Ganz schön bissig ...
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November 2003
Ein Lied dringt in die Tiefe der Seele
von Sigrid Wohlgemuth


„Guten Morgen. Könntest du dich bitte um diese Buchhaltung kümmern? Ist nur eine kleine, schaffst du doch, einfach dazwischen schieben. Die Bilanz soll in vier Wochen stehen. Ist wirklich nicht viel, ein paar Kassenblätter, ein paar Kontoauszüge, nur wenige Rechnungen. Wie ich dich kenne, machst du das mit links.“
Wilhelm legte den Ordner auf meinen Schreibtisch.
„Warum immer ich?“
Ich würde die gleiche Antwort wie immer zu hören bekommen.
„Weil ich weiß, wenn ich dir diese Arbeit übergebe, dann wird sie zum gewünschten Zeitpunkt fertig.“
Wilhelm drehte sich um und verließ mein kleines Büro.
Nun, dagegen konnte ich nichts sagen, ich war stolz auf sein Vertrauen in meine Person und Arbeit. Seit einigen Jahren arbeitete ich freiberuflich in seiner Steuerberaterpraxis. Einige Chefs sollten ihn sich als Vorbild nehmen, ich hatte vorher einige schlechte Erfahrungen gesammelt. Im Büro wurde frei über alles gesprochen und es herrschte ein gutes Klima. Wenn ich jetzt ’nein’ gesagt hätte, dann wäre es auch in Ordnung gewesen, er wusste, dass reichlich Arbeit auf meinem Tisch lag. Das Jahresende stand vor der Türe und einige vorläufige Bilanzen sollten in der zweiten Januarwoche bei verschiedenen Unternehmen zur Vorstandsversammlung vorliegen. Ich liebte meine Arbeit, ging förmlich darin auf.

Jeden Morgen erwachte ich, erhob mich von meinem Schlafplatz, duschte, legte ein dezentes Make up auf, streifte mir eines meiner Kostüme über, stieg in meine Pumps und ging mit einem Lächeln auf den Lippen zur Arbeit. Ich verwöhnte meine Kolleginnen jeden Morgen mit frisch aufgeschüttetem Kaffee und erhielt sogar hin und wieder von den Morgenmuffeln ein Lächeln zurück. Acht Stunden verbrachte ich in meinem kleinen Büro, zum Mittagessen bestellte ich eine Mahlzeit beim Italiener oder Griechen und hielt zwischendurch Schwätzchen mit meinen Kolleginnen. Wir waren ein reines Frauenbüro, außer unserem Chef. Bitte keine falschen Schlüsse ziehen, die Mutter seiner drei Kinder war mit von der Partie. Hin und wieder gab es Überstunden, doch sie machten mir nichts aus. Am Abend schaltete ich den Computer aus und ging zufrieden nach Hause, ins Cafe´, ins Kino, besuchte meine Familie oder meine Freunde.

Ich schaltete das Radio ein und nahm mir die Buchhaltung, die Wilhelm mir überreicht hatte, vor, öffnete den Ordner und blätterte die Belege durch. Er hatte Recht, das war wirklich eine kleine Jahresbuchhaltung eines Antiquitätengeschäfts. Nach einer Stunde musste ich mir selbst eingestehen, dass ich mich an jenem Tag nicht konzentrieren konnte. Ich stand auf und schaute aus dem Fenster. Der Himmel hing voller grauer, dicker Regenwolken, die mich traurig stimmten. Ich fühlte mich ausgelaugt und müde.

„Liebe Hörerinnen, Liebe Hörer. Die Gruppe PUR hat ein neues Album namens ’Abenteuerland’ auf den Markt gebracht. Sie hören nun die erste Auskoppelung. Das Lied trägt den gleichen Namen wie das Album“, vernahm ich die Ansage des Radiosprechers.
Ich hob die Lautstärke an. PUR! Toll! Mal hören was sie Gutes produziert hatten. Einige ihrer CDs versüßten mir schon seit Jahren meinen Feierabend.

*“Der triste Himmel macht mich krank, ein schweres, graues Tuch, das die Sinne fast erstickt, die Gewohnheit zu Besuch...*“, hörte ich Hartmut singen.

Schon am frühen Nachmittag verließ ich meinen Arbeitsplatz und fuhr in die Stadt, um das neue Album zu erwerben. Was für ein Glück! Ich erhaschte die letzte CD. Zu Hause angekommen schob ich sie sofort in meinen CD-Player ein und hörte mir diese Lied immer wieder an. Eine Gänsehaut nach der anderen lief wellenartig über meinen Körper. Das Lied zog mich magisch an und öffnete die verriegelten Tore meiner Seele.

*„Lange nichts mehr aufgetankt, die Batterien sind leer. In ein Labyrinth verstrickt. Ich sehe den Weg nicht mehr....*“

Nach einer Stunde sang ich den Text auswendig mit und fühlte, dieses Lied veränderte mein Leben. Mein doch so geordnetes Leben, die Freude am Erwachen, die Liebe zur Arbeit, meiner Familie und meinen Freunden. Ich hatte keinen Grund, mich zu beklagen oder unzufrieden zu sein? Oder machte ich mir selbst etwas vor?
In jener Nacht stellte sich der Schlaf nicht ein, ich war überdreht, meine Seele lag offen und verletzbar frei. Erst in den frühen Morgenstunden fiel ich in einen unruhigen Schlaf und ging erst gegen Mittag ins Büro. Als freie Mitarbeiterin hatte ich keine festen Zeiten.
Es würde schon nicht auffallen, weil ich hin und wieder später kam oder früher ging, dachte ich.
Ausgerechnet an dem Tag fiel es auf. Der Kaffee war nicht aufgeschüttet und diese Gewohnheit wurde vermisst.
„Bist du o.k.?“, fragte mich Katharina, unsere Chefsekretärin, mit der ich auch befreundet war.
„Ich denke!“, antwortete ich kurz.
„Du denkst du bist o.k., oder du denkst über etwas nach?“
Katharina ging in die Küche und holte uns einen Kaffee, der in der Zwischenzeit von ihr aufgeschüttet worden war.
„Hast du Träume?“
Ich nahm die mir gereichte Kaffeetasse entgegen.
„Natürlich träume ich, doch wenn ich erwache, erinnere ich mich nicht mehr an meinen Traum.“
Katharina nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz. Ich setzte mich auf ihre Tischkante.
„Solche Träume meine ich nicht.“
Ich genehmigte mir einen Schluck Kaffee.
„Jeder hat Träume. Wenn man aufhört zu träumen, dann stirbt man.“
Sie sah mir in die Augen und erblickte Tränen in ihnen.
„Du hast Recht.“
Ich drehte mich um und ging in mein Büro. Als ich das Radio anstellte, lief gerade wieder das Lied von PUR. Ich schaute aus dem Fenster, hinauf zum Himmel, der seine Pforten geöffnet hatte, und ein strömender Regen sank auf die Erde nieder. Ich fühlte, wie sich mein Brustkorb immer mehr verengte.

*„Ich will weg, ich will raus, ich will – wünsch mir was und ein kleiner Junge nimmt mich an die Hand. Er winkt mir zu und grinst: Komm hier weg, komm hier raus, komm, ich zeig dir was, das du verlernt hast, vor lauter Verstand....*“

„Keine Lust zum Arbeiten?“
Wilhelm stand in der Türe. Erschrocken drehte ich mich zu ihm um, und auch er sah meine Tränen.
„Hast du Sorgen? Möchtest du reden?“
Er machte einen Schritt auf mich zu.
„Hast du Träume? Ich meine richtige Träume?“, fragte ich ihn.
„Ich träume von einer Segeljacht. Sie soll auf Mallorca vor Anker liegen, und ich fliege mit meiner Familie jedes Wochenende rüber“, antwortete er mir.
„Hast du das Gefühl, dein Traum wird in Erfüllung gehen?“
Ich schaute ihm in die Augen. Er zuckte nur mit beiden Schultern.
„Ich mache heute blau“, sagte ich, griff mir meinen Aktenkoffer und ließ meinen Chef mit einem verdutzten Gesichtsausdruck zurück. Angekommen in meiner Wohnung, stellte ich sofort die Anlage an und hörte PUR.

*„Komm mit..., komm mit mir ins Abenteuerland, auf deine eigene Reise. Komm mit mir ins Abenteuerland, der Eintritt kostet den Verstand. Komm mit mir ins Abenteuerland und tu’s auf deine Weise. Deine Fantasie schenkt dir ein Land, das Abenteuerland....*“

Mit meinen Händen hielt ich mir die Ohren zu. Nicht nur, dass der Song in die Tiefe meiner Seele eindrang, er raubte mir langsam den Verstand. Ich kam nicht davon ab, mir das Lied anzuhören. Wenn das so weiterging, müsste man mich zum Schluss in eine Klinik einweisen. Ich vernachlässigte meine Arbeit, meine Familie, meine Freunde und konnte nachts nicht schlafen.

*„Neue Form, verspielt und wild, die Wolken malen ein Bild. Der Wind pfeift dazu dieses Lied, in dem sich jeder Wunsch erfüllt*“, sang PUR weiter.

„Hört auf, hört auf!“, rief ich und zog den Stecker der Anlage aus der Verlängerungsschnur. Ruhe trat ein, doch nur äußerlich, in mir wütete ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch stand.
Wann hatte es angefangen? Wann hatte ich den Traum verloren? Wann fing ich an zu funktionieren? War ich zu einem menschlichen Computer geworden, der selten abstürzte? Seit wann floss nicht mehr das heiße Blut durch meine Adern? Und wo war mein Aufbegehren gegen das System? Das Verlangen nach strahlend blauem Himmel? Wann war ich zu einem Gewohnheitstier geworden? Wann fing ich an, mich mit materiellen Dingen zufrieden zu geben? Der Zeitungszusteller, die Verkäufer an der Wursttheke, die Kassiererin, der Postbote, meine Nachbarn und viele andere meiner Mitmenschen, seit wann fand sich keine Zeit mehr für ein freundliches, nettes Wort? Wann fing ich mit dem Hasten und Eilen an? Schwamm ich nun nur noch stromabwärts?
Wo war mein Traum?
Wie tief hatte ich ihn in mir vergraben und jeglichen anderen Müll darauf gelagert, damit er nicht mehr an die Oberfläche kommen konnte, sondern verrottete, starb.
’Wenn man aufhört zu träumen, dann stirbt man’, vernahm ich noch jetzt Katharinas Worte.
In meinem Alter sterben?
„Neeeeeiiiiinnnnn!“, schrie ich aus der Tiefe meines Herzens.
Danach fühlte ich mich besser, die heiße Lava kühlte langsam ab. Da war er, hatte sich aus dem gewaltigen Müllhaufen befreit.
Mein Traum!
So viele Jahre waren vergangen, ich hatte ihn fast vergessen. Damals sagte ich oft:
„Ich habe einen Traum. Eines Tages werde ich in einem kleinen Haus in einem Dorf, das zwischen den Bergen und dem Meer auf einer Insel liegt, leben. Ich möchte nicht im Rentenalter auf einer Parkbank unter einer alten Eiche sitzen und meinen Enkelkindern sagen: ’Ich hatte mal einen Traum’.“
Nach ein paar Monaten legte ich Wilhelm meine Kündigung auf seinen Schreibtisch, eine weitere sendete ich per Einschreiben an meinen Vermieter. Gespräche mit der Familie und den Freunden folgten. PUR hörte ich zur Rückenstärkung.

*„Ich erfinde, verwandle mit Zauberkraft. Die Armee der Zeigefinger brüllt: ’Du spinnst!!!’ Ich streck den Finger aus, ich verhexe, verbanne, ich hab die Macht, solange der Kleine da im Spiegel noch grinst. Komm mit.....*“
Hartmut, was hat dein Text in mir ausgelöst!

Dicke Steinbrocken räumte ich aus dem Weg bis zur Verwirklichung meines Traumes. Den Ort hatte ich schon längst gefunden. Ich war nur zu blind und hatte nicht bemerkt, wie nah er meinem Traum kam.

*„Peter Pan und Captain Hook mit siebzehn Feuerdrachen, alles kannst du sehen, wenn du willst. Donnervögel, Urgeschrei, Engel, die laut lachen, alles kannst du hören, wenn du willst. Du kannst flippen, flitzen, fliegen und das größte Pferd kriegen. Du kannst tanzen, taumeln, träumen und die Schule versäumen. Alles das ist möglich in dir drin, in deinem Land, trau dich nur zu spinnen, es liegt in deiner Hand. Komm mit......*“

Das Lied fand sein Ende. Ich fand den Feuerdrachen und die Engel, die laut lachten. Ich flippte und flog, ich tanzte und taumelte, ich ging und fing an, meinen Traum zu leben.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.34 Uhr
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