Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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November 2003
Von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß
von Anne Zeisig


Der Verlagsleiter: „Die letzte Lesung für den Roman von Frau, äh, war der absolute Reinfall! Ich hatte angenommen, wenn ich für einen kreativen Kopf ein hohes Gehalt zahle, dann würde sich das auch in hohen Besucher- und Verkaufszahlen niederschlagen! Aber das Gegenteil ist der Fall gewesen! Ich bitte um eine Erklärung!“
Die Event-Managerin: „Die Location für die Lesung war entsprechend ausgewählt worden. Konformgehend mit der Zielgruppe.“
Der Verlagsleiter: „Konform gegangen mit der Zielgruppe? Keine Sau, äh, keine Frau ist hin gegangen in dieses äh, `Frauengermanistisches Leistungszentrum´!“
Die Event-Managerin: „Feministisches Bildungszentrum.“
Der Verlagsleiter: „Na bitte! Das ist doch die Erklärung für das Übel! Welche Frau betritt freiwillig ein Bildungszentrum! Meine nicht!“
Die Event-Managerin: „Das Wetter war schuld! Backofenhitze! Da tummeln sich die Frauen doch lieber im nächsten Freibad anstatt ins `Feminist... „
Der Verlagsleiter: „Und ich Dussel hatte mich mit Frau und Kindern auf Sylt getummelt, weil ich annahm, mich auf Sie verlassen zu können! Muss man sich denn um alles alleine kümmern?“
Die Autorin: „Mein Ego ist immer noch so was von down. Ein Alptraum war `s! Ich fühlte mich so was von einsam und alleine gelassen, wären nicht wenigstens die Hausmeisterin und fünf Putzfrauen da gewesen, dann... „
Die Event-Managerin: „Ich hatte an dem Abend halt meine Migräne und konnte in dem Zustand nicht kommen. Außerdem waren das Reinigungsfachfrauen, wenn ich bitten darf! Und die Hausdame! Nicht zu vergessen, dass sich auch der Lebensabschnitts-Teilzeitgefährte der Hausdame unter den Zuhörerinnen befand! Hatte ich mir sagen lassen ... „
Der Verlagsleiter: „Aha! Also war doch ein zielgruppenfremdes Objekt anwesend, um einem Frauenroman zu lauschen!“ Er stand auf und schaltete das Radio ein. „Immer zur vollen Stunde! Nicht nur Verkehrsnachrichten, meine Damen. Nicht nur Werbung! Nein! Auch Wetterberichte!“ Er sah auf seine Armbanduhr und wischte sich den Schweiß von der Stirn: „Bei derart wichtigen Events muss das Wetter in die Planungen einbezogen werden! Jeder Grillparty-Gastgeber kennt diese einfache PR-Regel!“

Die Hörfunkmoderatorin: „... deutlicher Temperatursturz mit teilweise starkem Hagelschlag, weshalb wir nun zum Aufwärmen einen Song von ... „
„Wir sind die Saunagänger aus dem Finnenland. Gut gelaunt und außer Rand und Band. Nackend auf der Liegewiese und in der Sauna lautet die Devise: Keinen Schweiß auf ´s Holz, Holz, holz-drah-dioh! Holz-drah-dih-schwips! Wir lieben den Aufguss mit Slibowitz.
Wir sind die Saunagänger... holz-drah-dih-schwips! Wir lieben ... Slibowitz.“

Der Verlagsleiter schaltete das Radio aus und wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn: „Das ist sie!“
Die Event-Managerin: „Wer ist sie?“
Die Autorin: „Das war sie, die Radio-Moderatorin aus der Sauna, äh, welche den Wetterbericht selbstbewusst und emanzipiert... „
Der Verlagsleiter: „Das ist sie! Die passende Location! Die nächste Lesung wird in der finnischen Sauna statt finden, meine Damen! Ich sage da nur das passende Stichwort `Slibowitz´ und der Rubel rollt! Egal ob es hagelt, stürmt oder schneit!“
Die Event-Managerin goss sich hastig Milch in ihren Kaffee und schluckte eine Aspirin.
Die Autorin setzte sich ein Sahnehäubchen auf den Cappuccino: „Sie, äh, Sie meinen, ich soll da in der Sauna splitterfasernackt vor nackten Frauen aus meinem Roman vor... „
Der Verlagsleiter: „Vorlesen! Genau! Was sonst! Und zwar nicht nur vor Frauen! Wir müssen auch die andere Seite der Zielgruppe für Ihren Roman gewinnen! Von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß! Soll das Werk... „
Die Event-Managerin: „Es gibt da dieses neue Spaßbad mit einer herrlichen FKK-Außen-Anlage und finnischer Erdsauna, äh, Gemeinschaftssauna selbstverständlich.“
Der Verlagsleiter: „Buchen! Sofort buchen! Koste es, was es wolle! Und Inserate in den einschlägigen Magazinen, Tageszeitungen und Journalen – ich denke da an den `Gameboy´, `Emma hat Grips´, den `Spiegel an der Wand´, `Fitness&FKK mit Witz´, und ähnliche Gelbsucht-Printmedien! Außerdem werden wir zwischen den Saunagängen ein Sektfrühstück anbieten! Na? Das sind Fakten! Welches Catering-Unternehmen wäre da empfehlenswert?“
Die Event-Managerin: „Wird gemacht, Chef! `Sekt – Selters – Sauna´. War ja immer meine Meinung, dass man den Zuhörern ein ausgefallenes Ambiente bieten muss! Anders kommt man an die Leserschaft nicht mehr ran! Man muss die Spaßgesellschaft dort hinlocken, wo die Lebensfreude in ihrer reinsten Form unverfälscht existiert! Wo der Mensch noch ein Mensch ist und das geschriebene Wort ausschließlich den nackten Tatsachen entspricht! Da müssen wir die Leser abfüllen, äh, abholen.“
Der Verlagsleiter: „Schwitzende Leiber! Geflügelte Worte!“
Die Event-Mangerin: „Und für die Slibowitz-Zelebration engagieren wir Klai Pflaume, den Traum aller Schwiegermütter!“
Der Verlagsleiter: „Mal sehen, mal sehen, vielleicht auch Holly Büstier, weil... „ Und er wischte sich wieder den Schweiß von der Stirne.
Die Autorin: „Mein Roman... „
Aber der Verlagsleiter und seine Mitarbeiterin hatten längst eilig das Büro verlassen.

. . .


Die Erdsauna war zum Bersten gefüllt. Aus den Lautsprechern erklang der Song:
„Wir sind die Saunagänger aus dem Finnenland... „ Alle Schwitz- und Zuhörgewillten sangen laut und schunkelten bei bester Laune auf den Holzbänken umher, „holz-drah-dih-Schwips... „
Der Spaßbad-Betreiber hatte kontrolliert, ob sich auch alle Saunagäste ihre Laken untergelegt hatten, damit kein Schweiß auf das Holz tropfen würde, wegen der Hygiene und gesellte sich vor der Sauna zu dem Verlagsleiter, der Event-Managerin, und der Autorin, welche sich mit der Linken krampfhaft ihr Saunalaken bis unters Kinn zog, in der rechten Hand ihr Buch umklammerte und sich dieses beherzt an die Brust drückte.
Der Spaßbad-Betreiber zur Autorin: „Entschuldigen Sie mein Ansinnen. Aber würden Sie mir bitte vorab kurz den Inhalt ihres Romans mitteilen? Denn ich werde an der Lesung nicht teilhaben können, Sie wissen sicher wie das ist, ich bin vielbeschäftigt und da... „ Er lockerte seine Krawatte und öffnete den oberen Knopf seines Hemdkragens.
Der Verlagsleiter: „Aber gerne wird sie das tun!“, raffte das Saunalaken um seine Lenden und machte drei Knoten hinein.
Die Autorin räusperte sich kurz: „Ja, es beginnt so, also die Kernmessage ist eine feministische, weil wir auch statistisch betrachtet in der Verantwortung unserer Töchter und Enkeltöchter stehen! Ich aber nicht in die Ecke der deutschen Vergangenheit gedrückt, äh, mich gedrängt sehen will, sondern per Provokation das Patriarchat... „
Die Event-Managerin: „Erzählen Sie doch einfach ganz kurz was aus dem Zukunftsthriller!“
Die Autorin: „Mein Roman spielt in der Zukunft, wo es sich die emanzipierten Frauen nicht mehr bieten lassen, dass es nur noch Gemeinschaftssaunen gibt mit den darin befindlichen männlichen Voyeuren, denen sie das Handwerk legen wollen, deshalb vertauscht die Bademeisterin, eine taffe, selbständige Frau von um die vierzig, den Slibowitz-Aufguss gegen so ein, äh, Giftgas, also, ein feministischer Krimi ist mein Roman, wo es um die Ausrottung derartiger frauenfeindlicher Saunapraktiken geht einschließlich der männlichen Objekte darin, weil wir die Damensaunen in ihrer reinsten Hochkultur hinüber retten wollen auch für unsere Töchter und... “
„Giftgas in der Sauna? Sie sind fristlos entlassen! Muss man denn alles alleine machen?“, schrie der Verlagsleiter seiner Event-Managerin entgegen und auf seiner Stirn bildeten sich wieder Schweißtropfen.
„Sie haben mir doch erzählt, dass die Frauen in ihrem Zukunftsthriller emanzipiert in der Sauna agieren!“, schrie die Event-Managerin der Autorin an den Kopf.

Die Autorin hakte sich beim verdutzten Spaßbad-Betreiber unter und zog ihn zur Seite: „Was halten Sie eigentlich davon, wenn Sie die männlichen Saunagänger rüber in die Herrensauna schicken, dann sind hier die Frauen und ich ungestört.“
„Aber, aber, äh, wir haben keine geschlechtergetrennten Saunen mehr, Frau Lilo Wonderland.“
„Sehen Sie, dachte ich `s mir doch, dass mein Roman aktueller ist denn je. Die Zukunft hat bereits begonnen.“
„Aufguss!“, rief die Bademeisterin, „die Damen aber nun husch, husch, erst mal raus zum kalten Buffett, Sektfrühstück! Denn Slibowitz gibt `s nur für die Herren der Schöpfung!“
Irritiert sah die Autorin Wonderland in das Gesicht der Bademeisterin, denn es kam ihr sehr bekannt vor.
Die Bademeisterin: „Hier verdiene ich zwei Euro die Stunde mehr als im feministischen Frauenzentrum.“ Sie zog ein Buch aus ihrer Kitteltasche, „übrigens, der Roman ist saugut. Da haben Sie ja ein heißes Eisen angefasst!“
Die Autorin wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Die Event-Managerin kippte am Buffett drei Prosecco ex in sich hinein.
Der Verlagsleiter flüchtete in die Sauna und atmete tief durch.


November 03, Anne Zeisig















Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.46 Uhr
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