Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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November 2003
Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt
von Heidi Hoppe


Mehr als vierzig Jahre hab ich meinen Buckel krumm gemacht. Die gelben Scheine kannst du an einer Hand abzählen. Kinder hab ich auch in die Welt gesetzt. Vier an der Zahl. Alle in Lohn und Brot. Ich hab den Aufschwung mitgemacht, damals in den Sechzigern. Damals, als es noch den Begriff Gastarbeiter gab. Da war jeder willkommen, der die Ärmel aufkrempelte.

Und heute: Apokalypse now! Es geht bergab, jeden Tag ein Stückchen mehr. Fernseher, Radio, Zeitungen schreien es heraus: Weltuntergang. Neulich sagten sie noch, wir sollen konsumieren, damit die Marschrichtung wieder nach oben gelenkt werden kann. Hab ich getan, und nun?

Jetzt liege ich liege in meinem Bett. Seit Tagen schon auf meiner neu erstandenen Neuntonnen-Taschenfederkernmatratze. Hat mich ein Vermögen gekostet. Die vor kurzem installierten Niederflurleuchten habe ich herunter gedimmt, so dass es angenehm für meine Augen ist. Ich liege ja schon einige Tage hier herum, da ist an Schlaf nicht mehr zu denken.

Meinen Fernseher hab ich rausgeschmissen. Einfach so durchs Fenster. Eigentlich schade drum. War ein 100 Herz-Glotzer, Designermodell, farblich abgestimmt zu meinem elektrischen Fernsehsessel. Den hab ich auf die Terrasse geschoben. Was soll ich mit einem Fernsehsessel, wenn der Fernseher nicht mehr da ist. Ja und mein Radio? Was sag ich. Dolby sorround Anlage. Die hab ich dem Altenheim Bergfried gespendet. Meinen Ghettoblaster dem erstbesten Punk hinterher geschmissen. Mann hat der sich drüber gefreut. Und die Tageszeitung? Abbestellt. Hab einen dicken Aufkleber auf den Briefkasten gepappt „Bitte keine Wochenblätter, keine Werbung“. Als das nicht half, hab ich einfach den Briefkasten abgebaut. Der steht jetzt hier neben meinem Bett. Aus eloxiertem Stahl. War so teuer wie meine Neuntonnentaschefeder-Kernmatratze. So langsam wird mir kalt, obwohl ich die Tür ringsherum mit Tesakrepp extrastark abgeklebt habe. Ich tapse aus meinem Bett, reiße das Tesakrepp ab und gehe ins Wohnzimmer. Scheiße! Vollgeschmissen mit Wochenzeitungen und Anzeigenblättern einfach so durch die zerbrochene Scheibe. Ich raschle mich durch Berge von Papier. Immer wieder springt mir so ein blondes Smily - Face ins Gesicht. Was will der von mir?

Sie verfolgen mich, haben mich, Harald Meyer, herausgepickt, schlagen auf mich ein. Vor ein paar Wochen noch war alles ok, aber jetzt, als mich mein Boss in Frührente geschickt hat, haben sie mich auf dem Kieker die Sprösslinge, die Emporkömmlinge aus der Parteienlandschaft. Kürzen wollen sie meine paar Kröten. Ich hab schon ein schlechtes Gewissen, wenn am Monatsende das Geld vom Arbeitsamt angeklimpert kommt.

Mir wird kalt. Ich wühle mich zurück zur Tür. Mein Auge erfasst den Blondie. Unter seinem Bild prangt in dicken Lettern: Dieter Bohlen hat die Wahl mit eindeutiger Mehrheit gewonnen. Er wird unser Land zurückführen zu Reichtum und Wohlstand.

Zurück im Bett ziehe ich mir die Decke über beide Ohren und dämmere dahin bis mich ein ohrenbetäubender Lärm in die Senkrechte bringt. Ich höre einen Lastwagen vor meinem Fenster anhalten, Ein Mikrofon schreit in breitem Norddeutsch:
Leude, ran an die Arbeit, Behinderte, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Hausfrauen, Kinder und Alte, Spaten mitbringen und los geht´s.

Schon klingelt´s an meiner Haustür.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 10.58 Uhr
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