Ganz schön bissig ...
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November 2003
Schweigen ist feige
von Christiane Quenel


(Marius Müller-Westternhagen)

Mascha kam vor Doro im Café am Marktplatz an, obwohl sie so viel zu tun gehabt hatte, obwohl sie noch im CD-Laden gewesen war, und obwohl sie mit der obdachlosen Frau, die meistens am Marktplatz saß, nicht nur eine freundliche Begrüßung ausgetauscht hatte. Mit ihrem Zuspätkommen unterstrich Doro immer, wie vielbeschäftigt und wichtig sie war. Mascha ging davon aus, dass die jüngere Schwester zu den wichtigen Terminen, geschäftlicher und privater Art immer pünktlich kam. Mascha ging zu einem Fensterplatz. Im Hintergrund erklang eine Best-of-CD von, the Mamas and the Papas. Diese harmonische Vielstimmigkeit begann sofort, an ihren Nerven zu zerren. Aber MONDAY MONDAY und CALIFORNIAN DREAMS konnte sie so gerade noch ertragen. Aber als SILENCE IS GOLDEN ertönte, musste sie sich sehr zusammenreißen, um nicht aufzustehen und eine der beiden CDs einzulegen, die sie eben gekauft hatte. Aber sie fragte sich auch, ob sie nicht besser das Ende des Liedes abwarten sollte, um dann die eine Cd einzuschalten und den Song, schweigen ist feige, zu drücken. Statt dessen sah Mascha aus dem Fenster. Draußen war goldener Oktober. Sie nahm das Bild der Herbstsonne, des leichtbewölkten Himmels und der fliegenden Blätter in sich auf, schloss die Augen und war nicht überrascht, dass sie das friedliche Gesicht von Diana vor ihrem inneren Auge sah. Es tat längst nicht mehr so weh, wenn die Bilder unvermittelt aufeinander trafen. Mascha war froh, das kleine Grab heute schon besucht zu haben, und mit Diana gesprochen zu haben, obwohl es auch schwer war, sich diesen verschiedenen Gefühlen zu stellen, keine Feigheit vor den Feinden, Leben und Tod, zu zeigen.

Doro kam mit kleinen hektischen Schritten auf den Tisch zu. Sie setzte sich und begann in ihrer Handtasche zu kramen. Es war Mascha klar, was jetzt kommen musste, die mit gespieltem Schuldbewusstsein gestellte Frage nämlich:
„Sag mal, hast du zufällig Geld dabei?“
Mascha nickte bloß. Sie bestellten zwei Kännchen Kaffee, und Doro nahm noch ein Stück Schokoladentorte mit Sahne dazu. Während sie auf ihre Bestellung warteten, zählte Doro auf, welche Termine sie heute schon absolviert hatte. Mascha hielt irren Tagesablauf nicht dagegen. Sie wusste, wie das funktionierte. Doro würde die Termine schweigend gegeneinander aufrechnen und zu dem Ergebnis kommen, dass Mascha in einer solchen Leistungsschau für zu leicht befunden werden musste. Als Mascha eine Zeitlang nichts gesagt hatte, wechselte die Jüngere das Thema:
„Heute ist die Post vom Familiengericht gekommen. Am 05. November wird die Ehe zwischen dir und Egon geschieden werden.“
„Ich weiß! – Und wann werdet Ihr, du und Egon heiraten?“
„Am 31. Dezember diesen Jahres. Das ist ganz praktisch, weil diesem Datum ein Feiertag folgt. Außerdem hat Egon auf diesem Datum bestanden, weil das der Geburtstag seines Vaters war.“
„Einen gewissen Familiensinn hatte er schon immer. Aber nur den, der keine Mühe macht. An den Geburts- und Todestag unserer Tochter Diana, der heute ist, daran verschwendet er nicht einen Gedanken.“
Und Doro unterbrach Mascha mit der Litanei von Allgemeinplätzen, mit denen sie bald nach Dianas Geburt konfrontiert worden war. Sie hatte diesen ersten Kugelhagel überlebt. Und möglicherweise lag es daran, dass es ihr jetzt schon nicht mehr so viel ausmachte, wie häufig es immer noch vorkam, dass irgend jemand in ihrer Umgebung bei Bedarf die Hülsen aufsammelte, um sie auf sie niederprasseln zu lassen.
„Irgendwann muss doch auch mal Schluss sein. Irgendwann muss man einfach wieder zur Normalität zurückkehren. Man soll die Toten ruhen lassen. Vielleicht ist es auch besser so, wie es gekommen ist. Wer weiß, wofür es gut ist. Du musst dich einfach nur wieder mehr um die Lebenden kümmern. Über deiner Trauer vergisst du die Lebenden vollkommen. Du bist dabei, zu verbittern.“
„Ich habe längst eingesehen, dass Egon viel besser zu dir als zu mir passt. Und ich bin mir sicher, ihr werdet gemeinsam glücklich und erfolgreich sein. In gewisser Weise habe ich mich daran gewöhnt, und ich sehe ein, dass ich mich getäuscht habe, damals, vor zweiundzwanzig Jahren. Ich war einfach dankbar dafür, auch mal von jemandem beachtet zu werden. Ich habe diese Dankbarkeit mit Liebe verwechselt. Wir hatten auch gute Zeiten. Ich fange ganz langsam an mich zumindest für dich zu freuen.“
„Diana ist gestorben. Egon hat dich verlassen. Du bist verzweifelt, enttäuscht, traurig und einsam. Aber kannst du nicht langsam mal eine andere Platte auflegen? Irgendwann muss doch wirklich mal Schluss sein!“
„Eins hast du noch vergessen, die Wut. Und was mich wirklich manchmal wütend macht, das ist seine Feigheit. Da erzählt Egon überall herum, dass ich nur deshalb noch mal schwanger geworden sei, um meinem langweiligen und verkorksten Leben noch einmal einen Sinn zu geben, um ihn an mich zu ketten. Und dann, nachdem Diana gestorben war, war er zu feige, mir in die Augen zu sehen. Und er war nicht Manns genug, auch nur ein Wort von diesen Unterstellungen zurückzunehmen. Zuerst war ich verzweifelt. Und ich war überzeugt davon, dass das alles sowieso meine Schuld sei, dass er doch Recht hatte. Inzwischen macht mich seine Feigheit, auch die, mit der er sich einfach vom Acker gemacht hat, ohne mir Rede und Antwort zu stehen, wirklich zornig.“
Mascha wunderte sich darüber, wie weit Zorn, Trauer, Enttäuschung und Verzweiflung entfernt waren, während sie darüber sprach. Diese Klarheit und der Abstand waren neu. Es war, als seien ihre Gefühle heute wie ein Drache, den sie in die Luft geworfen hatte, mit dem der Wind jetzt spielte wie mit den Blättern. Und ihre Gedanken und Worte waren die Schnur, mit der sie die Flugbahn des Drachens mitbestimmen konnte. Sie konnte alles deutlich erkennen. Und Mascha war dankbar dafür. Aber sie wusste auch, irgendwann musste sie den Drachen einholen. Schließlich konnte dieser sonnige Herbstnachmittag nicht ewig dauern.
„Männer ticken in Gefühlsdingen anders als wir.“
„Schon möglich. Aber warum hat er damals so viele Worte gefunden, um seiner gekränkten Eitelkeit, seiner Wut darüber, dass es mal nicht so lief, wie es ihm passte, Ausdruck zu geben?“
„Schon gut. – Aber du bist überhaupt noch nicht darüber hinweg gekommen. Diese Tatsache kannst du doch nicht leugnen, oder? Und du hast dich so verändert, dass keiner versteht, was mit dir los ist. Manchmal lässt du tagelang nichts von dir hören oder sprichst in Gesellschaft nicht ein einziges Wort. Und dann redest du mehr, aber so, dass keiner kapiert, was los ist.“
„Ich versuche nicht, über das hinwegzukommen, was im letzten Jahr passiert ist. Ich versuche bloß, es zu verstehen, für mich zu ordnen. Ich versuche, mich den Sachen zu stellen. Und ich versuche auch, nicht mehr so feige zu sein wie früher. Früher da habe ich immer die Schnauze gehalten, wenn alle wussten, was ich zu tun und zu lassen habe, was für mich das Beste ist. Und selbst, wenn dann ganz klar war, dass ich mal wieder das Arschloch war, habe ich das Maul nicht aufgemacht. Das grenzte schon an Verrücktheit. Selbst meine beiden älteren Kinder machten mir Vorschriften, sobald sie sprechen konnten. Ich konnte natürlich Worte und sogar ganze Sätze wiederkäuen, wie es sich für jemanden gehört, der nichts zu melden hat, aber das ist ja nicht wirklich reden.“
„Und dann weiß keiner mehr von uns, was du so treibst. Was hast du z. B. heute gemacht?“
„Ich war vor der Arbeit auf dem Friedhof an Dianas Grab.“
„Das will ich nicht wissen, weil es nicht wichtig ist. Schließlich weiß ja jeder im Ort, dass du das mindestens einmal in der Woche tust.“
„Was heißt, das interessiert nicht? – Mich interessiert es. Ich habe ein Interesse daran, dass das Grab gut gepflegt ist. Und ich gehe hin, um mit Diana zu reden, damit ich in aller Ruhe in meinen Gedanken und Gefühlen Ordnung machen kann. Ist das wirklich so schwer zu kapieren?“
„Und was hast du sonst noch gemacht?“
„Und dann habe ich was gemacht, wovon ich befürchte, dass es euer gutgeordnetes Leben durcheinander bringen wird. Denn nach der Arbeit bin ich zur Polizei gegangen und habe eine Anzeige gegen Siegfried Hagemeister erstattet.“
„Was hast du getan? – Du kannst doch nicht einfach gegen den besten Freund und Geschäftspartner deines Mannes....“
„In etwa drei Wochen ist er nicht mehr mein Mann. Und außerdem ist jeder Bürger verpflichtet, Anzeige zu erstatten, wenn er einen begründeten Verdacht auf eine Straftat hat.“
„Und was soll er gemacht haben?“
„Ich habe den begründeten Verdacht, dass er seine Frau und seine Tochter misshandelt. Ich bin eine direkte Nachbarin der Familie. Ich spioniere den Menschen nicht nach, aber ich sehe sie an, ich höre ihnen zu, wenn ich ihnen begegne.“
„Du willst also Anzeichen von Misshandlung gesehen haben. Und was willst du machen, wenn sich dein Verdacht als vollkommen unbegründet herausstellt?“
„Dann werde ich mich sofort, noch im Gerichtsaal bei ihm entschuldigen.“
„Aber dann wird es zu spät sein. Dann wird ihre Kanzlei vollkommen ruiniert sein.“
„Ich weiß, ich hätte die Schnauze halten sollen, damit sich weiterhin alles um Egon, Siegfried und ihre Kanzlei dreht. Immer schön feige wegsehen und schweigen, damit ja alles beim Alten bleibt. Die anderen können ja sehen, wo sie bleiben. Und wie hieß das noch? – Hilf dir selbst so hilft dir Gott. – Dann sind sie eben auch mal dran, sich selbst zu helfen.“
Da der Verdacht an Mascha schon eine geraume Zeit genagt hatte, war sie erleichtert, endlich geredet zu haben. Aber sie fühlte keinen Stolz. Sie kannte ihn auch nicht, den Stolz. Sie war vierzig Jahre ohne ihn ausgekommen. Und anders als den Mut, den sie früher auch nicht aufgebracht hatte, hatte sie den Stolz nicht vermisst.

Doro begann in der großen Handtasche nach ihrem winzigen Handy zu suchen. Die Kellnerin hatte den Mamas and Papas die Harmonien ausgehen lassen. Sie saß und löste ein Kreuzworträtsel. Nur ab und zu sah sie auf, um zu prüfen, ob es etwas zu tun gab. Mascha beobachtete Doro, die höchstens eineinhalb Meter von ihr entfernt saß. Sie gelangte zu der Überzeugung, dass sie ihre jüngere Schwester trotz allem liebte, aber für Mascha allein war der Abstand, der zwischen ihnen lag, unüberwindbar. Doch für Doro, die sich unschlüssig war, wen sie zuerst alarmieren sollte, war das nicht wichtig. Und daran würde sich nichts ändern. Mascha war froh über die relative Stille, die sich im Café ausgebreitet hatte. Sie konnte sie nicht als golden bezeichnen. Denn die Worte, die sie gewechselt hatten, waren bei ihnen am Tisch geblieben. Mascha hatte auch nichts anderes erwartet. Ihre Worte waren gefroren, und es würde immer noch kälter werden. Aber Mascha fiel das Ende von, schweigen ist feige, wieder ein, obwohl sie, als sie das erste Mal an das Lied gedacht hatte, ganz sicher gewesen war, den Text im Verlauf der Jahre längst vergessen zu haben. Sie sagte den Schluss vor sich hin.
„mir ist so kalt. Mir ist so kalt.
Mir ist so kalt so schrecklichkalt.
Wenn der Himmel sich öffnet,
an jenem jüngsten Tag,
wird die Liebe sich rächen
an dem, was wichtig war.
Schweigen ist feige.
Reden ist Gold.“
Und während Mascha das vor sich hin sagte, sah sie:
Es war ein schöner Herbsttag am Meer, mit einem offenen, klaren, Himmel. Die unterschiedlichsten Menschen waren am Strand versammelt. Kleine Kinder und Engel gingen durch die Menschenmenge. Sie sahen sich die Leute genau an. An manchen gingen sie grüßend vorbei. Andere wurden von ihnen freundlich aber bestimmt berührt und fielen einfach ins Off. Zu denen, die in die Unbedeutung stürzten, gehörten auch Egon, Siegfried Hagemeister und leider auch Doro. Die anderen Menschen, unter denen Mascha auch die Bettlerin vom Marktplatz erkannte, durften sich weiterhin am Strand oder auf den Schiffen ausruhen oder sich dort anderweitig beschäftigen.

© Christiane Quenel, 08.11.2003

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.22 Uhr
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