henz

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.28 Uhr
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