Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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November 2003
"Jimi lebt"
von Stefan Schweikert


Als Musiker in einer Amateurrockband redet man ungern ĂŒber Gagen. Halt! Dass mich da keiner missversteht: Wir reden eigentlich permanent ĂŒber Gagen. Wie viel man den gerne hĂ€tte, wie viel die anderen - die Retortenstars, Tanzmucker und Top-Vierzig-Bands - unverdienter Weise bekommen und so weiter. Das machen wir untereinander. Aber man redet niemals mit dem Veranstalter ĂŒber die Gage, zumindest nicht ernsthaft, bis der Vertrag, so es einen gibt, unter Dach und Fach ist. WĂ€re auch zu deprimierend: Fahrgeld und ein paar GetrĂ€nkegutscheine, schon sind wir im siebten Himmel.
Um so erstaunter waren wir ĂŒber den Anruf. Mann, das war ja richtig fette Kohle! Ob sie uns meinten? Zuerst vermuteten wir, dass sie uns verwechselten, dass irgend eine Band mit unserem Namen einen Hit gelandet hatte. Nein! Sie meinten uns, unser Demotape sei echt geil, "Key to your Soul" sei ein echter Bringer, außerdem seien wir ja gleich sechs Musiker. Was hatte das damit zu tun? Alles etwas seltsam, aber wir sagten zu, ohne weitere Fragen. Immerhin sind wir nicht nur Musiker, sondern auch Schwaben, uns wird nachgesagt, ausgesprochen clever zu sein. He! Was wolltest du uns gerade vorwerfen?
Die Anfahrtsskizze kam per Fax. Keiner von uns hatte je von dem Kaff gehört, aber das war uns gleichgĂŒltig. Je kleiner die Nester, desto geiler die Sommer-Open-Airs: Richtig begeisterungsfĂ€higes Publikum, nicht diese abgeklĂ€rten Lackaffen, die gleich lĂ€stern, wenn ein Song mal zu sehr nach Purple oder den Stones klingt. Und manchmal kommt richtiges Woodstock Feeling auf. Wenn es in Strömen pisst, rutschen die Leute durch den Schlamm und schreien "no rain".

Das Dorf war wie ausgestorben als wir ankamen. Doch die von Hand gemalten "Open-Air" Schilder - mit lĂ€chelnder Sonne drauf - wiesen uns den Weg durch goldgelbe Weizenfelder zu einem WĂ€ldchen am Fluss. Wir hielten hinter der BĂŒhne und schauten uns um.
Welch ein Anblick: schon jetzt, es war gerade erst Mittag, strömten die Leute auf die Lichtung, Batikhemden, StirnbĂ€nder und lange Haare ĂŒberall. Hier war die Zeit vor dreißig Jahren stehen geblieben, hier war gut sein.
Ein Typ mit dunklen Afrolocken und Halstuch um den linken Oberschenkel kam lÀchelnd auf uns zu.
"Jimi lebt!" begrĂŒĂŸte er uns enthusiastisch. "Ihr seid die Stolen Bones?"
Wir nickten.
"Schmeißt euer Zeug auf die BĂŒhne, euer Soundcheck ist erst", er zog einen zerknĂŒllten Zettel aus seiner Jeans, "in einer Stunde."
Ein MĂ€dchen schlenderte zu ihm hin, legte den Arm um seine HĂŒften und strahle ihn an. Sie trug ein verdammt enges T-Shirt und wenn sie sich bewegte, konnte man gelegentlich einen Blick auf den ungepiercten Bauchnabel erhaschen.
"Das ist Jeanny, sie wird sich um euch kĂŒmmern."
Sie löste sich von ihm und kam auf uns zu.
"Kommt mit, ihr habt doch sicher Durst. Und was zu rauchen gibt's auch. Ihr kifft doch, oder?"
Sie schaute uns fragend an.
Wir nickten eifrig: das war kein Gig, das war das Paradies.

Ich weiß nicht mehr, wie wir es schafften, unser Zeug auf die BĂŒhne, und den Soundcheck hinter uns zu bringen. Danach hatten wir massig Zeit, unser Auftritt war erst nach Sonnenuntergang, als vorletzte Band, Wahnsinn! Ich versuchte durch ein Bad im Fluss meinen SchĂ€del wieder klar zu kriegen. Jeanny begleitete mich, ausgelassen hĂŒpften wir im Wasser herum. Danach schlenderten wir ĂŒber das GelĂ€nde.
Etwas fiel mir auf: neben massenhaft Normalos findet man auf jedem Open Air normalerweise ein paar GrĂŒppchen Punks, gestylt fĂŒr Weihnachten. Doch keiner war zu sehen. Auch vermisste ich die GhettoblastertrĂ€ger, die am Rande eines jeden Festivals lauern und ihren GegenlĂ€rm veranstalten.
Ich fragte Jeanny danach, aber sie lÀchelte nur: "Schön, nicht?"
Das fand ich dann auch.

Es wurde dunkel und wir stĂŒrmten die BĂŒhne. Der Auftritt war der Wahnsinn, wir spielten, als sei der Teufel hinter uns her. Es waren jetzt viel mehr Leute da, als am Nachmittag, dicht gedrĂ€ngt standen sie vor der BĂŒhne und schauten zu uns hoch. Als wir unseren Hit spielten, tobte das Publikum und sang mit:
Gimme a F for satisfaction
Gimme a U for rock'n'roll
Let me C your chainreaction
Gimme the K to your soul
Klaus, unser Basser, meinte ĂŒbrigens, der Text sei blöd, außerdem gĂ€be es kein K in "soul". Ich schlug vor, es in "coal" zu Ă€ndern, aber das fanden dann alle bescheuert. Naja, das ist ein anderes Thema.
Nach vier Zugaben verließen wir, erschöpft aber glĂŒcklich, die BĂŒhne. Es kam der Ă€tzendste Teil von jedem Auftritt, doch als wir unser Zeug wieder im Bus verstaut hatten, mischten wir uns unters Publikum.

An das, was jetzt geschah, kann ich mich kaum noch erinnern. Eine Zeit lang standen wir unten und hörten der letzten Band zu. Der Gitarrist hatte einen schwarzen Lockenkopf und spielte mit den ZÀhnen. Der SÀnger trug eine schwarze Lederhose und ein weisses Hemd. Er sah verdammt gut aus.
Irgendwie hab ich meine Bandkollegen aus den Augen verloren, dann zog mich Jeanny durch die Menge, zum Rand des GelÀndes. Ich war wie berauscht - nun ja, ich war besoffen und bekifft, aber das war noch etwas anderes. Als wir zwischen den Kornhalmen zu Boden sanken, glaubte ich vom GelÀnde her seltsame GerÀusche zu hören.
Jeanny seufzte, als ich ihr T-Shirt auszog und mich auf sie stĂŒrzte. Sie steckte mir die Zunge ins Ohr und knabberte an meinem Hals. Plötzlich fĂŒhlte ich einen leichten Stich.
Ich zuckte zurĂŒck und starrte sie an: Sie lag auf dem RĂŒcken, halb nackt, lĂ€chelnd, an ihrem Eckzahn klebte etwas Blut - mein Blut.
Erschrocken rutschte ich von ihr weg.
"Warum denn?" flĂŒsterte sie mit einer Stimme, die mein Begehren ins Unermessliche steigerte. "Wir brauchen dich. Bleib bei mir, komm mit mir in den Purple Haze und warte auf die End of the Night. Jimi lebt. FĂŒr immer."
Ich rappelte mich auf und begann zu rennen. Nach etlichen Metern fiel die BetĂ€ubung von mir ab, immerhin bin ich Schwabe und deshalb vernĂŒnftig. Ich rannte und rannte, wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht mehr.

Heute mache ich Techno. Da besteht das Publikum nur aus Zombies, die sind harmlos. Doch manchmal vermisse ich Jeanny und meine Kumpels von der Band; ich habe sie seit jenem Tag nicht wiedergesehen. Sie sind irgendwo da draußen. Doch ich habe den Namen des Ortes vergessen und ich finde den Weg nicht mehr.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.45 Uhr
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