Honigfalter
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November 2003
Ich kenne nichts ... (das so schön ist wie du)
von Elke Schwab


Der letzte Abend ihrer Rehabilitationsmaßnahme brach an. Es waren wunderschöne Wochen, die Monika zusammen mit Hans verbracht hatte. Nun saßen sie in dem CafĂ©, indem sie so viele Male gesessen hatten. Lange sprachen sie kein Wort miteinander. Der Abschied stand zwischen ihnen.

Monika wollte gern wissen, warum er seine Zeit mit ihr verbracht hatte. Er sah gut aus, wĂ€hrend ihr Gesicht durch die Unfallfolgen entstellt war. Wie sollte sie sich da mehr versprechen, als Mitleid. Und doch hatte er sich fĂŒr sie entschieden.

Lange dauerte es, bis sie endlich fragte: „In unserem Kurhaus gab es viele schöne Frauen. Warum hast du dich entschieden, deine Freizeit mit mir zu verbringen?“

„Warum fragst du so etwas?“, fragte Hans zurĂŒck.

Erstaunt ĂŒber diese Reaktion schaute Monika ihn eine Weile an, bis sie antwortete: „Weil mein Gesicht entstellt ist!“

„Dein Gesicht ist nicht entstellt. Dort sind Narben, die durch eine Operation korrigiert werden können. Das ist also nicht der Grund!“

Fieberhaft begann Monika zu ĂŒberlegen. Sollte sie sich ihm anvertrauen? Konnte sie ihm erzĂ€hlen, was sie durchgemacht hatte? Das verlangte von ihr einen Grad an Vertrauen, zu dem sie sich bereit fĂŒhlen musste. Je mehr sie darĂŒber nachdachte, umso deutlicher erkannte sie, dass dieser Augenblick gekommen war.

Sie machte es sich in ihrem Stuhl bequem und ließ ihre Gedanken einige Monate zurĂŒckwandern.

Es war ein Sommer, wie er schöner nicht sein konnte. Jeden Morgen, wenn sie erwachte, sah sie in einen blauen, wolkenlosen Himmel. Die Temperaturen waren angenehm. Aber Monika empfand dieses Bilderbuchwetter nicht als Belohnung sondern als Spott. Wie sehr hatte sie sich in Zeiten, als sie gesund und voller Tatendrang war, nach diesem Wetter gesehnt. Sie wollte durch den Wald reiten, ĂŒber Hindernisse springen, auf Turniere gehen. Aber immer, wenn sie diese PlĂ€ne geschmiedet hatte, ergoss sich der Himmel, als sei die Sintflut hereingebrochen.

Nun, da sie krank war, ihr Leben sich mit einem einzigen Schlag verĂ€ndert hatte, bekam sie das GefĂŒhl, die Sonne lachte sie aus.

Sie verbarg ihr Gesicht hinter einer Sonnenbrille und unter einer SchirmmĂŒtze und hatte mit der Monika, die sie einmal war, nichts mehr gemein.

Von Kind an hatte sie sich immer ein eigenes Pferd gewĂŒnscht. Nun hatte sie sogar mehrere wunderbare Pferde. Warum hatte sie das Pferd von Karl reiten mĂŒssen? Immer wieder kreisten ihre Gedanken um diesen Fehler, den sie den Rest ihres Lebens bereuen wĂŒrde.

Karl war nicht nur der Besitzer des Pferdes, das ihr den Tritt ins Gesicht versetzt hatte, sondern auch ihr LebensgefÀhrte. Keine Gelegenheit hatte er nach dem Unfall ausgelassen, sie mit Worten zu verletzen.

„Wer will dich schon mit dem Gesicht?“, lautete sein Lieblingsspruch, wenn es zwischen ihnen zum Streit gekommen war. Seine Worte hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Monika verspĂŒrte Angst, unter Menschen zu gehen. Karl hatte keine Gelegenheit ausgelassen, ihren letzten Rest SelbstwertgefĂŒhl zu vernichten. WĂ€hrend sie immer wieder hoffte, einen Streit schlichten zu können, wies er sie ab mit den Worten: „Ich kann dein Gesicht nicht mehr sehen!“

Der letzte gemeinsame Abend, an dem Monika immer noch gehofft hatte, in Karl den Partner gefunden zu haben, der ihr das geben wĂŒrde, was sie in ihrer Situation so dringend gebraucht hĂ€tte, endete folgenschwer. Karl wollte sie auf ein Straßenfest mitnehmen. Monika konnte den Gedanken nicht ertragen, welche Scham sie unter den neugierigen Blicken empfinden wĂŒrde. Als sie seinen Vorschlag ablehnte, lachte Karl und fragte verĂ€chtlich: „Stört es dich, dass keine fremden MĂ€nner mehr nach dir schauen?“

Damit war ihre Beziehung beendet. Sie konnte dieser Bemerkung nichts mehr entgegnen, konnte nur noch ihre Sachen packen und gehen.



Von nun an lebte sie allein. Das bedeutete fĂŒr sie, dass sie ihr Leben selbst bestreiten musste. Es wurde fĂŒr sie zu einer unermesslichen Qual, auf die Straße zu gehen. Ihre Stirn war verformt, die Nase eingedrĂŒckt und schief, das Jochbein durch ein Implantat ersetzt und das Auge 
 das Auge war das Schlimmste. Es lag ganz tief in der Höhle mit riesengroßer Pupille und starrte bewegungslos nach links oben. Beim Gehen musste sie konzentriert auf den Boden schauen, um genau zu erkennen, wo sie hintrat. Das war ihr recht, weil sie sich ohnehin nicht mehr wagte, nach oben zu schauen. Zu sehr fĂŒrchtete sie die neugierigen Blicke.

Die Brille und die MĂŒtze setzte sie nur zu Hause ab. Ein Blick in den Spiegel genĂŒgte, um sich ihres Schicksals bewusst zu sein, was dieser eine Tritt fĂŒr sie bedeutete. Mit Bitterkeit dachte sie daran, welche Kleinigkeiten ihr frĂŒher nicht gefallen hatten: Ein kleiner Pickel in dem sonst so ebenmĂ€ĂŸigen Gesicht grenzte schon an eine mittelschwere Katastrophe. Und nun diese Fratze, die an Frankensteins Monster erinnerte! Damit erschien ihr ein Neuanfang unmöglich.

Zum GlĂŒck hatte sie immer noch ihre Pferde. Erst jetzt war sie fĂ€hig, ihren Wert zu erkennen. Oft saß sie stundenlang am Koppelrand und schaute ihnen beim Grasen zu. Wunderschön waren diese Momente. Dadurch konnte sie ihr Leben mit all seinen EinschrĂ€nkungen genießen. Bei ihren Pferden spĂŒrte sie nicht, dass ihr Gesicht entstellt war.

Doch dann kam ein notwendiger Schritt, der Monika aus ihrer kleinen Welt herausriss: eine Rehabilitationsmaßnahme in einer Klinik am Bodensee. Das bedeutete fĂŒr sie, unter fremde Menschen zu gehen. Wieder ĂŒberfielen sie Angst, Unsicherheit und Zweifel. In der Kurklinik erkannte Monika allerdings sehr schnell, dass auch andere KurgĂ€ste an Ă€hnlichen Unfallfolgen litten. Dort war sie eine unter vielen. Trotzdem fiel es ihr schwer, unter Menschen zu sein. Sie hatte den Umgang mit ihnen verlernt.

Als Monika ihre ErzĂ€hlung beendete, schaute sie Hans erwartungsvoll an. Eine Weile schwiegen beide, bis sie fragte: „Wie kann ich also annehmen, mein Gesicht sei nicht entstellt?“

Hans zögerte kurz, bis er sprach: „Ich sehe vor mir eine Monika, die ein wunderbares Lachen hat und deren Haare in der Sonne glĂ€nzen!“ Nachdenklich fĂŒgte er an: „Es gab keinen Augenblick wĂ€hrend unserer gemeinsamen Zeit, in dem ich mich an den Narben in deinem Gesicht gestört hĂ€tte.“

Mit dieser Bemerkung erinnerte er sie wieder an die letzten Wochen. Eigentlich kam es ihr nicht wie eine Rehabilitationsmaßnahme sondern wie ein Urlaub vor.

Sie wollte sich auch in der Kurklinik vor den Menschen zurĂŒckziehen, doch dazu kam es nicht. Hans, der ebenfalls ein Kurgast war, sprach sie bereits nach wenigen Tagen an, als sie im Begriff war, einen Spaziergang am See zu machen. Er wollte sie begleiten. ZunĂ€chst war Monika ĂŒber seine Dreistigkeit empört, doch schon bald bemerkte sie, wie gut es tat, wieder mit einem Menschen zu sprechen. Mit seiner offenen Art gelang es ihm, sie aus ihrer Isolation zu befreien. Hans hinkte wegen einer Nervenerkrankung am Bein, aber das hinderte ihn nicht daran, ihr die SehenswĂŒrdigkeiten rund um den Bodensee zu zeigen. Da er dort schon oft als Tourist hingereist war, kannte er sich gut aus. Es machte ihm Freude, Monika sein Wissen weiterzugeben, weil er in ihr eine interessierte Zuhörerin fand. Jedes Wochenende, an denen keine Therapiemaßnahmen stattfanden, fuhren sie mit seinem Wagen durch die Gegend.

Alles, was sie besichtigten, erfĂŒllte Monika mit großer Begeisterung und Wissbegierde. Niemals hĂ€tte sie es fĂŒr möglich gehalten, dass ihr Leben nach dem schweren Unfall wieder lebenswert wĂŒrde. In seiner NĂ€he fĂŒhlte sie sich wohl – da konnte sie wieder ganz sie selbst sein. Er akzeptierte sie so, wie sie war.

„Das beantwortet immer noch nicht meine Frage: Warum hast du dich entschieden, deine Freizeit mit mir zu verbringen?“

„Weil jede Stunde mit dir lebenswert war“, erklĂ€rte Hans und nahm ihre Hand. „Jeden Tag habe ich auf dich gewartet, mich auf dich gefreut.“ Er lachte und fĂŒgte an: „Ich denke gerne daran, wie du bei der Besichtigung von den GemĂ€chern der Annette von Droste-HĂŒlshoff ihre Gedichte zitiert hast. Oder wie wir nach Lindau gefahren sind: Der einzige Tag, an dem wir schlechtes Wetter hatten. Die Schneeflocken hatten uns aussehen lassen wie WeihnachtmĂ€nner. Dann die Fahrt zur Insel Mainau. Wir waren die einzigen GĂ€ste dort. Zu unserem Pech gab es aber auch keine bunten Blumenarrangements sondern nur PfĂŒtzen, durch die wir gestolpert sind. Du hast mich mit deinem Lachen angesteckt, hast eine Lebendigkeit versprĂŒht, die mich mitgerissen hat. Deine Gesellschaft hat mir die letzten Wochen zu einer wunderbaren Zeit gemacht.“



Ohne SchirmmĂŒtze und ohne Brille, die das halbe Gesicht verbarg, trat Monika ihre Heimreise an.







Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 11.31 Uhr
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