Sexlibris
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Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
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November 2003
How do you know you canÔÇÖt swim until you have drowned?
von Susanne Schubarsky


The Beautiful South ÔÇťWindow Shopping for BlindsÔÇŁ

Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben verschlafen und lief zur U-Bahn-Station. In der Eingangshalle h├Ârte ich bereits das vertraute, wie entferntes Donnergrollen klingende Ger├Ąusch eines einfahrenden Zuges. Ich beschleunigte noch ein wenig und bog in den langen Glaskorridor vor dem Abgang zur Plattform ein. Ich hatte es eilig, doch ich dachte trotzdem daran, mich weit rechts zu halten. So wie es sich f├╝r eine ordnungsbewusste B├╝rgerin mit starkem Drang zur Unauff├Ąlligkeit geh├Ârt.
Schon auf f├╝nfzig Meter sah ich sie kommen: gro├č, schlank, graues Kost├╝m, perfekte Frisur, elegante Aktenmappe unter dem linken Arm, Handy ans rechte Ohr gepresst. Und sie kam genau auf mich zu.
Oh ja, sie hatte mich auch gesehen. Obwohl sie weiter heftig auf ihr Telefon einredete, wurden ihre Schritte noch bestimmter und ihre gesamte Haltung schrie mir zu: Hier komme ich! Ich bin wichtig! Und dabei fixierte sie mich unabl├Ąssig.
Sie wusste genau, was sie tat. Ich konnte es ihren Augen ablesen, sah es deutlich in ihrem Gesichtsausdruck, in den wenigen Sekunden, bevor ich meinen Blick senkte. Sie wusste, dass sie auf der falschen Seite ging. Sie hatte vor, mich zum Ausweichen, zum Nachgeben zu zwingen. Es war einfach eines der vielen Machtspielchen, die sie als t├Ągliche Selbstbest├Ątigung brauchte, nichts Besonderes f├╝r eine Frau wie sie.
F├╝r sie war v├Âllig klar, dass ich tats├Ąchlich ausweichen w├╝rde. Sie hatte es gesehen: am Senken meines Kopfes, am nerv├Âsen Blick zur Seite. Sie h├Ątte sich die M├╝he mit den beschleunigten Schritten und dem fixierenden Blick sparen k├Ânnen ÔÇô ich w├╝rde ohnehin immer ausweichen. Genauso wie ich immer diejenige sein w├╝rde, die f├╝r alle anderen im B├╝ro Kaffee kocht, und serviert. Genauso wie ich immer die letzte in der Schlange an der Supermarktkasse sein w├╝rde, die alle anderen vorbeil├Ąsst. Das Wort ÔÇ×RechtsvorrangÔÇť hatte ich sofort nach der F├╝hrerscheinpr├╝fung aus meinem Vokabular gestrichen. Ich brauchte es nicht. Bei mir hatten immer alle anderen Vorrang. Ich versuchte einfach, Konflikte zu vermeiden. Das war mir wichtig. Das, und nicht aufzufallen. Das Leben war um so vieles einfacher, wenn man nicht auffiel. Dieses Motto hatte mich weit gebracht. Ich hatte mein nettes Zimmer bei Frau Kniesebach und meine drei geliebten Katzen. Was konnte man sich mehr w├╝nschen?
Au├čerdem h├Ątte alles andere Mut von mir gefordert. Nein, nichts f├╝r mich. Also hielt ich meinen Blick gesenkt und blieb so weit rechts wie m├Âglich.
Wir waren nur mehr zehn Meter voneinander entfernt. Ich blickte auf und sah ihr triumphierendes L├Ącheln. Sie w├╝rde gewinnen, wie immer.
F├╝nf Meter.
Ich setzte zum Ausweichen an. Doch statt des vertrauten Gedankens war da pl├Âtzlich ein anderer: Nein.
Interessante Idee.
Drei Meter.
Wirklich interessant. Was w├╝rde geschehen, wenn ich ÔÇô
Zwei Meter.

Ihr L├Ącheln war etwas unsicher geworden. Das Handy, das die ganz Zeit nicht von ihrem Ohr gewichen war, senkte sich etwas, und in ihre Augen trat ein leicht verwirrter Ausdruck.
Peng.
Ich lief mit voller Wucht in sie hinein. Sie hatte nicht die geringste Chance. Sie tat mir ja fast Leid, wie sie da so am Boden sa├č, inmitten ihrer verstreuten Utensilien. Die Aktenmappe hatte sich ge├Âffnet und ihren Inhalt ringsum verstreut: Lippenstift, Nagellack, Maskara, Tampons, Taschent├╝cher und eine Packung Kondome. Keine Akten.
Sie sch├╝ttelte verwundert ihren Kopf und war vermutlich nur wenig mehr ├╝berrascht als ich selbst.
Ich war nur kurz aus dem Tritt gekommen; schlie├člich hatte ich mich ja Sekundenbruchteile vorher auf den Zusammensto├č vorbereiten k├Ânnen. Und au├čerdem meine eigene Tasche im letzten Moment kurz angehoben und als Rammbock verwendet. Unterst├╝tzt von einem im richtigen Moment nach links weggestreckten Bein war das die perfekte Kombination f├╝r einen effektvollen ├ťberraschungsangriff.
Ich hatte es einfach getan, ohne nachzudenken. In meinem Bauch breitete sich W├Ąrme aus, aber nicht jenes Gef├╝hl von Angst, das ich zur Gen├╝ge kannte, sondern ein ganz neues. Freude? Genugtuung? Egal. Es war ein tolles Gef├╝hl und ich musste laut lachen.
Nach einem letzten Blick auf mein ÔÇ×OpferÔÇť drehte ich mich um und lief rasch zur Plattform, wo ich gerade noch meine U-Bahn erreichte, bevor sich die T├╝ren hinter mir schlossen.

Susanne Schubarsky, November 2003

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.26 Uhr
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