Honigfalter
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November 2003
Der Lied
von Jochen Hoff

Am Anfang war nicht das Wort , sondern ein Satz, ein schrecklicher Satz und der lautete :

Im November sollt ihr euch fĂŒr eure Geschichten, von einem Song inspirieren lassen.


Wie bitte, Song, das hat bestimmt was mit Musik zu tun - also LĂ€rm.

Erste Inspiration bei Musik - ausmachen, Sender wechseln - wenn das nicht geht - flĂŒchten.

"Ach ", sagte das kleine rote Teufelchen und rĂ€kelte sich auf meinem Schreibtisch. "Nimm es nicht so schwer - dann lĂ€ĂŸt du dieses Mal einfach aus. Bist ja ganz neu dabei. Und wir könnten endlich zu Schneiders gehen, die kleine blonde Sekre....".

Mit einer Handbewegung stoppte ich ihn.

Er macht dauernd solch dumme, verantwortungslose VorschlÀge, aber ich behalte ihn trotzdem. Zum einen, weil er schon immer bei mir ist und zum anderen hat er einen so schönen dreizackigen, schwarzen Schwanz.

Zuweilen ist er auch nĂŒtzlich. Da immer irgendwer Schuld haben muss - ist er bei mir der Generalschuldige. Gut ich gebe zu, das hat mir bisher nicht viel genutzt.

FrĂŒher sagte man immer, was fĂŒr ein fantasievolles Kind, wenn ich auf den wahrhaft Schuldigen, den kleinen roten Teufel hinwies. Aber heute wirkt das irgendwie ĂŒberhaupt nicht mehr.

Das Teufelchen lenkte mit seinen kleinen Hörnern, einen versprengten Sonnenstrahl in mein Gesicht und schlug vor: "Nimm doch diese Alle Vögel Geschichte, die du fĂŒr FW schreibst - ist dann ein Aufwaschen und da ist doch ein Lied drin. Und dann könnten wir doch zu der Sek....".

Eine Qualmwolke aus meinem Mund stoppte ihn. Komisch, dass Teufel so wenig Rauch vertragen können. Aber eine Geschichte recyclen, die eh nicht fertig ist und ganz anderen Zielen dient - niemals, oder doch, nein im Moment nicht.

Aber Song und Lied - die Liedermacher hatte ich doch immer gemocht, den Degenhardt, den SĂŒverkrupp, Klaus den Geiger und all die vielen anderen. Joan Baez, Bettina Wegener und Janis Joplin, ja auch die frĂŒhe Juliane Werding. Aber alles Geschichte.

Geschiche aus der Zeit, als wir noch eine Welt verÀndern wollten und im autonomen Kinderladen begreifen lernten, dass wir zwar die Welt, aber nicht uns Àndern wollten.

Das Teufelchen summte die obszöne Fassung von "Wer hat mein Lied so zerstört", und ich musste grinsen. Jetzt fehlten bloß noch Lale Andersen und Marianne Rosenberg.

Teufelchen fing mit "Herzilein" eine neue Darbietung an, die er aber angesichts einer drohend erhobenen Kaffeetasse, dann doch lieber einstellte.

"Du hörst doch gerne Opernchöre" quÀkte er hinter dem Laserdrucker hervor.

Der Drucker ist sein LieblingsrĂŒckzugsgebiet, wenn ich sauer werde. Er weiss, dass ich das Ding brauche.

Belletristik ĂŒber Charles Gounod, seinen Faust und da den Soldatenchor "Glorie immortelle". Nein das ist auch keine Lösung, ich mag zwar die Musik, aber das war es dann auch.

"Ich hab's," das Teufelchen tanzte auf seinen Bockhufen herum. "Du kaufst doch Kinderlieder, die deine Frau mit eurer Tochter singt. Nimm doch einfach irgendein Kinderlied, oder ein Volkslied."

"Übrigens muss Inspiration was mit Transpiration zu tun haben wenn ich dich so anschaue," grinste er hĂ€misch.

"Kinderlieder gehen nicht , stell dir vor meine Frau liest diesen Text und meine Einstellung zu diesem infantilen GekrÀchze. Und dann erst die Texte - da macht der Reiter plumps - und mein Intellekt kreischt."

Aber Volkslieder. Ich habe eine schwere Allergie gegen den Begriff Volk.
Volkswagen, VolksfĂŒrsorge, Volkseigentum, Volkes Stimme, Volkssturm, ein Volk, Völkischer Beobachter. Geschichte ist schon eine schwere Last.
Und die Texte, die Texte. Entweder kenn ich nur die Textvarianten, die nicht stubenrein sind, oder aber, mir rollen sich bei nÀherem Nachdenken die HufnÀgel auf.

Das Ännchen von Tharau latscht lĂ€ngs der Saale hellem Strande, um am Brunnen vor dem Tore den Liebsten mein zu treffen, der nicht weiss, ob er aber ĂŒber Oberammergau oder hoffentlich ĂŒberhaupt nicht kommt.

Teufelchen intonierte "Ich liebte ein MĂ€dchen in Mainz - die war gar keinz ".

Nein Insterburg ging auch nicht, zumal Karl Dall mir immer Àhnlicher wird, wenn auch schlanker.

Ein Lied, Ein Lied - ein Königreich fĂŒr ein Lied. Aber erstens fehlt mir das Königreich und zweitens ist ein Lied ja auch kein Pegasus, auf dem ich aus dieser Aufgabe davonhuschen kann.

"Aber da gibt es doch das Lied - das Lied der Deutschen". Mit einem lauten Quieken fiel Teufelchen vom Schreibtisch und verhedderte sich in der Computerkabellage am Fußboden.

Nachdem ich das quirlige Kerlchen befreit hatte, explodierte er fast vor Wut. "Das Deutschlandlied ist kein Song noch nicht mal ein Lied sondern eine Tragödie, das ist Politik und nicht Kunst. Und außerdem kannst du das Lied am allerwenigsten leiden".

"Stimmt Teufelchen, aber leiden tu ich schon lange an diesem Lied. Hat Heine ĂŒbrigens auch getan. Mußte dieser verdammte Hoffmann von Fallersleben, ausgerechnet auf dem britischen Helgoland, seine Sehnsucht nach einem einigen Deutschland, in Lyrik kleiden".

Und dazu noch die Melodie "Gott erhalte Franz den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz " jenes haydnsche Machwerk fĂŒr Franz II. Letzter deutscher Kaiser der Lothringer-Habsburger Linie. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Dem Haydn mag es ja Trost und "Ergehung" gebracht haben, wenn er es fast an jedem Morgen spielte. Mich nervt es.

"Denk ich an Deutschland in der Nacht .... ", zitierte Teufelchen hÀmisch grinsend.

"Ja richtig Teufelchen, ich leide auch und nicht nur Nachts Und ich versteh ihn auch den Hoffmann von Fallersleben, da auf seiner englischen Insel im deutschen Meer. Der Heimat verwiesen, wenn ihm dieser Deutsche Bund je Heimat gewesen ist."

"Auch die Geographie der ersten Strophe ist ihm noch mit einigem Augenzwinkern zu verzeihen. Der deutsche Sprachraum reichte weit, er wollte ihn durch FlĂŒsse eingrenzen und reimen musste sich das ganze auch noch. Ich will ihm auch noch zugestehen, dass ihm sein Deutschland ĂŒber alles ging".

"Und zunÀchst war das Lied auch kein Problem. Klar sie haben es anno 1848 in der Paulskirche gesungen, da hatten sie auch mal wieder Hoffnung auf Revolution und Demokratie."

"Nur sind die Deutschen keine Revoluzzer schon eher Lampenputzer", kringelte sich Teufelchen vor VergnĂŒgen.

"Ja ich weiss, aber dann war auch Schluß mit dem Lied. Gut 1914 haben sie es in Wien gesungen und 1918 wurde es von Siegern verboten. Nicht klug und leider auch nicht wirksam, wie Verbote halt so sind".

"Der Ebert, der Helle, der Sattlergeselle ...." der Gesichtsausdruck von Teufelchen war schon mehr als teuflisch.

Ich hĂ€tte ihn erwĂŒrgen können und den Friedrich, den Ebert gleich dazu. Wie der das Ding zur Nationalhymne machen konnte, ich werd es nie begreifen. Einigkeit und Recht und Freiheit zu beschwören in jener Zeit, erinnert doch sehr stark an Pfeifen im dunklen Wald.

Teufelchen war schon wieder einen Schritt weiter. Mit heftiger Taktbetonung, durch seinen Bockshuf und den Schwanz, ertönte "Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen ...", bevor er sich wieder kreischend hinter den Drucker verzog, um nicht vom Feuerzeug gegrillt zu werden.

Aber Recht hat er ja. Hat doch das braune Gesocks die beiden letzten Strophen verboten und die erste als Vorspiel zu ihrem Horst-Wessel-Lied missbraucht. Naja die letzte mussten sie ja verbieten, denn mit Recht und Freiheit, hatten sie nun wirklich nichts zu tun.

"Aber mein Teufelchen, nach dem Dunkel wurde es doch wieder Licht. Die SiegermÀchte haben das Lied der Deutschen und den Wessel bei Strafe verboten."

Teufelchen trÀllerte grinsend: "Ich hab mich ergeben mit Herz und Hand ... ".

" Du brauchst dich gar nicht so vor Lachen zu kringeln, du kleines rotes Scheusal. Papa Heuss hat es doch nur gut gemeint. So ergeben hatten sich die Deutschen dann ja doch noch nicht".

"Land des Glaubens, deutsches Land" krÀchzte Teufelchen und kratzte sich ungeniert seinen Pelz.

"Ja, Ja, ich geb ja zu, der Versuch einer demokratische Hymne ging auch in die Hose. Und als dann der Alte aus Rhöndorf, Adenauers ihr kleiner Konrad, ungeniert im Deutschen Bundestag die verbotene Hymne anstimmte, war die Sache entschieden. Gegen den erklÀrten Willen von Heuss, wurde die dritte Strophe zum neuen Lied der Deutschen, wenn auch nicht wirklich zur Nationalhymne erkoren".

Teufelchen kratzte sich nun auch am Kopf, ob er wohl Flöhe hat, und sang prustend: "Auferstanden aus Ruinen...".

"Ja du kleiner Satansbraten, der dicke Kohl und WeizsĂ€ckers Richard, haben dann anno 91 die dritte Strophe , als Hymne der wiedervereinigten Republik erklĂ€rt. Aber wir haben noch Hoffnung, bis heute gibt es kein Gesetz ĂŒber eine Nationalhymne".

"Und Teufelchen eins verstehe ich an der ganzen Sache eh nicht, was hatten die Nazis und die Christlichen gegen die zweite Strophe?"

Teufelchen nahm die Pose eines OpernsÀngers an und trillerte:

"Deutsche Frauen, deutsche Treue,
deutscher Wein und deutscher Sang,
sollen in der Welt behalten ihren alten
schönen Klang.
Uns zu edler Tat begeistern unser ganzes
Leben lang.
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
deutscher Wein und deutscher Sang".

"Ich hab's Teufelchen, ich hab's! An den Frauen kann es nicht liegen und Treue ist nur ein Wort. Der deutsche Wein wird nicht mehr aus RĂŒbenzucker gemacht, kann also auch nicht schuld sein und edle Taten sind immer gut."

"Mein gutes Teufelchen, es ist der deutsche Sang und da soll ich eine Geschichte ĂŒber einen Song verfassen, kommt doch gar nicht in die TĂŒte."

Teufelchen sah mich skeptisch an: "Du schmeisst diesen Mist also jetzt von der Platte. Du kannst das nicht einschicken, das ist Politik und Kunst soll doch Genuss sein"

"Mal sehen Teufelchen, mal sehen. Die haben doch diese Vorgabe gemacht, sollen sie doch damit leben. Wir beide nehmen jetzt den Dackelnachbau, und schaun mal nach ob es noch Schnaps und Bier gibt."

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.51 Uhr
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