Mainhattan Moments
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November 2003
Stille Nacht, Heilige Nacht
von Michaela Kux


Warum hab ich mir das nur angetan? Bei minus zehn Grad in die Kälte hinaus. Vor ein paar Jahren ging Willi noch an meiner Seite. Heute ist es ein Stock, der mich begleitet. Im Schein der Laternen fällt der Schnee. Die Fenster der Häuser sind mit Lichterbögen und Leuchtsternen geschmückt und es duftet nach Braten. Ich ziehe mein Kopftuchfester und stapfe Richtung Stadtzentrum. Vor der Kirche kommen mir Zweifel, ob ich das Richtige tue. Meine fast gefrorene und von Arthritis geplagt Hand drückt langsam die Klinke der Kirchentür herunter. Als ich sie einen Spalt öffne, ströhmt mir warme Luft entgegen, die nach Räucherkerzchen duftet. Langsam setze ich einen Fuß vor den andern. Die Füße sind kalt, trotz Filzstiefel und Schafwollsocken. Leise laufe ich durch den Vorraum und nehme mir ein Liedblatt vom fast leeren Stapel neben der Tür. Wie immer am Heiligen Abend ist die Kirche voller Menschen, ich stelle mich hinter die letzte Bankreihe und stütze mich ab. Ein Mann in der Reihe schaut sich um, er springt sofort auf und bietet mir seinen Platz an. Wie freundlich. Von den Akteuren, die das Krippenspiel darstellen, kann ich zwar nichts sehen, doch ich lausche den Worten und schaue mir die Engel der Deckenmalerei an.



Da erschien plötzlich ein Engel auf der Empore. Große Flügel und goldenes, lockiges Haar. Ich war mir nicht sicher, ob es nur ein Kind war, oder wirklich ein Engel. Die Kleine verkündete frohe Botschaft und alle sollen sich freuen, doch in mir war keine Freude an diesem Abend. Nach einer Weile kamen ein paar Kinder als Hirten verkleidet den Gang entlang, um das Kind zu suchen. Nach ihnen kamen ein paar andere Hirten und zwar die, mit den Klingelbeuteln. Ich habe zwar von meiner kärglichen Rente nicht mehr viel übrig, doch meinen zwanzig Euroschein werfe ich trotzdem in den Beutel. Ich erinnere mich an die Begebenheit, die im Neuem Testament steht, wo Jesus am Opferkasten stand und zu seinen Jüngern sagte: "Sie hat das größte Opfer gebracht" und meinte damit eine Witwe, die nur ein kleines Geldstück eingeworfen hatte. So fühlte ich mich jetzt. Es bleibt nicht viel übrig zum Leben.



Erinnerungen an die Zeit mit Willi und unserem Sohn werden wach. Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass wir alle gemeinsam hier saßen. Nun werden die Anwesenden aufgefordert, das Lied 'Stille Nacht, Heilige Nacht' zu singen. Ich halte das Blatt etwas entfernt, denn ich habe die Brille vergessen. Kein Problem, ich kenne ja den Text aus dem Kopf. Mit jeder Zeile kommen weitere Erinnerungen.



„Stille Nacht, Heilige Nacht, alles schläft“ - Das Weihnachten verlief nie friedlich, vor allem als die Schwiegermutter pünktlich vor dem Abendessen erschien, um uns die stille Nacht zu verderben.



„einsam wacht das traute hoch heilige Paar“ - Nach den Weihnachtsfeiertagen war unsere Ehe jedes Mal am Boden zerstört und die Nerven lagen blank. Doch heute wünsche ich mir, wenigstens Einen zum Streiten zu haben. Aber ich bin allein und mein Sohn hat seine eigenen Sorgen. Er braucht keine alte Frau, die ihm das Leben schwer macht.



„holder Knabe im lockigem Haar“ - unter Schmerzen habe ich meinen Sohn geboren, ihn gepflegt und umsorgt, an seinem Bett gesessen, wenn er krank war, doch nun ist er fort. Zu beschäftigt mit Geldverdienen! Ich bin da nur im Weg.



„schlaf in himmlischer Ruh“ - Ja, mein lieber Willi, du hast es geschafft, schläfst in himmlischer Ruh. Wenn ich nur auch schon da sein könnte.



„Hirten haben kund gemacht, laut ertönt es fern und nah.“ - laut ist es jeden Tag! Autolärm, Hupen und Reifenquietschen. Bagger, die die Straßen aufreißen, und Jugendliche, die ihre Musik nicht leiser drehen. Vertreter an der Tür, die ihre Waren los werden wollen. Es schreit: 'Kauft hier, kauft da!' Als ob es das Fest des Kaufens wäre? Vom Fest der Liebe ist kaum noch etwas zu spühren.



„Christ der Retter ist da“ - wäre er nur schon da, vielleicht wäre es dann ruhiger und ich hätte keine Schmerzen mehr?



„Gottes Sohn, o wie lacht“ - Die Frau neben mir mit dem Kind auf dem Schoß, lächelt mir freundlich zu. Damals saß mein Sohn so auf meinen Beinen. Ich versuche zurückzulächeln, doch mein Herz ist so einsam. Die Erinnerung läßt mich nur noch trauriger werden.



„Lieb aus seinem göttlichem Mund“ - In den letzten Jahren habe ich von kaum jemandem ein liebes Wort gehört. Überall bin ich überflüssig, stehe Anderen nur im Weg. Was soll ich eigentlich noch hier.



„Da uns schlägt die rettende Stund“ - ach könnte doch meine letzte Stunde schon schlagen. Ich kann nicht mehr.



„Christ in deiner Geburt“ - Nein, nicht noch einmal geboren werden, dieses Leben war schon lang genug. Lieber sterben und bei meinem Willi sein.



Die letzten Töne der Orgel verklingen im weiten Raum der Kirche. Tränen laufen an meinen Wangen hinunter und auf das Liedblatt. Mit dem Handrücken wische ich sie weg. Es wird still und ein Gebet wird gesprochen. Mit dem Amen beginnt ein Raunen und Brummen. Männer, Frauen und Kinder stehen auf und ströhmen dem Ausgang entgegen. Ich bleibe sitzen.



Der Duft von Weihrauch läßt mich müde werden und meine Augen werden schwerer. In meine einsame Wohnung will ich noch nicht zurück. Eine Weile schaue ich zu, wie die Kulissen abgebaut werden und fange an zu träumen. Ich sehe meinen Willi. Er steht da, als wollte er mich mit offenen Armen empfangen. Durch ein sanftes Rütteln am Arm werde ich aus meinem Traum geweckt. Der Mann, der mir den Platz frei gemacht hatte, steht wieder neben mir und fragt: „Möchten sie mit zu uns nach Hause kommen? Wir möchten sie gern einladen, diesen Abend bei uns zu verbringen.“ Ich habe das Gefühl ein Engel steht neben mir. Hatte dieser Mann meine Gedanken lesen können oder war er nur hilfsbereit. Er streckte mir seinen Arm entgegen und ich hakte mich unter. Es war, seit Willi nicht mehr ist, das schönste Weihnachtsfest. „Lieb aus seinem göttlichem Mund, da uns schlägt die rettende Stund".



Mich@ela Kux

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.08 Uhr
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