Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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November 2003
"Jimi lebt"
von Stefan Schweikert


Als Musiker in einer Amateurrockband redet man ungern über Gagen. Halt! Dass mich da keiner missversteht: Wir reden eigentlich permanent über Gagen. Wie viel man den gerne hätte, wie viel die anderen - die Retortenstars, Tanzmucker und Top-Vierzig-Bands - unverdienter Weise bekommen und so weiter. Das machen wir untereinander. Aber man redet niemals mit dem Veranstalter über die Gage, zumindest nicht ernsthaft, bis der Vertrag, so es einen gibt, unter Dach und Fach ist. Wäre auch zu deprimierend: Fahrgeld und ein paar Getränkegutscheine, schon sind wir im siebten Himmel.
Um so erstaunter waren wir über den Anruf. Mann, das war ja richtig fette Kohle! Ob sie uns meinten? Zuerst vermuteten wir, dass sie uns verwechselten, dass irgend eine Band mit unserem Namen einen Hit gelandet hatte. Nein! Sie meinten uns, unser Demotape sei echt geil, "Key to your Soul" sei ein echter Bringer, außerdem seien wir ja gleich sechs Musiker. Was hatte das damit zu tun? Alles etwas seltsam, aber wir sagten zu, ohne weitere Fragen. Immerhin sind wir nicht nur Musiker, sondern auch Schwaben, uns wird nachgesagt, ausgesprochen clever zu sein. He! Was wolltest du uns gerade vorwerfen?
Die Anfahrtsskizze kam per Fax. Keiner von uns hatte je von dem Kaff gehört, aber das war uns gleichgültig. Je kleiner die Nester, desto geiler die Sommer-Open-Airs: Richtig begeisterungsfähiges Publikum, nicht diese abgeklärten Lackaffen, die gleich lästern, wenn ein Song mal zu sehr nach Purple oder den Stones klingt. Und manchmal kommt richtiges Woodstock Feeling auf. Wenn es in Strömen pisst, rutschen die Leute durch den Schlamm und schreien "no rain".

Das Dorf war wie ausgestorben als wir ankamen. Doch die von Hand gemalten "Open-Air" Schilder - mit lächelnder Sonne drauf - wiesen uns den Weg durch goldgelbe Weizenfelder zu einem Wäldchen am Fluss. Wir hielten hinter der Bühne und schauten uns um.
Welch ein Anblick: schon jetzt, es war gerade erst Mittag, strömten die Leute auf die Lichtung, Batikhemden, Stirnbänder und lange Haare überall. Hier war die Zeit vor dreißig Jahren stehen geblieben, hier war gut sein.
Ein Typ mit dunklen Afrolocken und Halstuch um den linken Oberschenkel kam lächelnd auf uns zu.
"Jimi lebt!" begrüßte er uns enthusiastisch. "Ihr seid die Stolen Bones?"
Wir nickten.
"Schmeißt euer Zeug auf die Bühne, euer Soundcheck ist erst", er zog einen zerknüllten Zettel aus seiner Jeans, "in einer Stunde."
Ein Mädchen schlenderte zu ihm hin, legte den Arm um seine Hüften und strahle ihn an. Sie trug ein verdammt enges T-Shirt und wenn sie sich bewegte, konnte man gelegentlich einen Blick auf den ungepiercten Bauchnabel erhaschen.
"Das ist Jeanny, sie wird sich um euch kümmern."
Sie löste sich von ihm und kam auf uns zu.
"Kommt mit, ihr habt doch sicher Durst. Und was zu rauchen gibt's auch. Ihr kifft doch, oder?"
Sie schaute uns fragend an.
Wir nickten eifrig: das war kein Gig, das war das Paradies.

Ich weiß nicht mehr, wie wir es schafften, unser Zeug auf die Bühne, und den Soundcheck hinter uns zu bringen. Danach hatten wir massig Zeit, unser Auftritt war erst nach Sonnenuntergang, als vorletzte Band, Wahnsinn! Ich versuchte durch ein Bad im Fluss meinen Schädel wieder klar zu kriegen. Jeanny begleitete mich, ausgelassen hüpften wir im Wasser herum. Danach schlenderten wir über das Gelände.
Etwas fiel mir auf: neben massenhaft Normalos findet man auf jedem Open Air normalerweise ein paar Grüppchen Punks, gestylt für Weihnachten. Doch keiner war zu sehen. Auch vermisste ich die Ghettoblasterträger, die am Rande eines jeden Festivals lauern und ihren Gegenlärm veranstalten.
Ich fragte Jeanny danach, aber sie lächelte nur: "Schön, nicht?"
Das fand ich dann auch.

Es wurde dunkel und wir stürmten die Bühne. Der Auftritt war der Wahnsinn, wir spielten, als sei der Teufel hinter uns her. Es waren jetzt viel mehr Leute da, als am Nachmittag, dicht gedrängt standen sie vor der Bühne und schauten zu uns hoch. Als wir unseren Hit spielten, tobte das Publikum und sang mit:
Gimme a F for satisfaction
Gimme a U for rock'n'roll
Let me C your chainreaction
Gimme the K to your soul
Klaus, unser Basser, meinte übrigens, der Text sei blöd, außerdem gäbe es kein K in "soul". Ich schlug vor, es in "coal" zu ändern, aber das fanden dann alle bescheuert. Naja, das ist ein anderes Thema.
Nach vier Zugaben verließen wir, erschöpft aber glücklich, die Bühne. Es kam der ätzendste Teil von jedem Auftritt, doch als wir unser Zeug wieder im Bus verstaut hatten, mischten wir uns unters Publikum.

An das, was jetzt geschah, kann ich mich kaum noch erinnern. Eine Zeit lang standen wir unten und hörten der letzten Band zu. Der Gitarrist hatte einen schwarzen Lockenkopf und spielte mit den Zähnen. Der Sänger trug eine schwarze Lederhose und ein weisses Hemd. Er sah verdammt gut aus.
Irgendwie hab ich meine Bandkollegen aus den Augen verloren, dann zog mich Jeanny durch die Menge, zum Rand des Geländes. Ich war wie berauscht - nun ja, ich war besoffen und bekifft, aber das war noch etwas anderes. Als wir zwischen den Kornhalmen zu Boden sanken, glaubte ich vom Gelände her seltsame Geräusche zu hören.
Jeanny seufzte, als ich ihr T-Shirt auszog und mich auf sie stürzte. Sie steckte mir die Zunge ins Ohr und knabberte an meinem Hals. Plötzlich fühlte ich einen leichten Stich.
Ich zuckte zurück und starrte sie an: Sie lag auf dem Rücken, halb nackt, lächelnd, an ihrem Eckzahn klebte etwas Blut - mein Blut.
Erschrocken rutschte ich von ihr weg.
"Warum denn?" flüsterte sie mit einer Stimme, die mein Begehren ins Unermessliche steigerte. "Wir brauchen dich. Bleib bei mir, komm mit mir in den Purple Haze und warte auf die End of the Night. Jimi lebt. Für immer."
Ich rappelte mich auf und begann zu rennen. Nach etlichen Metern fiel die Betäubung von mir ab, immerhin bin ich Schwabe und deshalb vernünftig. Ich rannte und rannte, wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht mehr.

Heute mache ich Techno. Da besteht das Publikum nur aus Zombies, die sind harmlos. Doch manchmal vermisse ich Jeanny und meine Kumpels von der Band; ich habe sie seit jenem Tag nicht wiedergesehen. Sie sind irgendwo da draußen. Doch ich habe den Namen des Ortes vergessen und ich finde den Weg nicht mehr.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.45 Uhr
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