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November 2003
Der Tanzpalast
von Elsa Rieger


Der schneeweiße Hosenanzug, der durch glänzende Satinrevers an einen Smoking erinnert, ist für die magere Gestalt zu weit, zu groß.
Ein heißer Windstoß fährt über den weiten Platz, den Jenny überquert. Sie presst Jacke und Hose von vorne an ihren Leib, während sich ihre Rückseite aufplustert. Jenny stemmt sich gegen die Böe, sie ist schwach und zart geworden in letzter Zeit.
„Irgendwie halte ich das nicht mehr gut aus ...“, murmelt sie. Etwas steif in den Beinen geht sie weiter. Es ist mehr ein Schlurfen, denn die weißen Satinpumps sitzen nicht richtig, auch sie sind zu weit, zu groß geworden. Jenny muss sich sehr konzentrieren auf ihrem Weg über den prächtigen Hauptplatz, die Plaza Nueva, denn der Boden ist aus glatt polierten Quadern. Sie fürchtet, auszugleiten. Der weiße Strohhut rutscht bei dem nächsten Windstoß tief in ihr Gesicht, das sowie so schon im Schatten der breiten Krempe liegt.
„Sogar der Schädel fängt an zu verschwinden ...“, sagt sie und rückt den Hut wieder zurecht, damit sie ihren Weg fortsetzen kann.

Das Gebäude, dem sie nun langsam näher kommt, sticht aus dem gediegenen, gutbürgerlichen Ensemble rund um den Platz hervor. Es ist erst kürzlich renoviert worden.
Verziert mit vielen Türmchen und Balkons, sieht es aus wie eine Hochzeitstorte mit rosarotem Zuckerguss. Jenny schüttelt den Kopf über diesen Anblick. Sie sagt: „Ja, sehr alt sind wir in Wahrheit und müde, so müde ... wir sind maskiert, damit niemand es bemerken kann, was wir so alles erlebten, überlebten. Nur du und ich wissen noch, wie wir wirklich sind, hm?“

Die einstige Eingangstüre, die zuletzt nur noch halb geschlossen werden konnte, weil sie aus der oberen Angel gerissen war, gibt es natürlich nicht mehr. An ihrer Stelle prunkt ein prächtiges Glasportal, von dunklem Mahagoni umrahmt.

Jenny ist erschöpft. Sie hat eine lange und anstrengende Reise hinter sich. Dazu die Erregung, hierher zu kommen – zuletzt war sie vor sechzig Jahren hier gewesen.
Im Moment wünscht sie sich nichts anderes, als in einem bequemen Fauteuil zu versinken und einen kühlen, sahnigen Cocktail Blue Hawaii zu schlürfen. Früher gab es hier in diesem Etablissement, das sie jetzt betritt nur Rum oder billigen Brandy.
Doch die letzten 6 Jahrzehnte hat sie in Brasilien als Ehefrau eines emigrierten jüdischen Lungenarztes verbracht, der sie damals in diesem Gebäude kennen und lieben gelernt hatte. Von da an verzichtete sie ihm zuliebe auf den Brandy und lernte Cocktails zu schätzen.
Ebenso gab sie für ihn das Rauchen auf, sie hatte ihn sehr geliebt und war ihm ihr Leben lang dankbar gewesen. Er kannte ihre Geschichte und hatte sie trotzdem geheiratet.
Nun war er seit drei Wochen tot. Nach dem Begräbnis begab sie sich auf diese Reise an ihre Geburtsstätte hier in Bilbao.

Der livrierte Portier hält Jenny die Tür zuvorkommend mit einer Verbeugung auf. Nach der abendlichen Hitze, dem Wind umfängt sie nun Kühle.
„Klimatisiert, oh du mein Gott - “, lächelt sie und betritt den Saal. Ihre Füße versinken im plüschigen weinroten Teppichboden. Jenny amüsiert sich über ihr eigenes Erstaunen.
„Was ist?“, sagt sie zu sich selbst. „Dachtest du wirklich, es würde wie damals sein?“

Nun steht sie inmitten des großen Tanzpalastes, wie Bills Ballhaus jetzt heißt. Die Dimensionen scheinen sich völlig verändert zu haben, obwohl der Saal bestimmt nicht kleiner geworden ist, denn die Säulen und Fenster sind an derselben Stelle geblieben.
Eine elegante weitgeschwungene Bar mit Messingverkleidung nimmt ein gutes Drittel des Raums ein, deswegen ist die Tanzfläche wohl so lächerlich klein geworden, eine runde Platte, ebenfalls aus Metall, auf der höchstens vier Paar tanzen können.

Ja, das Klavier. Es steht noch dort, wo es immer schon gestanden hat, doch jetzt ist es ein eleganter schwarz glänzender Flügel statt des alten Pianos.
Üppige weiche Sofas und Fauteuils im Farbton des Teppichs stehen an den Wänden. Den rußenden, verschmutzen Petroleumlampen, die mehr Schatten als Licht warfen, sind noble Wandleuchten gewichen, die alles in warmes Licht tauchen.
„Das ist es schon. Eben anders.“, bestätigt Jenny sich selbst und sucht sich einen Fauteuil nahe dem Klavier aus.

Wohlig seufzend sinkt sie in den weichen Samt. Sogleich steht ein Kellner mit dem Bestellblock neben ihr. Jenny lacht: „Hoppla, so etwas bin ich hier nicht gewöhnt!“
„Wie belieben?“’, fragt der Kellner. „Nichts, junger Mann. In meinem Alter neigt man zu Selbstgesprächen. Ich möchte einen Cocktail. Schreiben Sie auf, was hineinkommen soll: 2 cl WeisserRum, 2 cl Cointreau, 2 cl Blue Curacao und 6 cl Sahne. Eis. Haben Sie Zigarillos da?“
„Selbstverständlich. Alle Sorten. Was darf es sein?“
„Egal. Bringen Sie mir fünf Stück.“
Während sie auf die Bestellung wartet, sieht sie dem Pianisten zu, der lustlos langweilige Schlager klimpert. Auch er sieht müde aus und ist nicht mehr jung, aber um vieles jünger als Jenny.
Sie trinkt, dann erst legt sie den Strohhut ab und ordnet ihr hitzefeuchtes Haar. Allmählich füllt sich der Tanzpalast mit Gästen. Diskrete Blicke streifen die unbekannte alte Frau, die hustend ihren ersten Zigarillo nach vielen Jahren raucht. Ohne den Hut ist ihr Gesicht schonungslos nackt. Jenny ist zweiundachtzig Jahre alt und sieht aus wie hundert.
Die Schminktechnik ist unmodern – alle anwesenden Frauen hier sind im Naturlook zurecht gemacht. Jennys blutrote Lippen und der rauchgraue Lidschatten, der sich im Seidenpapiergeknitter der Lidfalte abgesetzt hat, wirkt deplaciert auf die Besucher.

Doch Jenny interessiert sich nicht für die teils mitleidigen, teils spöttischen Blicke dieser Menschen, die in ihren Augen genau so langweilig sind, wie der Rest dieses Etablissements. Nach dem dritten Cocktail, dem zweiten Zigarillo ohne Hustenanfall, fühlt sie sich soweit gestärkt, dass sie zum Klavier geht und den Pianisten um eine Rumba bittet. Sie stellt sich in die Mitte der Tanzfläche, die leer ist, und wartet darauf, dass der Klavierspieler beginnt. Jenny tanzt anmutig mit ihrem imaginären Partner, der ganze Saal sieht zu.
Als die Rumba vorbei ist, gibt es anerkennenden Applaus, wo vorher Mitleid und Belustigung für die merkwürdige Alte waren. Jenny geht es gut.
Noch einmal spricht sie den Pianisten an: „Früher spielte hier Joe. Er ist noch ein paar Jahre älter als ich. Kennst du ihn?“
„Joe? Klar! Der spielte hier, da war ich noch ein Kind. Es war uns streng verboten, nur die Zehenspitzen hier hereinzusetzen.“, lacht er.
Sehr vorsichtig fragt Jenny, sie fürchtet die Antwort: „Lebt er noch?“
Der Klavierspieler nickt. „Er sitzt im Rollstuhl und kommt nur noch sehr selten hier vorbei – herein schon lange nicht mehr. Ich sehe ihn draußen sitzen und dann fährt er wieder weg.“
„Ich möchte ihn noch einmal sehen ...“, sagt Jenny.
„Er wohnt nicht weit von hier ... wenn ihn ein Taxi bringt?“
„Bitte - “, lächelt sie.

Als der Rollstuhl bei ihrem Tisch stoppt, grinst das faltenzerfurchte, ledrige, braune Gesicht Joes unter dem Panamahut: „Jenny, zum Teufel, Jenny ...“
„Joe, verdammt ...“
Jenny wischt die Tränen weg.
„Was warst du doch einst für eine hübsche Hure, Jenny. Meine Güte, bist du alt geworden ...“
Jenny lacht unwillkürlich angesichts der Komik dieser Worte. „Ja, Joe, lieber Joe, hässlich, alt, so wie du. Weißt du, ich bin glücklich.“ Sie nimmt seine Hand und streichelt sie.

„Ach du Scheiße, Jenny, dieser Anzug ... ist es der von damals? Du hast ihn ja fast jede gottverdammte Nacht getragen!“
„Ja, Joe, genau diesen Anzug, nur habe ich ihn ausgefüllt seinerzeit, was?“, lacht sie.
„Jenny, ich fragte mich immer, wie du das geschafft hast damals, dass er so weiß bleiben konnte in dem Dreck hier?“
„Meerschaumpulver, Joe. Meerschaum draufgestreut am Morgen, dann schlief ich wie ein Murmeltier meinen Rausch aus. Abends ausbürsten, Flecken weg. Meerschaum saugt allen Dreck auf – allerdings nur aus Textilien ...“

Joe durchbricht das minutenlange Schweigen, das nun zwischen ihnen steht: „Wohin bist du nur so plötzlich verschwunden, Jenny? Niemand wusste etwas, als hätte dich der Teufel geholt. Was ja bei deinem Lebenswandel durchaus hätte möglich sein können.“ Er grinst liebevoll und streicht ihr über die Wange.
„Ach, Joe, das ist eine lange Geschichte. Ich erzähle sie dir morgen. Nein, es war nicht der Teufel. Er war mein Engel, sechzig Jahre lang, bis vor drei Wochen.“
Jenny sieht Joe in die Augen: „Ich bin zum Sterben zurück gekommen.“
„Ich weiß, Jenny.“

„Joe? Mach die Musik von damals nach!“
Der alte Mann lächelt und rollt zum Klavier.

Bills Ballhaus in Bilbao
War das Schönste auf dem ganzen Kontinent.
Dort gab's für einen Dollar Krach und Wonne
Und was die Welt ihr eigen nennt.
Aber wenn Sie da hereingekommen wären
Ich weiß ja nicht, ob Ihnen so was grad gefällt.
Ach!
Brandylachen waren, wo man saß
Auf dem Tanzboden wuchs das Gras
Und der rote Mond schien durch das Dach.
'ne Musik gab's da, man konnte sich beschweren
Für sein Geld!
Joe, mach die Musik von damals nach.
Alter Bilbaomond
Wo noch die Liebe lohnt -
's ist doll mit dem Text
's ist schon so lange her -
Ich weiß ja nicht, ob Ihnen so was grad gefällt, doch
Es war das Schönste
Es war das Schönste
Auf der Welt.

Bills Ballhaus in Bilbao
An 'nem Tag gen Ende Mai im Jahre acht
Da kamen vier aus Frisco mit 'nem Geldsack
Die haben damals mit uns was gemacht.
Aber wenn Sie da dabei gewesen wären
Ich weiß nicht, ob Ihnen so was grad gefällt.
Ach!
Brandylachen waren, wo man saß
Auf dem Tanzboden wuchs das Gras
Und der rote Mond schien durch das Dach
Und vier Herren konnten Sie mit ihren Brownings schießen hören.
Sind Sie 'n Held?
Na, dann machen Sie's mal nach ...
Alter Bilbaomond
Wo noch die Liebe lohnt -
Ich kann den Text nicht mehr
's ist schon zu lange her -
Ich weiß ja nicht, ob Ihnen so was grad gefällt, doch
Es war das Schönste
Es war das Schönste
Auf der Welt.

Bills Ballhaus in Bilbao
Heute ist es renoviert - so auf dezent
Mit Palme und mit Eiscreme ganz gewöhnlich
Wie 'n anderes Etablissement.
Aber wenn Sie da jetzt hereingesegelt kämen
's ist ja möglich, dass es Ihnen so gefällt.
Spaß!
Auf dem Tanzboden wächst kein Gras
Und der Brandy ist auch nicht mehr das.
Und der rote Mond ist abbestellt.
'ne Musik machen sie, da kann man sich nur schämen
Für sein Geld!
Joe, mach die Musik von damals nach.
Alter Bilbaomond
Das hab ich oft betont
Ich hab sie nie geschont -
Na, das ist ja der Text -
Alter Bilbaomond
's ist zu lange her...
Ich weiß ja nicht, ob Ihnen so was grad gefällt, doch
Es war das Schönste
Es war das Schönste
Auf der Welt.
(Bert Brecht, 1929)

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.18 Uhr
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