'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Michael Haas IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
November 2003
Tränen im Schnee
von Michael Haas


Giovanni Scarletta saß wie jeden Tag, seit er im Altenwohnheim „Haus Waldfrieden“ leben mußte, mit Dieter Wohlgemuth zusammen und spielte eine Partie Schach. Als die Heimleiterin, mit lauter Stimme seinen Namen rief, zuckte er förmlich zusammen.

Scarletta reagierte nicht, gedankenverloren saß er über das Schachbrett gebeugt.

“Die Rosenkranz ruft nach dir.”, sagte Wohlgemuth, worauf Scarletta aufsah. Dann erst reagierte er und mühsam stand er auf.

„Telefon“, sagte sie mit ihrer herrischen Stimme, als er mit schweren Schritten zu ihr hinkte. Lange war die Zeit vorbei, in der er unbeschwert umherhüpfte.

Er nahm den Hörer entgegen und meldete sich.

„Ciao, wie geht es dir?“

„Wie soll es einem alten Mann schon gehen?“, antwortete er. Wieso sagte er eigentlich nicht, wie schlecht es um seine Gesundheit stand. In den letzten Monaten hatte sein Körper stark abgebaut, es fiel ihm schwer zu gehen, die Arthritis quälte ihn und sein Sehvermögen ließ nach.

„Ich wollte mich noch einmal vor dem Fest melden, wir sind über die Tage nicht da.“

„Ihr seid nicht da?“, fragte er verwundert, dann trat ein Moment der Stille ein. Scarletta fühlte, wie die Wehmut ihn ergriff, dann war es wieder da, dieses Stechen in der Brust. Das bedeutete also, er musste Weihnachten in diesem Heim verbringen und das tat weh. Er hatte sich das Fest im Kreis der Familie und mit seinen Enkelkindern so sehr gewünscht, um nicht zusammen mit diesen Scheintoten feiern zu müssen.

„Wir fahren in die Berge und kommen erst im neuen Jahr zurück. Ich wollte eigentlich, bevor wir fahren, noch einmal vorbeischauen, aber ich schaffe es einfach nicht, sei mir bitte nicht böse, ja?“

„Ich bin euch nicht böse, es ist nur...“, dann brachen seine Worte ab. Es war also schon beschlossene Sache. Ausrangiert, wie ein altes paar Schuhe. Wie hatte sein Sohn groß getönt, als er ihn vor fast einem Jahr, nach dem Tod seiner Frau, in dieses Heim brachte, „Wir kommen dich auch immer besuchen und zu den Feiertagen kommst du dann zu uns.“

Alles war nur Geschwätz. Jetzt wo sie ihn gut untergebracht hatten, war er nicht mehr wichtig. Er fühlte sich von seiner Familie ausgestoßen, die sein Leben lang alles für ihn gewesen war.

„Dann wünsche ich euch noch ein frohes Fest und meldet euch mal, wenn ihr wieder aus eurem Urlaub zurück seid“, sagte er und würgte somit den Dialog ab. Was gab es sonst noch groß zu reden? Er fühlte sich verraten und verkauft, wollte alleine sein. Sein Traum von einem frohen Fest mit seiner Familie war zerplatzt, jetzt würde er sehen müssen, wie er seine Traurigkeit ertragen konnte und ein großes Vakuum hatte sich in ihm ausgebreitet.

Sein Sohn wünschte ihm auch ein frohes Fest, dann beendeten sie das Gespräch.

Er kehrte nicht einmal zu seiner Partie Schach zurück, die er gerade gewann, sondern ging mit gebeugtem Rücken durch die leeren Flure auf sein Zimmer.

Als er es betrat, war ihm, als würde der Boden unter seinen Füßen nachgeben und er musste sich an seinem Tisch festhalten, so schwammig wurden seine Beine. Zu Zeiten seiner Eltern hätte es so etwas nicht gegeben. Sie waren sieben Kinder gewesen, drei Buben und vier Mädchen und Weihnachten wurde immer zusammen gefeiert. Sein Blick suchte das Foto seiner Frau, das auf der Kommode neben dem Fenster stand und er versuchte zu ergründen, was sie wohl dazu sagen würde. Doch ihr Blick blieb nichtssagend.

„Das hab ich nun davon, ich vierundachtzig Jahre alter Mann, werde auf meine alten Tage vollends abgeschoben“, sagte er zum Bild hinüber. Doch wieder schien sie keine Antwort senden zu können. Müde setzte er sich in seinen Sessel und schaute hinaus in den klirrend kalten Wintertag, es hatte noch immer nicht geschneit, nur der Frost hatte die Landschaft in zartes Weiß gehüllt.

Die Vorstellung an ein Fest mit all den alten Leuten, die er noch nicht einmal richtig kannte und auch nicht kennen wollte, machte ihn zornig.

„Warum musstest du unbedingt vor mir gehen? Mit dir Mathilde hätte ich so gern gefeiert, auch mit der Familie, aber nicht mit diesem Rentengeschwader. Dann machen wir uns eben hier in meinem Zimmer ein schönes Fest, oder hast du etwas dagegen?“, fragte er wieder in Richtung Bild.

Er wusste, jeder Extrawunsch musste von der Rosenkranz genehmigt werden. Sie hatte das Fest, für die, die nicht zu ihren Familien fuhren, schon bis ins kleinste Detail verplant. Es würde schwer werden, sie davon zu überzeugen, dass er eigene Vorstellungen hatte. In der Regel duldete sie Extravaganzen nicht und ihm graute schon davor, ihr gegenüberzutreten. Was würde er machen, wenn sie seinen Wunsch ablehnte?

Manchmal hatte Scarletta das Gefühl, als wäre dies kein Altenheim, in das er gesteckt worden war, sondern ein Gefängnis, das mit unerbittlicher Hand von Ingeborg Rosenkranz geführt wurde.

Er fasste den Entschluß, gleich nach dem Abendbrot zu ihr zu gehen und seinen Wunsch zu äußern. Schließlich war morgen schon Heilig Abend, die Zeit drängte also.

Er war über seinen Sorgen eingeschlafen und als die Glocke zum Abendessen erklang, musste sich Scarletta erst neu orientieren. Dann zog er sich wieder seine Schuhe an, die er abgestreift hatte, warf sich das Jackett über und schlurfte langsam hinunter in den Speisesaal. Dieter Wohlgemut saß schon am Tisch und aß. Als er Scarletta sah, strafte er ihn mit einem verächtlichen Blick.

„Wo warst du? Wir waren mitten in einer Partie. Wirst du jetzt auch senil?“, sagte Wohlgemut und biss von seinem Wurstbrot ab.

„Ich musste mich beruhigen. Am Telefon war mein Sohn, sie fahren über die Feiertage in die Berge und mich lassen sie hier krepieren. All die Sprüche, die sie gesungen haben, bevor sie mich herbrachten, alles gelogen. Jetzt kann ich sehen, wie ich mit diesem Rentengeschwader klar komme.“

„Du bist nicht der einzige, dessen Familie mit uns zum Tode Verurteilten nichts mehr zu tun haben will.“, sagte er und schlürfte geräuschvoll an der dampfenden Teetasse.

„Jedenfalls werde ich mit unserem Drachen sprechen müssen, ob ich nicht auf meinem Zimmer bleiben kann. Ich könnte es nicht ertragen, mit all diesen Senilen Heilig Abend zu verbringen. Wenn du wenigstens da wärst, aber deine Familie denkt wenigstens an dich.“

„Ja, sie denken an mich, aber leider auch nur zu Weihnachten.“

Schweigsam nahmen sie ihr Abendbrot ein und die Rosenkranz saß an der Kopfseite des großen Refektoriumstisches und wachte über die Nahrungsaufnahme ihrer Schützlinge.

Scarletta aß wenig, immer wieder schaute er verängstigt zu der Heimleiterin hinüber und sein Vorhaben, sie um diese Ausnahme zu bitten, lag ihm wie ein Stein im Magen.

Nachdem alle zu Ende gegessen hatten und Ingeborg Rosenkranz aufstand, um den Speisesaal zu verlassen, folgte ihr Scarletta. Er kam sich wie ein kleiner Schuljunge vor, als er sagte, „Frau Rosenkranz, kann ich mal kurz mit Ihnen reden?“

„Was kann ich für Sie tun, Signor Scarletta?“, sagte sie, als sie sich ihm mit aufgeblähter Brust zuwandte.

„Meine Familie ist über die Feiertage in die Berge, also werde ich hier bleiben müssen. Meine Frage ist, ob ich an Heilig Abend in meinem Zimmer bleiben und dort feiern kann?“

„Wir werden alle im großen Saal feiern und sie werden mit dabei sein, es kommt ja gar nicht in Frage, daß sie eine Extrawurst gebraten bekommen“, sagte die Heimleiterin und ihre Stimme verriet ihm schon, dass ein Widerspruch zwecklos war. Trotzdem sagte er, „Aber...“.

„Kein aber, Sie werden mit uns feiern. Wo kämen wir denn hin, wenn das alle wollten. Nein, auf keinen Fall und jetzt möchte ich nichts mehr davon hören.“ Sie drehte sich um und ging. Scarletta stand betreten da, einen riesigen Kloß im Hals und wusste nicht, was er machen sollte. Die Vorstellung, allein, nur mit seiner Frau das Fest begehen zu können, war also auch zerplatzt, wie er es schon befürchtet hatte. Noch gebeugter als zuvor, schlurfte er zurück in sein Zimmer. Als er sich wieder in seinen Sessel fallen ließ, liefen Tränen seine Wangen hinab. Was war nur aus seinem Leben geworden?

Sein Leben lang hatte er jede auch noch so schwere Entscheidung selber treffen müssen, hatte Kriege und Katastrophen überlebt und mit einem Schlag, nur weil er alleine keinen Haushalt mehr führen konnte, war er entmündigt, konnte nicht einmal mehr bestimmen, mit wem er Weihnachten feiern wollte oder mit wem nicht. Was war denn noch lebenswert an so einem Leben? Sie hatten ihm schließlich fast alles genommen. Noch nicht einmal seine alten Möbel, die teilweise noch von seinen Großeltern stammten, hatte er mitnehmen dürfen und er musste jetzt in diesen neumodischen Apfelsinenkisten leben, die dem Heim gehörten. Einzig ein paar Bilder und einige wenige Erinnerungsstücke waren ihm geblieben, alles andere hatte sich entweder die Familie genommen, oder es war auf dem Müll gelandet.

Als er seinen Blick über den schwach beleuchteten Park schweifen ließ, der sich unter seinem Fenster ausbreitete, sah er den erleuchteten Weihnachtsbaum und da kam ihm eine Idee. Wieso auch nicht, dachte er? Wenn er nicht im Heim feiern konnte, wieso dann nicht woanders?

„Mathilde, wir werden doch gemeinsam feiern. Mir ist gerade die verrückteste Idee meines Lebens gekommen“, sagte er und sah hinüber zu ihrem Bild.

„Du brauchst gar nicht so skeptisch zu schauen, vertraue mir, es wird wunderschön werden.“

Aus der Kommode neben dem Fenster holte er sich einen Block und setzte sich an den Tisch um eine Liste aufzuschreiben, was er alles benötigte. Gleich am nächsten Morgen würde er in die Stadt fahren, um sich alles Notwendige zu besorgen. Danach zog er sich aus und legte sich schlafen. Schließlich wollte er fit sein für den großen Tag.

Als er am Morgen erwachte, fühlte er sich so frisch und ausgeruht wie seit langem nicht mehr. Sofort stieg er aus dem Bett, wusch sich, zog sich an und ging froh gelaunt zum Frühstück. Wohlgemuth saß bereits am Tisch, als er mit dem Tablett in der Hand zu seinem Platz kam.

„Was ist los mit dir, du siehst so verändert aus?“

„Wieso, was stimmt nicht?“, fragte Scarletta erstaunt.

„Du kommst mir vor, als wärst du um zehn Jahre jünger und hättest ein Rendezvous.“, sagte er und lächelte dabei.

„Vielleicht hast du ja recht und ich habe ein Rendezvous.“, sagte er verschmitzt.

„Dann paß bloss auf, dass du nicht unter die Räder kommst“

„Als wenn das einen interessieren würde“, sagte er und trank von seinem Tee. Dann aßen sie ihr Frühstück und ihr Gespräch verstummte.

Als er nach dem Frühstück das Gebäude verlassen wollte, traf er im Flur auf die Heimleiterin. Sofort schlug ihm das Herz bis zum Hals. Sollte sie ihm ansehen können, was er vorhatte? Er hoffte schon unbemerkt an ihr vorbeizukommen, als sie sich ihm zuwandte. „Ah, Signor Scarletta, wo wollen sie denn so früh in dieser Eiseskälte hin?“, fragte sie.

„Ich fahre in die Stadt, um noch ein paar Erledigungen zu machen“, sagte er wahrheitsgemäß, denn er hasste es, zu lügen.

„Sie sollten hier bleiben, es ist viel zu kalt, um in der Gegend herumzulaufen“, sagte sie und legte ihre sorgenvolle Miene auf.

„Ich bin schnell zurück, ein paar Schritte zu gehen wird mich nicht gleich umbringen“, sagte er und ließ sie verwundert stehen. Wenn er noch lange mit ihr redete, würde er den Bus in die Stadt verpassen. Gerade als er die Haltestelle erreichte, kam schon der Bus. Er stieg ein, zahlte und setzte sich auf die erste freie Bank. Während der ganzen Fahrt schaute er gedankenverloren aus dem Fenster und staunte über die üppig geschmückten Häuser auf der Strecke. Als er aus dem Bus stieg, begann es zu schneien. Federleichte Flöckchen wirbelten im Wind.

Das Einkaufen war anstrengender, als er gedacht hatte und er hatte noch nicht einmal die Hälfte der Dinge, die er brauchte, gekauft, als er in einem Cafe eine Pause einlegen musste. Nach einer Tasse Kaffee fühlte er sich genügend gestärkt, um die noch fehlenden Dinge auf seiner Liste zu besorgen. Der Bus zurück ins Heim hatte zehn Minuten Verspätung, aber das interessierte ihn nicht, er war froh, alles bekommen zu haben.

Als er schließlich mit mehreren Einkaufstüten sein Zimmer betrat, fühlte er sich zufrieden wie nur selten zuvor in seinem Leben. Er stellte die Tüten in die Ecke und setzte sich erschöpft in seinen Sessel. Es waren die Beine, die ihm schwer zu schaffen machten. Lange durfte er sich jedoch nicht ausruhen, wenn er vor dem dunkel werden alles erledigt haben wollte, es blieben ihm nur noch wenige Stunden Zeit. Also ruhte er sich etwas aus, packte dann alles, was er brauchte, in einen alten Armeerucksack und schlich durch das Haus. Unter keinen Umständen wollte er Rechenschaft ablegen, wo er denn zu dieser Uhrzeit noch hinwollte. Als er den Flur zur Eingangstüre entlang ging, langsam, darauf bedacht, dass niemand ihn sah, hörte er plötzlich die Stimme von Ingeborg Rosenkranz. Schnell drückte er sich in eine Nische, hinter eine große Birkenfeige. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Die Rosenkranz kam mit Elvira Gerlitz, einem alten Schnatterweib, den Flur entlang und beachtete ihn nicht. Sie waren nicht ganz an ihm vorüber, da schlich er sich erleichtert aus seinem Versteck und verließ das Gebäude. Er steuerte sein Ziel an, ein Ort, zu dem er schon damals mit Mathilde gegangen war. Nicht, dass man an diesem Ort eine besondere Aussicht gehabt hätte oder dass ihm sonst etwas besonderes innewohnte, sie hatten es einfach nur schön ruhig dort gefunden und waren deshalb öfters dort gewesen. Diesmal musste er jedoch allein gehen und der Weg war viel weiter, als er es von damals in Erinnerung hatte, wo sie in der Hochbergstraße gewohnt hatten. Der Weg zog sich fürchterlich und weil er schon den ganzen Morgen durch die Geschäfte gelaufen war, taten ihm die Beine so weh, dass er fürchtete, es nicht mehr bis hin zu schaffen. Immer wieder musste er eine Pause einlegen und sich ausruhen. Mehrmals fragte er sich, ob er nicht anfing, verrückt zu werden, dass er durch diese Kälte lief, anstatt mit den anderen im Warmen zu sitzen und Miss Sophies Fest über sich ergehen zu lassen. Noch immer schneite es dünn und es war bereits überall weiß geworden. Als er im Wald ankam, schöpfte er neue Kraft. Bald hatte er sein Ziel erreicht und dann brauchte er nur noch seine Vorbereitungen zu treffen, bevor es dunkel wurde.

Der Weg bis zu der Stelle, die er sich ausgesucht hatte, war mühsam, doch verbissen quälte er sich Schritt für Schritt weiter. Dann endlich erreichte er den Ort, an dem noch alles so war, wie er es sich vorgestellt hatte. Selbst der Tannenbaum, der schon vor einem Jahr dort gestanden hatte, war nicht mehr gewachsen, als er befürchtet hatte. Sofort begann er seinen Rucksack auszuleeren, riss die Verpackungen auf und begann den Weihnachtsschmuck in den mannshohen Tannenbaum zu hängen. Bis er den Baum so geschmückt hatte, dass es ihm gefiel, brauchte er länger als er gedacht hatte, es begann bereits dunkel zu werden. Aber das spielte nun keine Rolle mehr, er hatte es geschafft. Mit dem Feuerzeug, das er eigens dafür gekauft hatte, zündete er die fünfzig Kerzen an, die er in den Baum gesteckt hatte. Als alle Kerzen brannten, strahlte der Baum in seiner ganzen Pracht und Tränen der Rührung stiegen in seine Augen. Die zwei Dutzend goldenen Christbaumkugeln und fast zwei Pfund Lametta funkelten im Kerzenschein. Sogar eine Christbaumspitze, wie sie sie früher immer auf dem Baum hatten, hatte er gefunden. Es war ein weißer Engel, der eine Flöte spielte. Er holte das kleine Radio aus dem Rucksack und stellte es an. Gerade sang ein Kinderchor „Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See, weihnachtlich glänzet der Wald, freue dich, s’Christkind kommt bald“, und jetzt waren es dicke Tränen, die über sein Gesicht rannen. Dann holte er das gerahmte Bild seiner Frau aus der Tasche und stellte es so auf den Boden, dass sie das Lichtermeer des Baumes sehen konnte.

„Siehst du Mathilde, so einen schönen Baum hatten wir noch nie. Ich hoffe, er gefällt dir.“

Seine Beine schmerzten unerträglich und er setzte sich an die dicke Buche, die dort stand und betrachtete sein Werk.

„Was brauchen wir die anderen, wo wir doch uns haben. Weißt du noch letztes Jahr, als ich den Weihnachtsbaum ins Schlafzimmer stellen musste, als du im Bett liegen musstest. Haben wir da nicht ein schönes Fest gehabt, auch wenn der Krebs dir so furchtbare Schmerzen bereitet hat. Du hast gesagt, für einen Augenblick hättest du deine Krankheit vergessen. Es ist wohl wie jetzt, ich spüre die Kälte kaum, die mir die Knochen steif macht“

Aus seiner Jackentasche holte er eine kleine Papiertüte, zog daraus eine Zigarre, hielt sie sich unter die Nase und roch daran.

„Ich weiß, du hast es nie leiden können, wenn ich eine dieser Dinger geraucht habe, aber wir sind ja im Freien, da wird es dich nicht stören“, sagte er vor sich hin und zündete sie an. Dann griff er noch einmal in seine Jackentasche und zog eine kleine Flasche Cognac heraus und nahm einen tiefen Schluck.

„Weißt du Mathilde, das Leben macht keinen Spaß mehr. Viel zu lange musste ich nun schon auf dich verzichten, es wird Zeit, dass wir wieder zueinander finden. Was ist denn geblieben von dem, was einmal mein Leben war? Nichts ist geblieben, außer das Warten auf den Tod. Meine Zeit ist gekommen, dass ich dir folge.“

Er setzte den Flachmann an und trank davon, dann zog er an seiner Zigarre und blies Rauchkringel in die klirrend kalte Luft.

„Jetzt wird alles gut Mathilde. Zum ersten Mal, seit du von mir gegangen bist, fühle ich mich glücklich. Was meinst du, ist noch ein Platz an deiner Seite frei? Ich sehne mich nach dir und deiner Wärme. Ich fühle mich so nah bei dir, wie schon lange nicht mehr.“

All die Schmerzen, die er noch eben gespürt hatte, waren verflogen. Als er versuchte, seine Beine in eine andere Position zu bringen, gelang es ihm nicht mehr.

„Mathilde, es ist jetzt bald soweit, aber du hast es dir sicher schon gedacht. Ich werde zu dir kommen, jetzt von hier, von diesem Ort. Ich hätte es sowieso niemals wieder zurück geschafft, das war mir von vorneherein klar, ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel. Ich habe keinen anderen Weg gesehen und außerdem, was soll ich denn noch hier, ohne dich.“

Dann trank er in einem Zug den Rest der Flasche aus und warf sie neben sich. Er musste sich an den Baum anlehnen, er hatte kaum mehr Kraft, sich aufrecht zu halten. Auch die Zigarre konnte er kaum noch zum Mund führen.

„Glaubst du, die Kinder können es verstehen? Oder meinst du, sie werden glauben, ich sei verrückt geworden? Ich hätte ihnen vielleicht einen Brief schreiben sollen, doch jetzt ist es wohl zu spät. Aber wie hätte ich es ihnen auch erklären sollen?“, sagte er und seine Stimme war bereits zu einem Flüstern geworden.

„Ob ich ein Narr bin, fragst du mich? Dass ich mein Leben einfach so wegschmeiße? Wo ist denn da noch etwas, was ich wegschmeiße? Das Leben in diesem Altenheim, in dem alle nur aufs Sterben warten, oder die heile Welt von der Rosenkranz, in der alles nach ihrer Art zu funktionieren hat? Es ist doch nichts mehr übrig geblieben von meinem Leben. Was ist denn in ein, zwei Monaten? Dass ich mich gar nicht mehr bewegen kann, vielleicht nichts mehr hören und sehen kann und nur noch daliege, anderen zur Last falle und auf das Ende warte. Dann doch lieber ganz bewusst gehen. Was hast du noch immer gesagt? Wenn’s am schönsten ist, dann soll man gehen? Ich habe in meinem ganzen Leben nicht einen so tollen Heilig Abend erlebt wie diesen, also wird es Zeit, besser kann es nicht werden.“

Dann schwieg er, rauchte seine Zigarre zu Ende und sah dem Flackern der Lichter im Baum zu.

Selbst seine Gedanken wurden von der Kälte immer träger und als er den Stummel in den Schnee schnippte, war es ihm kaum möglich, sich noch zu bewegen. Er spürte, dass etwas in ihm geschah, aber Angst hatte er nicht. Voller Erwartung saß er da und es war nicht einmal , dass er wirklich fror. Er war nur so unendlich müde, müde seines Lebens und müde vom Tag. Immer schwerer fiel es ihm, seine Augen aufzuhalten und immer wieder sank sein Kopf auf seine Brust.

Als er sich zum letzten Mal zwang, den Kopf zu heben und den Baum anzusehen, sah er aus dem Augenwinkel eine Gestalt auf sich zukommen. Langsam drehte er den Kopf und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Die hell leuchtende Gestalt, die er sah, war Mathilde, die ihm die Hand entgegen streckte. „Komm, wir müssen gehen, es ist jetzt soweit.“, sagte sie. Er nahm ihre Hand und folgte ihr, mit einem Gefühl absoluter Glückseligkeit in ein gleißend helles Licht.
Steppenwolf
November 03

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.00 Uhr
Dieser Text enthält 20644 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.